Über viele Jahre verlangte die neurowissenschaftliche Forschung vor allem eines: eine außergewöhnlich hohe Frustrationstoleranz. Das gilt nicht nur für die Menschen in den Forschungseinrichtungen dieser Welt, sondern auch in forschenden Pharmaunternehmen, deren klinischen Studien selten eine Zulassung zur Folge hatte. Doch so langsam ändert sich das, wie uns Professor Jin Nakahara im Interview erzählt. Der Japaner zählt zu den international führenden Experten im Bereich der Neuroimmunologie.

Über viele Jahre verlangte die neurowissenschaftliche Forschung vor allem eines: eine hohe Frustrationstoleranz. Doch das ändert sich gerade, wie Professor Jin Nakahara im Pharma Fakten-Interview erzählt. Foto: privat

Wir treffen Professor Jin Nakahara in der Deutschland-Zentrale von Alexion Pharma in München, einem Pharmaunternehmen, das sich auf die Erforschung von Therapien gegen seltene und sehr seltene Erkrankungen spezialisiert hat. Der Neurologe, Forscher und Hochschullehrer ist Experte für Neuroimmunologie und autoimmune Erkrankungen des zentralen Nervensystems.

Gerade im Vergleich zur Krebsforschung galt die Neurologie lange als eine stille Disziplin – dem dringenden Bedarf an neuen Wegen zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems standen wenige sichtbare Durchbrüche gegenüber. Die Neurologie ist als eines der Hochrisikofelder der Arzneimittelentwicklung bekannt; Gründe dafür gibt es viele: Die Komplexität des Nervensystems ist enorm und lange Zeit gab es wenige Biomarker, mit denen sich Aussagen über Krankheitsaktivitäten treffen lassen. Das Unternehmen Lilly beispielsweise forschte 34 Jahre, bis es endlich gelang, eine Zulassung für eine krankheitsmodifizierende Arzneimitteltherapie gegen die Alzheimer-Erkrankung zu bekommen.

Doch seit einigen Jahren wendet sich in den Neurowissenschaften das Blatt.

Professor Nakahara: „Ich glaube, dass sich auf dem Gebiet der Neurologie seit einigen Jahren sehr viel tut – vor allem auf Grund der Neuroimmunologie. Wir sehen das bei der Multiplen Sklerose (MS): Zwar gibt es seit 1993 krankheitsmodifizierende Präparate, aber es hat lange gedauert, bis wir die wissenschaftliche Evidenz hatten, dass der Weg, den wir gehen, der richtige ist. Ich sage nicht, dass MS vorbei ist, aber es ist fast vorbei. Wir sind kurz davor, eine Heilung für die meisten Betroffenen erreichen zu können. Wenn es uns gelingt, sie sehr früh zu diagnostizieren und zu behandeln, können wir die Krankheitsaktivität weitgehend stoppen.“

Die Neuroimmunologie öffnet der Forschung neue Türen; sie ermöglicht eine genaue Beschreibung und ein tieferes Verständnis der immunologischen Mechanismen neurologischer Erkrankungen und hat in dieser Indikation den Weg zur Präzisionsmedizin geebnet. Das lässt sich auch bei Krankheiten wie NMOSD zeigen; das Akronym steht für Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen. Gemeint sind seltene autoimmun-entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems, bei denen fehlgeleitete Antikörper vor allem Sehnerven und Rückenmark schädigen. Lange Zeit als eine Variante der MS missverstanden, gelten NMOSD heute als eine Art Lehrbuchbeispiel für den Fortschritt in der Neuroimmunologie. Hier wird deutlich: Ein besseres Verständnis neuroimmunologischer Mechanismen kann gezielte und hochwirksame Therapien ermöglichen. Durch monoklonale Antikörper ist die Erkrankung heute sehr gut beherrschbar.

Nakahara: „Die Kritik an der Neurologie ist vor allem, dass es zu wenige Therapien für die so genannten neurogenerativen Krankheiten gibt, wie etwa Alzheimer oder Parkinson.“

Immerhin: Im Jahr 2025 kam es erstmals zur Zulassung zweier krankheitsmodifizierender Antikörper, mit denen es im besten Fall gelingt, das Fortschreiten von Morbus Alzheimer zu verlangsamen, wenn die Erkrankung früh erkannt wird. Wenn Professor Nakahara an Meilensteine denkt, ist für ihn ein anderes Jahr entscheidend: 2016 kam ein Medikament auf den Markt, ein Antisense-Oligonukleotid, mit dem erstmals die kausale Behandlung der Spinalen Muskelatrophie möglich wurde. Die SMA ist eine seltene, genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankung, bei der Muskelschwäche und Muskelabbau schließlich zum Tod führen. Kinder mit Typ-1-SMA, der schwersten Form, erreichen unbehandelt oft das zweite Lebensjahr nicht.

Nakakara: „Das war nicht nur ein Durchbruch für die Behandlung der SMA, sondern für die Neurologie als Ganzes, weil es uns gezeigt hat, dass solche Erkrankungen behandelbar sind. Bisher dachten wir, dass wir bei solchen genetisch verursachten Erkrankungen nichts tun können. 1993 wurde die genetische Ursache der SMA entdeckt, bis zu einem ersten Medikament dauerte es dann zwei Jahrzehnte. Die Technologie konnte nun darüber hinaus bei einer besonders schweren und seltenen Form der amyotrophen Lateralsklerose, der SOD1-assoziierten ALS, angewandt werden.“

Die erste kausale Behandlung für eine Krankheit, die den sicheren Tod von Kleinkindern bedeuten konnte – später steuerte die Pharmaforschung zur Behandlung der SMA noch eine Gentherapie bei, die den Krankheitsverlauf dramatisch ändern kann; und erstmals ein Arzneimittel, mit dem zielgerichtet bei ALS eingriffen werden kann. Diese Entwicklungen stehen für ein neues Kapitel in der Neurologie; sie stehen für den Wandel zu einer präzisen Molekularmedizin.

Mit iPS-Modellen Krankheiten verstehen

Aber es geht noch mehr, da ist sich Professor Nakahara sicher. Einen Teil seines Optimismus zieht er aus einer Technologie, mit der so genannte iPS-Zellen hergestellt werden können.

iPS steht für „induzierte pluripotente Stammzellen“ und ist etwas, für das man vor ein paar Jahren noch die Gattung Science-Fiction bemüht hätte: Mit der iPS-Technologie lassen sich Krankheiten im Labor nachbauen, verstehen und Wirkstoffe testen. Alles, was die Forscher:innen dafür brauchen, sind Körperzellen der erkrankten Person, die re-programmiert werden.

Nakakara: „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aber die einfachste ist: Wir entnehmen den Betroffenen Blut, gewinnen daraus Lymphozyten und re-programmieren sie. Dann haben wir die iPS-Zellen. Es ist ein komplexer und teurer Prozess, aber für uns ist das keine große Sache, wir machen das seit Jahren. Wir haben dann das individuelle Krankheitsmodell desjenigen, dessen Zellen wir entnommen haben. Das ist vor allem wichtig für Menschen, die eine genetische Erkrankung haben, die wir noch nicht kennen.“

Professor Nakahara kennt solche Fälle: Krankheiten, die nur bei einem einzigen Menschen vorkommen – oder von denen nur eine Familie betroffen ist. Solche ultraseltenen Erkrankungen können durch spontane Genmutationen entstehen.

Nakahara: „Vor ein paar Jahren kam eine Familie zu uns in die Klinik mit einer genetischen Erkrankung, von der nur rund 70 Familien weltweit betroffen sind. Dafür sind die iPS-Modelle essenziell: Da ist eine Krankheit, wir kennen die genetische Ursache, wissen aber nicht genau, warum dies die Symptome verursacht, und deshalb können wir sie nicht behandeln. Mit dem iPS-Modell haben wir nun die Krankheit im Labor und versuchen die Pathophysiologie zu verstehen. Das ist die Voraussetzung dafür, ein personalisiertes Arzneimittel für genau diese Familie entwickeln zu können. Wir sind ganz nah dran.“

iPS-Modelle sind wie Krankheitsversteher. Sie können gerade bei neurologischen Erkrankungen der Schlüssel sein, um sie zu identifizieren, zu verstehen und zu behandeln – selbst, wenn nur ein einziger Mensch auf dem Planeten betroffen ist.

Lange Zeit galt: In den Neurowissenschaft klaffte eine Lücke zwischen dem hohen medizinischen Bedarf, dem wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und dem therapeutischen Fortschritt. Aber das scheint sich gerade zu ändern.

Quelle: https://pharma-fakten.de