--- Anzeige ---
WebHosting von Host Europe

Kleiner Genuss vor großem Panorama

Zwischen Kuschelzone, Rollerabfahrt und Alp-Genuss

Bahnhof Oberstdorf ©SB68Manm~commonswiki (talk | contribs)

Ankommen im Kopf-Bahnhof Oberstdorf. Dem 2006 prämierten Kleinstadtbahnhof. Das ist der erste entschleunigte Genuss. Denn hinter uns liegt eine angenehm durchgehende Bahnfahrt vom Hauptbahnhof Bonn ins Allgäu. Lob an die Bahn: Ohne Verspätung. Diese Endstation an der Nahtstelle zwischen stressigem Alltag daheim und nachhaltiger Erholung mit Alpen-Panorama ringsherum ist ein einnehmendes Willkommen des geruhsam quirrligen Urlaubsortes. Schnell eine Laugenbrezel beim Bäcker inside und eine Tasse Capo, dann outside, tief einatmen. Wir sind exakt auf 828 Meter gelandet. Von den in der Höhe noch schneeweißen Gipfeln vom Hausberg Nebelhorn und Co weht dafür aber spürbar mehr Kühle und Frische in den heranwachsenden Frühling.

Meine Frau und ich, wir tauchen gerne ein in die belebte, aber eben keinesfalls hektische Fußgängerzone. Hinter uns rummeln leise unsere Trolleys. Ein paar Schritte weiter nutzen wir die Gelegenheit zum Einkauf beim Metzger: Leberkäs und so. Denn der Kühlschrank in der Ferienwohnung ist ja noch leer. Rein müssen möglichst viele kulinarische Genüsse der heimischen Landwirtschaft aus weiteren Läden wie etwa Bergkäse oder Almmilch. Natürlich ganz ohne Kühlschrank kommt dann die traditionelle Palette mit Kräutertees aus. Was uns sofort sehr angenehm auffällt: Der so bekannte und beliebte Tourismusort ist durchgängig sehr ruhig, sauber und ausgesprochen gepflegt. Die vielfältigen Angebote für insbesondere Trachtenkleidung oder regionale Gastronomie locken.

Schon nach kurzer Zeit erreichen wir die Trettachstraße und damit die Ferienwohnung „Basislager“. Für eine Woche wird sie unser „Zu Hause“ sein.

Hier hat es den größten Lederschuh der Welt

Die sehr nett gemachte Tippgeber-Mappe in der Wohnung liefert uns zahlreiche Empfehlungen über kleine und große Attraktionen, mit denen Oberstdorf seine Besucher lockt. Wir entscheiden uns erstmal für einen gemächlichen Rundgang durch den Ort. Es tut uns allein schon im gesundheitlichen Bewusstsein gut zu wissen, dass Oberstdorf ein heilklimatischer Kneippkurort ist. Und es schärft unser geografisches Auge, dass wir hier am südlichsten Ort Deutschlands stehen.

Der größte Lederskischuh der Welt mit seiner Schuhgröße 480 ©Tourismus Oberstdorf

Die relativ große autofreie Zone von Oberstdorf macht das Schlendern ohne nennenswerte Steigungen zu einem kurzweiligen Vergnügen – eben auch für schon ältere Semester wie wir. Die gesamte bauliche Infrastruktur ist wie man so schön sagt – propper. Hier und da taucht dann plötzlich eines der noch erhaltenen Bauernhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf. Angesichts dieser dunklen und oft etwas windschiefen Architektur feuert das die Phantasie an, wie es wohl vor langer Zeit gewesen sein muss, in diesem Hochtal zu leben und Landwirtschaft zu betreiben.

Um mehr zu erfahren, bietet sich der Besuch im Heimatmuseum des 1141 erstmals urkundlich erwähnten Ortes an. Wir finden hier auch die Erklärung, warum es nicht mehr so viel alte Häuser in Oberstdorf gibt. Denn im Mai 1865 wütete eine Feuersbrunst, der 146 Häuser zum Opfer fielen. Zwei Drittel des Gebäudebestandes wurden so vernichtet. Im alten Rathaus ist nun das Naturkundezentrum Bergschau untergebracht. Das Heimat-Museum in traditioneller Blockbauweise stammt aus dem Jahr 1620. Und immerhin beherbergt es den größten Lederskischuh der Welt.

Stippvisite in der Breitachklamm im Kleinwalsertal

Am nächsten Tag geht es raus aus der Kuschelzone. Ein Ausflug in die Breitachklamm ist angesagt. Diese enge und kantige Gebirgsschlucht am Ausgang des Kleinwalsertals wurde1905 für Besucher geöffnet. Sie ist die tiefste Klamm der bayerischen Alpen und die tiefste Felsenschlucht in Mitteleuropa. Wir sind angesichts der teilweise herunterstürzenden Wassermassen der Breitach und der schmalen an die Felsen „geklebten“ Steige etwas verklemmt. Das Eis an vielen Stellen, quer liegende mächtige Baumstämme lassen ahnen, mit welchen Gewalten hier zu rechnen ist. Irgendwie sind wir beeindruckt, aber auch froh, wieder draußen – nun in Österreich – zu sein. Mit dem Bus geht es wieder zurück nach Oberstdorf.

Ein weiterer Tag soll gemächlich angegangen werden. Nach einem ausgedehnten Frühstück wandern wir nach Rubi, einem 175-Seelen-Dörfchen und ein nördlicher Ortsteil von Oberstdorf. Kaum Steigungen, keine Hindernisse, also ein richtiger Weg zum eingewöhnenden Wander-Schlendern. Wir wollen ganz moderat die neuen Wanderschuhe einlaufen, die wir in Oberstdorf in einer „Sale“-Aktion erworben haben. Herrlich hier entlang zu laufen. Immer wieder mal den Blick auf das Nebelhorn bis hin zum markanten Hohen Ifen. Und vor uns eine weich gezeichnete hügelige Landschaft. Der Feldweg führt durch saftige Weiden. Und immer wieder begleitet Kuhklingeln die wandernde Eingewöhnung. Schwer fällt es uns, am Café und Restaurant Käshüs vorbeizugehen.

…und dann Kaiserschmarren und Filterkaffee

Nach einer Stunde blasenfreiem Fußweg drehen wir uns auf einer Hotelterrasse um und genießen einen atemberaubenden, niemals aber erdrückenden Blick. Vor uns liegt das Alpenpanorama in reizvoller Breiwandansicht. Und zwischen uns und den gewaltigen Gipfeln bettet sich Oberstdorf ein. Kein Hochhaus, keine architektonische Bausünde stören hier. Höhepunkt für uns als entschleunigte Entspannungstouristen ist dann ein frisch zubereiteter Kaiserschmarren zusammen mit einem Filterkaffee – ganz wie früher.

Den Folgetag wollen wir etwas sportlicher angehen. Was man eben bei Genusstouristen wie uns so sportlich nennt. Wir laufen am Fuße des Nebelhorns einen Rundweg mit deutlich größeren Steigungen als bei unserer Rubitour vom Vortag. Zu überwinden sind 180 Höhenmeter. Vorbei an schönen Ausblicken ist unser Ziel der Berggasthof Oytalhaus. An mehreren Stellen mussten wir schon ganz schön schnaufen. Der Rest aber zum Gasthof geht über eine nur noch ganz mäßige Steigung und ein weitläufiges Gelände mit einer regelrechten Wanderallee. Vor uns als Ziel der Gasthof mit einer zünftigen Vesperpause. Und die Vorfreude auf eine sieben Kilometer lange Rollertour runter nach Oberstdorf.

Vorbei an den Highlights des Wintersports

Blick auf das Alpenpanorama

Ab 15 Uhr können diese stabilen Stehfahrräder für sieben Euro ausgeliehen werden. Es macht einfach einen heiden Spaß, mit moderater Geschwindigkeit abzufahren, ein Vergnügen für Kinder ebenso wie für Seniorinnen und Senioren. Uns reicht es, sich ein bisschen Wind um die Nasen wehen zu lassen, anzuhalten, um wieder einen Blick in das Oberstdorfer Hochtal zu genießen. Wir kommen immer näher an die Audi Arena. Hier findet bekanntlich jährlich das Auftaktspringen der Vierschanzentournee statt. Wir kennen das bisher nur aus dem Fernsehen. Und während wir leise dahin rollen, braucht es nicht viel Phantasie, um sich die Möglichkeiten des Wintersports in dieser Ausnahmelandschaft vorzustellen. Durch die Skiallianz Oberstdorf  – Kleinwalsertal können über die verschiedenen Bergbahnen (Nebelhorn, Fellhorn/Kanzelwand, Söllereck, Walmendingerhorn und Ifen) insgesamt 130 Pistenkilometer erreicht werden. Zudem stehen 140 Kilometer präparierte Winterwanderwege sowie 75 Loipenkilometer zur Verfügung. Durch ein Eissportzentrum mit Olympiastützpunkt und Sportinternat werden Curling, Eiskunstlauf (Bundesleistungszentrum), Skilanglauf und Skisprung gefördert.

Ach ja und ganz in der Nähe, im Stillachtal, hat Oberstdorf mit der Heini-Klopfer-Skiflugschanze die drittgrößte Skiflugschanze der Welt mit dem Schanzenrekord von 238,5 m. Allein beim Gedanken an diese Möglichkeiten wird uns ganz flau im Standknie auf dem immer schneller rollenden Roller. Vor uns Oberstdorf als Ziel für die Abgabestation und die Freude auf das Alpenglühen in unserer Ferienwohnung. Eine gemütliche Runde um den Kanonenofen wird uns gut tun.

Transalp auch für 50 plus

Und wieder ein herrliches und ausgiebiges Frühstück, Brötchen vom inzwischen gekürten Lieblingsbäcker. Heute leisten wir uns den schönen Start in den Tag noch im Schlafanzug. Und so zwischendurch planen wir am großen Esstisch ein wenig rum. Die Entscheidung ist schnell gefunden: Ganz locker eine E-Bike-Tour in die nähere Umgebung. Erster Anlaufpunkt soll irgendwo der Einstieg für eine Transalp sein. Wir dachten so an einen Sammelplatz etwas außerhalb von Oberstdorf. Weit gefehlt. Es gibt schlicht und je nach Veranstalter unterschiedliche Anlaufpunkte. Favorit ist wieder der Bahnhofvorplatz. Mit unseren internetbetankten Bildern von abenteuerlichen Mountainbiker-Strecken über schmale und steile Trails bis hin zu konditionsstarken Wanderern, denen unzählige Höhenmeter überhaupt nichts (immer lächelnd fotografiert) ausmachen – alles nichts für uns…oder?

Blick über Oberstdorf auf die Alpen

Die Veranstalter haben sich bereits auf die Zielgruppe „Alpenüberquerung zu Fuß 50 Plus“ eingerichtet – also für Wanderer „in den besten Jahren“. Zugeständnis an die reiferen Jahrgänge: Es wird dieselbe Strecke gelaufen, aber einen Tag länger auf dem europäischen Wanderweg E5 bis Meran. Und die Termine liegen außerhalb der Hauptferienzeit, also Garantie für eine ruhige Zeit. Während wir gemächlich schon in der tiefgrünen Peripherie von Oberstdorf herumradeln, spiele ich diskret mit dem Gedanken, auch mal diese Transalp-Tour zu machen. Mit 74 Jahren (ohne Rucksack) auf dem Buckel? Die Flucht in das hohe Alter? Zählt nicht. Denn ein sogar etwas älterer Freund von mir hat gerade stolz und erfolgreich genau über diese Tour im Freundeskreis berichtet. Ich bin dann mal lieber ganz ruhig.

Und wir kurven derweil – etwas planlos, aber immer schön – um freie und bewaldete Strecken um Oberstdorf herum. Belohnung am späteren Nachmittag in unserem Alpenort: Ein Stück Torte und Kühlung durch einen Eiskaffee – aber mit Sahne. Das gute Gewissen meldet sich sofort. Wir haben, trotz E-Bike, viel gestrampelt, nur eben nicht auf dem E5-Wanderweg. War aber auch ganz schön. Dafür sind wir gleich zu Hause – im „Basislager“.

Vom Golf zum kulinarischen Abschluss

Den heutigen Tag haben wir uns zum edlen Abklingen im südlichsten Golfclub Deutschland freigehalten. Gehört hatten wir schon von der herrlichen Lage mit dem wunderbaren Blick in die Alpenberge hinein. Und wir sind nicht enttäuscht von dieser landschaftlich außergewöhnlichen 9-Loch-Anlage. Der Club wirbt mit abwechslungsreichen Spielbahnen als Herausforderung und gepflegten Greens als Ziel. Genau richtig. Denn bei mir vorausgegangen ist die frisch erworbene Platzreife.

Blick von der Terrasse auf die Alpen

Aber dennoch heißt es. Ohne Trainer soll es nicht gehen, damit sich keine Unsauberkeiten in den mühsam erworbenen Abschlagsstil einnisten. Na dann. Es wird um Stil, um Weite, um Genauigkeiten, um die Golfregeln gerungen. Manche kleine Schweißperle ziert die Anfängerstirn. Das schöne Golf-Café genießen wir dann am Nachmittag draußen in der Frühlingssonne. Von den älteren Profis hören wir so manches Histörchen aus der Oberstdorfer Golfgeschichte und auch den diskreten Hinweis, dass wir unbedingt vom 3. bis zum 7. Juni 2019 wieder nach Oberstdorf kommen müssen. Denn dann findet erstmalig die Vierplätzetournee mit spektakulärem Abschlag auf der Skiflugschanze statt.

Und am sehr späten Nachmittag leisten wir uns ein Taxi, um ein stimmungsvolles Abendessen auf der neun Kilometer von Oberstdorf entfernten Alpe Dornach zu genießen. Wir folgen damit wieder einmal gerne dem Tippgeber in unserem Feriendomizil. Der von der Familie Dornach in dritter Generation geführte Hotel- und Restaurationsbetrieb ist ein Beispiel für gelungene Allgäuer Gastlichkeit. Kaum angekommen, formt sich ein stimmungsvolles Potpourrie aus zünftig-gepflegter Gaststube, freundlich-aufmerksamer Bedienung mit Heimat-Touch und ein sich anbahnender Sonnenuntergang über dem atemberaubenden Bergpanorama mit Nebelhorn und Almwiesen vor uns. Als Krönung bietet die Schmankerlküche beispielsweise Gerichte vom Weideochsen aus eigener Aufzucht, eine Bergkräutersuppe und natürlich original Allgäuer Kässpatzen. Unser Rundum-Genuss – so fühlen wir angenehm gesättigt – ist nicht mehr zu toppen.

…und wir fühlen uns prächtig erholt

Die Wilde-Mändle-Tanz-Statue ©Hajotthu (talk | contribs)

An unserem letzten und Abreisetag ziehen wir auf dem Bahnhofvorplatz – in bereits angenehm wärmender Sonne – auf einer Bank und einer Brezel auf der Hand ganz entspannt ein Resümee der sieben erholsamen Tage in Oberstdorf. Dabei blicken wir immer wieder auf die Wilde-Mändle-Tanz-Statue. Symbolisiert wird hier der älteste Tanz der Alpenländer. Gewidmet ist der Tanz dem germanischen Gott Thor. Aufgeführt wird er alle fünf Jahre. 2020 ist es wieder soweit. Für uns also wieder ein Muss für den Besuch von Oberstdorf.

Wir fühlen uns rundherum prächtig erholt. Haben viel Höhen- und Kurluft geschnappt und gefühlt dauernd nur entspannt. Stimmt aber nicht. Für unsere Verhältnisse haben wir körperlich viel unternommen, uns dabei aber nie überanstrengt, haben einfach den Urlaub laufen lassen. Jetzt sind wir froh, dass die Bahnverbindung Richtung Sonthofen bereits 1888 in Betrieb genommen wurde. Der Zug fährt ein. Unser reservierter Sitzplatz ist frei. Wir lassen uns wieder fallen, ziehen unseren e-Reader mit den zig Lesebüchern, die wir für lange Stunden in der Ferienwohnung mitgenommen haben. Sie blieben dort ungelesen.

 

Dieter Buchholtz

 

Linkadressen für mehr Oberstdorf:

Oberstdorf

Käshüs

Alpe Dornach

Basislager