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Kießling – die selbst gemachte Staatsaffäre

Ein spannend geschriebenes Buch erinnert an die größte Krise der Bundeswehr

Rezension von Gisbert Kuhn

Autor Heiner Möllers

Vor 36 Jahren, im Januar 1984, erlebte die Bundeswehr die schlimmste Krise in ihrer bis dahin selbst erst 30-jährigen Geschichte. Was heißt „erlebte“? Was sich damals in den Kulissen der deutschen Streitkräfte und in den höchsten NATO-Befehlszentren an Gerüchten, Intrigen, Nachlässigkeiten, geheimdienstlichen Nachstellungen und Fehldeutungen, behördlicher Inkompetenz und ministerieller Leichtgläubigkeit abspielte und schließlich als „Kießling“-Affäre geradezu explodierte, macht noch heute selbst jene fassungslos, die seinerzeit das Geschehen mitunter aus nächster Nähe begleitet hatten. Vor mehr als drei Jahrzehnten hatte der Skandal die Regierung Kohl/Genscher in ernste Schwierigkeiten gebracht. Inzwischen ist er zu einer bloß noch historischen Episode geworden, von den nachgewachsenen Generationen  weithin unbeachtet. Dr. Heiner Möllers, Jahrgang 1965, Oberstleutnant der Luftwaffe und als Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam tätig, hat jetzt – nach langer und langwieriger Recherche- und Vorarbeit – ein Buch vorgelegt, in dem quasi minutiös die Vorgänge jener Tage nachgezeichnet werden. Der Autor schildert, in bester historischer Manier, unter Benennung ungezählter Quellennachweise, was wo wie geschah und wer daran beteiligt war. Aber gleichzeitig hält er kühl Distanz und vermeidet leichtfertige Verurteilungen der Beteiligten selbst dort, wo sie sich geradezu aufgedrängt hätten.

SPD-Rebellion gegen Schmidts „Nachrüstung“

Wie war die Lage damals in Deutschland und im westlichen Bündnis? Im Oktober 1982 hatte der CDU-Vorsitzende und Oppositionsführer im Bonner Parlament, Helmut Kohl, den SPD-Politiker Helmut Schmidt mithilfe eines so genannten Konstruktiven Misstrauensvotums als Bundeskanzler gestürzt. Politisch war der Hanseat längst am Ende; seine Partei versagte ihm sowohl in der Sozial-, vor allem jedoch in der Sicherheitspolitik die Gefolgschaft. Besonders deutlich wurde dies im Vollzug des von Schmidt unterstützten NATO-Doppelbeschlusses – also der westlichen Nachrüstung mit atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen für den Fall, dass die Sowjetunion nicht die von ihr bereits stationierten und vor allem auf Ziele in Europa gerichteten Geschosse wieder abbaue. Ungeachtet der Rebellion in den eigenen Reihen aber war der Hamburger außerordentlich geschätzt in der deutschen Öffentlichkeit. Kein Wunder daher, dass die Aufregung im Land groß war und Kohl sich genötigt sah, den Sturz seines Vorgängers durch vorgezogene Bundestagswahlen sozusagen nachträglich legitimieren zu lassen.

Kurz: Kohl gewann die Parlamentswahl am 9. März 1983 und ging (wie vorher angekündigt) eine Koalition mit den Freien Demokraten ein. Verteidigungsminister wurde Manfred Wörner, ein zumeist schneidig auftretender CDU-Politiker, der sich freilich nicht nur als Reserveoffizier und Jet-Pilot, sondern in erster Linie als fleißiger und kundiger Sicherheitsexperte einen Namen gemacht hatte. Der Pfälzer Kohl konnte gar nicht an ihm vorbei, obwohl er dem Schwaben Wörner nicht sonderlich zugetan war, weil dieser während der vorausgegangenen innerparteilichen Machtkämpfe auf Seiten von Kohls Widersacher Barzel gestanden hatte. Diese Tatsache war nicht unwesentlich beim Ausgang der Affäre. Wörner erfreute sich großer Zustimmung sowohl innerhalb der Truppe als auch im gesamten Bündnis. Er konnte auf Menschen zugehen, war charmant, politisch und fachlich kenntnisreich. Mit einem Wort – der richtige Mann am richtigen Platz in einer Zeit, als auch in der NATO an der Zuverlässigkeit der Bundesrepublik hörbare Zweifel aufgekommen waren. Hier ist der Punkt, an dem von Wörners Verhältnis zu dem Bundeswehr-General Günter Kießling gesprochen werden muss.

Junggeselle? Da muss doch was sein…

Spiegel-Ti­tel­bild zur Kiess­ling-Wörner-Affäre, 1984

Manfred Wörner war wahrscheinlich einer von relativ wenigen Menschen, die eine persönliche Beziehung zu Kießling hatten. Der 1925 in Frankfurt/Oder geborene Offizier galt Vielen als Eigenbrötler und nicht Wenigen als skurril. Er war Junggeselle, fuhr – wenn es ging  – mit dem Fahrrad zur Dienststelle, konnte sich darauf berufen, in Wirtschaftswissenschaften promoviert worden zu sein, war als “ungesellig” verrufen. Damit besaß er so ziemlich alle Eigenschaften, die auch in den Kasernenstuben zu Wispereien und Gerüchten führen. So, so, ein Junggeselle ohne Ehefrau… Ob da wohl alles stimmt? Nicht zu vergessen, zu jener Zeit lag die Aufhebung des Straftatbestands Homosexualität noch nicht lang zurück. In der Bundeswehr galt sie immer noch als unakzeptabel. Das änderte sich erst langsam seit Beginn dieses Jahrtausends. Dass Günter Kießling indessen sehr wohl eine „Frauen-Affäre“ hatte, half ihm im Ansehen bei Kameraden auch nicht sonderlich. Denn die lag, erstens, bereits lange zurück und hatte, zweitens, sogar zu seinem Rausschmiss aus einem Lehrgang an der Führungsakademie geführt. Die junge Dame war nämlich 20 Jahre jünger als der seinerzeit bereits Enddreißiger, und außerdem war ihr Vater – ein Luftwaffen-Offizier – vehement gegen die Liaison.

Bei den Wörners hingegen war Günter Kießling immer willkommen. War es Sympathie oder vielleicht auch ein wenig Mitleid mit dem Einzelgänger? Jedenfalls hatten Manfred Wörner und dessen Frau Elfie den – vielleicht einsamen – General sogar wiederholt an Weihnachten zu sich eingeladen. Dies zu erwähnen ist wichtig wegen des später unerklärlichen Verhaltens und Versagens des Ministers. Die am Ende in einem riesigen Skandal endende Tragödie begann damit, dass Günter Kießling ohne erkennbare, herausragende Leistungen zum Vier-Sterne-General befördert worden war und man nun nichts Vernünftiges mehr mit ihm anzufangen wusste. Der einzige Platz für diesen hohen Rang war der des Stellvertretenden Oberkommandierenden im militärischen NATO-Hauptquartier im südbelgischen Mons. Das klingt nach viel und hört sich bedeutungsvoll an, war (und ist es mehr oder weniger noch immer) aber nur ein einflussloser, allerdings gut besoldeter Abschiebeposten. Das entscheidende Sagen hatte (und hat) der Chef, ein amerikanischer General. Und das war in jenen Tagen Bernard (“Bernie”) Rogers, ein noch aus Kriegserinnerungen den Deutschen nicht sonderlich zugeneigter US-Haudegen.

Bei Briefe von britischer Hand

Hier, im belgischen Mons, nahm denn auch ein Gerücht so richtig Fahrt auf, das bis dahin mit mehr oder weniger unappetitlichen Sprüchen an den Türen deutscher Offizierskasinos (“Lieber ein kalter Riesling als ein warmer Kießling”) geendet hatte und sich nun bis hin zu einer gefährlichen Staatsaffäre ausweitete. Wahrscheinlich war es der seinerzeitige britische Oberkommandierende der NATO-Streitkräfte in Nordeuropa, Sir Anthony Farrar-Hockley, mit zwei, inhaltlich regelrecht obszönen Briefen an Rogers hinsichtlich der angeblichen Homosexualität Kieslings, der den mit üblen Nachreden ohnehin schon nahezu überladenen Karren so richtig ins Rollen brachte. Obwohl es damals keinerlei Beweise für die angebliche homosexuelle Veranlagung von Günter Kießling gab und auch im Verlauf der Affäre keine gefunden wurden, war am Ende nicht nur die berufliche Karriere dieses Mannes ruiniert, sondern in Wirklichkeit sein ganzes Leben. Und warum? Weil höchste NATO-Stellen, zahlreiche Spitzenbeamte im Bonner Verteidigungsministerium (einschließlich des Staatssekretärs und des Chefs vom Hauptpersonalrat), geltungssüchtige Verwaltungsbedienstete sowie nach größerer Bedeutung gierende Angehörige des Militärischen Abschirmdienstes ein wahres Kesseltreiben gegen einen absolut unbescholtenen Mann veranstalteten. Und – Gipfel des Versagens – weil mit Manfred Wörner der Mann, der den ganzen Unsinn mit einem Machtwort hätte stoppen können, offensichtlich seinen eigenen politischen und juristisch geschulten Verstand ausschaltete und stattdessen blind seinen Leuten vertraute.

Der Rest ist rasch geschildert. Kießling, der unschuldig Geschasste, ließ sich (für große Teile seiner einstigen Kameraden geradezu unglaublich) diese Behandlung nicht gefallen, sondern setzte sich mit Hilfe eines der besten deutschen Juristen – erfolgreich – zur Wehr. Der General musste wieder in den Streitkräften aufgenommen werden und bekam anschließend den ihm zustehenden großen Zapfenstreich als Abschied. Manfred Wörner bot dem Kanzler seinen Rücktritt an, den dieser ablehnte. Damit hatte Kohl nicht nur den Medien und großen Teilen der Öffentlichkeit (wieder einmal) demonstriert, dass er sich seine Personalentscheidungen nicht von außen diktieren lasse – er hatte dazu auch noch den zuvor oft genug aufsässigen Ex-Barzel-Anhänger Wörner „domestiziert“. Der durch die Kießling-Affäre ordentlich gezauste Verteidigungsminister wechselte später als Generalsekretär zur NATO, wo seine Arbeit hoch geachtet wurde, während er freilich daheim noch lange Zeit geächtet blieb. Es war nicht zuletzt Manfred Wörner, der – nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges – das seiner eigentlichen Aufgabe beraubte Bündnis in die neue Zeit hinüber rettete. Noch auf dem Totenbett unterschrieb er, von seiner Frau die Hand geführt, wichtige Dokumente.

Dennoch war die Krise mehr als nur eine Häufung von Fehlverhalten, Ungeschicklichkeiten sowie falschen Wertungen und Entscheidungen. Sie zeigt auch die Schattenseiten von „Kameraderie“ und menschlicher Feigheit. Günter Kießling ist 2009 gestorben. Die Demütigungen und Verletzungen hat er nie verwunden. Ein Kritiker hat geschrieben, das Werk Heiner Möllers sei ein großes, kühl angelegtes Lehrstück über die „Wucht des Gerüchts“. Dem ist nichts hinzuzufügen. „Die Affäre Kießling – Der größte Skandal der Bundeswehr“ ist ein sehr gut lesbares und exakt mit Fakten belegtes Lese- und Geschichtsbuch. Solche finden zwar nur selten den Weg in die Bestseller-Listen. Aber gelesen sollten sie trotzdem werden.

Heiner Möllers:

„Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr“

Gebundene Ausgabe

368 Seiten

Chr. Links Verlag, Berlin 2019, € 25,–

ISBN: 978-3-96289-037-7

Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung.