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Zwei Perlen im Spessart

Links und rechts der Autobahn

 Von Gisbert Kuhn

Hinter Aschaffenburg in Richtung Würzburg schlängelt sich die Autobahn 3 (A 3) in langgezogenen Kurven den Hängen entlang bis auf die Spessarthöhe beim Rasthaus Rohrbrunn. Es ist ein besonders idyllischer Streckenabschnitt. Wiesen und Weiden zu beiden Seiten der Trasse geben den Blick frei auf grüne Hügel mit alten Streuobst-Bäumen. Weiter oben säumen lichte Laubwälder das Asphaltband. Die A 3 ist eine der am meisten befahrenen Verkehrsadern von Norden nach Süden – lebensnotwendig für die Wirtschaft, aber auch jedes Jahr Reiseroute für Millionen sonnenhungriger Menschen bei ihrer Fahrt in den Urlaub. In ihrer Vorfreude auf Alpen, Strand und Meer werden sich freilich die wenigsten Gedanken darüber machen, welche Kleinodien sie unbeachtet links und rechts der Rennbahn möglicherweise liegen lassen.

Schlösser im Verborgenen

Das Wirtshaus im Spessart ist eine deutsche Filmkomödie von Kurt Hoffmann aus dem Jahr 1958

Der Spessart. Früher gehörte der Märchendichter Wilhelm Hauff und die Geschichte vom „Wirtshaus im Spessart“ mit den wilden Räubern zur kindlichen Pflichtlektüre. Die Wirtschaft gibt es schon lange nicht mehr. Dort, wo sie einst stand, knubbeln sich am Rasthof Rohrbrunn Trucker, Busreisende und Auto-Touristen. Immerhin drinnen, im Kiosk, stößt man noch auf DVDs mit jenem Film, der vor 50 Jahren Millionen von Menschen in die Kinos gelockt und einer jungen schweizerischen Schauspielerin zum Durchbruch verholfen hatte: „Das Wirtshaus im Spessart“ unter der leichthändigen Regie von Kurt Hoffmann mit Liselotte Pulver an der Seite von Carlos Thomson und dem begnadeten Kabarettisten Wolfgang Neuss.

Und einer der Hauptdrehorte für den Streifen liegt nur eine knappe halbe Stunde von der Autobahn-Raststätte entfernt – das Wasserschloss Mespelbrunn. Unter Kennern gilt das anmutige Renaissance-Anwesen als „Perle im Spessart“. Und die Kenner sind durchaus zahlreich. Die jährlichen Besucherquoten schwanken zwischen 90 000 und 100 000. Und das, obwohl das Schloss eher im Verborgenen liegt – in einem Seitenzweig des von der Bundesstraße 8 abknickenden Elsava-Tals. Die Geschichte des Bauwerks geht ziemlich genau 600 Jahre zurück, nämlich auf eine Schenkung des Mainzer Erzbischofs Johann II. von Nassau am 1. Mai 1412 an seinen kurfürstlichen Forstmeiste Hamann Echter. Da der Spessart zu jener Zeit ein wilder, unerschlossener Wald war und marodierende Hussiten-Soldaten ihn deshalb gern als Zwischenstation für ihre Plünderungszüge benutzten, baute Hamanns  gleichnamiger Sohn das ursprünglich unbefestigte Haus zu einem wehrhaften Gebäude mit Mauern, Türmen und einem Wassergraben aus.

Wasserschloss Mespelbrunn

Was bei Besitztümern dieser Art nicht gerade häufig vorkommt – Schloss Mespelbrunn ist seit seiner Gründung bis heute in den Händen ein- und derselben Familie geblieben: der Echter. Sein heutiges Aussehen verdankt es größtenteils Umbauten zwischen 1551 und 1569, die Peter Echter von Mespelbrunn und seine Frau Gertraud von Adelsheim durchführen ließen. Über dem Turmportal des Nordflügels befinden sich die Abbildung beider und der Hausspruch:

 

Ehelich Lieb in Gott und stete Trew

Bringt Glück und Segen ohn alle Rew.

Mit Ernst und Fleis haben wir Gott vertraut,

Den Unseren zu Gut dies Haus gebaut.

Gertraud von Adelsheim brachte zehn Kinder zur Welt, die alle am „Echterepitaph“ in der im nahen Hessenthal gelegenen (ebenfalls sehr sehenswerten, u. a. mit Werken von Tilman Riemenschneider ausgestatteten) Wallfahrtskirche zu sehen sind. Bekanntester Spross war wohl zweifellos Julius Echter, der als Würzburger Fürstbischof und Herzog von Franken 1576 das Juliusspital und 1583 die Universität in Würzburg gründete sowie die mächtige, über der Stadt thronende Festung Marienberg erweitern ließ.

 Noch immer in Familienbesitz

Dank seiner versteckten Lage überstand das Wasserschloss unversehrt alle Kriegswirren. So hat sich auch sein malerisches äußeres Erscheinungsbild praktisch unverändert erhalten. Und – wie erwähnt – es befindet sich noch immer in Privatbesitz. Da allerdings die letzte „Echter“ Mitte des 17. Jahrhundert einen Philipp Ludwig von Ingelheim heiratete, durften beide Familien „mit kaiserlicher Erlaubnis“ Namen und Wappen zusammenfügen, so dass die im Südflügel des Schlosses wohnenden Eigner auf den Namen „Grafen von Ingelheim genannt Echter von und zu Mespelbrunn“ hören.  Um es ganz genau zu sagen: Die augenblickliche Besitzerin heißt Marie Antoinette Reichsgräfin von Ingelheim, genannt Echterin von und zu Mespelbrunn und Freifrau Geyr von Schweppenburg. Das ist, ohne Zweifel, beeindruckend. Aber vielleicht etwas mühsam, wenn eine Unterschrift geleistet werden muss.

Das Wasserschloss Mespelbrunn ist von Karfreitag bis Allerheiligen zu besichtigen.

 Einstmals Zentralort im Spessart

Jagdschloss Rothenbuch

Wir hatten, um Mespelbrunn zu finden, die A 3 in südlicher Richtung an der Ausfahrt Weibersbrunn verlassen und waren auf der Bundesstraße 8 dem Wegweiser nach Aschaffenburg bis zu den Schildern Hessenthal und Mespelbrunn gefolgt. Dieselbe Autobahnausfahrt ist auch Ausgangspunkt für die Fahrt zu unserer zweiten Spessart-Perle, dem eher im Barockstil gehaltenen einstigen Jagdschloss der Mainzer Erzbischöfe, Rothenbuch. Auch dieses Bauwerk (einschließlich das gleichnamige Dörfchen) liegt nur eine knappe Auto-Viertelstunde von der Autobahn entfernt. Allerdings auf der linken Seite der Trasse, so dass zunächst der Ort Weibersbrunn durchquert werden muss. Für Streckenwanderer: Von Mespelbrunn bis Rothenbuch ist es eine bequeme Tagestour, die zudem auch noch meistens durch hellen Laubwald führt.

Rothenbuch liegt abseits der großen Verkehrswege, das Schloss ist – logisch – der markante Mittelpunkt des ruhigen Straßendorfes. Das war nicht immer so. Heute deutet zwar kaum noch etwas darauf hin, aber früher begegneten sich hier wichtige Handelswege zum Beispiel von Würzburg oder Lohr am Main nach Aschaffenburg und weiter nach Frankfurt. Außerdem entspringt hier die Hafenlohr, die mit frischem Quellwasser versorgte. Kurz: Diente das Bauwerk urspünglich als Jagdschloss und mainzerischen Grenzposten gegen die Begehrlichkeiten der Würzburger, so mauserte es sich gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts zum Zentralort des Innerspessarts. Es gab Glashütten und einträgliche Holzwirtschaft, deren Interessen es zu schützen galt. Außerdem war das Schloss rund zwei Jahrhunderte lang Gerichtsort für 14 Gemeinden.

Am schönsten im Spätsommer     

Am schönsten wohl präsentiert sich Schloss Rothenbuch im Spätsommer. Vor allem wenn die Sonne scheint, leuchten die Blätter des wilden Weins entlang der Mauern im rechteckigen Innenhof in einem tiefen Rostrot. Der heutige Bau entstammt dem Ende des 17. Jahrhunderts und umfasst vier Flügel um diesen Hof.  Indessen, es gibt leider auch einen Schönheitsfehler. Bis noch vor nicht langer Zeit befand sich hier ein Hotel mit einem ausgezeichneten Restaurant. Ein besonders Vergnügen war, in einem der Turmzimmer zu übernachten. Dann wurde Schloss Rothenbuch verkauft. Seit 2017 wird es von dem neuen Besitzer als Seminarhaus für Unternehmensveranstaltungen vermarktet, und die Zimmer sind den Teilnehmern vorbehalten.

Dennoch ist ein Abstecher allemal lohnend. Als willkommene Pause auf der langen Autofahrt. Und als kulturellen Zugewinn für sich selbst ebenfalls.