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„Wir brauchen Vorbilder, die nicht perfekt sind“

Simone Menne ist in vielerlei Hinsicht eine Pionierin: Die 57-Jährige war die erste und jüngste Geschäftsführerin der Lufthansa und als Finanzvorstand von Europas größter Fluggesellschaft auch die erste Frau auf diesem Posten im DAX. Nach dem Ausscheiden bei Boehringer Ingelheim 2017 ist sie aktuell Aufsichtsrätin bei BMW, der Deutschen Post, Springer Nature, Johnson Controls und baut nebenbei eine Galerie auf. Auf der herCAREER 2018 erzählt sie in einem Keynote-Vortrag von den Höhen und Tiefen ihrer Karriere. Wir haben schon einmal vorgefühlt.

 

Simone Menne

Frau Menne, Sie haben eine beeindruckende Karriere als Managerin hingelegt. Was sind die „Dos and Don’ts“ für Frauen, die in den Vorstand großer Unternehmen wollen?

Es ist immer eine Kombination: Sie brauchen Glück und eine Position mit hoher Sichtbarkeit. Bevor ich in den Vorstand der Lufthansa kam, war ich Finanzvorstand bei British Midland. Das war ein Sanierungsfall. Ich musste als neutrale Person den Verkauf regeln und in den Sitzungen die Zahlen vorstellen. Die Position war mit einem hohen Risiko verbunden – das hätte auch schief gehen können. Wenn Sie bereit sind, Risiken zu tragen, haben Sie mehr Chancen, Verantwortung zu übernehmen. 

Der normale Karriereweg wäre dann gewesen, Finanzvorstand einer Lufthansa-Tochter zu werden und nicht direkt Finanzvorstand der Lufthansa…

Ja, aber da kam mir das passende Timing zu Hilfe: Als dieser schwierige Sanierungsfall gerade abgeschlossen war, ist der Finanzvorstand Stephan Gemkow zu Haniel gegangen und der damalige Vorstandsvorsitzende Jürgen Weber hat Mut bewiesen, mich zu ernennen. Wir hatten ähnliche Vorstellungen von Unternehmensführung – ich passte in den Wertekanon hinein. So kam ich von einer relativ niedrig in der Hierarchie angesiedelten Position direkt in den Vorstand.

Männer brauchen nicht so viel Timing, Glück oder Sichtbarkeit – zumindest bleiben sie seltener an der gläsernen Decke im mittleren Management hängen. Woran liegt das?

Eigentlich müssen Sie – und das ist etwas, was Frauen häufig nicht tun – nach den wirklich tollen Jobs rufen. Sie müssen die Hand heben und sagen, „Ich kann das und ich will das“. Wenn Frauen jedoch zögerlich sind, hinterfragt das Management sie auch. Das ist ganz natürlich: Wenn ein Handwerker bei Ihnen reinkommt und meint, „oh, schwieriger Fall, ich weiß nicht, ob ich diese Sanitäranlage noch repariert kriege“, und ein anderer sagt, „kein Thema, das habe ich alles schon einmal gemacht“, dann nehmen Sie letzteren, obwohl seine Behauptung vielleicht gar nicht stimmt.

Sind Frauen zu ehrlich oder nicht selbstbewusst genug?

Beides. Es gibt Statistiken, die belegen, dass sich die meisten Studentinnen fachlich schlechter fühlen als ihre Kommilitonen. Das schlägt sich allerdings überhaupt nicht in den Noten und Leistungen nieder. Viele Frauen machen den Fehler, auf ihre Schwachstellen hinzuweisen. Das ist sympathisch, aber hilft nicht weiter. Dann ist die Haltung der Organisation, „Sie ist noch nicht so weit“, während es bei Männern heißt, „Er wächst an seinen Aufgaben“.

Hinzu kommt: In Deutschland machen Frauen noch immer den Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Sie haben oft das Gefühl, sie machen beides nicht richtig – weder die Arbeit noch die Aufgabe als Mutter. Frauen haben meist überzogene Erwartungen an sich selbst: den Job 120-prozentig machen, immer wie aus dem Ei gepellt sein, beim Elternabend mitreden und die Schultüte selbst basteln. Der Hang zur Perfektion steht vielen Frauen im Weg.

Wie lässt sich diese Haltung ändern?

Wir brauchen mehr positive Vorbilder. Wir sind von Kindesbeinen an umgeben von Stereotypen und dazu gehören männlichen Helden. Nur ein Beispiel: In Zeichentrickfilmen kommen auf eine weibliche Person fünf männliche. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. In jedem Kinofilm agieren männlichen Figuren viel aktiver. Selbst wo die Frau als Wissenschaftlerin im Dschungel anfängt, endet sie an der breiten Brust des Retters. Wir werden überall von Klischees umgeben, auch in der Werbung. Gerade Frauen reagieren intensiv auf Rollenvorbilder, wie Studien zeigen: Wenn Sie etwa einer Frau vor einem Test ein Tennismatch zeigen, in dem Angelique Kerber Wimbledon gewinnt, werden die Testergebnisse besser. Bei Männern wirkt das nicht so stark.

Wer waren Ihre Vorbilder?

Meine Mutter war definitiv ein Vorbild für mich. Sie hat immer gearbeitet und ihre Unabhängigkeit betont. Ich fand früher auch Doris Day gut. Sie war in Filmen eine selbständige, berufstätige Frau, die immer gekämpft hat – obwohl sie am Ende gern in den Armen von Rock Hudson landete. Natürlich habe ich auch Simone de Beauvoir gelesen. 

Wir brauchen viele verschiedene Vorbilder, die aus Stereotypen ausbrechen – also keine Supermodels und auch keine Frau von der Leyens. Das ist nicht böse gemeint, aber sie ist einfach zu perfekt – sie sieht immer gut aus, hat sieben Kinder, ihren Vater gepflegt und ist Ärztin und Ministerin. Vorbilder sollten sich unterscheiden: eine männlich hart, die nächste zierlich weiblich, eine studiert Mathematik und wieder eine andere traut sich im höheren Alter noch etwas zu. Da sind wir noch lange nicht. Es gibt zu wenig Diversität bei den Role Models. Deshalb finde ich an Veranstaltungen wie der herCAREER so gut: Da sieht man die gesamte Bandbreite. 

Sie haben sinngemäß mal gesagt, wer sich anpasst, kommt nicht nach oben. Frauen sollten also Ihrer Ansicht nach bewusst versuchen, anzuecken?

Frauen sollten nicht alles mitmachen, was von ihnen erwartet wird. Denn so heben sich nicht von anderen ab. Wer nicht auffällt, macht keine Führungskarriere. Aber zu viel Revolution ist natürlich auch gefährlich. Ich habe immer offen meine Meinung gesagt, allerdings hat mir das manchmal das Genick gebrochen. Viele Organisationen dulden keine Rebellen in ihren Reihen – da gilt es, eine gute Balance zu finden. 

Zuletzt waren Sie bei Boehringer Ingelheim als Finanzchefin in einer operativen Position. Ende 2017 haben Sie sich „einvernehmlich getrennt“. Waren Sie zu rebellisch?

Ich bin sehr gerade heraus und das hat bei Boehringer Ingelheim nicht die Kultur gepasst. Deshalb haben Konzernchef Hubertus von Baumbach und ich die Zusammenarbeit rechtzeitig beendet. Offensichtlich war ich nicht diplomatisch genug. Gleichzeitig wollte ich mich nicht verstellen. Ich bin ja ohne Not aus der Lufthansa ausgeschieden, weil ich etwas Neues ausprobieren wollte, eine andere Kultur, ein Familienunternehmen. Ich habe viel über die Pharmabranche gelernt – das möchte ich nicht missen. Aber wer etwas wagt, der kann auch hinfallen. Das erleben wir in der Start-up Szene tagtäglich. Wichtig ist, dass Sie das nicht persönlich nehmen, wieder aufstehen und aus der Erfahrung lernen. 

Oft ist von Einsamkeit der Mächtigen die Rede. Haben Sie das auch erfahren?

Nein. Es kommt darauf an, wie Sie mit Macht umgehen. Wenn Sie Macht positiv besetzen, wie einst Gandhi, dann möchten Ihnen die Leute gerne folgen. Es gilt, einerseits ein offenes Ohr für die Interessen der Mitarbeiter zu haben, aber auch die Investoren im Blick zu behalten. Im Kompromiss können Sie zeigen, dass für verschiedene Seiten etwas Gutes herausspringt. Sie können Mitarbeitern Freiräume bieten, um Innovationen voranzutreiben und wie Start-ups zu agieren. Die Hochachtung vor den Kenntnissen der Mitarbeiter und der Wunsch, sie weiter zu entwickeln, halte ich für etwas ganz Wesentliches. Natürlich sind Sie in einer Macht-Position auch immer umgeben von Leuten, die ihnen erzählen, wie toll Sie sind. Da merkt man die Einsamkeit vermutlich nicht so.

Was halten Sie von Quoten für Frauen in Führungspositionen und Vorständen?

Ich bin absolut für Quoten. Nur durch klare Ziele und Vorgaben können wir einen Kulturwandel erreichen. Ein Beispiel: Ich habe bei Boehringer Finanzleiter für verschiedene Ländern gesucht. Ein Personalberater zog los und kam mit fünf Männern zurück. Da habe ich gesagt: „Jetzt gehen Sie nochmal suchen und kommen mit fünf Frauen“. Dann haben wir tatsächlich fünf Lebensläufe von tollen Frauen gekriegt, von denen wir am Ende zwei angestellt haben. Ohne diese Vorgaben für die Shortlist funktioniert es offensichtlich nicht.

Je nachdem, wie viele Frauen Arbeitgeber schon in Führungspositionen haben, sollte das Ziel zwischen 30 und 50 Prozent liegen. Es gibt Unternehmen, die arbeiten mit Zuwachsraten pro Abteilung. In der IT wäre das weniger als in der Finanzbuchhaltung, wo es mehr Frauen gibt. Eines ist sicher: Das Argument, es gibt keine Frauen und wir finden keine, ist Blödsinn.

Wenn wir Frauen stärker fördern, wie schaffen wir es da, Männern nicht auszuschließen?

Ich höre inzwischen sehr oft von Männern, „jetzt kommen ja nur noch Frauen dran“. Das stimmt natürlich nicht. Ich kenne kein Unternehmen, das eine Frau nimmt, wenn sie definitiv schlechter ist als der beste Mann der Liste. Sie müssen sich Mühe geben, eine Frau zu finden, die besser ist. Das Problem dabei ist diese Wahrnehmung einer Zweiteilung. Wir haben doch einen unheimlichen Bedarf an guten Leuten. Der Arbeitsmarkt braucht alle – Männer und Frauen. Wenn wir Frauen nicht ranlassen, bekommen wir viele Probleme wie Überalterung und Ideenarmut. Diese Notwendigkeit müssen wir vermitteln und dürfen uns nicht in Männer und Frauen, gut und schlecht, Gewinner und Verlierer aufspalten lassen. Dass diverse Teams besser arbeiten, davon sind viele Unternehmen überzeugt. Aber dennoch wird da gerade massig polarisiert. Das ist eine Frage der Kommunikation. Wir sollten Männer nicht diskriminieren, aber auch nicht verheimlichen, dass es jahrhundertelang anders herum gelaufen ist. Das ist eine Frage der Kommunikation und somit eine wichtige Aufgabe der Unternehmensführung. 

Interview: Stefanie Hornung

Über Simone Menne

Simone Menne studierte Betriebswirtschaftslehre an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel und startete danach ihre Karriere bei ITT Corporation in der internen Revision. Von dort wechselte sie zur Lufthansa, wo sie nach verschiedenen Auslandsaufenthalten bei der Lufthansa Technik AG die Leitung des Finanz- du Rechnungswesens übernahm. In der Folge wurde sie zum Chief Financial Officer (CFO) bei British Midland plc in England. Nach dem erfolgreichen Verkauf der Fluggesellschaft an die International Airline Group wurde sie zum CFO der Deutschen Lufthansa AG ernannt. Schließlich war sie bis 2017 als CFO bei Boehringer Ingelheim tätig. Frau Menne ist Mitglied im Aufsichtsrat der BMW, der Deutschen Post, bei Johnson Controls International und Springer Nature. Bei den drei letztgenannten ist sie ebenfalls im Prüfungsausschuss. Simone Menne wurde 1960 in Kiel geboren.

Die herCAREER 2018 findet am 11. und 12. Oktober 2018 in München statt. Weitere Informationen über die Karrieremesse für Frauen gibt es unter www.her-career.com und über Twitter @her_CAREER_de, #herCAREER.