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Im falschen Block (1.Teil)

Michael Stallkamp

Allianz-Arena in München, der frisch gekürte Fußballweltmeister Frankreich ist zu Besuch beim Ex. Es gibt Fußball zu erleben und noch viel mehr.

Ich finde meinen kurzfristig gebuchten Restplatz und sitze mitten in einem französischen Fanblock. Vor mir französische Familien. Links und rechts kleinere Männergruppen, fast alle tragen Trikots der französischen equipe tricololore. In der Reihe dahinter wird einem Engländer in einem fröhlich klingenden Mischmasch aus Englisch und Französisch die aktuelle Stimmungslage in der französischen Fußballszene erklärt.

Und die Bratwurst? Kräftig gewürzt nach Art einer Nürnberger ©www.pixabay.de

Geradezu ehrfürchtig verfolgen die Fans aus dem Nachbarland die auf der Anzeigetafel aufgelisteten “eigenen” Spielergebnisse bei der Fußball-WM 2018 bis zur Erringung des Titels. Als die ersten französischen Spieler zum Aufwärmen den Rasen betreten, reagiert der Block euphorisch. Immer wieder werden voller Inbrunst die Spielernamen skandiert, blau-weiß-rote Fahnen enthusiastisch geschwenkt. Meine Zurückhaltung fällt auf. Ich erzähle, extra aus Bonn angereist zu sein, um hier, im Münchener Stadion die Qualität der Bratwurst zu testen. Nun ist die allgemeine Neugier geweckt, und die Nachfragen prasseln nur so auf mich ein. Mein Anliegen, in vielen deutschen Stadien die Qualität der jeweiligen, lokalen Bratwürste zu erproben, um daraus die Tabelle einer Bratwurstliga zu erstellen, findet fröhliche Anerkennung, und ich ernte respektvolles Schulterklopfen. Geradezu blitzartig verbreitet sich von Sitzreihe zu Sitzreihe mein Vorhaben, über immer größere Entfernungen wird der Blickkontakt zu mir gesucht, und viele Daumen gehen hoch.Nach dieser Geschichte bin ich schon vor dem Anpfiff von meinen neuen Freunden als ein selten skurriler Deutscher in ihrer Mitte aufgenommen worden und fühle mich gleichsam adoptiert.

Beim anschließenden, lautstarken Intonieren der Marseillaise tut sich mein unmittelbarer Sitznachbar besonders hervor. In einem französischen Dress gekleidet, hatte er hatte mich, kurios genug, mit deutlich bayerisch klingendem “Servus” begrüßt. Deutsche Mutter, französischer Vater, in München lebend, klärt er mich auf. Er ist herrlich offen und nutzt seinen reichlich vorhandenen Fußballsachverstand, um über beide Mannschaften zu lästern. „Spiel bloß nicht nach vorne, lieber nach hinten, das kannst du,“ wird das zögerliche Offensivspiel der deutschen Mannschaft kommentiert. Aber auch: „Ist das langweilig, ich will mein Geld zurück.“ Immer wieder überlagert von spontanen Gesängen „Allez, les bleus!“ Das ist Fußball, gucken mit Spaß, das ist Fußball gemeinsam feiern, auch unabhängig von der Qualität des Spiels.

Euphorische französiische Fussballanhänger

Wir sitzen direkt an einem Zaun, der zwei Zuschauerblöcke trennt. Auf der anderen Seite,  durch ihre Fanartikel ausgewiesen, sind ausschließlich Anhänger der deutschen Mannschaft. Darunter ein bayerischer Vater mit seinem vielleicht zwölfjährigen Sohn. Die Einwechslung des deutschen Spielers Ilkay Gündogan deutet sich an. „Nein, ist der bekloppt!“, dringt der übereinstimmende Kommentar von drüben –  wobei offen bleibt ob der Spieler oder der Bundestrainer gemeint ist. Gündogan wird mit verhaltenem Beifall vom Stadion begrüßt. In unserer Sitzgegend buhen nur Vater und Sohn sehr laut und überaus deutlich. Auf den spontanen Anruf von unserer Seite des Zauns, “Was soll das denn?“, wissen sie keine Antwort. Hatten Sie bisher dasTreiben im französischen Block immer wieder mal interessiert verfolgt, stieren sie fortan nur noch geradeaus auf das Spielfeld. Das beeinträchtigt die anhaltende und für viele Zuschauer ansteckende Fröhlichkeit der französischen Fans allerdings in keiner Weise. Ich erlebe einen stimmungsvollen und berührenden Abend. Fußball als kulturelle Veranstaltung. Unsere multinationale Gruppe kann das Geschehen mit Abstand, etwas Ironie und viel Lebensfreude genießen.

Ist das ein Beitrag zur Völkerverständigung? Das wäre zu hoch gegriffen. Aber aufgeklärte, tolerante Europäer feiern gemeinsam ein Fest und halten gegenüber Andersdenkenden mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Verabschiedung ist herzlich. Zur Stimmung passt, dass der Dauerregen aus der zweiten Spielhälfte aufgehört hat und die Außenhaut der Münchener Arena in den französischen und deutschen Nationalfarben erstrahlt.

Die Stimmung in der U-Bahn ist dumpf. Ich bin offensichtlich wieder im “richtigen” Block.

Und die Bratwurst? Kräftig gewürzt nach Art einer Nürnberger, wohlschmeckend und seit Saisonbeginn aus der Wurstfabrik der Familie Hoeness stammend.

(Fortsetzung folgt)


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