Kein Science Fiction

Dieter Weirich

Bei den in diesen Tagen im polnischen Krakau stattfindenden „Europa-Spielen 2023“ wird es erstmals ein Reporter-Gespann mit Live-Kommentaren und kombinierten Einblendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) geben. Außerdem feiern die Beatles dank des Einsatzes der neuen Technologie Wiederauferstehung mit einem allerletzten Song, wie der frühere Bassist Paul McCartney ankündigte. Das sind nur zwei Beispiele aus dem Siegeszug-Alltag der KI.

Die Fähigkeit einer Maschine, menschliches Können wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren, ist ins Zentrum der politischen Debatte über die technologische Zukunft gerückt. Aufgabe der Politik ist es, die Chancen einer solchen wirkmächtigen Innovation zu erkennen und zu nutzen und die Gefahren möglichst einzudämmen.

Das Europäische Parlament hat sich jetzt auf einen Rahmen für die Künstliche Intelligenz geeinigt. Die EU möchte als erster Wirtschaftsraum der Welt eine verantwortliche Regulierung vorweisen. Verboten werden soll beispielsweise die biometrische Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, Sicherheitsüberwachungen großen Stils wie in China will man in der „alten Welt“ nicht erlauben.

Europa richtet seinen Blick zu Recht auf die Anwendungen. So kann das Textprogramm ChatGPT ein wichtiger Sparringspartner sein, wenn bei seinen Kuratierungen gewisse Standards bei Qualität, Ausgewogenheit, Diskriminierungsfreiheit, dem Daten und Quellenschutz sowie der Sicherheit beachtet werden. Bei Problemen für das Wohl des Menschen wie etwa beim autonomen Fahren oder der Kreditvergabe bedarf es allerdings einer klaren Regulierung. Dass freilich das generative KI nach EU-Plänen unabhängig vom Einsatzgebiet umfassend auf Risiken überprüft werden soll, lässt auf übertriebene Kontrollsucht schließen, dem bekannten „Regulierungs-Fetischismus“ Europas, einer natürlichen Dummheit.

Vier von zehn Deutschen haben Chatbots schon ausprobiert, die Ostfriesische Zeitung gehört zu den drei KI-Pilot-Pionieren bei Anwendungen in deutschen Lokalzeitungen. Die Beschäftigung mit der Praxis führt auch zur Entmythologisierung. „Künstliche IIntelligenz“ kann und wird ein hilfreicher Partner sein, taugt aber nicht als Hauptdarsteller für Science-Fiction-Stoffe. Der Mensch in seiner Einzigartigkeit ist nicht bedroht.

Dieter Weirich (Jg. 1944), gelernter Journalist, kommentiert jede Woche mit spitzer Feder seine Sicht auf das aktuelle Geschehen in rantlos; mit freundlicher Genehmigung der “Zeitungsgruppe Ostfriesland (ZGO)”. Weirich war von 1989 bis 2001 Intendant des deutschen Auslandsrundfunks Deutsche Welle. Zuvor gehörte er eineinhalb Jahrzehnte als CDU-Abgeordneter dem Hessischen Landtag und dem Deutschen Bundestag an, wo er sich als Mediensprecher seiner Partei und als Wegbereiter des Privatfernsehens einen Namen machte. Außerdem nahm er Führungspositionen in der PR-Branche in Hessen wahr. Weirich, der sich selbst als “liberalkonservativen Streiter” sieht, gilt als ebenso unabhängig wie konfliktfreudig.

 

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