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Autor Gisbert Kuhn

Vor 100 Jahren tobte zu dieser Zeit in Nordfrankreich gerade die so genannte Schlacht an der Somme. Es war eines der sinnlosesten und verlustreichsten Gemetzel nicht nur des 1. Weltkriegs, sondern im Grunde aller Zeiten. Nach vier Monaten hatte sich der Frontverlauf so gut wie nicht verändert, aber die Verluste auf beiden Seiten (hier Deutsche, dort Briten und Franzosen) betrugen 1,3 Millionen Mann. Selbst Verdun hat keinen so hohen Blutzoll gekostet. Vor wenigen Tagen fand auf dem einstigen Schlachtfeld mit den endlosen Reihen von Grabkreuzen im Hintergrund eine Gedenkfeier statt.

In Deutschland ist das Völkermorden zwischen 1914 und 1918  im Bewusstsein der Bürger unendlich weit weg. Vergleichbar vielleicht mit der Völkerschlacht bei Leipzig, die freilich schon über 200 Jahre zurück liegt. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass der 2. Weltkrieg mit seinen materiellen Zerstörungen, menschlichen Katastrophen und moralischen Ungeheuerlichkeiten alles Vorhergegangene überdeckt. In Frankreich, Belgien und Großbritannien hingegen lebt die Erinnerung an La Grande Guerre und The Great War weiter. Wer über die Friedhöfe in Flandern und Nordfrankreich geht, wird das eindrucksvoll bestätigt bekommen. Er wird vor allem erstaunt bemerken, wie viele junge Franzosen oder Briten nach Spuren ihrer Vorfahren suchen.

Ein selbstverständlicher Frieden?

Dennoch – welch seltsame Verhaltenskontraste. Auf keinem Kontinent sind im Verlauf der Geschichte so vieler Kriege geführt worden wie in Europa. Zum ersten Mal leben die Menschen, leben wir hier in einer Friedensperiode von mehr als 7 Jahrzehnten. Grund genug an sich, dankbar dafür zu sein. Grund genug aber auch, um eigentlich die Pflicht und Notwendigkeit zu verspüren, diesen wunderbaren Zustand nicht als normal und gottgegeben zu betrachten, sondern als Aufforderung und Mahnung, ihn nicht zu gefährden oder auch nur leichtfertig gefährden zu lassen. Doch genau das Gegenteil scheint mittlerweile Mode zu werden. Geradezu genüsslich sind immer mehr Menschen in den Ländern des Alten Kontinents dabei, Stück für Stück jenes Werks wieder zu zerschlagen, das so mühsam aufgebaut wurde  und dennoch so einmalig und deshalb so kostbar und behütenswert ist – das geeinte, grenzenlose Europa. Und genauso schlimm: Es rührt sich kein energischer Widerstand gegen diesen Irrsinn.

Die Volksabstimmung in Großbritannien über einen Austritt des Inselstaates aus der Europäischen Union ist ja bloß der vorläufige Höhepunkt einer Bewegung, der es ganz offensichtlich gelingt, dass breite Bevölkerungsteile zunehmend bereit sind, den Verstand auszuschalten, auf jeden Fall das eigene kritische Denken einzustellen und stattdessen einfach platten Parolen, gefährlichen Halbwahrheiten und auch plumpen – eigentlich leicht durchschau- oder verifizierbaren – Lügen hinterher zu laufen. Ja, natürlich kann es mühsam und mitunter zeitaufwändig sein, sich Informationen zu beschaffen und mit Argumenten sachlich-fachlich auseinanderzusetzen. Indessen – ist uns nicht genau dafür die Fähigkeit gegeben worden, den Kopf zu benutzen? Doch was wir seit Längerem erleben, ist eine wachsende Sucht nach Seichtem. Auch hier bei uns in Deutschland.

… und keiner regt sich auf

Während des Kampfes um Gehirne und Bäuche im Vorfeld der britannischen Volksabstimmung nahm es einem als Beobachter nicht selten den Atem, wenn man die anti-europäischen „Argumente“ verfolgte. Da wurden Behauptungen verbreitet über angebliche britische Zahlungen an Brüssel, die in Wirklichkeit als Unterstützungen genau in die Gegenrichtung fließen. Das malerische Cornwall zum Beispiel (53 Prozent für Austritt) stellte am Tag nach dem Referendum plötzlich fest, dass viele Millionen von dem „europäischen Monster“ auf die schöne Halbinsel im Südwesten gelangen. Und schon war das Geschrei groß, nun müsse London dafür gerade stehen. Oder der euro-feindliche Nigel Farage fischte erfolgreich mit der Behauptung Ausstiegs-Stimmen, jede Woche flössen rund 600 Millionen Pfund nach Brüssel, die künftig in das heimische Sozial- und –Bildungssystem fließen sollten. Einen Tag nach der Abstimmung gibt derselbe Demagoge zu, die Summe sei ein „Fehler“ gewesen. Und keiner regt sich auf!

Wer auch nur eine Stunde an irgendeinem Tag durch facebook blättert, merkt rasch, dass die Bauernfängerei bei uns in Deutschland keinen Deut besser verläuft als jenseits des Kanals. Allein das Trommeleuer der Anwürfe gegen die angeblich für das ganze „europäische Desaster“ verantwortliche EU-Kommission könnten bei Kennern der Materie durchaus Schnappatmung auslösen. Die („undemokratische“) Brüsseler Behörde mit ihrem („ahnungslosen“) Verwaltungs-„Wasserkopf“ habe nichts anderes zu tun, als einen Unsinn nach dem anderem auszubrüten. Nun würde eigentlich ein kurzer Blick auf die nationalen Behörden reichen, um zu zeigen, was dort an Seltsamem geschieht. Warum also sollte solches nicht auch in Brüssel der Fall sein?

„Brüssel“ entscheidet gar nichts

Eines allerdings ist Unsinn, ja schlichtweg falsch – dass nämlich die Mitgliedstaaten und deren Parlamente nur noch Erfüllungsgehilfen für zuvor „von Brüssel“ getroffene Entscheidungen seien. Tatsächlich kann die Kommission von sich aus gar nichts entscheiden. Sie besitzt lediglich ein Vorschlagsrecht; über Ja oder Nein befinden allein die nationalen Regierungen (zumeist einstimmig) entweder im Ministerrat oder in Gestalt der Regierungschefs auf den Europäischen Gipfeln. Und dazu gehören eben auch so „bedeutsame“ Vorgänge wie die (inzwischen längst gekippte) Krümmungsneigung der Salatgurke (nicht der Banane!) oder bestimmter Hygienevorschriften bei Rohmilchkäse. Solche Dinge nicht nur kritisch auszuleuchten, ist in der Tat des Schweißes der Edlen wert und häufig genug von verblüffenden Ergebnissen begleitet. In aller Regel nämlich ist es die „Entdeckung“, dass dahinter nur nationale Interessen stecken. Oder aber – erneut Beispiel Salatgurke – schlichtweg Verbraucherwünsche nach optisch schöner Ware und damit entsprechendes Konsumentenverhalten.

Aber hier soll ja gar nicht Kleingeld auf Falschgeld rausgegeben werden. Was so besonders ärgerlich, nicht selten wütend, vor allem aber besorgt macht, ist die wachsende Tendenz im organisierten Europa wieder hin zu Isolationismus, ja sogar zu in Gewalt ausufernden Nationalismus. Glaubt denn wirklich ein noch in Maßen des Denkens fähiger Mensch, in einer Welt mit rapide wachsenden neuen politischen und wirtschaftlichen Kraftzentren in Asien, Lateinamerika und irgendwann einmal natürlich auch in Afrika  werde in Zukunft auch nur noch die Stimme eines einzelnen europäischen Staates wahrgenommen? Man mag von dem geplanten Freihandelsabkommen TITIP halten, was man will. Aber eines können eigentlich nur Tagträumer glauben – dass die USA oder Kanada auch nur im Traum daran denken würden, separat mit Deutschland, Frankreich, Italien oder gar Belgien ernsthaft zu verhandeln. Die Position würde lauten: Akzeptieren! Oder aber wir suchen uns Partner in China, Indien oder sonstwo. Nein, nur „Europa“ als Block besitzt noch ein Gewicht. Wobei die Betonung auf „noch“ liegt.

Wo waren die Jungen?

Nachdem die Mehrheit – wenn auch nur knapp – in Großbritannien für den Ausstieg aus der EU gestimmt hat, ist in weiten Teilen der Bevölkerung jetzt der Katzenjammer groß. Insbesondere junge Leute gehen nahezu tagtäglich zu Zehntausenden protestierend auf die Straße. Aber obwohl – und damit sind wir wieder am Beginn unserer Betrachtungen – gerade auf der Insel eine große Tradition bei militärischen Gedenkveranstaltungen wie soeben an der Somme existiert, gelten die aktuellen Demos in London und in anderen Städten gewiss nicht etwaigen Ängsten wegen des womöglich gefährdeten Friedens. Sie sind vielmehr (und dies sehr verständlich) geleitet von der Sorge um die Zukunft – die eigene, die der jungen Generation, um die beruflichen Aussichten, das Wiedererstehen von Grenzen und Abschottung. Diese 16- bis 40-Jährigen haben Recht. Aber warum  sind dann so wenig von ihnen bei der Abstimmung an die Urnen gegangen?

Gisbert Kuhn

 

 

 

 

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