Rezension von Dr. Aide Rehbaum

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Marita Krauss: Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen

Die Historikerin an der Universität Augsburg hat eine Biographie vorgelegt und das nach allen Schwierigkeiten, die die Bearbeitung in Coronazeiten auferlegte.

Marita Krauss ©BR

Es wird deutlich, dass Lola Montez eine Frau war, die durch ihr Verhalten jeden vor den Kopf stieß. Ihre Kindheit war geprägt von emotionaler Vernachlässigung, rumgeschoben von einem Verwandten und Bekannten zum nächsten. Wen wundert es, dass sie schwer erziehbar gegen alle Konventionen rebellierte. Als Tochter eines britischen Kolonialoffiziers in Indien sollte sie früh verheiratet werden und brannte mit einem Liebhaber durch. Kraft ihrer Intelligenz rettete sie sich kurz darauf in die erfundene Identität einer spanischen Künstlerin, weil die damals moderne Projektionsfläche für unterdrückte viktorianische Leidenschaften waren. Eine große Wahl blieb ihr nicht, denn wie hätte sie sich sonst finanzieren sollen, nachdem ihre Familie sie endgültig fallen gelassen hatte. Aus ihrem schlechten Ruf, den sie sich im Handumdrehen erarbeitete, machte sie das einträglichste Geschäft und lavierte sich noch durch den größten Dreck. Fast modern mutet es an, wie geschickt sie den Mix aus Gerüchten, Verleumdungen und Wahrheiten als Rohstoff und Marketinginstrument für ihre Auftritte nutzte, als der Begriff noch nicht geboren war. Sowohl ihre Gewandtheit in mehreren Sprachen, ihre Reize und Kommunikationsfähigkeit verdrehten Männern den Kopf, so dass sie immer wieder Gönner fand, die sich von ihr ausnehmen ließen. Tragisch, dass der bayerische König eines ihrer prominentesten Opfer wurde. Im Zusammenspiel mit der revolutionären Allgemeinstimmung beschleunigte die Affäre seinen Sturz vom Thron. Ihre Methode aber funktionierte global und ohne Social Media.

Sorgfältig bewertet Krauss die unterschiedlichen Quellen, die ihr in zahlreichen Archiven zugänglich gemacht wurden: Briefe, Zeitungsartikel, Parlamentsdokumente, Memoiren, Gerichtsunterlagen. Zusätzlich lagen ihr nun die Tagebücher König Ludwig I. vor. Die Liste der herangezogenen zeitgenössischen Veröffentlichungen wird kritisch abgewogen nach Tatsachen, Wahrscheinlichkeiten und Fake News. Außerdem beleuchtet die Autorin die Motive des jeweiligen Schreibers und versucht, den Charakter dieser Kunstfigur Lola Montez zu ergründen. Dabei entsteht ein so unterhaltsames Bild der Biedermeiergesellschaft -insbesondere der Geschlechterverhältnisse des 19. Jahrhunderts-, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.

 

Verlag C.H.Beck oHG

978-3-406-75524-8

Erschienen am 17. September 2020

343 S., mit 42 Abbildungen

Hardcover

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