Der Weg zur deutschen Einheit (II)

Der Freiheitswille im Osten Europas bricht sich Bahn

Von Wolfgang Bergsdorf

In 10 Wochen schafften es die Deutschen in der DDR, das kommunistische Regime ohne Bürgerkrieg abzuschütteln ©seppspiegl

Es wäre ein Fehler, die Ereignisse von 1989 in Ostdeutschland ohne Blick auf das osteuropäische Umfeld zu bewerten. Denn jenes Jahr ist, ohne Frage, als Jahr der Selbstbefreiung Osteuropas in die Geschichtsbücher eingegangen. Ein Jahrzehnt brauchten die Polen, um die kommunistische Herrschaft zentimeterweise abzutragen, bevor in Warschau ein erster frei gewählter Nachkriegspremier an die Spitze der Regierung gelangte. Rund 10 Monate benötigten die Ungarn für eine ähnliche Entwicklung. In 10 Wochen schafften es die Deutschen in der DDR, das kommunistische Regime ohne Bürgerkrieg abzuschütteln. Die Tschechen und Slowaken erreichten ihre Selbstbefreiung in 10 Tagen. In Rumänien fiel die Entscheidung gegen die Diktatur in wenig mehr als 10 Stunden cod.

Das Zwangssystem implodiert

Dieser Zeitvergleich zeigt die Rasanz der Beschleunigung, mit der sich die Ansteckungskraft  und die Dynamik der Freiheit gegen ihre nur scheinbar omnipotenten Unterdrücker durchsetzten. Die Implosion der kommunistischen Systems in Mittel- und Osteuropa hat das Thema der Deutschen Einheit sicher nicht über Nacht, wohl aber von Monat zu Monat unabweisbarer auf die Tagesordnung der deutschen und der internationalen Politik gebracht. Die wichtigste Voraussetzung war die zunächst wenig bemerkte Verabschiedung von der so genannten Breschnew-Doktrin durch den neuen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow.

Vernon Walters

Damit endete die Verpflichtung der Sowjetunion, den sozialistischen „Bruderstaaten“ im Falle von Aufständen mit Waffengewalt zu Hilfe zu kommen auto games to. Dies verleitete seinerzeit den gerade ein Amt als neuer amerikanischer Botschafter in Deutschland angetretenen Vernon Walters im April 1989 zu der Voraussage, dass es noch zu seiner Amtszeit zur Wiedervereinigung Deutschlands kommen werde. Im Sommer nutzten tausende von DDR-Bürgern ihren Urlaub, um in den westdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland zu erzwingen.

Ungarn öffnet seine Grenzen

Die erste Nagelprobe einer vollständig neuen Politik kündigte der ungarische Regierungschef Nemeth bei einem Geheimbesuch im August Bundeskanzler Kohl an. Er sagte zu, Anfang September die Grenzen zu öffnen. Als dies in der Nacht vom 10./11. September 1989 geschah, entstand eine Fluchtbewegung, die bis zum Jahresende 1989 mehr als 340.000 vorwiegend jüngere Leute aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln ließ herunterladen. Massendemonstrationen in Berlin, in Leipzig, Erfurt, Dresden und anderswo erzwangen mit Macht den Zusammenbruch des Honecker-Regimes und die Öffnung der innerdeutschen Grenzen am 9. November durch den neuen Staatsratsvorsitzenden und Honecker-Nachfolger Egon Krenz.

Den Tag des Mauerfalls erlebten der Bundeskanzler und ich in seiner Begleitung bei einem Staatsbesuch in Warschau. Helmut Kohl unterbrach, sehr zum Unwillen der ersten nichtkommunistischen Regierung Mazowiecki, und flog am nächsten Tag über Hamburg nach Berlin, um dort auf zwei Kundgebungen zu sprechen. Am Abend war er wieder in Warschau und am nächsten Morgen (nach einer abenteuerlichen nächtlichen Busfahrt in dichtem Nebel von Warschau aus) im ehemaligen Rittergut der Familie von Moltke im schlesischen Kreisau, wo er gemeinsam mit dem polnischen Premierminister sowie dem von deutschen und polnischen Vorfahren abstammenden  Bischof Alfons Nossol in deutscher und polnischer Sprache zelebrierten Messe beiwohnte herunterladen. Was dort geschah, ließ keinen Augenzeugen unbeeindruckt.

Telefon-Diplomatie und Gorbatschows Sorgen

Am 11. November 1989 führte Bundeskanzler Kohl zwei Telefongespräche, die ihm Aufschluss über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten seiner künftigen Deutschlandpolitik gaben. Sein erster Gesprächspartner war der am 8. November neu gewählte Generalsekretär der SED, Egon Krenz. Beide sprachen sich in diesem Telefonat über eine Verstärkung der Zusammenarbeit aus. Krenz wurde von Kohl befragt, was er nun an elementaren Veränderungen in der DDR beabsichtige.

Staatsratsvorsitzender Egon Krenz ©seppspiegl

Darauf antwortete der neue SED-Chef weitschweifig und ausweichend. Anschließend führte Bundeskanzler Kohl ein Telefongespräch mit dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow und berichtete ihm über das Telefonat mit Krenz sims 4 laptop. Kohl ließ Gorbatschow seine Schlussfolgerung wissen, dass Krenz keine Erfolgschance habe, weil und so lange er keine wirklichen Reformen auf den Weg bringen wolle. Gorbatschow widersprach dieser Prognose nicht. Kurz zuvor, am 10. November, hatte Gorbatschow dem Bundeskanzler eine Botschaft zukommen lassen, die von seinen Sorgen um die Sicherheit der Roten Armee in der DDR erfüllt war. Damit wurde Kohl durch den sowjetischen Generalsekretär verdeutlicht, dass die Rote Armee, was auch immer geschehen möge, anders als am 17. Juni 1953, in ihren Kasernen bleiben würde.

Das 10-Punkte-Programm

Das „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“, das der Bundeskanzler zur Überraschung Vieler in einer Regierungserklärung am 28 fritz box update herunterladen. November 1989 dem Deutschen Bundestag vortrug, war eine logische Konsequenz der Entwicklung in den Wochen davor. Denn die Bonner Regierung konnte (ja musste) seit dem Sommer davon ausgehen, dass die deutsche Einheit Thema der nationalen und internationalen Politik werden würde. Der Kanzler, der Außenminister und sämtliche führenden Politiker der seinerzeitigen Regierungskoalition nutzten alle internationalen Begegnungen und Kontakte, um die Perspektive einer allmählichen Überwindung der deutschen Spaltung zu erläutern und hierfür zu werben. In seinem Zehn-Punkte-Plan fasste Kohl alle jene Elemente einschließlich „föderativer Strukturen“ zusammen, die in seinen Gesprächen auf internationaler Ebene immer wieder entwickelt worden waren.

Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpraesident Hans Modrow ©seppspiegl

Der Bundeskanzler glaubte damals, dass der Zeithorizont zur Verwirklichung des Zehn-Punkte-Plans auf jeden Fall bis ins Jahr 1993 reichen würde herunterladen. Das waren auch die zeitlichen Vorstellungen, die in der Bonner CDU/CSU-FDP-Koalition und SPD-Opposition gleichermaßen vorherrschten. Dass dieser Zeithorizont der tatsächlichen Entwicklung nicht entsprach, erfuhr als erster auf eindringliche Weise der Bundeskanzler, als er zu seiner Begegnung mit dem neuen Ministerpräsidenten der DDR, Hans Modrow, am 19. Dezember 1989 nach Dresden kam. Damals säumten hunderttausende Menschen die Straßen vom Flughafen zum Verhandlungsort „Hotel Bellevue“ und demonstrierten für die Einheit Deutschlands. Kohl verstand spätestens am Abend bei seiner Ansprache an die Dresdner, dass der Wille zur raschen Einheit bei der Bevölkerung in der DDR alle Zeitpläne für eine allmähliche Verschmelzung der beiden Teile Deutschlands hinfällig machen würde. Das Ziel der deutschen Politik für die Tagesordnung des Jahres 1990 konnte also nur heißen: Die Einigung herbeizuführen, so schnell wie nötig und so geordnet wie möglich adobe reader download kostenlos windows 7 deutsch.

„Wir sind ein Volk“

“Es gibt nur ein deutsches Volk” ©seppspiegl

Das Jahr 1990 begann mit weiteren Massendemonstrationen in der DDR zugunsten der deutschen Einheit. Aus der Parole des Herbstes „Wir sind das Volk“ war die Einheitsforderung „Wir sind ein Volk“ geworden. Alle Versuche der SED, aber auch der Bürgerrechtler und revolutionären Avantgarde aus dem voran gegangenen Herbst waren gescheitert, die Zweistaatlichkeit Deutschlands auch künftig mit der Behauptung einer eigenen kulturellen oder sozialen Identität zu legitimieren. Dies hatte auch in meinungsbildenden Kreisen der Bundesrepublik Deutschland zu einer bis dahin einmalig rasanten Veränderung ihrer Einstellung gegenüber der deutschen Frage geführt. Bis auf wenige Ausnahmen änderten mit einem Male alle Journalisten und Publizisten, die noch im November und Dezember für die Zweistaatlichkeit plädiert hatten, ihre Position und setzten sich für die Einheit Deutschlands ein download adobe registered product. Das gleiche galt für die allermeisten Politiker der Opposition, die – mit Ausnahme der Grünen – dem bei den Massendemonstrationen überaus deutlich erkennbaren Willen der ostdeutschen Bevölkerung ihre Referenz erwiesen.

Die Bonner Regierung nutzte nun alle ihre Möglichkeiten zur außenpolitischen Flankierung ihrer Einigungspolitik. Am 10. Februar erhielten Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher in Moskau von Michail Gorbatschow die Zusicherung, dass sich Moskau einer deutschen Einheit nicht in den Weg stellen werde. Wenige Tage später einigten sich NATO und Warschauer Pakt bei der Wiener Konferenz zum Vertrag über die Konventionellen Streitkräfte in Europa (VKSE) auf eine Reduzierung ihrer Truppen in Mitteleuropa auf jeweils 195 000 Mann. In Ottawa vereinbarten die Außenminister der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten eine Serie von Konferenzen nach der Formel 2 plus 4, um die Siegerrechte der von Alliierten über Gesamtdeutschland abzulösen audiogerät für windows 7 kostenlos downloaden.  

(Fortsetzung folgt)

 

Teil (I): https://www.rantlos.de/politik/der-weg-zur-deutschen-einheit.html

 

Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf (Jahrgang 1941) ist nicht nur Politologe, sondern war, unter anderem als Mitglied von Helmut Kohls so genanntem „Küchenkabinet“, jahrelang selbst aktiv am politischen Geschehen beteiligt.  Zudem war Bergsdorf in der Regierungszeit Kohls Leiter der Inlandsabteilung des Bundespresseamtes und anschließend Chef der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums. 1987 war er zum außerplanmäßigen Professor für Politische Wissenschaften an der Bonner Universität ernannt worden. Von 2000 bis 2007 amtierte er als Präsident der Universität Erfurt.