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Anklopfen beim Krauter

rantlos: Warum bilden Sie gerne aus?

 “Ich bin in der Mitte angekommen.”
Foto: Dieter Buchholtz

Hampel: Das Ausbilden ist mir in der Tat nicht nur in Reisenden-Kreisen, sondern auch im Betrieb sehr wichtig. Es tut ja gut, wenn man hin und wieder bei der Innung eine Auszeichnung bekommt, weil ein Lehrling gut abgeschnitten hat. Das ist mehrfach passiert. Dann steckt man auch noch mehr Energie da rein. So habe ich mir inzwischen auch einen passablen Ruf erarbeitet. Das nehme ich wiederum als Herausforderung, es noch besser zu machen.

rantlos: Sind Sie auf irgendetwas in der Tischlerei spezialisiert?

Hampel: Angefangen habe ich als Öko- und Massivholzschreiner. Die Oberflächenbehandlung waren dann immer Öle und Wachse. Das habe ich konsequent über 20 Jahre durchhalten können. Seit vier Jahren ist der Betrieb relativ schnell auf diese Größe gestiegen. Von damals zwei bis drei Mitarbeitern auf zehn bis zwölf. Die kriege ich nicht mehr alle mit Öko-Arbeit gefüttert. Dennoch bin ich in Bonn nach wie vor bekannt als der Massivholz- und Öko-Schreiner. Auch bei den Reisenden. Ich werbe damit. Jedoch läuft inzwischen der Umsatz zur Hälfte mit konventioneller Schreinerei.

Romantik bei den alten Meistern und Moderne

rantlos: Handwerk wird ja immer moderner. Wenn ich aber die Leute auf der Tippelei betrachte, könnte man mutmaßen, dass die noch am Alten hängen. Wie stellt sich diese Schnittstelle dar?

Hampel: Diesen Konflikt erlebe ich sehr deutlich im Alltag. Das fängt mit unseren Prüfungen an, die noch sehr mittelalterlich abgehen. Da wird auf ein Berufsfeld hin geprüft, das es schon seit hundert Jahren nicht mehr gibt. Trotzdem wird so ausgebildet und geprüft. Auf der anderen Seite versucht die Werbung für das Handwerk die jungen Leute mit Facebook sehr zeitgemäß zu locken und zu binden. Das ist gut so. Denn wir haben ja auch Maschinenparks, die sich hinter keiner hochtechnisierten Industrie verstecken müssen.

Ich war gestern in einer Schul-Werkstatt. Zwanzig PC, zwanzig Bildschirme und eine Glaskiste, in der die Fräse spazieren fährt. Die Auszubildenden sitzen drum herum. Dann wird jeder aufgerufen und lässt die Fräse gemäß seiner Programmierung laufen. Das ist heute Alltag für einen Auszubildenden. Da sind wir am Puls der Zeit. Dann aber müssen die in den Prüfungen Schwalbenschwänze schneiden mit Werkzeugen, die sie vorher noch gar nicht in der Hand hatten, weil es die in den Betrieben gar nicht mehr gibt. Das ist altertümlich.

rantlos: Wer ist denn dafür verantwortlich?

Hampel: Das hängt mit einem großen Bedürfnis nach Romantik bei den alten Meistern zusammen. Das züchten sie auch bei den jungen Handwerkern heran. Keiner macht sich Gedanken darüber, dass sie es vernachlässigen, in modernen Dingen auszubilden und zu prüfen. Die reisen ein bisschen hinter der Zeit her. Letztlich aber wehren sie sich nicht gegen die Moderne. Und dann guck´ ich mir die Reisenden in ihrer Kluft an. Es ist ohne weiteres möglich, einen Reisenden an eine programmgesteuerte Formatkreissäge zu stellen und mit ihm am Bildschirm zu fachsimpeln. Der kommt damit zurecht. Die sind eben nicht von gestern. Jeder Reisende hat einen USB-Stick in der Tasche und eine E-Mail-Adresse. Die können mit Excel-Tabellen teilweise geschickter umgehen als ich. Die haben keine Berührungsängste.

Zwischendurch unterbricht uns eine Auszubildende. Sie stellt einige Fragen. Hampel antwortet sehr freundlich, aber auch bestimmt und klar strukturiert. Das äußerlich leger wirkende alternative WG-Leben verträgt sich offensichtlich gut mit der erfolgreichen Führung eines gewachsenen mittelständischen Betriebes. Hampel lächelt: „Ich bin ja ganz links alternativ gestartet, jetzt aber in der Mitte angekommen. Ich bin zwischen den Innungsmeistern aktiv, habe eine eigene Werkstatt und ein Häuschen. Richtig spießig.“ Und so nimmt er auch mit viel Erfolg für seinen Betrieb die traditionsbewussten und dennoch modernen Wandergesellinen und -gesellen auf. Er pflegt „das bisschen Öko, was noch geblieben ist“. Als Krauter bleibt er sicherlich noch einige Zeit Ansprechstelle für die Wanderer in einer alten Tradition. Und wieder donnert ein Zug an dieser erfolgreichen Handwerksidylle vorbei. Ich tippele aus dieser Holzwelt heraus und spüre ein wenig von dem sprichwörtlichen goldenen Boden…

Das Gespräch führte Dieter Buchholtz

Info

Mehr über Wandergesellen in rantlos.de unter:

Trippelei bis Sansibar

 

Zwischen Politik und Poesie

Sunna Huygen macht seit zwei Jahren „als 32jährige Frau in Deutschland“ Kabarett zwischen Politik und Poesie. Sie nimmt mal das Thema Handwerk aufs Korn, aber es dürfen auch der Pferdefleisch- oder andere Skandale sein. Sie lebt heute im niedersächsischen Wendland und befindet sich in der Transformation aus dem Tischlerhandwerk heraus in eine Karriere als Kabarettistin. Im Moment stehen aber ihre handwerklichen Tätigkeiten und die Bühnenkunst noch gleichwertig nebeneinander. Auf jeden Fall möchte sie „als 50-Jährige nicht mehr auf dem Dach stehen.“ Übrigens hat sie viel Berufs- und Lebenserfahrung in viereinhalb Jahren auf ihrer Tippelei erworben. (s. a. den rantlos.de-Bericht  „Tippelei bis Sansibar“). Und wer mal bei ihr ins Kabarett-Programm reinschauen will, der findet Video-Ausschnitte auf ihrer Homepage http://www.sunna-huygen.de oder unter  http://www.youtube.com/watch?v=dQn1Cns4A2c

bu

 

 

 

 

 

 


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