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Ein Gotteshaus aus Buchstaben

Mit der Neuen Synagoge hat Mainz eine weitere Attraktion

Von Gisbert Kuhn

Die neue Synagoge von Mainz

Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Mainz gehört gewiss nicht zu den größten und auch nicht zu den bedeutendsten Städten in Deutschland. In der Gegenwart nicht und auch viele Jahre vorher schon nicht. Aber ihre zwei Jahrtausende währende Geschichte hat ein langes Gedächtnis. Sie berichtet von dem wichtigen römischen Legionärslager Moguntiacum, vom Goldenen Mainz während des Hochmittelalters, in dem das Erzbistum über Jahrhunderte das größte der römischen Kirche war und seine Erzbischöfe zu den mächtigsten Persönlichkeiten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zählten. Und sie vergisst natürlich auch nicht die weit mehr als 1000-jährige jüdische Tradition der Stadt. Die Mainzer Rabbinerschule war weltberühmt. Darüber hinaus bildeten die Mainzer Juden 1220 zusammen mit ihren Glaubensgenossen in Worms und Speyer jenen Städtebund, dessen Beschlüsse lange maßgebend waren für das deutsche Judentum – das „rheinische Jerusalem“.

Am 98. Jahrestag…

Diese historische Rückblende erscheint angebracht, um den Blick noch mehr für jenes optisch herausstechende Bauwerk zu schärfen, das seit einigen Jahren sowohl architektonisch als auch geistlich-kulturell zu den weit über die Grenzen der Stadt hinaus leuchtenden Aushängeschildern zählt – die Neue Synagoge. Am 3. September 2010 war sie eingeweiht worden; symbolträchtig wieder an der Stelle errichtet, an der auf den Tag genau 98 Jahre zuvor der prächtige, an das römische Pantheon erinnernde, Vorgängerbau von der damals rund 3000 Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde seiner Bestimmung übergeben worden war. Wie die allermeisten der vor dem Krieg in Deutschland existierenden rund 2800 Synagogen und Betstuben fiel auch das Mainzer Gotteshaus in der so genannten Reichspogromnacht dem verbrecherischen Vandalismus der SA-Horden zum Opfer. Zum Gedenken daran stehen auf dem Vorplatz noch Reste dorischer Säulen des einstigen Vorhofs.

Der Anblick der Neuen Synagoge ist, keine Frage, gewöhnungsbedürftig.

Der Anblick der Neuen Synagoge ist, keine Frage, gewöhnungsbedürftig. Das sei, sagt der Architekt Manuel Herz, auch ein „gewollter Effekt“. Der Bau solle sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließen. „Das wäre banal, und banal darf eine Synagoge nicht sein“. Herz ist ein Schüler des Star-Architekten Daniel Libeskind, der mit dem Jüdischen Museum in Berlin bereits vor Jahren für Aufsehen sorgte. Die Synagoge erhebt sich in der Mainzer Neustadt zwischen mittlerweile wieder herausgeputzten Gründerzeithäusern in der von hohen Bäumen gesäumten Hindenburgstraße. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall ergibt sich immer eine neue Perspektive. Keine Wand steht im rechten Winkel zu einer anderen, ein Tohuwabohu scheinbarer Instabilität. Die Fassaden sind bedeckt von abertausenden blaugrüner Keramik-Kacheln. Sie wirken mitunter wie ein asymetrisches Stäbchenparkett, das von unterschiedlich großen Fenstern durchbrochen wird.

Katholischer Synagogenführer

 Wer unvorbereitet vor dem Bauwerk steht, verfällt in aller Regel zunächst in eine ziemliche Ratlosigkeit. Es ist daher schon von Vorteil, einen Führer neben sich zu haben. So einen wie es beispielsweise Johannes Gerster ist, der inzwischen mehr als 100 Gruppenführungen organisierte und noch immer stolz ist, dass „mir als Katholik ein solches Vertrauen von der Synagogen-Gemeinde entgegengebracht wird“. Nun ist Gerster nicht ein Irgendwer. In Mainz nicht, und auch nicht darüber hinaus. Erstens kommt er aus einer ur-mainzer Familie und ist – wie könnte es auch anders sein? – fest in der Fastnacht verankert. Einer, der es sogar bis zum Generalfeldmarschall der traditionsreichen Ranzengarde gebracht hat. Er war innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, riss später nur um Haaresbreite die Latte ins Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, amtierte neun Jahre lang als rühriger Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel und Palästina und saß schließlich (2006 – 2010) auch noch der Deutsch-Israelischen Gesellschaft vor.  Und, nicht zuletzt, Johannes Gerster war unermüdlicher Antreiber beim Neubau der Synagoge, der wie ein Schießhund darüber wachte, dass die vom Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Mainz aufgebrachten rund 10 Millionen Euro auch tatsächlich allein diesem Ziel zuflossen.

Der verdrehter Turm soll – abstrahierend – den Schofar darstellen

Ein Mann wie geschaffen, den verwinkelten, verzackten, schiefen und doch auch wieder geraden Bau am Mainzer Synagogenplatz zu enträtseln. Denn die Silhouette des beeindruckenden Gebäudes steckt voller Symbolik. Vereinfacht  ließe sich durchaus sagen: Hier steht ein Gotteshaus aus Buchstaben. Man muss es halt einfach glauben, auch wenn sich das einem optisch nicht oder zumindest nur schwer erschließt. Die Gebäudeteile sind hebräischen Buchstaben nachempfunden. Zusammen ergeben sie das Wort „Keduscha“, was so viel bedeutet wie „Erhöhung“ oder „Heiligung“. Daneben erhebt sich in 26 Meter Höhe ein in sich verdrehter Turm. Er soll – abstrahierend – den Schofar darstellen. Also das Widderhorn, das an den höchsten Feiertagen geblasen wird und damit auf die Uranfänge  der jüdischen Religion verweist.

Über allem steht das Wort

Über allem aber steht – so die Deutung des Architekten – die Schrift, das Wort, die Tora. So sind die allgegenwärtigen Dreiecksformen der Fassaden, die rampenartig schrägen Zinkdächer, die dreieckigen Fenster und der angeschrägte Haupteingang sämtlich Abkömmlinge des hebräischen Alphabets und verweisen, in alle Richtungen strebend, auf die unendlichen Deutungsmöglichkeiten der Heiligen Schriften. Und so sind denn auch, dieser Logik folgend, erhabene hebräische Buchstaben der Schmuck des Hauptportals aus silbrigem Aluminium. Sie formen die Schriftzüge „Das Licht der Diaspora“ und „Die Synagogen von Mainz“. Immer wieder und überall Historie. Das Wort vom Licht, das den Juden in der Diaspora leuchte, stammt aus dem frühen Mittelalter, als Mainz mit einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden Europas eine Hochburg des Geistes barg.

Die hebräischen Schriftzüge „Das Licht der Diaspora“ und „Die Synagogen von Mainz“

Anders als christliche Kirchen sind jüdische Synagogen nicht nur Orte der inneren Einkehr. Auch das Mainzer Bauwerk ist daher dem Leben in Gemeinsamkeit gewidmet. Es enthält koschere Küche, Clubraum, Kindergarten, Schulraum, Sozialdienst, Bibliothek, Sitzungszimmer, Wohnungen und – den Festsaal. Während alle sonstigen Räumlichkeiten weiß gehalten sind, glänzt der Gottesdienstraum goldfarben. An den Wänden sind zehntausende Schriftzeichen zu entdecken, die sich an einigen Stellen zu lesbaren Texten fügen. Diese entstammen zum Teil den „Piotim“. Das sind um das Jahr 1000 in Mainz entstandene religiöse Dichtungen, teils geben sie zeitgenössische Berichte über das Mainzer Pogrom während des ernsten Kreuzzugs wider.

Müssen die Besucher versuchen, all diesen versteckten und offenen Feinheiten nachzuspüren, um die Faszination zu erfahren, die von diesem Bauwerk ausgeht? Nein, sie müssen es nicht. Eigentlich sollten sie gar nicht erst damit anfangen, sondern ganz einfach die einmalige Architektur und den vielleicht daraus verströmenden Geist in sich aufzunehmen. Mit der Neuen Synagoge besitzt das altehrwürdige einen faszinierenden Solitär voller symbolischer Bezüge.

 

Info:

Anmeldung für Besichtigungen bei

Jüdische  Gemeinde Mainz

Synagogenplatz

55118 Mainz

Tel. d. Gemeindebüros 06131 21 088 00

e-mail: info@jgmainz.de

 

 

 

 

 

 


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