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Zofia Posmysz – Zeitzeugin des Grauens

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Zofia Posmysz
©sepp spiegl

Ich stehe in der  Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Oswiecim in Polen und warte auf Zofia Posmysz. Ich hatte den Direktor der Begegnungsstätte gebeten nachzuhören, ob Frau Posmysz etwas Zeit übrig habe, um sich portraitieren zu lassen.
Oswiecim ist ein Ort mit dunkler Vergangenheit. Sein deutscher Name lautet – Auschwitz. Der Name steht als Synomym für KZ Auschwitz-Birkenau, das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Von den insgesamt mehr als 5,6 Millionen Opfern des Hitler´schen Rassenwahns wurden allein hier, im Süden Polens, etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, davon eine Million Juden.

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Zofia Posmysz und KMK-Präsidentin Sylvia Löhrmann
© sepp spiegl

Die heute 91-jährige Zofia Posmysz (Häftlingsnummer 7566) ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die das Lager überstanden haben. Eine zarte Dame. Ihr Schritt ist etwas unsicher, aber sie bewegt sich immer noch stolz, aufrecht, ohne Gehstock. Sie hat gerade eine fünfstündige Autofahrt von Warschau aus hinter sich, wirkt aber gar nicht müde. Lächelnd erzählt sie mir, wie sehr sie sich wieder freue, hier zu sein, um vor deutschen Schülern an ihre Zeit in Auschwitz zu erinnern, von ihren Erlebnissen zu berichten und mit den jungen Menschen  über die Nazi-Zeit zu diskutieren. Nachdem ich sie ins rechte Licht dirigiert hatte, wundert sie sich, wie viele Fotos ich von ihr mache: “ Ich dachte es sollte nur ein Bild werden“.
Nach den Aufnahmen gehen wir in die Vorhalle, wo schon gespannt 23 Schülerinnen und Schüler des Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium aus Viersen, auf sie warten. Die Gruppe wird von der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) begleitet, die aus Anlass des 69. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee mitgekommen ist.
Für Löhrmann ist es die dritte Reise an diesen Ort des Grauens und des Grausens – diesmal sogar in der Funktion als Präsidentin der Kultusministerkonferenz. „Ich bin immer wieder aufs neue erschüttert“, sagt sie , „zu hören, welche Experimente und medizinischen Versuche hier an den Häftlingen ausgeführt wurden, die Todeswand zu sehen, an der Hunderte erschossen wurden, die Fotowand der Erinnerungen zu betrachten. Da wird einem die Dimension der Vernichtung spürbar“.

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Zofia Posmysz
© sepp spiegl

Schnell fesselt die lebhafte 91-Jährige, zwischendurch immer wieder mal vom Polnischen in ein holpriges Deutsch verfallend,  ihre Zuhörerschaft mit den Schilderungen ihrer fast dreijährigen Torturen Auschwitz. Manch einer der Anwesenden schluckt schwer und greift zum Taschentuch. Posmysz: „Bei der SS habe ich drei Sorten von Menschen erlebt: Da gab es die geborenen Sadisten, die geschlagen haben, bis Häftlinge starben; das hatte ihnen niemand befohlen. Dann die ´Korrekten´, die alles nach Vorschrift erledigten. Und drittens die, die sich abwendeten, um nicht bestrafen zu müssen.“
So oft wie möglich möchte Zofia Posmysz, die Zeitzeugin des Grauens, noch ihr Wissen an deutsche Schüler weitergeben,; „Es ist beruhigend für mich, wenn viele junge Menschen kommen. Denn wenn die ihr Wissen und ihre Eindrücke an ihre Kinder und Enkel weitergeben, dann bin ich sicher, dass so etwas Furchtbares nicht mehr passiert“.

Als 18-Jährige war Zofia Posmysz 1942 von der Gestapo in Krakau beim Verteilen von Flugblättern verhaftet,  wochenlang verhört und anschließend ins das unweit gelegene KZ Auschwitz verschleppt worden. Nach zweieinhalb Jahren dort kam sie ins brandenburgische Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück und anschließend in dessen Außenlager Neustadt-Glewe (heute Kreis Ludwigslust-Parchim), in dem vor allem Polinnen und Weißussinen für die deutsche Kriegswirtschaft arbeiten mussten. Das Außenlager war im Sommer 1944 von der SS für zunächst 300 Insassinnen eingerichtet worden; am Ende des Jahres waren es rund 900. Es grenzte an ein Zweigwerk der Norddeutschen Dornier-Werke (Wismar), in dem Teile des Jagdflugzeugs FW 190 gebaut und montiert wurden. Am 2. Mai 1945 wurde das Lager von der sowjetischen Armee befreit.
Mit 20 weiteren weiblichen Häftlingen machte sich die junge Frau auf den Fussmarsch nach Krakau. Drei Monaten später und nach vielen Gefahren (nicht zuletzt auch Überfälle durch russische Soldaten) erreicht sie ihren Heimatort. Nach ihrem Studium an der Universität Warschau arbeitet sie als Kulturredakteurin bei Radio Polen und veröffentlicht 1962 ihr Hörspiel „Die Passagierin” als Buch, mit dem sie weltberühmt wurde. In Zofia Posmyszs bekanntestem Werk verarbeitet sie fiktional das Wiedersehen mit der ehemaligen KZ-Aufseherin Lisa des Konzentrationslagers Auschwitz.

Die Handlung in Kurzfassung:

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Hier kamen die Inhaftierten in Güterwaggons an, KZ-Birkenau
© sepp spiegl

Die Frau des neuen Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Brasilien erfährt bei der Überfahrt nach Südamerika auf dem Schiff eine existentielle Prüfung: In einer Passagierin glaubt sie eine frühere Gefangene wiederzuerkennen. Was Lisas Gatte nicht weiß: Seine Frau war Aufseherin im KZ Auschwitz und hat den Freund der damals 20-jährigen Inhaftierten Marta auf dem Gewissen.

Das Hörspiel Pasażerka z kabiny 45 (Die Passagierin aus der Kabine 45) diente sowohl als Vorlage zu Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“ als auch zum Drehbuch des Films „Pasażerka“ (Die Passagierin) von Andrzej Munk.  Am 20. September 1961 starb dieser bei einem Autounfall auf dem Weg vom KZ Auschwitz-Birkenau. Sein unvollendeter Film wurde 1963 von Witold Lesiewicz fertig gestellt und bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1964 gezeigt. Der Streifen erhielt dort den FIPRESCI-Preis (Filmkritiker- und Filmjournalisten-Vereinigung) und Munk eine besondere Erwähnung der Jury für sein Gesamtwerk.

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Zofia Posmysz
© sepp spiegl

Doch über ihre beruflichen Erfolge mag Zofia Posmysz gar nicht reden, Das finde sie langweilig, lieber diskutiere sie mit den Jugendlichen über ihre drei Jahre Lagerhaft, über das eigene Leid – aber viel über Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen. Die Begegnung mit der Zeitzeugin bewegt die Schüler: „ Die schrecklichen Erlebnisse von Frau Posmysz sind wirklicher und nachvollziehbarer als manch ein trockener Text in der Schule“. Denn es ist wahrscheinlichl die letzte Schülergeneration, die noch die Erinnerungen aus erster Hand wird erleben können. Es gibt nur noch eine Handvoll Zeitzeugen.

Auf die Frage einer Schülerin, ob sie denn den Holocaust vergessen könnte antwortet sie: “Vergessen? Vergessen darf man nie, aber man muss vergeben.”

Sepp Spiegl

 

Auschwitz – Symbol für den Völkermord der Nazis

  • Eine polnische Kleinstadt, 50 Kilometer westlich von Krakau: Oswiecim, auf deutsch: Auschwitz, ist heute Inbegriff für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.
  • Zwischen 1940 und 1945 wurden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (der Lagerbereich Birkenau war Schauplatz der berüchtigten Selektionen, der Gaskammern und der Verbrennungsöfen) über eine Million Menschen umgebracht – hauptsächlich Juden, aber auch Tausende Kriegsgefangene, dazu Sinti und Roma.
  • Am 27. Januar 1945, also vor 69 Jahren, befreite die Rote Armee das Lager. Zuvor hatte die SS damit begonnen, die Gaskammern und Krematorien zu sprengen. Ein Großteil der Häftlinge wurde auf die so genannten Todesmärsche in Richtung Westen getrieben – Tausende kamen dabei ums Leben.
  • Seit 1996 ist der 27. Januar auf Anregung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog der deutsche Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. An der Gedenkfeier nehmen in diesem Jahr wieder ehemalige Häftlinge teil.
  • Im Jahr 2005 riefen zudem die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag aus.