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Feind, Todfeind, Parteifreund…

Dass auch in einer politischen Partei nicht alle Mitglieder auch Freunde sind, ist eigentlich eine Binsenweisheit. In der deutschen Nachkriegsgeschichte freilich gab es zwei prominente Paarungen, auf welche die sarkastische Steigerung besonders zutraf: Feind, Todfeind, Parteifreund – Herbert Wehner/Willy Brandt und Helmut Kohl/Richard von Weizsäcker.

Brandt-Wehner

Keine Freunde: Willy Brandt und Herbert Wehner

Das Foto aus dem Deutschen Bundestag ist fast schon ein Klassiker, wenn es um die Beschreibung des komplizierten Verhältnisses zwischen jenen beiden Charakteren geht, die über rund drei Jahrzehnte die deutsche Sozialdemokratie nachhaltig geprägt haben: Herbert Wehner und Willy Brandt nebeneinander auf ihren Plätzen in der ersten Reihe des Bonner Bundestages sitzend, die Oberkörper in einem Winkel von 45 Grad voneinander abgewandt, der eine nach links und der andere nach rechts blickend, die Gesichter nahezu versteinert. Zu der Zeit – es war in der ersten Hälfte der 80-er Jahre – waren (politisch, vor allem aber menschlich) längst sämtliche Gemeinsamkeiten zerbrochen, mit denen beide ganz entscheidend mitgewirkt hatten, die SPD im Nachkriegsdeutschland bis in die Regierung zu führen – mitunter zusammen, aber auch jeder auf seine Weise.

Total verschiedene Charaktere

Herbert-Wehner

Von den Parteigenossen gefürchtet: Herbert Wehner

Gemeinsamkeiten? Eigentlich hatten sie nur drei. Die Herkunft aus kleinen Verhältnissen (Brandt sogar noch als uneheliches Kind) in Lübeck und Dresden, die Zeit im norwegischen, sowjetischen und schwedischen Exil, und die Sozialdemokratische Partei als politische Heimat. Ansonsten: Hier der dem Leben zugewandte Brandt mit der schönen und patenten norwegischen Frau Rut zur Seite und drei Kindern, gern gesehener Gast beim Bonner Presseball, von den Medien (besonders den so genannten „Hamburgern“, Spiegel, Stern und Zeit) geliebt und hofiert, Hoffnungsträger vieler junger Menschen für einen neuen Lebensstil, international hoch angesehen und vor allem wegen der mutigen (mithilfe der FDP betriebenen) Ostpolitik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Dort der oft genug als „Zuchtmeister“ der SPD beschriebene (und von den Genossen auch so empfundene) Fraktionsvorsitzende Wehner, auch geachtet, aber – mehr noch – gefürchtet wegen seiner vulkanartigen Zornesausbrüche.

Wehner wusste, dass er nie jedermanns Liebling sein würde. Nicht zuletzt wegen seiner kommunistischen Vergangenheit und der nie wirklich aufgeklärten Rolle, die er im Moskauer Hotel „Lux“ während der stalinistischen Verfolgung der dort lebenden deutschen Emigranten gespielt hatte. Im Grunde beneidete er den Sonnyboy Brandt, wenngleich er Bemerkungen über ihn in aller Regel in Sarkasmen kleidete. Unterschiedlicher als diese beiden konnten Charaktere gar nicht sein. Zugespitzt formuliert, ist es wahrscheinlich nicht falsch zu sagen: Wehners Treue galt allein der Partei, sie galt nicht Personen. So gesehen war es nur logisch, dass er – um das Konstruktive Misstrauensvotum des damaligen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel gegen Brandt im April 1972 abzuwehren – sogar zum Äußersten griff und zur Bestechung von zwei Unions-Abgeordneten Geld der DDR-Staatssicherheit annahm und verwendete.

Der Schuss aus Moskau

brandt

Regierungschef Willy Brandt und Günther Guillaume

Herbert Wehner ist nicht selten verglichen worden mit der Figur des „Grimmen Hagen“ aus dem Nibelungenlied. War es diese Art von „Nibelungentreue“, die ihn dazu verleitete, bereits lange vor der Spionage-Affäre Guillaume den Niedergang Brandts zu beschleunigen, weil er kein Vertrauen in dessen Führungsqualitäten mehr und deshalb Angst um den Machtverlust der SPD am Rhein hatte? Da ist dieser verletzende Spruch über den Kanzler: „Der Herr führt nicht. Der Herr Bundeskanzler badet gern lau, so in einem Schaumbad. Der Regierung fehlt ein Kopf!“ Ein unglaubliches Verdikt, vor allem weil es ausgerechnet in Moskau fiel, während der ersten Reise einer deutschen Parlamentariergruppe im Oktober 1973 an die Moskwa. Brandt und seine Umgebung empfanden das nicht zu Unrecht als Schuss n den Rücken.

Tatsächlich war Willy Brandt in jenen Wochen und Monaten in eine unerklärliche Lethargie gefallen, nicht wenige meinten sogar Depression – und dies nach einem geradezu grandiosen Wahlsieg über Barzel. Wahrscheinlich hätte es sogar nicht einmal eines Ereignisses von der Stoßkraft des Guillaume-Skandals bedurft, um ihm vom Kanzlerthron stürzen zu lassen. Nein, zwischen diesem Gespann gab es keine Gemeinsamkeit mehr – nur noch Gift und Galle. Stattdessen kamen sich (von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt) in der Zeit zwei Männer zunehmend näher, die politisch an sich total über Kreuz waren: Willy Brandt und Helmut Kohl. Der Pfälzer berichtet selbst in seinen Erinnerungen, wie angenehm diese Gespräche „über Gott , die Welt und Geschichte“ bei etlichen Gläsern guten Rotweins stets gewesen seien. Zum Schluss war da wohl sogar so etwas wie Freundschaft entstanden. Jedenfalls war Helmut Kohl der letzte Besucher des todkranken Brandt. Dieser hatte sich dafür sogar extra noch einmal „fein gemacht“ und einen Anzug samt Krawatte angezogen. Brandts Begründung: „Wenn mein Bundeskanzler kommt, kann ich ihn doch nicht im Pyjama empfangen…“

Ein Komplex mit Namen Weizsäcker

Kohl + Weizsäcker

Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker

So wie Willy Brandt jahrelang Herbert Wehner als Komplex mit sich schleppte, so empfand auch Helmut Kohl einen Namen wie eine Bürde: Richard von Weizsäcker. Der Mann aus dem pfälzisch-württembergischen Bildungsbürgertum, aus einer Familie mit Offizieren, Diplomaten, Wissenschaftlern und Geistlichen, war von Kohl in die Politik geholt und dort von ihm auch tatkräftig gefördert worden. Doch, anders als in der CDU/CSU bis dahin normalerweise üblich, dachte der Freiherr überhaupt nicht daran, sich etwa stromlinienförmig in das Parteigefüge einzuordnen. Vielmehr setzte er auch im Bundestag häufig seine eigenen, auch eigenwilligen, Akzente und behielt zudem (trotz erheblicher Rückschläge und oft genug selbst gegen den erbitterten Widerstand des CDU-Machtmenschen) seine Karriere bis hinauf in das Amt des Bundespräsidenten durch.

Dort angekommen, bereitete es von Weizsäcker geradezu Vergnügen, seinen Sponsor von einst zu ärgern. Zum Beispiel mit dem veröffentlichten Vorwurf über die Machtbesessenheit der Politiker. Dazu der verbitterte, damalige Bundeskanzler: „Der selbstverliebte Bundeskönig hat wohl völlig vergessen, dass er seinen Werdegang allein der Partei zu verdanken hat“. Darüber hinaus verübelte der Ludwigshafener dem ungeliebten Kritikaster Richard von Weizsäcker Mangel an persönlichem Dank. In diesem Zusammenhang zitierte Kohl gern seine Großmutter mit den Worten: „Die Hand, die segnet, wird als erste gebissen“. Der so Gescholtene konterte kühl damals noch aus der Bonner Villa Hammerschmidt ins benachbarte Palais Schaumburg: „Die schmücken sich ansonsten ja auch ganz gerne mit mir“.

Die beiden Reden

Weizsäcker

8. Mai 1945 Richard von Weizsäckers Rede 1985 vor dem Bundestag

Dass es schließlich endgültig zu einem Bruch dieser schon von Anfang an ungewöhnlichen Personal-Paarung kam, hatte freilich mit einem Vorgang zu tun, der zwar von Richard von Weizsäcker nicht ausgelöst wurde, an dem er jedoch indirekt beteiligt war. Gemeint ist dessen national wie international hoch gelobte Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes mit dem Kernsatz, dass der 8. Mai 1945 für die Deutschen nicht ein „Tag der Niederlage, sondern der Befreiung“ gewesen sei. Tatsächlich jedoch hätte der Applaus einem Anderen zugestanden – nämlich dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Denn Kohl hatte in einer wirklich tiefgehenden und auch ergreifenden Rede bereits am 22. April 1985 (also zwei Wochen vorher) zum 40. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen im Beisein des auf Staatsbesuch in Deutschland weilenden US-Präsidenten Ronald Reagan u. a. wörtlich erklärt: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung“.

Es lohnt sich, diese Rede nachzulesen (über Google mit „Kohl-Rede in Bergen-Belsen“ auf einer Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung). Darin finden sich Sätze wie diese: „Wir haben – auch 40 Jahre danach – die Pflicht, uns selbst zu fragen, wie es geschehen konnte, dass eine Kultur zerbrach, an deren Entwicklung und Reife gerade deutsche Juden in so hervorragender Weise beteiligt waren… Sie wurden parteioffiziell zu ´Untermenschen` erklärt und zur ´Endlösung´ verurteilt. Das sind NS-Begriffe deutscher Sprache geworden. In der Sprache Goethes und Lessings, von Immanuel Kant und Edmund Husserl, in der Sprache von Dietrich Bonhoeffer und Leo Baeck“. Und Kohl schonte vor den Massengräbern des KZ´s auch seine Landsleute nicht: „Die entscheidende Frage ist, warum so viele Menschen gleichgültig blieben, nicht hinhörten, nichts wahrhaben wollten… Als man Bücher verbrannte, die wir zu den großen Kulturgütern unseres Jahrhunderts zählen. Als man Synagogen in Brand steckte. Als man jüdische Geschäfte demolierte. Als man jüdischen Mitbürgern verwehrte, auf Parkbänken Platz zu nehmen. Das waren Mahnzeichen“.

Ohne Resonanz verhallt

Bergen-Belsen

5. Mai 1985: Helmut Kohl und Ronald Reagan in Bergen-Belsen und Bitburg

Das geschah zwei Wochen vor dem Weizsäcker-Auftritt im Bundestag. Doch die Rede – trotz des Kernbegriffs „Befreiung“ – verhallte weitgehend ungehört, blieb ohne Resonanz im In- und Ausland. Wer damals aus Bergen-Belsen berichtete, wird sich noch erinnern. Zum Beispiel wie wenig Platz die Redaktionen in den Zeitungen zur Verfügung stellen wollten. Nüchtern betrachtet, gab es dafür im Wesentlichen drei Gründe: 1. Der Schauplatz Bergen-Belsen war nicht der Deutsche Bundestag, sondern liegt weit ab in der niedersächsischen Heide. 2. Kohl verfügte bei weitem nicht über die dramaturgische – wenn man will: schauspielerische – Begabung eines Richard von Weizsäckers, was sich natürlich auf den Vortrag auswirkte. Und 3. waren jene Tage publizistisch erfüllt vom Getöse über den Besuch des Kanzlers und seines Staatsbesuchers Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg in der Eifel.

Auf jenem Friedhof sind amerikanische Soldaten beerdigt, die in den Endtagen des Krieges gefallen waren. Es liegen dort allerdings auch Angehörige der Waffen SS – 17- und 18-jährige junge Burschen, die das Regime noch in seinen Endtagen in Totenkopf-Uniformen gesteckt und verheizt hatte. Nicht nur in den USA hatte es darüber eine erhebliche Unruhe gegeben. Natürlich war die Zeremonie von Bitburg ein Fehler. Sie war auch völlig überflüssig und ist nur mit einer bestimmten Neigung Helmut Kohls zu erklären – nämlich Dinge oder Vorgänge, die ihm einmal gefallen haben, häufiger zu wiederholen. Dazu gehört der, ohne Zweifel, bewegende Vorgang vom 22. September 1984. Jenem kalten, stürmischen und regnerischen Tag, als der Kanzler und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand Hand in Hand vor den Massengräbern des 1. Weltkriegs bei Verdun der Toten gedachten. Solche Vorgänge sollten halt besser einmalig bleiben. Ähnlich inflationär nutzte er den (freilich nicht selten gewollt falsch interpretierten) Begriff von der „Gnade der späten Geburt“ – im Grunde eine gelungene und kurz zusammen gefasste Beschreibung des Glücks, das nachwachsende Generationen zuteil wurde, indem sie in Frieden und Freiheit aufwachsen konnten.

Eine nie verwundene Enttäuschung

Die Enttäuschung über die Nichtzurkenntnisnahme seiner Bergen-Belsener Rede („Und die war noch vor der vom Richard“!) hat Kohl nie verwunden. Man kann das noch nachlesen (s. rantlos “Wessen Vermächtnis?) in dem nicht autorisierten Buch des zeitweiligen Biografen Heribert Schwan. Dass der „Bundesmoralapostel“ (Kohl über Weizsäcker) sogleich nach seiner 8.-Mai-Rede beim Bundespresseamt den Text vieltausendfach als Broschüre drucken und verbreiten ließ, trug seinerzeit auch nicht zur Aufheiterung des Regierungschefs zu. Kurz – das Verhältnis der beiden so ungleichen Persönlichkeiten war nachhaltig zerstört. Und Beide taten anschließend noch eine Menge dazu, dies auch aller Welt zu zeigen.

Gisbert Kuhn


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