Dieter Weirich

Was für ein Tag, der 9. November! Ein schicksalsträchtiges Datum in der deutschen Geschichte. Freude und Dankbarkeit, aber auch tiefe Scham und Nachdenklichkeit über die Zerbrechlichkeit von Demokratien verbinden sich mit diesem Tag. Der Fall der Berliner Mauer vor 31 Jahren, die brennenden Synagogen des braunen Unrechtsregimes in der „Reichskristallnacht“ 1938, der Marsch der rechten Horden 1923 zur Feldherrnhalle in München und die Geburtsstunde der Weimarer Republik mit dem Ende der „November-Revolution“ 1918. Das sind vier historische Ereignisse, die den 9.November in den Geschichtsbüchern markieren.

Die Bilder vom Mauerfall sind den meisten von uns noch frisch in Erinnerung. Die Menschen stürmten vom Osten in den Westen, lagen sich in den Armen, feierten gemeinsam. Auch wenn die Öffnung vielleicht unfreiwillig in der legendären Pressekonferenz von Günter Schabowski geschah, die Teilung war nicht länger aufzuhalten. Der Zug in Richtung staatliche Einheit hatte sich in Bewegung gesetzt. Heute können wir nach dem Zusammenwachsen die deutsche Vereinigung in Freiheit als eine Erfolgsgeschichte sehen.

Die Bilder von der brennenden Börneplatz-Synagoge in Frankfurt 1938  sind das schändliche Symbol der Pogrome gegen Juden in ganz Deutschland. Frankfurt hatte als die „jüdischste Stadt des Landes“ – so Bürgermeister Uwe Becker – in den dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch über 30 000 jüdische Mitbürger. Die Brandschatzungen und Plünderungen jüdischer Einrichtungen waren nur der Höhepunkt einer von Judenhass getriebenen Kampagne, die über Schikane, Berufsverbote und Boykotte bis zur “Arisierung” von Unternehmen reichte. Auch wenn man eine Kollektivschuld verneint, so muss uns doch alle  Scham über die entsetzlichen Verbrechen an unseren jüdischen Mitbürgern befallen.

Dabei hatten die Deutschen zwei Jahrzehnte zuvor  mit der Ausrufung der Republik nach Abdankung des Kaisers einen demokratischen Neuanfang gewagt. “Das Alte, das Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik“,  hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Fenster des Reichstages seinen Landsleuten zugerufen. Er kam damit dem Spartakisten Karl Liebknecht zuvor, der die „Freie Sozialistische Republik“ – die “Räterepublik” – proklamierte.

Das demokratische Experiment scheiterte, wie man weiß. Die Weimarer Republik ging nicht zuletzt an ihrer instabilen Verfassung, den vielen Splitterparteien, dem Dauerstreit um den Versailler Vertrag und dem  Regieren mit Notverordnungen zu Grunde. Die skeptische Einstellung des Staatsapparates und der Justiz gegenüber der Demokratie und  der anhaltende politische Terror  machten das Land sturmreif für die Nazis. Der 9. November regt deshalb zum Nachdenken über Demokratien schlechthin an. Ohne kämpferische und abwehrbereite Demokraten können freiheitliche Ordnungen nicht bestehen. Eine Mahnung, die gerade heute gilt.

 

Dieter Weirich (Jg. 1944), gelernter Journalist, kommentiert an jedem Montag mit spitzer Feder seine Sicht auf das aktuelle Geschehen bei uns in rantlos; mit freundlicher Genehmigung der “Frankfurter Neuen Presse”. Weirich war von 1989 bis 2001 Intendant des deutschen Auslandsrundfunks Deutsche Welle. Zuvor gehörte er eineinhalb Jahrzehnte als CDU-Abgeordneter dem Hessischen Landtag und dem Deutschen Bundestag an, wo er sich als Mediensprecher seiner Partei und als Wegbereiter des Privatfernsehens einen Namen machte. Außerdem nahm er Führungspositionen in der PR-Branche in Hessen wahr. Weirich, der sich selbst “als liberalkonservativen Streiter” sieht, gilt als ebenso unabhängig wie konfliktfreudig. 

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