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Das Kreuz mit dem Kreuz

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Steht Deutschland am Rande eines Glaubenskrieges? Mittendrin Bayerns neuer Ministerpräsident Markus Söder (CSU) – von einem Teil des Volkes (vornehmlich natürlich im Süden) mehrheitlich beklatscht als Retter der bedrohten Christenheit, von anderen dagegen lautstark gegeißelt als hemmungsloser Populist,  ja gleichsam leibhaftiger Gottseibeiuns, der sich nicht einmal scheue, bedeutendste religiöse Symbole in sein eigenes Machtstreben einzubinden. Keine Frage, die Aufregung im Land ist groß. Vorzugsweise in den Medien, und dabei – wen wundert´s? – allen voran wiederum in den (a)sozialen Netzwerken. Von Spaltung der Gesellschaft ist die Rede, von Ausgrenzung schallt es aus allen Kanälen, die Diskriminierung Andersdenkender wird schon mal vorsorglich beklagt – kurz, das ganze übliche Totschlag- und Sprechblasen-Vokabular deutscher Aufgeregtheit stürzt auf die Gesellschaft herein.

Es ist wirklich ein Kreuz mit dem Kreuz. Und die Krux ist, dass es sich halt nicht wehren kann, weil es von allen – gläubig oder nicht – vereinnahmt wird. Natürlich ist es doch gar keine Frage, dass Markus Söder auch (und wahrscheinlich sogar zuvorderst) die bevorstehende bayerische Landtagswahl im Blick hatte, als er seine Regierung gleich in ihrer ersten Sitzung beschließen ließ, dass künftig in den Eingangshallen aller öffentlicher Gebäude in Bayern ein Kruzifix angebracht werden solle. Demonstrative Unterstreichung der These, dass unser Land und seine Kultur christlich/jüdisch geprägt seien. Und wer will, kann darin  durchaus auch die Untermauerung der Seehofer-These erkennen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. So gesehen, ist die Kabinettsentscheidung zum Kreuz in der Tat politisch und wegen der zeitlichen Nähe selbstverständlich auch Teil des Wahlkampfes.

Flagge zeigen oder nicht?

Das kann man gut und richtig finden, oder auch nicht. Gelegenheit, die eigene Meinung auszudrücken, hat nun jeder stimmberechtigte Freistaatsbürger am 14. Oktober an der Wahlurne. Indessen, was ist eigentlich kritikwürdig daran, dass mit der Problematik um das Kreuz den Menschen ein Thema zum Nachdenken und zur Abstimmung vorgelegt wird, das letztendlich doch ihre eigene Lebensvorstellung einschließlich religiöser und weltlicher Glaubensfragen betrifft? Was ist daher verwerflich am Wahlkampf, der doch schließlich integraler Teil des demokratischen Systems ist? Und ganz zugespitzt gefragt: Wird den Parteien beim Werben um Stimmungen und Stimmen nicht regelmäßig vorgeworfen, sie drückten sich gerne um klare Aussagen und Positionierungen herum? Hier nun bezieht mal jemand dezidiert Stellung. Und dies in einer sich zunehmend säkularisierenden Zeit, in der sich viele als ewig gültig geglaubte Werte aufzulösen scheinen. Ist das nicht eigentlich des Lobes wert? Wie gesagt: Jeder kann dagegen sein und dagegen votieren.

Mehr noch – theoretisch könnte der aktuelle Streit um Söder, Bayern und das Kreuz ja sogar einen positiven Effekt haben. Wenn sich nämlich daraus eine ernsthafte öffentliche Debatte über den Kern und die Wurzeln entwickelte, aus dem unsere mitteleuropäische Gesellschaft hervorging, und aus denen sie sich noch immer im Wesentlichen speist. Dabei würde, zum Beispiel, sehr schnell erkennbar, dass etwa die gängige Berufung auf die christlich/jüdische Tradition keineswegs schnurgerade in unsere heutigen liberalen und weltoffenen Lebensvorstellungen führt. Und oft genug spielten bei den Irrungen und Wirrungen, den Aufs und Abs das Christentum und dessen wichtigstes Zeichen die entscheidende Rolle – das Kreuz. Aber die „Täter“ waren Menschen, und die Motive praktisch immer das Gieren nach Macht und Reichtum. Und zwar gleichgültig, ob bei der „Bekehrung“ der Sachsen durch Karl dem Großen, den Kreuzzügen ins Heilige Land, den diversen Pogromen gegen die Juden, beim Völkermord im Zuge der „Christianisierung“ Lateinamerikas, im 30-jährigen Krieg, bei den unsäglkchen Hexenverbrennungen und, und, und. Aber Kreuz und Religion waren eben nicht Ursache dafür, sondern stets frech konstruierter Anlass. Mächtige bemächtigten sich ihrer und gaben vor, “in ihrem Namen” zu handeln.

Vor Gott und den Menschen

Doch es gibt leider in Deutschland keine wirkliche, ausgeprägte, zivilisierte Diskussionskultur. Wo bleibt, beispielsweise, in dem lauten, hektischen, glaubenskriegsartigen und damit sinnlosen Geschrei („bist du für oder gegen die Kreuzaufhängung“) um die weltanschauliche Neutralitätspflicht des Staates  die Erinnerung an die Präambeln der bundesrepublikanischen aber auch der bayerischen Verfassung. Beide beginnen mit einem unübersehbaren Gott-Bezug. Wie heißt es im Grundgesetz? „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen… hat sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben“. Und noch deutlicher ist der Hinweis in der Verfassung des weißblauen Freistaats: „Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechts dauernd zu sichern, gibt sich das bayerische Volk… nachstehende demokratische Verfassung“.

Das sind Texte, auf die jedes Jahr tausende junger Deutscher – z. B. Soldaten und Beamte – ihren Treue-Eid gegenüber diesem Land und seiner Gesellschaft ablegen. Und zwar unabhängig von ihrem eigenen Glauben oder auch Nichtglauben. Denn dieser Staat und seine Verfassung fordern niemandem eine bestimmte Lebensform ab. Im Gegenteil, sie garantieren und schützen die Achtung und Überzeugung jedes Menschen. Das soll „spaltlerisch“ sein? Genau das Gegenteil ist der Fall. Man kann Markus Söder mögen oder nicht, dem Regierungsbeschluss zum Kreuz applaudieren oder genau das Gegenteil tun – für beide Einstellungen lassen sich trefflich Argumente ins Feld führen. Aber die Schreihälse an beiden Seiten des Meinungsspektrums sollten tunlichst aufhören, sich mit simplen Totschlagsbegriffen zu bombardieren. Denn sonst wird nie ernsthaft über das einzig Wichtige gesprochen werden – nämlich darüber, in welchem Deutschland und auf Grundlage welcher Werte wir als Gemeinschaft friedlich, zivilisiert und uns auch kulturell gegenseitig befruchtend leben wollen.