Auch die “Guten” waren schlimme Täter

„Die Kommissare“: Doku im Bonner Polizeipräsidium über Kripo im “Dritten Reich“

Von Gisbert Kuhn

Ausstellung „Die Kommissare. Kriminalpolizei an Rhein und Ruhr 1920 – 1950“ ©seppspiegl

Mythen gehören offenkundig zur Menschheit. Staaten und ganze Völker umgeben sich damit, aber auch bestimmte Gruppen. Selbst einzelne Personen lassen sich nicht selten mit einem Mythos bekränzen. Im Kern geht es zumeist darum, individuelles oder mehrheitliches Verhalten tunlichst positiv erscheinen zu lassen, eigene Charakterzüge und Taten möglichst zu glorifizieren und, entsprechend, gegnerische schlecht aussehen zu lassen herunterladen. Mit der Wahrheit hat solche Legendenbildung in der Regel nichts zu tun. Sehr viel, hingegen, mit der Absicht, durch die Verbreitung bewunderungswürdiger Heldenhaftigkeit die dunklen Seiten der persönlichen, vielleicht auch kollektiven Geschichte zu überdecken.

Jeder hat seine Legenden

Beispiele dafür sind zahlreich und überall zu finden. Vielen Franzosen, etwa, gefiel über lange Zeit das Bild, es habe während des Krieges eine gigantische Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung gegeben. Entsprechend groß war das (ungläubige) Entsetzen, als Historiker die breite Kollaboration und, nicht zuletzt, Mithilfe bei der Verfolgung und Deportation von Abertausenden jüdischer Mitbürger aufdeckten und dokumentierten whatsapp herunterladen apk. In den USA wurde literarisch und in Filmen die Besiedlung des Westens romantisch verklärt und erst seit relativ wenigen Jahren das gnadenlose Vorgehen gegen die indianische Urbevölkerung als Völkermord gebrandmarkt. Zu den belgischen Mythen, wiederum, gehört, dass die Staatsgründung 1830 angeblich die Folge einer spontanen Volkserhebung gewesen sei; als im Brüsseler Theaterbau bei einer Aufführung die Freiheitsarie der historischen Oper „Die Stumme von Portici“ erklungen sei, hätten sich die Besucher spontan erhoben und einen Aufstand gegen die Holländer entfacht. Hört sich schön an, ist aber ebenfalls eine Legende.

Nach der totalen Niederlage, dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes 1945 und der absoluten Diskreditierung Deutschlands in aller Welt gab es auch hierzulande ein starkes Bedürfnis für beschönigende Mythen winzip kostenlos downloaden chip. Und tatsächlich boten berufsgesteuerte Phantasie, geschickte Geschichtsklitterung und der Wunsch, sogar in einem total bösen Umfeld wenigstens partiell auf der Seite der „Guten“ zu stehen, Schlupflöcher für das eine oder andere Sagengeflecht. Und diese Mythen wurden geglaubt, lange und fraglos auch gern. Zum Beispiel die Legende von der – im Gegensatz zur verbrecherischen SS – „sauberen und fairen Wehrmacht“, die immer tapfer und, vor allem, ritterlich gekämpft habe. Oder die (nicht minder populäre) Fabel von der Polizei – in Sonderheit der Kripo -, die (anders als die skrupellos-mörderische Gestapo) auch in den dunkelsten Zeiten der braunen Diktatur stets nur brav ihre Arbeit getan habe netzkino app herunterladen.

Die Mär von den „Guten“ und den „Bösen“

Ausstellung „Die Kommissare. Kriminalpolizei an Rhein und Ruhr 1920 – 1950“ ©seppspiegl

Die Mär von der sauberen Trennung zwischen den „Guten“ hier und den „Bösen“ dort hat sich lange gehalten in Deutschland. Es gab, über Dekaden, ja auch genügend Zeit-„Zeugen“, die das bekundeten und dabei zugleich die eigenen Hände in Unschuld wuschen: Richter, die nach 1945 weiter beschäftigt wurden, obwohl sie zuvor – zum Beispiel – als Beisitzer beim „Volksgerichthof“ bedenkenlos Todesurteile gegengezeichnet hatten microsoft essentials herunterladen. Oder Staatsanwälte, Wehrmachtsoffiziere, Ärzte, Polizisten… Nicht wenige davon schrieben sogar bemerkenswerte Bücher über ihren Berufsstand im „Dritten Reich“. Wobei allerdings das eigene Tun in aller Regel ausgeklammert war. Mittlerweile haben Historiker sowohl bei der Wehrmacht als auch bei der Polizei diese freundlichen Kulissen beiseitegeschoben. An vielen Beispielen ist – unzweifelhaft – nachgewiesen, dass keineswegs nur SS-Schergen vor allem in Osteuropa für Massenerschießungen verantwortlich waren, sondern auch „normale“ deutsche Soldaten und abkommandierte Polizei-Bataillone, deren Angehörige zuvor als „Freund und Helfer“ der heimischen Zivilbevölkerung Dienst getan hatten Download adobe acrobat professional 7 for free.

Prof. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstaette Duesseldorf, bei der Einleitung ©seppspiegl

Im Bonner Polizeipräsidium beschäftigt sich exakt zu diesem Thema momentan eine zwar kleine, aber dennoch höchst bemerkenswerte Präsentation mit dem Titel „Die Kommissare. Kriminalpolizei an Rhein und Ruhr 1920 – 1950“. Es ist eine Wanderausstellung, unter dem Patronat von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, erarbeitet und zusammengestellt von dem Historiker und Leiter der Düsseldorfer Mahn – und Gedenkstätte, Prof galaxy themes herunterladen. Bastian Fleermann. Bemerkenswert nicht zuletzt deshalb, weil die Schau auf einer ebenso einfachen wie überzeugenden Idee fußt. Erstens: Die Tatorte – es geht um die ehemaligen Kripo-Leistellen Köln und Düsseldorf – sind für die Besucher überschau- und von daher begreifbar. Zweitens: Auf Stellwänden, mithilfe historischer Fotos und Dokumenten sowie anhand biografischer Beispiele, sind sowohl die Entwicklung des Polizeiwesens an Rhein und Ruhr in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts leicht nachzuvollziehen als auch – wichtiger noch – Antworten auf die Frage zu finden, wie und warum brave Beamte letztendlich zu Tätern wurden. Sich also rechtlich wie moralisch exakt jenen zuordneten, die zu bekämpfen sie doch eigentlich angetreten sind – nämlich Verbrechern.

Von Modernisierung bis Gleichschaltung

Was den Besucher hier erwartet, ist nicht weniger als die Geschichte einer fatalen Entwicklung – eine Chronologie von polizeilichem Elan und technischem Fortschritt über Frustration und gefühlte Demütigung bis zur ideologischen und organisatorischen Gleichschaltung und letztendlich willfährigen Wandlung von Beschützern zu Tätern download steam games. Da ist die Zeit des Einzugs von Wissenschaft und technischem Fortschritt bei den Sicherheitsbehörden. Jene Epoche, in der nicht mehr nur Männer mit ausgebeulten Jacketts im Schulterbereich durch die Flure der Präsidien eilen, sondern Chemiker und Physiker in weißen Mediziner-Mänteln in Laboren auf Täter-Jagd gehen. In denen Haarproben und Fingerabdrücke sowie Analysen in Reagenzgläsern die entscheidenden Hinweise bei Einbrüchen und Großbränden liefern. Es sind die Jahre, in denen die Kriminalpolizei der Großstädte so genannte Mord-Autos zur Verfügung gestellt bekommt, die mit allem ausgestattet sind, was für eine exakte Erst-Untersuchung an Tatorten vonnöten ist.

Überschrift in einer Zeitung, Oktober 1959 ©seppspiegl

Am denkwürdigsten ist freilich Fleermanns These (nein, eigentlich Erkenntnis), dass vor allem ein Ereignis die politische und gesellschaftliche Denk- und Einstellungsweise der Polizei in der seinerzeitigen preußischen Rheinprovinz beeinflusst habe – der Fall des Serienmörders Peter Kürten, der damals in ganz Deutschland hohe Wellen geschlagen hatte musik von youtube herunterladen heise. Es dauerte drei Jahre bis zu dessen Festnahme, weil die Sicherheitsbehörden in die falschen Richtungen ermittelt hatten und sich in diesem Zusammenhang sogar gefallen lassen mussten, dass ihnen die preußische Regierung dafür den bekannten Berliner Kriminalrat Ernst Gennat (genannt „der Dicke“ und dargestellt in der TV-Kultserie „Babylon Berlin) in Düsseldorf vor die Nase setzten. Das wurde als tiefe Schmach empfunden. Umso befreiender – so Fleermann – war es für die so „Bestraften“, von den neuen Machthabern 1933 freie Hand zum „richtigen Durchgreifen“ zu erhalten. Und zwar vor allem in der Szene, die auch in der bürgerlichen Gesellschaft bis heute nicht wohl gelitten war: Prostituierte, so genannte Arbeitsscheue, Kleinkriminelle, „Zigeuner“ usw snapchat story. Sie, ermittelte der Historiker, stellten daher sogar über Jahre den größten Teil der KZ-Insassen in Deutschland.

Bereit für den Einsatz im Osten

Kripobeamte im Mord-Einsatz in Russland, Polen und der Tschoslowakei ©seppspiegl

Natürlich gab es auch bei der Kripo Ausnahmen. Wenngleich Fleermann bei seinen Recherchen nur wenige fand. Solche, wie etwa den Bad Godesberger Kommissar Otto Kessel (1893 – 1984), dem später Zeugen bestätigten, mehrfach politische Regimegegner vor der Verfolgung gewarnt und sogar Juden vor der Deportation in Vernichtungslager bewahrt zu haben. Seit 17 Jahren steht Kessels Name auf der Straßenbenennungsliste der Stadt Bonn. Benannt wurde freilich noch immer keine Straße nach ihm. Zur damaligen „Normalität“ gehörte stattdessen, dass sich auch die Kripo an Rhein und Ruhr zur willigen Helferin der Nationalsozialisten machen ließ. Die Dokumentation im Bonner Polizeipräsidium zeigt auf – nach 1940 wurden zahlreiche Kriminalbeamte nicht zuletzt in die von Deutschen besetzten Gebiete im Osten entsandt, wo zudem spezielle Polizei-Bataillone zusammen mit SS und anderen Helfern ihre mörderischen Werke vollbrachten.

Die Wanderausstellung ist, so heißt es, ausgebucht. NRW-Innenminister Herbert Reul möchte insbesondere junge Menschen und unter denen speziell die Anwärter-Generation für den Polizeidienst ansprechen. Damit trifft er genau auch die Erwartung der Bonner Polizeiführung. Von einer „Dokumentation des Versagens“ spricht deren Dienststellenleiter Alexander Koch. Und fügt hinzu: „Gewaltherrschaft ist kein Thema der Vergangenheit“. Prof. Bastian Fleermann, der Schöpfer der Präsentation, gibt indessen mit einem persönlichen Erlebnis Stoff zum Nachdenken. Am Ende einer Sonderführung für Erwachsene habe ihm jüngst ein Teilnehmer gesagt: „Das war sehr eindrucksvoll. Wobei ich mich ernsthaft frage, wie hätte ich selbst wohl in jener Zeit gehandelt“. Seine (Fleermanns) Antwort sei gewesen: „Diese Frage ist für mich völlig nebensächlich. Wichtig ist allein die Antwort auf die Frage ´Wie verhalte ich mich heute´“…

Interessierte und Besucher der Ausstellung müssen sich vorab per e-mail bei Oeffentlichkeitsarbeit.Bonn@polizei.nrw.de anmelden.

 

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