Von Gisbert Kuhn

Gisbert Kuhn

Ticken wir eigentlich noch richtig? Dieses Land und seine Gesellschaft. Also tatsächlich: Wir. Nehmen wir als aktuelles Beispiel Israel und darüber hinaus „die Juden“ überhaupt. Nehmen wir, speziell, den Begriff „Antisemitismus“ und die Geschehnisse drumherum. Etwa die dringende Mahnung von Sicherheitsbehörden, aber auch jüdischen Verbänden, man solle in Deutschland besser nicht öffentlich die traditionelle Kippa (das Käppchen) tragen, um der Gefahr zu entgehen, auf der Straße angepöbelt zu werden oder gar Gewalt zu erfahren. Jüdische Fußballvereine tragen momentan ihre Spiele unter Polizeischutz aus, weil sie Drohungen erhalten. Und Eltern judäischen Glaubens schicken ihre Kinder (falls überhaupt) nur noch unter Ängsten in die Kitas und Schulen. Schmierereien, beispielsweise an Synagogen und auf Grabsteinen sind ohnehin seit langem so alltäglich geworden, dass Berichte darüber kaum noch Aufmerksamkeit finden.

Was ist los in Deutschland? Da läuft doch, ganz offensichtlich, etwas gewaltig schief in dem Land, das sich einmal das der Dichter und Denker nannte. Wo sind sie geblieben, die Tugenden, derer man sich so stolz und oft genug durchaus auch selbstgerecht rühmte – Weltoffenheit, Liberalität, Toleranz, Buntheit…? Gewiss, Judenhass ist keine Erfindung der Nazis; es hat ihn auch später im Nachkriegsdeutschland immer gegeben. Er rangierte – so die Umfragen – in der Regel so um die 15 bis 20 Prozent. Und damit allerdings deutlich unter den Zahlen, die aus anderen Ländern (wie etwa Frankreich oder Großbritannien) gemeldet wurden. Wie aber kommt es dann, dass jetzt – aktuell – die antijüdischen Vorfälle bei uns schier durch die Decke schießen? Hatten viele Deutsche, möglicherweise über Jahrzehnte, mit ihrer wirklichen politischen Einstellung hinterm Berg gehalten und trauen sich erst jetzt aus der Deckung?

 Wobei freilich, schon seit Längerem, gern „Israel“ die Zielscheibe der Attacken abgibt. Und zwar Israel als bloßer verbaler „Feindbegriff“, als Staat oder auch nur als Synonym für durchaus kritikwürdige Personen und Handlungen wie die Regierung Nethanjahu und der Bau jüdischer Siedlungen im besetzten Westjordanland. Aber das und anderes wird doch sogar in Israel selbst angeprangert und höchst kontrovers diskutiert! Oder das Zerrbild von einem Israel als riesigen furchterregenden, herrschsüchtigen Koloss in Nahost inmitten kleiner, friedsamer arabischer Nachbarn? Bereits ein einziger kleiner Streifzug durch facebook zeigt in geradezu erschreckender Weise wie riesengroß ganz offenbar die bloßen politischen, geografischen und allgemeinen Wissenslücken in bedeutenden Teilen unserer Gesellschaft sind.

Man stelle sich einfach mal den „Giganten Israel“ vor, wobei dafür ein einziger Blick in ein Lexikon und auf die nahöstliche Landkartei oder ein entsprechender Klick bei wikipedia Auskunft geben würde. Geografisch und in seinen Ausdehnungen ist der Staat ungefähr so groß wie das deutsche Bundesland Hessen. Einwohner: Etwa 9,3 Millionen, davon 21 Prozent Araber mit einer eigenen Vertretung in der Knesseth (dem israelischen Parlament). Umgeben ist Israel von Ägypten (110 Millionen), Syrien (21,9 Millionen, Jordanien (11,5 Millionen) und dem im Prinzip von der Iran-gesteuerten judenfeindlichen Hisbollah beherrschten Libanon. Also weniger als 9 Millionen Juden – umgeben von fast 150 Millionen Arabern, von denen (zwar bei weitem nicht alle, aber) große Teile seit Jahrzehnten auf ein einziges Ziel hin erzogen und indoktriniert wurden. Nämlich: Die Zerstörung und Vernichtung des Judenstaats und dessen Bewohner. Wer also bildet in der Region den eigentlichen, Furcht erregenden Machtkoloss?

Das Wissen um diese und andere Realitäten fehlt keineswegs nur bei den Horden tumber „Glatzen“, die – in eisenbeschlagenen Springerstiefel und mit Baseball-Schlägern bewaffnet – mittlerweile ohne Scheu und Kampflieder grölend durch die Straßen mancher unserer Städte stürmen. Sondern ganz offensichtlich auch bei jenen neo-intellektuellen Gruppierungen auf der Linken, die seit geraumer Zeit (und nicht ohne Erfolg) auf der Welle der Judenkritik schwimmen. Mit fantasievollen, scheinbar wissenschaftlich untermauerten neuen Wortschöpfungen (z. B. Globaler Süden, woke, Postkolonialismus, Rassismus) und pseudo-liberalem Verständnis sowohl für grauenvollsten Terror wie das Massaker der Hamas am 7. Oktober als auch für den von Putin befohlenen und durch nichts (außer unverhohlenes Machtstreben) zu begründenden russischen Überfall auf die Ukraine. Diese Kräfte (z. B. Aufrufe zum Boykott von Waren aus Israel) machen sich inzwischen zunehmend sogar in den deutschen Universitäten und Hochschulen breit.

Hier, in unserem Lande und mitten unter uns, vollziehen sich folglich mit inzwischen zunehmender Geschwindigkeit Entwicklungen, die nicht mehr einfach lässig mit der schläfrig-toleranten Bemerkung „So etwas muss unser demokratischer Staat aushalten“ beiseitegeschoben werden können. Es ist höchste Zeit, dass unsere Gesellschaft, also wir alle, aus unserem bürgerlich-zufriedenen Schlaf aufwachen, weil es sonst ganz sicher ein böses Erwachen geben würde. Es muss einen doch umtreiben, wenn er (besonders im Lichte des Massakers vom 7. Oktober) im günstigsten Fall ein paar hundert Teilnehmer bei juden- und isreal-solidarischen Demonstrationen sieht, aber auf der anderen Seite zehntausende – nicht selten zu Gewalt entschlossene – pro-palästinensische Aufmarschierer erlebt. Allerspätestens jetzt, im unübersehbaren Zusammenhang mit den brandgefährlichen Kriegen in Nahost und um die Ukraine, müsste doch eigentlich auch dem behäbigsten Bundesbürger (auf jeden Fall aber Politiker) aufgegangen sein, dass sich – gewiss auch in der Folge von Kriegen, Flucht, Vertreibung und (unkontrollierter) Zuwanderung – hochexplosive Neben-Gesellschaften in Deutschland gebildet haben. Nebengesellschaften und Subkulturen, die – mindestens zu einem großen Teil – weder wirklich interessiert sind an einer Integration, noch unsere Vorstellungen von Freiheit, Toleranz, Liberalität und Leben akzeptieren.

 Ja, es ist schrecklich, was dem größten Teil jener Frauen, Kinder und Männern passiert, die unter den israelischen Militärschlägen nach den Morden, Vergewaltigungen und Entführungen vom 7. Oktober jetzt im Gaza-Streifen zu leiden haben. Hier soll auch gar nicht untersucht werden, wie viele Personen davon in Wirklichkeit der Hamas angehören oder deren „Kämpfern“ bei allen Gelegenheiten zugejubelt haben. Aber man sollte auch nicht vergessen, was Araber anderen Arabern (meistens den „Palästinensern“) zugefügt haben. Wie war das noch seinerzeit, im „Schwarzen September“ 1970? Damals war unter Führung eines gewissen Jassir Arafat von „Palästinensern“ ein Putsch in Jordanien versucht worden, verbunden mit dem Sturz von König Hussein. Die erhoffte Machtübernahme scheiterte nach erbitterten Kämpfen, und rund 100 000 Menschen mussten das Land verlassen. Zumeist nach Libyen. Das ging nicht von Israel aus. Daraus rekrutierte sich später aber jener „Schwarze September“, dessen Mitglieder das Blutbad an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München verursachten und auf dessen Konto auch zahlreiche Flugzeugentführungen gingen.

Und jetzt bei uns, in diesen Wochen in Deutschland? Es hat sich ganz gewiss nicht ein allgemeines Verständnis für die Terroranschläge breitgemacht. Aber die massive, handwerklich zumeist sehr gut ausgeführte Propaganda, die brutalsten Terror zu bloßem Freiheitsstreben umzudichten versucht, verfängt ohne Zweifel schon bei manchen Bürgern. Das zeigt bereits der Gebrauch der Sprache. Und zwar bis hin zu den eigentlichen Sprach-Profis. Etwa den Journalisten. Bis vor wenigen Tagen war sowohl in den Zeitungen als auch im Radio und Fernsehen der Begriff „Geiselaustausch“ gang und gäbe, wenn von der Freilassung der von der Hamas verschleppten Menschen die Rede war. Es bedurfte erst der geharnischten Gardinenpredigt eines Politikprofessors, um den Mediengestaltern vor Augen zu führen, dass die gewaltsam gekidnappten menschlichen Faustpfande einer Terrorgruppe auch sprachlich nun wirklich nicht mit rechtmäßig von Gerichten verurteilten Strafgefangenen gleichgesetzt werden können.

Zurück zum Ausgang – zur Frage, ob wir eigentlich noch richtig ticken. Wir lassen diese einfach einmal im Raum stehen und warten ab, was sich in unserem Land und in unserer Gesellschaft tut. Ob sich aus Ihrer Mitte genügend Verteidiger und Verfechter von Demokratie, Freiheit und Recht finden, die auch den Mund auftun und auf die Straße gehen. Oder ob sich die Demokratie- und Staats-Verächter von AfD rechtsaußen sowie „Identitäre, „Reichsbürger“, „Querdenker“ und indoktrinäre Pseudolinke zurecht die Hände reiben.

 

Gisbert Kuhn ist Journalist und war über viele Jahre innenpolitischer Korrespondent für zahlreiche Zeitungen sowie Mitarbeiter bei Rundfunk und Fernsehen in Bonn und Brüssel.

 

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