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Donald Trump und der Selbstmord des Westens

Ja, Trump ist ein Verräter an demokratischen Werten. Aber um das euro-amerikanische Band zu zerschneiden, brauchte es mehr als ihn.

Donald Trump und Wladimir Putin bei der Pressekonferenz nach ihrem Treffen in Helsiniki.

Der Schriftsteller C. S. Lewis war noch ein Kind, als seine Mutter starb. „Mit dem Tod meiner Mutter“, schrieb er später, „verschwand alles gefestigte Glück, alles Ruhige und Verlässliche aus meinem Leben. Spaß, Vergnügen, viele Stiche der Freude sollten noch kommen; aber die alte Geborgenheit war dahin. Es gab nur noch Meer und Inseln; der große Kontinent war versunken wie Atlantis.“

Es mag melodramatisch klingen, aber diese Sätze kommen mir in den Sinn, wenn ich an den Tod der US-Beziehungen zu Europa denke und an Donald Trumps jüngsten Verrat an den demokratischen Werten, die Grundlage dieser Beziehungen waren.

Europa ist der Mutterkontinent der USA. Unsere Gründungsinstitutionen sind von Europa ererbt. Unsere Demokratie ist griechisch und britisch. Unsere Universitäten sind deutsch. Die Benimmregeln, die George Washington zur eigenen Vervollkommnung las, waren aus dem Französischen übersetzt, ebenso wie Thomas Jeffersons Ideale.

Europa steht für den Weg zum Fortschritt. Die USA sahen sich selbst in der Rolle derer, die diesen Weg beschritten und weiterführten. Nach der Revolution schrieb der Historiker Joseph Ellis, die Amerikaner seien doch gewiss eine neue Generation Shakespeares, Dantes und Ciceros auf nordamerikanischem Boden.

Donald Trump ist nur der Höhepunkt einer verheerenden Tendenz, die ihm vorausging.

Als junge erwachsene Nation eigneten wir uns europäische Errungenschaften an und demokratisierten sie zu unseren Zwecken. So ist etwa das Luxushotel ein in ein kommerzielles Unternehmen umgewandelter europäischer Palast. Frederick Law Olmsted, der 1850 England besuchte und die Gärten der Aristokratie bewunderte, schuf nach seiner Rückkehr in die USA großartige öffentliche Parks: Central Park, das Parkgelände des US-Kapitols und viele andere mehr.

Dann, als reife Nation, entwickelten wir uns zum Partner unseres Mutterkontinents. Nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte sich der erneuerte Westen unter US-Führung. Es kam zu Streitigkeiten und Rivalitäten, aber immer herrschte die unausgesprochene Wahrnehmung: Das ist unsere Verwandtschaft.

Diese transatlantische Partnerschaft war eine gewaltige historische Errungenschaft, das bisweilen zögerliche, durchaus nicht perfekte Bestreben, die Demokratie auszuweiten, die Menschenrechte auszuweiten, die Freiheit auszuweiten und eine Welt aufzubauen, deren Ordnung nicht auf Gewalt, sondern auf Gerechtigkeit beruht. Seit 1945 betrachten wir alle das als selbstverständlich.

Diese Partnerschaft zerlegte Trump an einem einzigen Wochenende. Er bezeichnete die Europäische Union als foe, Gegner oder gar Feind. Am Montag ergriff er Partei für Wladimir Putin, moralisch und politisch einer der größten Gegenspieler der euro-amerikanischen Beziehungen. Trump warf im Wesentlichen ein Projekt hin, auf das sich die Kultur und Politik der USA seit Jahrhunderten ausrichtet. Und er steuerte die USA auf eine Welt zu, in der der Grundsatz „Macht vor Recht“ gilt.

Aber vergessen wir nicht: Donald Trump ist nur der Höhepunkt einer verheerenden Tendenz, die ihm vorausging. Um das euro-amerikanische Band zu zerschneiden, brauchte es viele Hände.

Hüten wir uns vor den Folgen, wenn wir Tradition und Familie hinter uns lassen.

Ultrarechte Politiker und Kommentatoren stellten Europa als Stellvertreter für US-Liberale dar. Sie diffamierten sie als Pack gottloser Sozialisten, genau wie die Ketzer in Berkeley und Cambridge. Das Euro-Bashing wurde zur einigenden Kraft der Konservativen.

Progressive tappten in die gefährliche Rassismusfalle. Zu den ruhmreichen Vorbildern Aristoteles, Shakespeare und Mozart fiel ihnen nur noch ein, dass sie tote weiße Männer waren. Künftige Historiker werden darüber staunen, dass sich gebildete Menschen bewusst so dumm anstellten. Man reduzierte die europäische Geschichte auf einen kleinen Ausschnitt und erhob Eurozentrismus zum Codewort für Kolonialismus, Unterdrückung und Privilegiertheit.

Die Europäer waren keine große Hilfe. Nach dem Kalten Krieg widmeten sie sich einem postnationalistischen Projekt, das zu hierarchisch und technokratisch strukturiert war und heute bröckelt.

Das euro-amerikanische Politikprojekt steuert nun der Endzeit entgegen. George W. Bush zankte sich mit Europa über den Irakkrieg. Barack Obama wandte sich von Europa ab. Und heute nun bearbeitet Trump, wie Robert Kagan in der Washington Post schreibt, die atlantische Allianz mit dem Vorschlaghammer.

Trump hätte sich letzte Woche auf dem NATO-Gipfel für die Erhöhung der europäischen Militärausgaben feiern lassen können. Stattdessen setzte er die Zielmarken höher, demütigte die Europäer, wiederholte seine Handelskriegsrhetorik und machte es den europäischen Staatschefs unmöglich, ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. So verhält sich ein Mann, der das Bündnis zum Scheitern bringen will.

Sein Schulterschluss mit Putin am Montag war der Siegestanz auf dem euro-amerikanischen Grab.

„Das ist nicht nur ein Familienstreit“, schreibt Kagan. „Die demokratische Allianz, die das Fundament der liberalen Weltordnung unter US-amerikanischer Führung bildete, ist in Auflösung begriffen. Gleichzeitig und wahrscheinlich früher, als wir es erwarten, wird sich auch der globale Frieden auflösen, den diese Allianz und Ordnung bewahrten. Ungeachtet unseres allzu menschlichen Hangs, immer auf das Beste zu hoffen, wird das nicht gut ausgehen.“

Kagan schrieb diese Worte noch vor der Pressekonferenz am Montag, die seine Kernaussage noch einmal bekräftigte. Wer dachte, er könnte den Trump-Sturm aussitzen und dann zur Normalität zurückkehren, kann nun nicht mehr übersehen, wie falsch das wäre. Die Grundordnung unserer Welt wird in diesem Moment umgekrempelt.

Europa und Amerika haben es heute mit gemeinsamen Gefahren und Problemen zu tun, unter anderem mit dem Aufstieg machthungriger Diktatoren, die eine neue Weltordnung schaffen wollen. Doch uns sind die Bindungen verloren gegangen, die es uns erlaubt hätten, gemeinsam dagegen zu kämpfen. Schlimmer noch: Die Wölfe sind nicht nur im Hühnerstall, sondern auch schon im Herrschaftshaus.

Hüten wir uns vor den Folgen, wenn wir Tradition und Familie hinter uns lassen.

David Brooks ist Kolumnist der New York Times seit 2003. Er ist außerdem Kommentator bei NBCs Meet the Press, sowie bei den Sendern NPR und PBS.


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