Eine Zusatzbestimmung erlaubt die Heirat mit 15, wenn der Vater der Braut ein ärztliches Zeugnis vorlegt, das die medizinische Reife der Tochter attestiert.

Während ein immer bedeutenderer Teil der Frauen im Irak nach vorne schreitet und selbstbestimmt ihre Rechte einfordert, spielt sich parallel dazu ein Drama ab, was oft im Verborgenen bleibt. Immer mehr Minderjährige heiraten, werden verheiratet. Junge Mädchen sind die Hauptopfer der Umwälzungen, die das Land zwischen Euphrat und Tigris gerade durchmacht.

„Als meine Tante mir ihre 13-jährige Tochter Aziza zur Frau anbot, dachte ich, ich höre nicht richtig.“ Mustafa war damals 26, als er seine wesentlich jüngere Cousine heiraten sollte. „Der Altersunterschied war mir zu groß“, begründet er zwei Jahren später seine Ablehnung. Er kenne Männer in seinem Alter, die sich daran ergötzen, dass ihre zukünftigen Frauen noch mit Puppen spielen, erzählt der Iraker. Dem könne er nichts abgewinnen. Dass Aziza minderjährig und noch ein Kind ist, ist nichts Außergewöhnliches. „Das ist hier häufig so“, meint Mustafa. In Tuz Khurmatu gäbe es viele Ehen mit jungen, sehr jungen Frauen. Allein in seinem Familien- und Bekanntenkreis könne er mindestens zehn aufzählen. Auch seine Mutter hat mit 14 geheiratet.

Doch die vielen Ehen mit Minderjährigen in Tuz Khurmatu auf die Wirren in Zeiten des IS-Terrors zu schieben, ist zu kurz gegriffen.

Die Stadt mit knapp 60.000 Einwohnern liegt etwa 90 Kilometer südlich der nordirakischen Ölmetropole Kirkuk und 175 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad entfernt. Hier leben alle Volksgruppen Iraks zusammen: Kurden, Araber, Turkmenen und Assyrer. Im April 2016 geriet die Stadt in die Schlagzeilen, weil sich in Tuz Khurmatu ein Vorgeschmack dessen bot, was nach dem Sieg über die Terrormiliz IS im Irak passieren könnte. Eine Woche lang kämpften die Einwohner gegeneinander: Turkmenen aus dem Zentrum von Tuz und den südlichen Stadtteilen feuerten auf Kurden im Norden, während Kurden Wohnblocks von Turkmenen anzündeten und die Araber die Flucht ergriffen. Dutzende verloren ihr Leben, bevor ein mit iranischer Hilfe verhandelter Waffenstillstand das Blutvergießen vorerst beendete. Anfang Mai entflammte der Konflikt erneut, eskalierte jedoch nicht. Zwar war die Stadt selbst nicht vom IS eingenommen worden, aber ringsherum herrschte das Kalifat.

Doch die vielen Ehen mit Minderjährigen in Tuz Khurmatu auf die Wirren in Zeiten des IS-Terrors zu schieben, ist zu kurz gegriffen. Die Stadt steht stellvertretend für den gesamten Irak. Überall, auch in IS-freien Gebieten, stößt man zwischen Euphrat und Tigris auf Mädchen, die mit erheblich älteren Männern verheiratet werden, oder auf Kinderehen, bei denen beide Partner noch minderjährig sind. Das ist im Irak längst zum Phänomen geworden – in Dörfern wie in Groß- und Kleinstädten.

So schrieb die Journalistin und Filmemacherin Zahraa Ghandour schon vor den Eroberungszügen der Dschihadisten in einem Beitrag über die zunehmenden Hochzeiten mit Minderjährigen. „Viele irakische Familien zwingen ihre minderjährigen Töchter zur frühen Heirat“, steht dort. Manche würden das harte Leben, die vielen Kriege seit 1980 und das Embargo in den 1990er Jahren dafür verantwortlich machen. Andere wollten einen Blutzoll nach einer Stammesfehde mit der Verheiratung ihrer minderjährigen Tochter bezahlen. Wieder andere beglichen mit dem Brautgeld ihre Schulden. Das alles geschehe auf dem Rücken der jungen Mädchen, sagt Zahraa Ghandour heute. „Sie sind die Hauptopfer der dramatischen Umwälzungen in diesem Land.“

Eine Zusatzbestimmung erlaubt die Heirat mit 15, wenn der Vater der Braut ein ärztliches Zeugnis vorlegt, das die medizinische Reife der Tochter attestiert.

Eine von fünf Neuvermählten ist unter 18 Jahre alt, wie eine 2014 veröffentlichte Statistik der Vereinten Nationen aufzeigt. Dabei schützen die irakischen Gesetze die Mädchen. Das gesetzliche Heiratsalter ist auf 18 Jahre festgeschrieben. Ausnahmen bestimmen jedoch die Regel, eine gängige Praxis in orientalischen Ländern. Eine Zusatzbestimmung erlaubt die Heirat mit 15, wenn der Vater der Braut ein ärztliches Zeugnis vorlegt, das die medizinische Reife der Tochter attestiert. Die Eheschließung wird dann von einem islamischen Geistlichen vorgenommen und erst beim Standesamt eingetragen, wenn die Frau das 18. Lebensjahr erreicht hat. Doch selbst diese Bestimmung wird mehr und mehr unterlaufen. Ehefrauen, die 14, zwölf und sogar elf Jahre alt sind, sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Besonders schiitische Geistliche haben in Moscheen Heiratsbüros eröffnet, wo sie Minderjährige über die Heirat beraten. Vor fünf Jahren, noch vor der Terrorherrschaft des IS, legte der damalige Innenminister dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der das heiratsfähige Alter für Mädchen auf neun Jahre herabsetzen sollte. Ein gesellschaftlicher Aufschrei war die Folge. Frauenrechtsgruppen, Menschenrechtsgruppen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen liefen Sturm gegen den schiitischen Imam Jafaari, den Initiator des Entwurfs. Nach dem Regierungswechsel war der Entwurf vom Tisch. Trotzdem steigt die Zahl der Kinderbräute bis heute kontinuierlich an.

Am Haupteingang des mit 60.000 Menschen größten Flüchtlingslagers Domiz bei Dohuk in Irak-Kurdistan herrscht eine merkwürdige Stimmung. Inmitten der provisorisch zusammengezimmerten Baracken, Wellblechhütten und Wohncontainern versammeln sich kurz vor Sonnenuntergang schick gekleidete und üppig geschminkte junge Frauen und Mädchen zu einer Verlobungsfeier. Keine ist über 18 Jahre alt. Schüchtern erzählt die eine, dass sie nun ihren zukünftigen Ehemännern vorgestellt werden. Glücklich sehen sie dabei nicht aus. Die Mutter rechtfertigt die Einwilligung. „Was sollen wir denn tun? Wir müssen doch irgendwie überleben“, sagt sie. Hilfsorganisationen registrieren schon länger eine drastische Zunahme von Kinderehen in Flüchtlingslagern. Viele Eltern sähen im Brautpreis einen Ausweg aus der Armut. Andere meinen, dass ihre Töchter besser vor Belästigungen und sexueller Gewalt geschützt seien, wenn sie verheiratet sind. Durch die mangelnde Privatsphäre in den Lagern und die oft gemeinsame Nutzung von Toiletten und Duschen würden Mädchen unzüchtigen Männern ausgesetzt, die nicht zu ihrem familiären Kreis gehörten. Für die internationale Organisation „Save the Children“ liegt ein weiterer Grund in der fehlenden Bildung, die die Eltern dazu treibt, ihre minderjährigen Töchter zu verheiraten. Manche hoffen, dass der Ehemann für die weitere Bildung der Frau sorgen werde. Denn durch eine Ehe geht das Sorgerecht des Vaters auf den Ehemann über und die Familie hat eine Sorge weniger.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch “Mörderische Freiheit: 15 Jahre zwischen Himmel und Hölle im Irak” von Birgit Svensson (Herder Verlag, 2018).

Birgit Svensson berichtet aus dem Irak unter anderem für Die Welt, Die Zeit und den Deutschlandfunk. Sie gehörte zu den ersten westlichen Journalisten, die nach der Großoffensive im November 2004 die Stadt Falludscha besuchten und war als erste deutschsprachige Journalistin beim Sondertribunal für die Verbrechen Saddam Husseins zugelassen.