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“…wird von der Polizei vorgeführt!”

Ist die „Integration“ Heimatloser heute und „damals“ vergleichbar?
Erinnerungen an die Vertreibung von Deutschen vor 70 Jahren

Flüchtlinge

800.000 oder 1,5 Millionen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen – keiner kennt die genaue Zahl

Von Gisbert Kuhn

Rund eine Million Flüchtlinge aus Kriegs- und Hungergebieten Vorder- und Mittelasiens sowie Aylsuchende aus Afrika sind vor allem seit 2015 nach Deutschland geströmt. Längst hat sich die damals hauptsächlich von Hilfsorganisationen ausgerufene “Willkommens”-Stimmung gedreht. Die Gesellschaft in Deutschland ist tief gespalten. Nicht zuletzt die jüngsten Wahlerfolge der rechtspopulistischen “Alternative für Deutschland” (AfD) belegen dass deren Angst-Mache vor “Überfremdung” und “Islamisierung” zunehmend auf Zustimmung trifft. Viele Menschen sehen die Grenzen zur Überforderung unserer Gesellschaft erreicht. Andererseits wird in der öffentlichen Auseinandersetzung oft  die Nachkriegszeit herangezogen, als mehr als zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene im damals total zerstörtebn Deuschland erfolgreich eingegliedert werden konnten. Ist dieses Beispiel überzeugend? Nein, das ist es nicht. Es gibt nur eine einzige Üereinstimmung von heute zu seinerzeit: Die Ursache. In beiden Fällen heißt sie – Krieg! Krieg, mit all dem Entsetzlichen im Gefolge, zu dem Menschen eben auch imstande sind: Gewalt, Töten, Zerstörung, Raub…

Kein Essen, kein Dach, keine Nachricht

FlyoverCologne

Städte wie Köln lagen in Schutt und Asche

Hier, freilich, endet auch diese Vergleichbarkeit sofort wieder. Nach dem (man muss immer wieder daran erinnern) von Deutschland begonnenen, fütrchterlichen Weltkrieg lag dieses Land in Trümmern. Selbst wer seine Heimat nicht verlassen musste, hatte – zumindest in den Städten – oft genug selbst kein Dach mehr überm Kopf. Wo und wie sollten da noch die Millionenheere der „fremden“ Landsleute untergebracht werden? „Willkommenskultur“ – auf dieses Wort wäre damals im Traum niemand gekommen! Massenquartiere wie heute, immerhin in beheizten Hallen, Containern oder Zelten und wenigstens mit Matratzen und Decken ausgestattet? Woher hätte das denn genommen werden sollen! Dabei waren gerade die Winter von 1946 bis 1948 erbarmungslos kalt und forderten abertausende Erfrierungsopfer. Gesicherte, vom Roten Kreuz, vielen anderen Hilfsorganisationen und ungezählten Privatpersonen bereit gestellte, Verpflegung? Glücklich, wer seinerzeit in den Trümmern ein paar Kartoffeln, Rüben oder ein Stück Brot „organisieren“ konnte. Tägliche Kommunikation mit noch „daheim“ gebliebenen Angehörigen, wie es jetzt mit den modernen Verständigungsmitteln Smartphone oder Skype selbst in der jetzigen Not- und Ausnahmesituation normal und selbstverständlich ist? “Normal” waren vor sieben Dezennien und noch viele Jahre danach allenfalls die täglichen Radiosendungen, in denen mit monotoner Stimme stundenlang Namen von Gesuchten verlesen wurden.
Nein, von Vergleichbarkeit kann wirklich keine Rede sein. Wer das heute behauptet, hat die Zeit damals nicht erlebt. Daraus kann niemandem ein Vorwurf erwachsen. Er besitzt aber (und das müsste nicht sein) auch kein historisches Wissen. Sicher, viele Zeitzeugen sind längst gestorben. Aber keiner wird – bevor er oder sie mit dem Begriff „Willkommenskultur“ hausieren geht – daran gehindert, nachzulesen. Allein schon die Lektüre des Buchs „Kalte Heimat“ von Andreas Kossert könnte manche Wissenslücke schließen. Denn der junge Historiker meinte mit dem Titel nicht die sprichwörtliche „Kalte Heimat“ Ostpreußen, sondern beschrieb dokumentarisch die menschliche Kälte, die den meisten jener etwa zwölf Millionen entwurzelten „Zuwanderer“ aus dem Osten in der „neuen“ Heimat vor 70 Jahren entgegenschlug. Dass ausgerechnet dieses (Originalzitat) „Lumpen- und Zigeunerpack“ dann entscheidend an der Aufbauleistung in Deutschland beteiligt war, ist allerdings auch richtig. Diese Eingliederung dauerte freilich Jahrzehnte, in denen Not und Entbehrung das Leben bestimmten. Begriffe wie “Unzumutbarkeit” hatten die Qualität von Fremdworten.

17. Transport, Wagen Nr. 40

Transportliste-01

Eine CSR-Tranportliste für Vertriebene

Der folgende Text basiert auf den Erinnerungen eines „Dabeigewesenen“ und dessen Stöbern in alten Kartons und Alben:
Auf Seite 81 der langen Liste tauchen die Namen auf: Kuhn Emilie, Hausfrau, 26 w(eiblich), und Kuhn Gisbert, Kind, 5 m(ännlich). Registriernummern 1180 und 1181, vorgesehen für den Waggon Nr. 40 im 17. Transport am 26. 09. 1946. Ziel: Bavaria. Es ist eine von insgesamt 179 Seiten, eng beschrieben mit mehreren tausend solcher Daten. Jeder einzelne Name steht für ein individuelles Leben, das allerdings mit dem Schicksal aller Anderen verknüpft war – diese Menschen mussten ihre Heimat, ihr Hab und Gut verlassen, wurden in Güterwagen verfrachtet und auf den Weg ins Unbekannte geschickt. Sie zahlten damit den Preis dafür, dass ein verbrecherisches deutsches Regime die halbe Welt mit Krieg überzogen hatte und bis dahin unvorstellbare Verbrechen von Deutschen begangen worden waren. Nun waren sie „Vertriebene“. Wenigstens hatten die hier Beschriebenen mit der von den Siegermächten in Jalta und Potsdam beschlossenen, einigermaßen „geregelten“, Vertreibung immer noch ein besseres Los gezogen als jene vielen hunderttausende Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien, die sich im Winter 1944/45 durch Schnee und Eis vor der heranrückende Roten Armee zu retten versuchten.
Der Ort, von dem hier berichtet wird, hieß damals Graslitz. Eine kleine Kreisstadt, nur wenige Kilometer südlich vom vogtländischen Wintersportzentrum Klingenthal im nordwestlichen Egerland gelegen, aber weltbekannt wegen ihrer Musikindustrie. Seit Mai 1945 trägt sie den tschechischen Namen Kraslice. Der Katalogisierung der oben beschriebenen Transportlisten war von den tschechischen Behörden freilich ein weiterer Verwaltungsakt vorangestellt worden – der Ausweisungsbescheid mit genauen Verhaltensbefehlen. Darin hieß es unter der Überschrift

Aufmerksammachung

Personen, die für den Abtransport bestimmt sind, haben ihre Wohnung in vollster Ordnung zu verlassen.
Pro Person wird ein Gepäck von 50 kg bewilligt. Wer mehr als das vorgeschriebene Gepäck haben wird, dem werden die Sachen abgenommen, ohne Rücksicht, was für Sachen es sind.
Die übrigen Sachen sind in der Wohnung an Ort und Stelle zu lassen, z. B. Vorhänge, Teppiche, Tischlampen, Wandspiegel, Waschschüsseln, Teile der Einrichtung, Tischdecken, 2 Handtücher, in Betten Matratzen, Bettlaken und mindestens je ein Kopfkissen und Zudeckbett, alles frisch bezogen.
Das Gepäck darf nicht in Teppiche oder Überzüge gepackt werden. Wird bei der Kontrolle festgestellt, dass dies nicht beachtet wurde, wird die betreffende Person nicht in den Transport aufgenommen, sondern ins Inland auf Arbeit geschickt.
Wer sich nicht 24 Stunden nach Erhalt des Einberufungsscheines in der Sammelstelle melden wird, wird von der Polizei vorgeführt.
Kreis Verwaltungskommission, Graslitz

14 Personen pro Güterwagen

Bahnhof

Abtransport im Waggon Nr.: 40

Ursprünglich war die Deportation der auf der Liste verzeichneten Emilie Kuhn und ihres Sohnes bereits ein Jahr zuvor verfügt worden – also im Sommer 1945. Dies hatte jedoch mein Großvater, Anton Pleyer, mit der mutigen Feststellung verhindert: „Entweder wir gehen zusammen, oder ich weigere mich, die Ernte einzubringen“. Opa besaß nämlich eine Landwirtschaft, und ihm war befohlen worden, die nach Kriegsende gereiften Feldfrüchte einzuholen und auch noch die nächste Aussaat vorzunehmen. Offensichtlich hatte die Standfestigkeit des damals 65-Jährigen Eindruck gemacht, so dass die Familie (mein Vater galt noch als vermisst) tatsächlich gemeinsam erst Ende September 1946 den Wagen Nr. 40 des 17. Transports bestieg.
Die in der „Aufmerksammachung“ erwähnte „Sammelstelle“ in Graslitz war bis zum Kriegsende ein Fremdarbeiterlager. Nun bekamen erstmals Deutsche einen Eindruck von den dortigen Zuständen. Denn die zum Abtransport vorgesehenen Menschen mussten nicht nur wegen der Gepäckkontrolle „ins Lager“ (wie es auch später in den Erzählungen stets hieß), sondern bis zur Abfahrt mitunter mehrere Tage dort verbringen. Meine Mutter berichtete noch Jahre danach, dass die tschechischen Wachsoldaten ihre Freude an dem kleinen Jungen mit dem Rucksack gehabt hätten, aus dem eine Puppe und ein Spielzeugschaf heraus schauten: „Wir hätten Reichtümer rausschmuggeln können, weil bei Dir keiner kontrollierte…“ Der endgültige Transportzug wurde schließlich in der alten Reichsstadt Eger (heute Cheb), unweit der Grenze zu Bayern, zusammengestellt und von dort in Marsch gesetzt. Nochmal – es handelte sich um Güterwagen, jeder besetzt mit mindestens 14 Personen und deren Habseligkeiten.

Entlausung und Armbinde

Gesundheitsschein-01

Gesundheits- und Entlausungsschein von Gisbert Kuhn (damals 5 Jahre alt)

Am 28. September – also zwei Tage nach der Registrierung auf den Listen – langte der Transport im bayerischen Marktflecken Wiesau (Oberpfalz) an. Freilich hatte der Zug bereits kurz nach Erreichen bayerischen Gebiets einmal Halt gemacht. In der Erinnerung des damals kurz vor seinem 5. Geburtstag stehenden Buben verwandelte sich dort innerhalb weniger Minuten der Bahndamm in ein weißes, wie von Schnee bedecktes Feld. Der Grund: Die Menschen in den Güterwagen warfen ihre weißen Armbinden mit dem Buchstaben „N“ hinaus. „N“ stand für „nemec“, das heißt „Deutscher“. Diese mussten die Sudetendeutschen nach dem Krieg für jedermann sichtbar tragen – vergleichbar dem Judenstern bei den Nazis. Bayern war amerikanische Besatzungszone. Und in Wiesau hatten die US-Behörden „Entlausung“ befohlen. Gleichgültig ob Greis oder Kleinkind – jeder und jede musste durch die Desinfektions-Schleuse. Das dabei verwandte Puder gegen Kopfläuse und sonstiges Ungeziefer: DDT. Erst danach erhielt man einen „Gesundheitsschein“, ohne dessen Vorlage keine Lebensmittel ausgeteilt wurden. Tatsächlich hatte ich nie unter Kopfläusen zu leiden…
In Wiesau wurde der Transport geteilt, ohne dass die Betroffenen irgendeine Einflussmöglichkeit hinsichtlich des Ziels gehabt hätten. Die eine Hälfte blieb in Bayern und wurde dort verteilt, die andere gelangte ins heutige Baden-Württemberg und nach Hessen. Wir kamen nach Nordhessen. An die Oberweser. Genauer: In das nördlichste Dorf Hessens, mit Namen Vernawahlshausen. Das war gerade noch amerikanische Zone. Der zum Dorf gehörende Bahnhof lag hingegen bereits in Niedersachsen und damit auf britischem Besatzunggebiet. Um vom Ort zum Bahnhof zu gelangen, bedurfte es eines Passierscheins. Aber das wusste niemand von denen, die (war es der 29. September oder der 1. Oktober?) dort gegen Abend samt ihrer paar Gepäckstücke auf dem Dorfplatz vom Lkw geladen wurden. Den Ruf, freilich, werden Viele nie vergessen haben, der in diesem Moment durchs Dorf gellte: „Macht die Türen und Fenster zu, die Zigeuner kommen!“ Willkommenskultur?

Verteilung des Mangels

Wer damals auf Dörfer kam, war in aller Regel vergleichsweise gut dran. Zwar waren die Einheimischen – meistens kleine Bauern – selbst nicht mit Gütern gesegnet, zumal dort das Real-Erbrecht galt; es musste also immer unter den Erben geteilt werden. Auch ließ sich Mancher beim alltäglichen „Hamstern“ etwa ein paar Eier oder Kartoffeln durchaus schon mal mit Schmuckstücken und sonstigen Wertgegenständen „bezahlen“. Aber, anders als in den zerbombten Städten, hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf und musste nicht hungern. In unserem Fall waren zudem die bäuerlichen Kenntnisse meines Großvaters ein großer Gewinn. Er konnte im Stall so manchen guten Ratschlag geben, so dass aus dem Mund von Einheimischen nicht selten der staunende Satz zu hören war: „Mensch, was Opa Pleyer nicht alles weiß…“

Über den Hof und vorbei an der Miste

Unterkunft

Auf engsten Raum wurden ganze Familien untergebracht

Menschenwürdige Unterkünfte? Ohne Frage, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft gab es damals auch. Doch ohne den massiven Druck der alliierten Siegermächte wäre die Aufnahme und Unterbringung der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen nie und nimmer gelungen! Genauso wenig wie übrigens der heftig umstrittene und von den „Besitzenden“ erbittert befehdete Lastenausgleich. Mit dem wurden die Neuankömmlinge – anders als häufig behauptet – ganz sicher nicht für den verlorenen Besitz entschädigt. Vielmehr wurde ihnen eine gewisse Starthilfe für das neue Leben gegeben. In unserem Falle war es u.a. ein günstiger Kredit zum Bau eines eigenen Hauses Mitte der 50-er Jahre, auf das vor allem mein Großvater massiv drängte: „Man wohnt nicht zur Miete und ist nicht von anderen abhängig“. Außerdem: „Hast Du was, bist Du was. Hast Du nix, bist Du nix“.
Viele der damaligen Umstände erscheinen, aus heutiger Sicht, fraglos unzumutbar. Meine Mutter, zwei Großeltern und der wenige Tage nach Ankunft in Vernawahlshausen fünf Jahre alt gewordene Bub bekamen zwei Räume zugewiesen. In zwei verschiedenen Häusern! Der eine, vielleicht acht bis zehn Quadratmeter groß, grenzte unmittelbar an den Stall, war zuvor eine Art Rumpelkammer und diente nun als Küche, Wohn- und Aufenthaltsraum. Jeden Morgen huschten, stets von neuem zum Entsetzen meiner Mutter, erst einmal Mäuse über den Boden. Fließend Wasser? Fehlanzeige. Das musste von einer, vielleicht 100 Meter entfernten, Pumpe geholt werden, die zudem im Winter nicht selten zugefroren war. Das andere Zimmer (Schlafraum für Alle) war im Nachbarhaus. Dorthin musste man, am Misthaufen vorbei, den Hof queren. Ein mitunter nicht ganz risikoloses Unternehmen. Als nämlich während eines Winters meine Mutter mit dem frisch gebadeten und in Tücher gewickelten Knaben (immer samstags wurde in einem Holzzuber gebadet) über den Hof eilte, rutschte sie auf der gefrorenen Jauche aus, und Beide landeten im Mist…

Sprachliche Missverständnisse

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Im feinsten Outfit: Gisbert als 10-jähriger

Die Eingewöhnung in die neue Umgebung, das Zurechtkommen mit den ungewohnten Verhältnissen und das Zusammenleben mit der alteingesessenen Bevölkerung war natürlich nicht nur für die Neuen schwierig. Sicher, alle waren Deutsche. Und Deutsch war auch die gemeinsame Grundsprache. Doch die wenigsten beherrschten neben ihren jeweiligen Dialekten auch noch die Hochsprache. Ostpreußen redeten ostpreußisch, Pommern pommersch, Schlesier versuchten sich schlesisch verständlich zu machen und Sudentendeutsche eben in den Idiomen ihrer Heimat. Und so manches Mal wäre bei einem Gespräch zwischen (sagen wir) einem Ostpreußen und einer Egerländerin ein Dolmetscher kein Luxus gewesen. Mitunter führte der Kauderwelsch sogar zu Missverständnissen, über die man heute herzhaft lachen kann.
Meine Großmutter, zum Beispiel, konnte sich Zeit ihres Lebens nie richtig an das Hochdeutsche gewöhnen, sondern behielt ihr Egerländisch bei: „Wer miech verstäihe wüh, der sö d´Ouern aafmochn“. Was in der Übersetzung wörtlich heißt; „Wer mich verstehen will, der soll die Ohren aufmachen“. Als sie eines Tages mit etlichen Äpfeln in der Schürze heimkam, fragte unsere Hausfrau, die gute Bäuerin „Oma Henne“, woher die denn seien. Die Antwort: „Nu, dej hoh iech holt aafglaubt“. Darauf die erschrockene Antwort der Bäuerin: „Aber Frau Pleyer, Sie brauchen doch nicht zu klauen. Pflücken Sie die Äpfel doch einfach von unseren Bäumen“. Oma Henne hatte natürlich den Satz nicht richtig verstanden: „Na, die habe ich halt aufgeklaubt“ – sprich, vom Boden aufgesammelt. Kennt von den Jüngeren heute noch jemand den Begriff „aufklauben”?

Gewaltige Lebenseinschnitte

Überhaupt, die einheimische Bevölkerung. Erst lange Zeit später ist einem selbst klar geworden, welchen Einschnitt es für die Menschen vor allem in den kleinen Dörfern mit ihren fest gefügten Strukturen, Gewohnheiten und Lebensverhältnissen bedeutete, mit einem Mal geradezu von einer Welle „Anderer“, ja vielleicht sogar als „andersartig“ Empfundener überrollt zu werden. Das bereits mehrfach erwähnte Vernawahlshausen hatte ungefähr 850 Einwohner, streng reformierte Protestanten. Und diese mussten von jetzt auf gleich 900 bis 1000 zusätzliche Menschen aufnehmen – Flüchtlinge und Vertriebene mit anderen Dialekten, anderen Sitten und Gebräuchen und vielfach anderer Glaubensrichtung. Dass dies (heute würde man es „Integration“ nennen) trotzdem geklappt hat, erscheint noch immer wie ein Wunder.

Die Verhältnisse bessern sich

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Einschulung von Gisbert Kuhn am 10. Oktober 1947

Die Lebensverhältnisse besserten sich. Aber nur ganz allmählich. 1948 wurde uns vom Besitzer des örtlichen Sägewerks angeboten, in dessen neu gebautem Haus Wohnung zu nehmen. Drei Zimmer, welch ein Luxus! Zwar musste das Wasser auch dort noch immer in Eimern geholt werden, aber wenigstens nicht mehr von der weit entfernten Pumpe. Und das WC? Na klar, ein Plumpsklo neben dem Kuhstall. Am 10. Oktober 1947 war Einschulung in der örtlichen, zweiklassigen Volksschule. 30 Jungen in geflickten kurzen Hosen und Mädchen in aufgetragenen Kleidchen und Schürzen sowie meistens mit einer Haartolle auf dem Kopf. Die Klassenzahl verringerte sich allerdings relativ schnell in dem Maße, in dem Väter aus der Kriegsgefangenschaft kamen, in anderen Landstrichen Arbeit fanden und die Familien nachzogen.
Oft genug jedoch konnten Schulkinder bei der Frage nach den Eltern auch weiterhin nur Angaben zur Mutter machen, weil die Väter entweder gefallen oder vermisst waren. Das war in dieser Generation halt ebenfalls “normal” und zog sich durch das ganze Leben. Die allein erziehenden Mütter – eine Armee von Frauen, die zumeist sogar nicht bloß für sich und ihre Kinder, sondern auch noch für die Eltern sorgen mussten. Nein, als “alternative Lebensform” hatte sich bestimmt keine von ihnen dieses Leben ausgesucht.

Ja, hat denn der Staat nicht unterstützt?

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Täglicher Treffpunkt: Fussballplatz

Staatliche Unterstützung? Kindertagesstätten? Behüteter (mütterlicher) Fahrdienst der Kleinen vielleicht sogar im Allrad angetriebenen SUV zur Schule? Sorgfältige, ausgewogene Verpflegung in Ganztagsschulen? Pustekuchen! Als meine Mutter einmal im Landratsamt der seinerzeitigen Kreisstadt Hofgeismar „Erziehungsbeihilfe“ beantragte, wurde das mit dem Hinweis abgelehnt, sie sei doch selbständige Geschäftsfrau. Das Behörden-“Nein”änderte auch der Nachweis nichts, dass das „Geschäft“ in jenen Tagen nur aus einem unter dem Bett verstauten Koffer mit Knöpfen, Nähgarn und einigen anderen Kurzwaren bestand…
Kitas und ähnliche Aufbewahrungs-Einrichtungen – wir brauchten sie als Kinder allerdings auch nicht. Wir hatten den Bach und die Wälder und trafen uns zum Kicken auf dem Sportplatz. Stadtkinder erlebten ihre – nicht selten gefährlichen – Abenteuer in den Trümmern. Und der Schulweg? Ganze fünf Kinder aus meiner Volksschulklasse gingen nach dem vierten Schuljahr aufs Gymnasium; ich war eines davon. Das Gebäude der „Höheren Privatschule Oberweser“ (HPO) im benachbarten Lippoldsberg (heute Verbandsgemeinde Wahlsburg) war eine ehemalige Wehrmachtsbaracke, in der es permanent nach dem Öl roch, mit dem die Fußbodendielen eingelassen wurden. Im Winter würzte zusätzlich noch Rauch die Atemluft, weil die Schulräume natürlich mit Kohleöfen beheizt wurden. Sportunterricht in der kalten Jahreszeit – im Tanzsaal des Gasthauses “Capelle”. Aber immerhin regelmäßig! Allerdings führte die HPO nur bis zur Mittleren Reife.

„Unzumutbar!“

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Mein Gymnasium (HPO), 1953

Kurz: Würde man in unserer Zeit so etwas jemandem zumuten, wäre ganz sicher die wohl noch gemäßigste Reaktion: „Unzumutbar“! Dies umso mehr, als zu “unserer Zeit” nicht wenige Schüler  gut und gerne zwanzig Kilometer (eine Strecke) und sogar noch mehr täglich zurücklegen mussten. Logischerweise mit dem Fahrrad. Und etliche hatten ordentliche Steigungen im Reinhardswald zu bewältigen. Schulbusse waren unbekannt. Ungefähr bis 1950 gab es Schulspeisung. Gespendet von der Care-Organisation in den USA, aber auch von britischen, schweizerischen und schwedischen Wohlfahrtsverbänden. Am beliebtesten war Nudelsuppe mit Rindfleisch, war heißer Kakao, war Studentenfutter. Als gewöhnungsbedürftig hingegen empfanden wir Knäckebrot. Selbstverständlich stand man bei der Essensausgabe brav in Reih´ und Glied an.

Trotzdem eine schöne Kindheit

Klar, auch wir hatten Schulferien. Aber Urlaub, im Sinne von Reisen – daran war bis weit hinein in die 50-er Jahre nicht einmal im Traum zu denken. Was freilich auch nicht als Manko empfunden wurde. Wir hatten als Kinder ja den Wald, den Bach, den Sportplatz und im Sommer die Kiesgrube als Adria-Ersatz. Und ich besaß – welch ein Schatz! – schon ein Fahrrad. Ein Sportrad sogar, mit einer Fichtel & Sachs Dreigang-Kettenschaltung. Damit ging es zur Schule, aber auch auf Ausflüge durch das schöne Weserbergland. Später – wir waren 1956 nach Südhessen gezogen – kamen Rhein, Main und Mosel dazu. Und 1958 sogar der erste Besuch in einem Ausland. Vier Schulfreunde zur Weltausstellung nach Brüssel. Selbstverständlich mit dem Fahrrad. Fünf Tage hin, fünf Tage zurück. Übernachtet wurde im Zelt oder bei Bauern im Heu. Befragt man seine Erinnerung, ob die Kindheit – trotz allem – schön gewesen sei, so meldet sie ohne zu zögern zurück – Ja!
Womit sich der Kreis zum Ausgangspunkt schließt – zur Vergleichbarkeit der Massenfluchten und –vertreibungen nach dem Krieg und heute. Vor wenigen Jahren gab es im Bonner „Haus der Geschichte“ eine bemerkenswerte Sonderausstellung mit dem Titel „Flucht, Vertreibung, Integration“. Darin wurden nicht nur die dramatischen Zustände der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland sehr eindrücklich dargestellt, sondern auch, wie lange es dauerte, bis die Letzten jener zwölf Millionen ihre Behelfsunterkünfte in Baracken und – nicht selten sogar – ausgedienten Eisenbahn-Güterwagen verlassen und in normale Wohnungen einziehen konnten. Unlängst erst schrieb mir ein Schulfreund aus HPO-Zeiten u.a.:

Fahrrad-1954-01

Der ganze Stolz: ein Sportrad mit Dreigang-Schaltung

„Nach meiner Ankunft 1955 in Frankfurt musste ich zunächst jahrelang in Jugendheimen der AG (= Ackermann-Gemeinde, eine soziale katholische Einrichtung, die sich auf den „Ackermann von Böhmen“ beruft, d. Verf.) zubringen mit 8 Personen in Doppelbetten, ehe ich für uns eine Wohnung zugesprochen bekam…“

Andere Zeiten, aber…

Wohlgemerkt, wie sprechen hier bereits von Mitte der 50-er Jahre. Mehr als ein Jahrzehnt war also schon seit Kriegsende vergangen! Deutschland (West) hatte 1954 die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen, 1955/56 kamen als Verhandlungserfolg von Konrad Adenauer die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion heim; auch ich stand seinerzeit mit meiner Mutter am Bahnsteig des Lagers Friedland bei Göttingen und hoffte vergeblich auf die Rückkehr des vermissten Vaters und Ehemannes. Die Bundesrepublik befand sich unübersehbar im so genannten Wirtschaftswunder, deutsche Touristen begnügten sich nicht mehr mit Fahrten im blauen TOUROPA-Liegewagen ins oberbayerische Ruhpolding und in den Schwarzwald, sondern entdeckten zunehmend die italienischen Strände. Und dennoch waren die durch den Krieg geschlagenen Wunden noch lange nicht vernarbt – weder in den Städten, noch bei den Menschen.
Ja, wir leben heute in einer anderen Zeit. In einer Zeit, in der bei uns Wohlstand herrscht und Friede. Gott sei Dank! Schon allein deswegen verbietet sich nahezu jeder Versuch der Vergleichbarkeit. Oder doch nicht? Wäre es nicht gerade jetzt dringend notwendig, bei den heute Schutz Suchenden Geduld und ein gewisses Maß an Bescheidenheit einzufordern? Aber auch, nicht zuletzt, vielen der (gewiss zumeist gut meinenden) auf „menschenwürdige Unterbringung“, „Respektierung der fremden Sitten, Religionen, Gebräuchen und Mentalitäten“ drängenden Deutschen zu empfehlen, den Blick zurück in eine Zeit zu werfen, die in Wahrheit noch gar nicht so lang vergangen ist. Einen Blick zurück, der gewiss mit Toleranz gepaart sein sollte. Aber auch mit der nachhaltigen Einsicht der immerhin hier Hilfe Erwartenden, dass zu den großen Errungenschaften unseres Landes Menschenrechte zählen wie Gleichheit, Gleichwertigkeit der Geschlechter, Religionsfreiheit – kurz: eine Verfassung, die über archaischen Clan-Sitten und Rechts-Auslegungen steht, und die es unbedingt zu achten und respektieren gilt!