10.) Staatsfeind Nummer eins ist die Bürokratie. Darauf wird man sich im Land der vielen Brüche wohl noch verständigen können! Bloß: Was bläht die Apparate auf? „Brüssel“ stimmt immer. Als nicht fassbare Produktionsstätte unbestimmten Übels bietet sich „Brüssel“ in idealer Weise als Sündenbock an. Ursachenforscher benennen auch eine andere Fährte, nämlich die Kompliziertheit der Gesetze, die getrieben wird von der Leidenschaft, auch noch dem entlegensten Einzelfall Gerecht zu werden. Was eigentlich nicht Aufgabe von Gesetzen ist, die doch das Allgemeine regeln sollen. Ein echter Bürokratie-Booster ist auch der perfekt organisierte Sozialstaat mit seiner üppigen Fülle von Verbänden, die allesamt behaupten, dem Gemeinwohl verpflichtet zu sein. Kommt es irgendwo im sozialen Zusammenleben zu einer Panne oder einer durch Faulheit oder schlechtes Wetter verursachten Unterlassung, wird sogleich der Ruf nach „mehr Personal“ laut. Vergessen wird dabei nicht bloß, dass mehr Personal mehr Geld der Steuerzahler verlangt (was außer Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas wohl jeder einsieht). Jeder neue Posten ist potentiell der Vater vieler neuer Pöstchen, weil in dem Bestreben, ihre Existenz zu rechtfertigen, die Inhaber ständig bisher von der staatlichen Fürsorge noch nicht erschlossene Arbeitsfelder entdecken. Dieser Sachverhalt war schon Bismarck geläufig. In seinen „Gedanken und Erinnerungen“ erwähnt er die Stärkung der lokalen Selbstverwaltung in Preußen, von der man sich ein Weniger an Beamten versprochen habe. Eingetreten sei das genau Gegenteil, heißt es auf Seite 24 der sehr lesenswerten Autobiographie. „Die Zahl der Beamten und die Geschäftslast derselben sind durch Korrespondenzen und Friktionen mit den Organen der Selbstverwaltung …erheblich gesteigert worden. Es muss früher oder später“, sagt Bismarck voraus, „der wunde Punkt eintreten, wo wir von der Last der Schreiberei und besonders der subalternen Bürokratie erdrückt werden“. Willkommen in der Gegenwart.

9.) Frankreich unter Schock. Unser Nachbarland war lange stolz darauf, mittels eines dicht gewebten Unterstützungsnetzwerks für junge Familien („crèches“, „écoles maternelles“) die Geburtenrate hochzuhalten. Jetzt ermittelten die Statistiker, dass pro Frau nur noch 1,56 Kinder geboren werden. Das bedeutet: Zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs sterben in Frankreich mehr Menschen als Menschen zur Welt kommen. In Deutschland ist das bereits seit 1972 der Fall. Aktuell hat hier die Geburtenrate mit 1,35 Kindern pro Frau einen neuen Tiefpunkt erreicht. Obgleich dies ganz handfeste Folgen hat (z.B. für die Renten), muss nun nicht gleich der nationale Notstand ausgerufen werden. Es würde schon reichen, die seit Jahrzehnten unangefochtene Denke zu überprüfen, wonach der Schlüssel zur Erfüllung des Kinderwunsches und damit zur Lösung aller demographischen Probleme in der Betreuung liegt. Denn wenn es so wäre, müssten die Geburtsstationen überlastet sein. Stattdessen schließen in einigen Regionen die ersten Kitas, Hebammen müssen zu Arbeitsamt.

 

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