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Vor 75 Jahren: Auf Leben und Tod im Hürtgenwald

Von Dietrich Kantel

Willy Johannes Kantel mit Ehefrau Irene und dem Erstgeborenen Volker (Anfang 1945)

Zweiter Weltkrieg, im Westen Endphase: Das tausendjährige Reich kurz vor dem Untergang. Die Alliierten in Belgien. Hitler schaffte noch einmal alles an die Westfront. Zusammengeschusterte Einheiten aus Wehrmacht, Waffen-SS und Volkssturm. Mit Soll-Stärken, die nur auf dem Papier existierten: Restaufgebote von irgendwo und irgendwie. Dabei der junge Reserveoffizier. der Oberleutnant Willy Kantel. Mit 24 schon Kompaniechef, gerade aus Russland zurück, musste nun ein dezimiertes Regiment führen. Und dann begegnete er im Nebel einem GI. Auf Leben und Tod.

Transscript der Erzählung

„Es war ein Nebeltag im Hürtgenwald. Tag? Abend? Morgen? Das ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Geschehnisse waren so unwahrscheinlich dicht. Vorher die Ostfront am Don war für mich dagegen trotz Durchschuss durch die Hüfte, knapp am Bauch vorbei, abgefeuert von einer Politkommissarin der Roten Armee, fast schon gemächlich gewesen. Jetzt in den winterlichen Dämmerungen war alles undurchschaubar. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich war im Rang eines Oberleutnants und wurde Ende 1944 an die Westfront versetzt. Nach wenigen Tagen wurde ich kommissarisch in die Funktion eines Kommandeurs eines Infanterieregimentes eingesetzt und vorläufig zum Hauptmann befördert. Fernmündlich. Sonst gab es nichts Schriftliches dazu. Verantwortlich nun für irgendwo zwischen 800 und 2500 Mann. Ich begab mich an diesem besagten Nebeltag zu Fuß auf Inspektion der vorderen Verteidigungsposten gegen die angreifenden Amerikaner. Allein. Es fehlte ja überall an Personal. Um keine Auffälligkeiten zu erwecken und um die Einsatzbereitschaft der vorgeschobenen Posten objektiv, also ohne Vorwarnung kontrollieren zu können.“

Kampf auf Messers Schneide

„ Plötzlich stand, aus dem Nebel aufgetaucht, ein US-Soldat wenige Meter vor mir. Dienstgrad Sergeant? Ich erinnere mich nicht wirklich. Auch er allein. Er war ein großer schwarzer GI. Und er erschien mir in dem Nebel als wirklich sehr, sehr dunkel. Es war meine erste persönliche Begegnung mit einem Schwarzen. Ich habe ihn als sehr groß in Erinnerung, obwohl ich selber 1,89 Meter maß.

`You are Nazi and you surrender or I have to kill you.´ – Seine Ansage.

`You are alone. I am alone. No one is watching us. No one is around. Go your way back. And I will go back my way. We have never met. And nothing has ever happend.´ – Meine Antwort.

Er akzeptierte das nicht und sagte, er müsse mich festnehmen oder unschädlich machen. Und er ging auf mich zu mit gezücktem Kampfmesser oder war es vielleicht das Bajonett …

Es kam zum Kampf. Mit unseren Messern. Ich kann mich an Einzelheiten des Ringkampfes nicht mehr erinnern, habe die wohl verdrängt. Es war final. Er oder ich.

Dann lag er auf einmal reglos unter mir. Ich hatte gesiegt und verließ den Schauplatz …

Ich habe es meiner Frau wohl nie, auf  jeden Fall nie in Einzelheiten erzählt und auch sonst niemandem. Jedenfalls nicht im Detail. Erst meinem jüngsten Sohn. Und erst, als auch er Reserveoffizier geworden war. Das war dann wohl aber erst 35 Jahre nach diesem Geschehen.“

Ende des Transscripts.

Post scriptum: Tod am Schreibtisch

Willy Johannes Kantel hatte 1942 die gleichaltrige Säuglingsschwesternschülerin Irene geheiratet. Das Ehepaar hatte, beginnend 1944, vier Kinder.  Im Jahre 1950 wurde Willy Kantel in der jungen Bundesrepublik von der Universität Münster zum Dr. jur. promoviert. In langen Berufsjahren bildete er Legionen von Kommunalbeamten in NRW aus und beriet den Deutschen Städtetag über Jahrzehnte in selbigem Metier. 1993 verstarb er unerwartet im Alter von nur 73 Jahren: Spätabends am häuslichen Schreibtisch, nachdem er nach seiner Beamtenlaufbahn und Pensionierung dann im Rahmen des “Aufbau Ost” noch zum Professor für Verwaltungsrecht an der Fachhochschule Neubrandenburg ernannt worden und als Rechtsanwalt in die Anwaltskanzlei seines jüngsten Sohnes, des Autors dieses Artikels, in Bonn eingetreten war.

Ohne den geschilderten Ausgang des Kampfes des Vaters im Hürtgenwald könnte es dieses Transskript nicht geben. Der Autor ist Jahrgang 1954.