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“Ich schäme mich jeden Tag”

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“Ich schäme mich jeden Tag”

Die Sonne scheint durch das Fenster auf den Esstisch der 3-Zimmer-Wohnung. Mir gegenüber sitzt Eberhardt Kramer (58) und stützt den Kopf auf seine Hände. „Ich schäme mich jeden Tag. Vom Augenblick an, da ich aufwache, bis zu der Sekunde, in der ich einschlafe“, sagt er mit fester Stimme und seine Augen schauen in meine. “Ich hoffe, Sie können das jetzt verstehen“, fügt er hinzu. Zuvor haben wir zwei Stunden über sich, seine Familie und die Situation derer gesprochen.

Dipl.-Ing. Eberhardt Kramer (Name geändert) muss jetzt los, denn er fährt als Minijobber für ein Dentallabor Zahnprothesen und die Vorstufen dazu von Arztpraxen ins Labor und zurück. Diese Tätigkeit übt er seit knapp einem Jahr aus. Seine Ehefrau Sylvia (Name ebenso geändert) hat ihm noch ein Rezept hingelegt, das er bitte noch aus der Apotheke holen möge. Sie selbst arbeitet als Technische Zeichnerin seit über vier Jahren für ein Konstruktionsbüro, allerdings als Angestellte einer Leiharbeitsfirma. Diese Tätigkeit wird durch Projektverträge und Kündigungen des Leihvertrages für die Zeit des Urlaubes der Ehefrau anscheinend legal ins Endlose betrieben. Denn tatsächlich arbeitet Sylvia (53) als ausgeliehene Kraft am selben Arbeitsplatz seit vier Kalenderjahren.

Marktbereinigung – aufgekauft und abgewickelt

Eberhardt Kramer arbeitete als Maschinenbauingenieur bis zum März 2009 als Produktionsleiter eines mittelständischen Automobilzulieferers. Dieser wurde 2005 an einen Konzern verkauft und vier Jahre später mit vollen Auftragsbüchern in die Insolvenz geschickt. 360 Mitarbeiter waren arbeitslos. Eine Auffanggesellschaft milderte für 120, zumeist ältere Beschäftigte, den Weg in die Arbeitslosigkeit für sechs Monate zu 70 Prozent des letzten Nettogehaltes ab. Von seinem ehemaligen Nettogehalt von etwa 3.700 Euro blieben für das halbe Jahr 2.600 Euro über. Danach gab es das so genannte Arbeitslosengeld I in Höhe von 2.194 Euro für den Zeitraum von 15 Monaten. Arbeitslosengeld II, das berühmte „Hartz IV“, hat die Familie nie beantragt, auch nicht geprüft, ob sie einen Anspruch auf Wohngeld hätte.

Bewerbung

63 Bewerbungen – alles umsonst!

Die Jahre 2009 bis 2011 waren für die Familie eine Achterbahn. In dieser Zeit setzten sie alles daran, nicht auf der Rutschbahn in Richtung sozialem Abstieg ohne Haltepunkt die Kontrolle zu verlieren. 2009 steckte die Tochter (damals 21) mitten im Studium der Rechtswissenschaften und ihr drei Jahre älterer Bruder machte sich gerade daran, seine Abschlussarbeit an der Filmhochschule zu konzipieren. Nach sechs Monaten und 63 Bewerbungen, auf die zwei Gespräche, fünfzehn Antworten und 48 Nichtreaktionen erfolgten, war der Familie klar: Es gibt keinen Job mehr für den Vater. Jedenfalls keinen, der es erlaubt, dass die Kinder finanziell in dem Maße unterstützt werden können, wie bisher. Das Haus, in dem die Familie damals seit elf Jahren lebte, hatte noch eine Hypothek in Höhe eines Ex-Jahresgehaltes von Eberhardt Kramer im Grundbuch stehen. Hierbei hatten sie noch Glück, denn ein Jahr vorher konnten sie die notwendige Umfinanzierung noch problemlos darstellen.

Hausverkauf als Reißleine

Die Familie saß oft zusammen und rechnete. Das immer gleiche Ergebnis: Ohne weitere Einkünfte ist die Situation nicht zu halten. Sylvia Kramer wurde zu allemBanner-neu Unglück noch schwer krank. Diagnose Krebs. Operation, Chemo, das volle Programm. Der drahtige, sportliche Mittfünfziger stand vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. „Ich bin oft aus der Klinik von meiner Frau direkt aufs Rennrad und habe dort bis zu hundert Kilometer abgespult. Und glauben Sie mir, oft genug unter Tränen.”

Mitte des Jahres 2010 fasst die Familie einen schweren Entschluss. Das „Arbeitslosengeld I“ lief Ende 2010 aus. Das war die „deadline“ für alle und alles. Das “Hartz IV” kam für die Kramers nicht in Frage. Die erfolgreiche gesundheitliche Rekonvaleszenz von Frau Kramer war der einzige Lichtblick in jener Zeit. Die Kinder zogen aus und lebten nun fast ausschließlich in ihren Universitätsstädten. Für den Sohn, der sowieso mehrere hundert Kilometer entfernt studierte, war es weniger eine Veränderung, als für die Tochter, die bis dahin daheim wohnte. Das Haus wurde verkauft und fand einen marktangemessenen Preis. Die Eheleute mieteten diese Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie heute leben. Sylvia Kramer nahm dann über eine Leiharbeitsfirma den Job an, den sie heute noch bekleidet. Sie ist der „Ernährer“ der Familie geworden.

Zu alt, zu teuer – zu lange arbeitslos

arbeitslos

Man ist nur noch ein Schatten seiner selbst!

Der Diplomingenieur durchstöbert regelmäßig Datenbanken von Jobanbietern und Zeitungen. Er hofft darauf, irgend etwas zu finden, was seine Frau entlastet. Beide haben die heimliche Angst, dass der Krebs irgendwann zurückkommt. „Wenn man sich etwas damit auseinandersetzt, dann stößt man darauf, dass derartige Mutationen der Zellen von solchen Dingen angestoßen werden können.“, sagt der Mann mit den klaren blauen Augen. Er trägt schwer daran, dass er das Schicksal nicht hatte verhindern können. Die Frage nach einer “Mitschuld” ist natürlich sinnlos. Desgleichen das Grübeln, ob die Ursache der Krebserkrankung möglicherweise mit den belastenden Umständen zusammenhängen könnte ob das auch noch nachzuweisen wäre. All diese Überlegungen sind völlig unerheblich für die Familie.

„Das Schlimmste ist, man fühlt sich so ausgeliefert. Ich mache mir nichts vor. Jetzt mit 58 reden Bekannte davon, ob ich nicht über eine Krankheit in die Frühverrentung gehen könnte. Das ist nicht mein Weg. Ich bin froh, dass ich alles soweit gesundheitlich gut überstanden habe“, offenbart mir der Ingenieur seine Gedanken. „Wenn ich Ihnen erzähle, wo ich mich alles schon um einen Job bemüht habe und was ich da erlebte, dann schlagen Sie die Hände über dem Kopf zusammen. Ab Mitte Vierzig ist man offensichtlich aussortiert. Wenn ich da das Gerede vom demografischen Wandel und Fachkräftemangel höre, da bekomme ich Wut.” Eberhardt Kramer hat sich in einem Beratungsverein engagiert, der als Anlaufpunkt für ältere gut ausgebildete Menschen online arbeitet und auch Menschen unterstützt, die ihre selbstständige Existenz verloren haben. „Diese Altersdiskriminierung, gerade im Arbeitsleben, ist ein unhaltbarer Zustand. Wer im Betrieb ist, der kann über das gesetzliche Rentenalter hinaus oft bleiben. Aber von außen ist das kaum möglich“, berichtet der agile Mann.

Ab 58 quasi arbeitsmäßig tot

Ein Personalchef, bei dem er sich Chancen ausrechnete, erklärte in einem Telefonat, dass er ihn gern einstellen würde, aber die Fachabteilungen und der Betriebsrat sähen einen jüngeren lieber. Solche offenen Auskünfte seien aber die Ausnahme. Außerdem ist es nach einem Jahr Arbeitslosigkeit fast unmöglich, eine qualifizierte Arbeit zu bekommen, beklagt nicht nur mein Gesprächspartner. Langzeitarbeitslos ist das Stigma. „Da kamen dann Tipps in dieser Auffangstation, wie ich sie nannte, wie ich einen Aushilfsjob in einer Druckerei im Lebenslauf “aufwerten” solle. Nämlich, den Eindruck erwecken, ich hätte auf alle Fälle „am Ball bleiben wollen!“. „Die Administration und weite Teile der Gesellschaft lügen sich hier etwas in die Tasche“, ergänzt er noch.

Arbeitslose über 50Der Anteil der über 50-Jährigen bei den Arbeitslosen ist auf 23 Prozent in 2013 angestiegen. Aktuell, im Juni 2015, haben fast eine Millionen Menschen über 50 Jahre keine Arbeit. Das sind allerdings nur die, die “gemeldet” sind. Darunter fällt mein Gesprächspartner nicht, er ist ja nicht mehr gemeldet. Seriöse Quellen gehen davon aus, dass sogar 30 Prozent mehr Menschen in dieser Altersgruppe ohne eine Arbeit sind. Sie sind ganz einfach klammheimlich aus der Statistik verschwunden – oft aus Scham. Über die offiziellen Zahlen und die, die darin gar nicht als arbeitslos aufgeführt werden, soll hier nicht geschrieben werden. Dazu muss man wissen, dass ein Arbeitsloser ab dem 58. Lebensjahr gar nicht mehr vermittelt wird und im Nirwana der Arbeitsverwaltung verschwindet.

„Diese Hilflosigkeit, an der Situation kaum etwas ändern zu können, ist schrecklich. Meine Planung, für meine Familie zu sorgen ist zerstört. Ganz sicher nicht durch Unwillen oder Faulheit. Dieser Zustand ist schwer zu ertragen. Ich schäme mich jeden Tag, aussortiert zu sein“ sagte Eberhardt Kramer nochmal beim Abschied. Ich selbst, in einem ähnlichen Alter, fahre sehr nachdenklich zu  meinem Schreibtisch zurück – in der Gewissheit, dass mich  auch keiner mehr anstellen würde….

Paul Pawlowski