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Land mit Vergangenheit und Zukunft

Niederschlesien – bittere Geschichte, große Kultur, Symbol von Versöhnung

Wappen-Breslau

Stadtwappen Breslau: in der Mitte eine silberne Schüssel mit dem Haupt Johannes’ des Täufers, links oben: auf rotem Grund ein linksgewendeter, gekrönter, doppeltgeschwänzter, silberner Löwe, rechts oben: befindet sich auf goldenem Grund ein schwarzer Adler mit silbernem Halbmond (Brustmond) und Kreuz auf der Brust, links unten: befindet sich auf goldenem Grund ein schwarzer Adler mit silbernem Halbmond (Brustmond) und Kreuz auf der Brust, rechts unten: befindet sich auf rotem Grund das Haupt Johannes’ des Evangelisten mit goldenem Heiligenschein (Nimbus)

Mit dieser nüchternen Überschrift in ihrer Ausgabe vom Juli 2006 traf die Jüdische Allgemeine den Nagel auf den Kopf: „Wroclaw hat keine Angst vor Breslau mehr“. Tatsächlich haben sich seit dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag und der vom Parlament des wieder vereinten Deutschlands ausgesprochenen Anerkennung der Oder/Neiße-Grenze  vor 26 Jahren spürbare Veränderungen in Polen vollzogen. Die früher bei allen Besuchen fast greifbare Furcht vor etwaigen deutschen Gebietsforderungen auf Schlesien, das schon krampfhafte Beharren auf der alleinigen Benutzung polnischer Orts- und Landschaftsnamen – das alles ist längst verschwunden, das Verhältnis ist merklich entspannt.  Mitunter geht das sogar so weit, dass der Besucher aus dem Rheinland im Schatten der Schneekoppe vom polnischen Gastgeber gefragt wird, ob man denn nicht gemeinsam das „Riesengebirgslied“ singen solle. Und in Breslaus Stadtwappen spreizt auch der preußische Adler wieder seine Schwingen.

Inzwischen ist unser östlicher Nachbar Mitglied der Europäischen Union und – geradezu symbolhaft für den Wandel von Zeit und Zeitgeist – die altehrwürdige niederschlesische Hauptstadt Breslau (polnisch: Wroclaw) zusammen mit dem spanischen San Sebastian in diesem Jahr zur europäischen Kulturhauptstadt ausgerufen worden (s. rantlos: „Breslau 2016: Kultur ohne Grenzen“). Gerade weil Polen gegenwärtig von einer betont nationalkonservativen Regierung geführt wird, ist es darum besonders bemerkenswert, dass der Direktor von Breslaus Städtischen Museen, Maciej Lagiewski, die Metropole an der Oder heute als „europäische Stadt mit preußischen, böhmischen, österreichischen, polnischen, und jüdischen Wurzeln“ sieht und auch so benennt. In der Tat haben im Verlauf der Jahrhunderte währenden Geschichte Menschen aus all diesen Bereichen hier ihre Spuren hinterlassen. Und obwohl Breslau gegen Ende des Krieges noch zur „Festung“ erklärt und nahezu vollständig zerstört worden war, erstrahlt die Stadt nach einer bewundernswerten Restaurierung nun wieder in Schönheit.

Zeit mitbringen und ins Land fahren!

Breslau ist also auf jeden Fall eine Reise wert. Und sei es nur wegen des aktuellen, vielfältigen „europäischen“ Kulturangebots. Empfehlenswerter freilich wäre es, wenn man Zeit mitbrächte – Zeit, um auch auf den Spuren einer großen Vergangenheit zu wandeln und die niederschlesische Landschaft mit ihrer Schönheit, ihren historischen Plätzen, ihren denkwürdigen Stätten und den dort einst lebenden, großen Persönlichkeiten zu erkunden. Was jetzt folgt, ist nur eine kleine Kostprobe dessen, was die Besucher erwarten würde – ein Appetithappen, der vielleicht Lust macht auf mehr.

Aula-Leopoldina

Aula Leopoldina

Natürlich beginnt die Rundreise in Breslau. Und hier seien vor allem zwei Orte hervorgehoben, die jeder auf seine Weise einzigartig sind: Der Alte jüdische Friedhof und die Aula Leopoldina, der nach dem habsburgischen Kaiser Leopold I. benannte Festsaal der Universität. Es ist einer der größten barocken Säle Europas und der größte in Polen. Für die Restaurierung des prächtigen Interieurs kamen (nur am Rande erwähnt) erhebliche Mittel aus Deutschland, unter anderem aus dem Budget des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Wer weiß heute noch, dass die Breslauer Uni einst zu den berühmtesten und wichtigsten Hochschulen in Deutschland gehörte? Nobelpreisträger haben hier gelernt und gelehrt, wie der Mathematiker und Physiker Max Born, der Mediziner und Chemiker Paul Ehrlich, der Chemiker Fritz Haber und der Physiker Otto Stern. Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der Schöpfer des Deutschlandliedes, ist mit dieser Universität ebenso verbunden wie der Jurist und Historiker Felix Dahn (Ein Kampf um Rom), der Schriftsteller Gustav Freytag (Die Ahnen), der  Chemiker und Erfinder des gleichnamigen Brenners, Robert Wilhelm Bunsen oder Alois Alzheimer, der die Ursachen der nach ihm benannten Krankheit erforschte. Auch Widerstandskämpfer gegen die Nazis sind aus der einstigen Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität hervorgegangen – mit Helmut James von Moltke an der Spitze und den katholischen Priestern Albert Willimsky, Josef Lenzel und Bernhard Lichtenberg.

Prunkstück der Grabmalkunst

Lassalle

Grab von Ferdinand Lassalle

Etliche dieser „Ehemaligen“ fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der heutigen Ulica Slezsna, der früheren Lohestraße. Zum Beispiel die Eltern der 1998 heiliggesprochenen, vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Philosophin und Karmeliternonne Edith Stein, die 1942 In Auschwitz ermordet wurde. Eigentlich hatte der Friedhof eingeebnet werden und für die Erweiterung der Universität Platz geben sollen. Eine Bürgerinitiative hat das zum Glück verhindert; mittlerweile steht er unter Denkmalschutz. Ein einmaliges Prunkstück von Grabmalkunst und Architektur. Es war vor allem die jüdische Oberschicht, die sich hier beerdigen ließ und ihre Namen dauerhaft der Nachwelt zu präsentieren hoffte mit Gruftkapellen nach dem Vorbild ägyptischer Tempel, mit neoromanischen Schöpfungen oder in Kuppelbauten im Stil der maurischen Alhambra. Was den Ort freilich einmalig macht, ist die Ansammlung von Friedhofs-Architektur aus der Epoche des Jugendstils.

Auf den Wegen dazwischen entlangzulaufen ist wie ein Gang durch eine versunkene Welt. Anfang der 30-er Jahre lebten in Breslau rund 30 000 Juden – einfache Bürger, aber auch reiche Kaufleute, Bankiers, Industrielle, Gelehrte. Heute zählt die israelitische Gemeinde in ganz Niederschlesien gerademal wieder etwa 300 Personen. Eine Grabstätte auf dem ausladenden Gelände an der Ulica Slezna 37/39 fällt besonders ins Auge. Im Gegensatz zu den allermeisten anderen Gräbern ist sie sorgsam gepflegt. Die Inschrift: Ferdinand Lassalle. In dem Begründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (1863) kann man getrost den Urvater der deutschen Sozialdemokratie sehen. Seit etlichen Jahren befindet sich sein Grab in der Obhut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Kein Zweifel – wer sich auf die Suche nach deutschen Dichtern und Denkern, Geistes- und Wirtschaftsgrößen begibt, kommt an diesem Ort nicht vorbei.

Einmalig: Die Friedenskirchen

Friedenskirche

Die evangelische Friedenskirche Zur heiligen Dreifaltigkeit in Świdnica (dt. Schweidnitz) gehört zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Schlesien.

Knappe 60 Kilometer südwestlich der Oder-Metropole liegt die niederschlesische Kreisstadt Schweidnitz (polnisch: Swidniza). Ein absolutes „Muss“ ist hier ein Stopp an der Friedenskirche. Das (hervorragend restaurierte) 1657 fertig gestellte Bauwerk ist die größte Fachwerkkirche Europas und gehört mit seiner prachtvollen barocken Ausstattung zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Niederschlesien. Barock? Prunkvoll? Wie geht das mit der Tatsache zusammen, dass diese Kirche – wie noch vier andere auch – bis 1945 protestantisch war? Die Antwort ist einfach: Bürgertrotz und Bürgerstolz. Bei den Friedensverhandlungen in Münster nach dem 30-jährigen Krieg hatte das als Schutzmacht der Protestanten agierende Schweden dem katholischen habsburgischen Kaiser Ferdinand III. das Zugeständnis abgerungen, seinen Untertanen im damals protestantischen, österreichischen Schlesien den Bau eigener (so genannter Friedens-)Kirchen zu erlauben.

Der oberste Landesherr in Wien tat dies freilich unter Bedingungen: Die Gotteshäuser mussten außerhalb der Stadtmauern entstehen; es durften nur Holz, Lehm und Stroh verwendet werden; sie hatten auf eigene Kosten errichtet und innerhalb eines Jahres fertig zu sein. Und Türme waren ebenso verboten wie Glocken. Letzteres wurde erst mit der so genannten Altranstädter Konvention 1707 aufgehoben. Insgesamt entstanden so fünf Friedenskirchen, von  denen eine am Ende des Krieges zerstört wurde. Und die prunkvolle Ausstattung? Nun, es waren wohlhabende Bürger (und Adelshäuser) seinerzeit, die selbstbewusst gegenüber Habsburg auftreten wollten. Seit 2001 stehen die Fachwerkkirchen auf der Welterbe-Liste der UNESCO.

Im Zentrum des Widerstands

Berghaus

1942 und 1943 fanden im Berghaus, das als Wohnhaus der Familie von Moltke zum Gutshof gehörte, drei geheime Treffen der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis statt

Nur einen Steinwurf entfernt, circa zehn Kilometer östlich von Schweidnitz, weist die polnische Straßenkarte das Örtchen Krzyzowa aus. Geschichtsbewusste Deutsche kennen besser den Namen Kreisau. Richtig – hier, auf dem einstigen Schloss und Gut der Familie von Moltke, traf sich der Kreisauer Kreis. Es war jene Gruppe von Männern und Frauen, in der Widerstandspläne geschmiedet wurden gegen die Nazi-Diktatur und für die Zeit danach. Die meisten Beteiligten bezahlten dafür mit ihrem Leben. Am 11. November 1989 kamen an diesem (zu jener Zeit noch total verfallenen) Ort der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein polnischer Kollege Tadeusz Mazowieczki zu einem Versöhnungs-Gottesdienst zusammen, den auf eindrucksvolle Weise der  seinerzeitige Erzbischof von Oppeln, Alfons Nossol, zelebrierte. Heute ist Kreisau als Stiftung eine Jugendbegegnungs-Stätte, die auch anderen Besuchern zum Übernachten oder längeren Aufenthalt offensteht.

Norwegen im Riesengebirge

Wang

Die Stabkirche Wang

Wieder auf der Straße Richtung Südosten, dauert es nicht lange, bis (bei schönem Wetter) in der Ferne die Höhen des Riesengebirges auftauchen. Wer es noch nicht kennt, wird vermutlich außerordentlich verblüfft sein, in der dortigen Bergwelt einem echten Stück Norwegen zu begegnen. Es handelt sich um die Kirche Wang, und  das ist tatsächlich eine mittelalterliche norwegische Stabholzkirche. Der dunkle Holzbau stand etwa vom dritten Viertel des 12. Jahrhunderts bis 1841 auf einem Kirchplatz in der südnorwegischen Ortschaft Vang. Dann sollte sie abgerissen werden. Auf einen Tipp des damals in Dresden lebenden norwegischen Malers Christian Clausen Dahl kaufte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (Schlesien war ja seit den Eroberungskriegen Friedrichs des Großen im 18. Jahrhundert preußisch) den Holzbau für 427 Mark, ließ ihn in seine Einzelteile zerlegen und bei Krummhübel (heute Karpacz) wieder zusammensetzen. Dabei wurde, übrigens, kein einziger Eisennagel verwendet.

Gisbert Kuhn

p.s.: Niemand braucht sich Sorgen wegen der Verständigung zu machen. Deutsch ist durchaus wieder Gebrauchssprache in Schlesien. Zumindest auf dem touristischen Sektor.

Titelfoto: Das Schloss Fürstenstein ist das größte Schloss Schlesiens. Es liegt nördlich der Stadt Wałbrzych (Waldenburg) in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Foto: Dariusz Mitręga