„Brexit means Brexit“, das war der nahezu dadaistische Satz, mit dem Theresa May in die Geschichte eingehen wird. Viel klarer ist es seither nicht geworden, obwohl Boris Johnson mit „Get Brexit Done“ die Wahlen gewonnen hat. Was nun eigentlich nach dem 31. Januar passieren wird, weiß keiner. Klar ist für das Leave-Lager nur, es wird alles besser. Wer also den Brexit verstehen will, muss den Blick ein wenig breiter schweifen lassen. Und wie immer, wenn man im (noch) Vereinigten Königreich Inspiration, Führung und Klarheit sucht, landet man am Ende im Königshaus. Schon aus den kleinsten Bemerkungen der Queen oder gar ihrer Hutwahl werden zuweilen ganze Strategien abgeleitet. Aber hier müssen wir zwei Generationen weiter gehen. Hinweise auf die Brexit-Richtung geben nämlich ausgerechnet das „enfant couple“ der royalen Familie, Prinz Harry und die Herzogin von Sussex.

Denn die von der britischen Yellow Press sofort zur Megxit hochgejazzte Abkehr des jungen Paares vom Königshaus liefert eine schöne Blaupause für das, was Johnson nun mit seinem Land vorhat. Großbritannien soll zwar aus der EU austreten, aber weiterhin zentraler Bestandteil von Europa bleiben. Weniger Arbeit, mehr Aufmerksamkeit und vielleicht auch mehr Geld. Das kennen Gala und andere royale Fachblätter ebenfalls: Die Pflichten des Königshauses waren eine zu schwere Bürde auf den schmalen Schultern der frischgebackenen Eltern Harry und Meghan. Aber natürlich handelt es sich nicht allein um ein Problem des Arbeitspensums oder – mit dem Brexit gelesen – der Notwendigkeit, den strengen EU-Regeln zu folgen. Denn im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie bedeutet allein der Umstand, dass sich hier ein im weiteren Feld der Thronfolger dümpelnder Prinz gegen seine Großmutter auflehnt, einen enormen Zugewinn an Popularität für die beiden. Die Follower-Anzahl ihres Instagram-Accounts stieg in kürzester Zeit auf über elf Millionen an.

Polittheater und Stagnation

Nicht anders erging es den Briten nach dem Referendum. Selten war das politische London ähnlich im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit gestanden. Die Einschaltquoten der Debatten im altehrwürdigen Westminster-Parlament erreichten bislang ungeahnte Höhen und „Oooooorder“-Speaker John Bercow wurde eine globale Kultfigur. Selbstverständlich war es durchaus hilfreich, dass die Zeremonien des Parlaments zuweilen so aussehen, als wären sie einer aufwändig produzierten Netflix-Serie über das Mittelalter entnommen worden. Diese Phase des auf hohem Niveau zelebrierten Polit-Theaters ging aber gleichzeitig einher mit fast vollkommener politischer Stagnation. Das kathartische Moment erfolgte mit den Wahlen im Dezember 2019, als sich die Spannung in einem überraschend deutlichen Wahlsieg von Boris Johnson auflöste und ruckartig wieder Bewegung in den Brexit brachte. Doch der nächste Moment des Spannungsabfalls steht schon bevor. Denn der 31. Januar wird ein Austritt im Stillen sein. Kein Läuten von Big Ben oder anderer Kirchenglocken. Es wird ein paar Partys von enthusiastischen Brexiteers geben, aber im Grunde genommen beschränkt sich der Brexit vorerst auf das Abhängen von Fahnen und das Singen im EU-Parlament.

Boris Johnson will im Grunde genommen nichts anderes sein, als der Prinz Harry von Europa. Er teilt mit dem royalen Spross die aristokratischen Wurzeln sowie den Hang zum Fettnäpfchen. Möglicherweise gibt es da noch mehr Gemeinsamkeiten. Jetzt muss es ihm aber nur noch gelingen, die europäische „Queen“ und ihre Familie zu überzeugen, ihm die Freiheit zu geben und dabei nicht zu viele Privilegien zu nehmen. Ein jeder versteht, dass sich das an Ursula von der Leyen und die 27 Staats- und Regierungschefs der EU richtet. Offen bleibt nur, was er eigentlich genau will. Aber auch bei dieser Frage hilft es, sich in Fachblättern rund um den Buckingham Palace zu informieren. Das Motto lautet „mit weniger mehr bekommen”.

Erstmal ändert sich nichts

Am 31. Januar ist das Vereinigte Königreich zwar erstmal aus der EU raus, sonst ändert sich aber für elf Monate nichts. In dieser Zeit muss es Johnson gelingen, ein möglichst vorteilhaftes Verhältnis zu Brüssel aufzubauen. Die Richtung und Ausgestaltung dessen ist weitgehend offen, klar ist nur, es soll ein Weg in Freiheit und Unabhängigkeit sein. Geographisch gesehen gibt es auch hier wieder Überlappungen zu den „Royal Rebels“: Kanada. Wo Harry und Meghan künftig frei von den Pflichten des Königshauses ihre Zukunft aufbauen wollen, liegt ein Sehnsuchtsort der Brexiteers. Denn das Freihandelsabkommen Kanadas mit der EU (CETA) erscheint ihnen als Blaupause für ihr eigenes Verhältnis mit Brüssel. Inwiefern dies realistisch und passend ist, werden die nun anstehenden Verhandlungen über die Beziehungen der EU mit dem dann ausgetretenen neuen Drittland erweisen. Denn zahlreiche Kernfragen sind bislang noch völlig unbearbeitet: Welche Standards der EU wird Großbritannien weiter akzeptieren? Gibt es Bestrebungen in London, zu einem Singapur an der Themse zu werden: mit niedrigen Regulierungshürden, attraktiven Steuermodellen und der Möglichkeit, deutlich unterhalb der EU-Standards zu agieren? Welchen Zugang zum Binnenmarkt bekommen Güter von der Insel, und was passiert mit dem deutlich größeren Bereich der Dienstleistungen?

Bei all diesen Fragen hat sich Prinz Johnson bislang weitgehend zurückgehalten. Deshalb muss man auch in diesem Fall noch einmal das Beispiel des Megxit heranziehen. Denn im familiären Drama um den Prinz und seine unglückliche Gattin im Widerstreit mit der pflichtbewussten Großmutter ist untergegangen, dass die beiden jungen Eheleute insgeheim schon an ihrer Zukunft bauen: Sie haben sich die Marke „Royal Sussex“ schützen lassen und es wird vermutet, dass dies ein Vehikel dafür sein wird, dass die beiden auch ohne royale Subventionen ihren Lebensstandard nicht wirklich absenken müssen.

Eine royale “goldene Brücke”?

Vielleicht ist das die Zukunft Großbritanniens? Anstatt weiterhin nur EU zu sein, könnte die Insel sich als „Royal Europe“ eine buchstäblich goldene Brücke aus der Union bauen. Ein inselgroßer Themenpark, in dem die Rolle des Königshauses ihre ohnehin weltweite Wirkung endlich in bare Münze umsetzen kann. Ein Land, das nicht mehr EU-Mitglied ist, aber Europa mit Goldrand, dürfte für viele Vermögende dieser Welt ein attraktiver Anlaufpunkt sein. Und da deckt sich dann auch die Vergangenheit von Boris Johnson mit einigen Ideen, die diesbezüglich kursieren. Seine Bilanz als Bürgermeister von London hat drei wichtige Bezugspunkte: Er hat die Stadt auf dem Weg zu einem bürger- und klimafreundlichen Verkehr deutlich vorangebracht, er hat viele Reiche mit eher dubiosen Vermögen nach London geholt, und er hat einige vollmundige Investitionsprojekte noch nicht mal in den Sand gesetzt, sondern gleich in die Luft gemalt. In dem Sinne: Welcome to Royal Europe – ein Fahrradparadies, in das eintrete, wer es sich leisten kann!

Christos Katsioulis leitet das Büro der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in London. Zuvor leitete er die Büros der Stiftung in Athen und Brüssel. Er war fünf Jahre als Experte für Außen- und Sicherheitspolitik in der Internationalen Politikanalyse der FES tätig.