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Pass für Freistaat

Einst Schmugglerhochburg, jetzt Besucherziel am Rhein

Die Landkarte zeigt den Freistaat “Flaschenhals” zwischen den Grenzen der USA und Frankreich

Ein „Freistaat“ namens „Flaschenhals“ in Deutschland? Nie gehört? Klar, man weiß, dass sich die beiden Bundesländer Bayern und Sachsen mit dem Zusatz „Freistaat“ schmücken. Aber „Flaschenhals…“ Und doch gab es zwischen 1919 und 1923 tatsächlich hierzulande ein solches politisches Unikum. Und zwar am Mittelrhein, zwischen den romantischen Weinstädtchen Lorch und Kaub, einer der reizvollsten Landschaften an dem Strom, geboren aus einer geografischen Unkenntnis der damaligen Siegermächte Frankreich und USA. Eine kleine Episode der Politik, gemessen an den großen Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg, und wohl auch deswegen Jahrzehnte lang verschwunden in den Archiven der Geschichte. Bis vor etwa 15 Jahren eine rührige „Initiative“ aus Heimatforschern, Winzern und Gastwirten den vergessenen „Flaschenhals“ aus der Vergessenheit geholt und zu einem attraktiven touristischen Anziehungspunkt gemacht hat, der mittlerweile Besucher aus nah und fern anlockt.

Marco Barillaro, ein junger Mann, betreibt nicht nur einen Campingplatz namens “Suleika” am Ende eines verwunschen erscheinenden Seitentälchens oberhalb von Lorch, sondern zeichnet zudem verantwortlich dafür, „dass der wieder erweckte Freistaat touristisch unters Volk gebracht wird“. Er hat nicht gezählt, wie oft er schon mit Gästen, Ausflüglern oder Wanderern oben in den Weinbergen an den Steilhängen gestanden hat und auch für sich jedes Mal wieder das grandiose Bild in sich aufnahm: Die gemütlichen Weinorte Lorch und Kaub (wo in der Silvesternacht 1813 Marschall Blücher im Krieg gegen Napoleon mit seinen preußischen Truppen den Rhein überquerte) am rechten Ufer im Zentrum des UNESCO-Welterbes „Oberes Mittelrheintal“ und damit inmitten eines der reizvollsten Abschnitte des mächtigen Stromes. Die Kulisse verlockt Reisende zu Recht zum Verweilen; 2011 zum Beispiel zählte man rund 2,5 Millionen Übernachtungen. Wo heute Ausflugsschiffe mit unzähligen Touristen an vielen Burgruinen vorbei fahren und der Rheinsteig-Fernwanderweg mit atemberaubenden Aussichtspunkten durch die Rebhänge führt ging es nicht immer so beschaulich zu.

 “Freie Republik Flaschenhals” mit der Hauptstadt Lorch

Notgeld des Fraistaates “Flaschenhals”

Zwischen dem Spätherbst 1919 und Sommer 1923 – stand das winzige Fleckchen Erde mehr als einmal im Fokus der Weltpolitik. Denn hier existierte in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg und sozusagen als Abfallprodukt der Waffenstillstandsverhandlungen ein geradezu groteskes politisches Gebilde: „Die Freie Republik Flaschenhals“ mit der „Hauptstadt“ Lorch (deren damaliger Bürgermeister Edmund Prischek quasi als „Präsident“ hätte auftreten können) und zweitweise sogar eigenem Geld. Vier Jahre lang bestand dieses Unikum der Geschichte – ein schmaler Streifen Land, eingekeilt von militärisch besetzten Zonen und, mit Ausnahme eines winzigen Nadelöhrs, zu Land abgeschnitten von praktisch sämtlichen Versorgungslinien. Mit schwierigsten Verhältnissen für die rund 8.000 dort lebenden Menschen, aber immer wieder auch aufwartend mit Begebenheiten, die an die Abenteuer der listigen Comic-Helden Asterix und Obelix erinnern.

Ursache für die absurde Situation war die geografische Unkenntnis der Weltkrieg-1-Siegermächte. Frankreich hatte das linke Rheinufer besetzt und sich darüber hinaus vorbehalten, zusammen mit den USA und Großbritannien auf der rechten Seite in Köln, Koblenz und Mainz Brückenköpfe zur Kontrolle der Deutschen zu unterhalten. Der Einfachheit halber schlugen die Franzosen von Mainz und die Amerikaner von Koblenz 1919 aus auf der Landkarte mit dem Zirkel Halbkreise von jeweils 30 Kilometer, entsprechend einem durchschnittlichen soldatischen Tagesmarsch. Was die Besatzer freilich übersahen war, dass sich die Halbkreise nicht nur nicht berührten, sondern sogar noch Zwischenräume ließen – am engsten Annäherungspunkt (bei Laufenselden im Taunus) knapp 100 Meter, zwischen Kaub und Lorch am Rhein dagegen sogar 20 Kilometer. Von oben und mit etwas Fantasie betrachtet, ähnelte die so entstandene, unbesetzte Fläche damit tatsächlich dem Hals einer Flasche.

FFI hat das Kuriosum wieder zum Leben erweckt

Die folgenden vier Jahre müssen für die Bevölkerung in der „Flasche“ voller Dramatik gewesen sein. Denn es durften, zum Beispiel, auf französische Anordnung weder Personen- noch Güterzüge im „Flaschenhals“ halten, Schiffe nicht anlegen. Und durch die einzige offene Passage über den Taunus ins 60 Kilometer entfernte Limburg führte nicht mal eine Straße. Was lebensnotwendig war, musste (einschließlich Post) mit Ochsen- oder Pferdefuhrwerken auf morastigen Waldwegen, ja mitunter sogar Knüppeldämmen transportiert werden. Die überlieferten Berichte zeugen freilich auch von zivilem Widerstand und Eulenspiegeleien. Von jungen Burschen etwa, die den vom linken Rheinufer mit starken Scheinwerfern herüber leuchtenden Franzosen den blanken Hintern entgegen streckten. Oder von jenem Lokführer, der in Rüdesheim seine Zugmaschine kurzerhand vom Personenzug löste, an mit „Reparationskohle“ beladene Waggons ankoppelte, diese in die frierende „verbotene“ Zone schleppte, anschließend seine Lok kurz vor Koblenz auf freier Strecke stehen ließ und einfach verschwand. Oder von dem blühenden Schmuggel mit Hilfe holländischer Rheinschiffer, deren Lebensmittel und andere Schätze sogar bis ins übrige, darbende Reich geschafft wurden.

Da der „Flaschenhals“ ja auch von der finanziellen Versorgung abgeschnitten war, druckten die Lorcher und Kauber zeitweise sogar eigenes Geld. Heute sind diese Scheine begehrte Sammlerobjekte. Kein Wunder, künden doch die darauf angebrachten Sprüche vom Witz und Durchhaltewillen ihrer Schöpfer. „Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals“, steht dort zum Beispiel zu lesen. Und auf einem anderen: „Hätte Adam Lorcher Wein besessen, hätt´ er den Apfel nicht gegessen“. Ein dritter schließlich schiebt den ungeliebten Besatzern sogar noch die Verantwortung an einen Felssturz zu jener Zeit zu: „Als der Franzmann zog zum Rhein, ging vom Nollig viel Gestein“. Seitdem sind mehr als neun Jahrzehnte vergangen, und der kleine „Freistaat“ wäre wohl auch in Vergessenheit geblieben, hätte sich da nicht in den 1990er-Jahren eine Gruppe geschichtsbewusster Heimatforscher und geschäftstüchtiger Winzer, Gastwirte und Hoteliers des seltsamen Politgebildes erinnert und zu einer „Freistaat-Flaschenhals-Initiative“ (FFI) zusammengeschlossen. Das Gedenken wach zu halten, ist das eine Ziel. Zusätzliche Attraktivität auf Gäste auszuüben, das andere.

Reisepass, Gaumenfreuden und ein Präsident mit Kabinett

Marco Barillaro, Mitglied der Initiative Flaschenhals, mit Pass und Schild des Freistaates Flaschenhals

Tatsächlich ist der „Flaschenhals“ längst zu einem touristischen Begriff geworden (freistaat-flaschenhals.de) . Nicht nur, weil die Mitglieder der „Initiative“ mit ihrer Bedeutung nicht hinterm Berg halten. Als eine regelrechte Regierung treten sie gar auf – mit einem „Präsidenten“ an der Spitze und einem „Kabinett“, das vom Außen- über den Finanz-, Wirtschafts- und Landwirtschafts- bis sogar zum Entwicklungsminister reicht. Das mag den Gast amüsieren, erfreuen hingegen dürfte ihn etwas anderes. So kann zum Beispiel jeder in Kaub oder Lorch für 55 Euro einen roten „Reisepass“ erwerben. Dieser wird ihm zwar kaum die Einreise in die USA ermöglichen, wohl aber ein Vier-Gänge-Menü mit lokalen Spezialitäten und erlesenen Weinen, wobei jeder einzelne Gang in einem anderen, an der Aktion teilnehmenden, Restaurant gereicht wird. Wer die 55 Euro scheut, dem wird für 17,50 Euro ein grüner Ausweis offeriert, mit dem die diversen kulinarischen Angebote vergünstigt erstanden werden können. Und die Qualität ist verbürgt. Die FFI-Mitglieder verpflichten sich, Flaschen mit dem Label „Flaschenhals“ nur mit außergewöhnlich guten Weinen abzufüllen, die der Prüfung einer strengen Jury standhalten müssen. Ein Prost denn auf den „Historischen Freistaat Flaschenhals“.

Gisbert Kuhn

Info

Kontakte:

Marco Barillaro

Im Bodental 2

65391 Lorch im Freistaat Flaschenhals

Tel: 067-269464

e-mail: kurier@freistaat-flaschenhals.de

 

Verkehrsamt Lorch:

Tel: 06726-1815

Verkehrsamt Kaub:

06774-222

 

Lorch und Kaub sind leicht erreichbar:

Per Eisenbahn auf der rechten Rheinseite über Wiesbaden oder Koblenz. Links des Rheins Ausstieg in Niederheimbach und dann mit der Fähre nach Lorch.

Mit PKW rechtsrheinisch die B 42 benutzen oder am linken Ufer die B 9 und dann ebenfalls per Fähre nach Kaub oder Lorch. Oder von Nordwesten von der „Bäderstraße“ (Wiesbaden – Schlangenbad – Nassau) bei Ramschied durch das malerische Wispertal nach Lorch.

 


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