Nordhessens versteckte Schönheiten und Schätze

Emma
Adelheid Emma Wilhelmina Theresia zu Waldeck und Pyrmont war als zweite Ehefrau Wilhelms III. Königin der Niederlande und Großherzogin von Luxemburg

Die Gegend ist nicht nur unterschätzt. Sie ist vielmehr weitgehend unbekannt. Und das ist schade. Die hier beschriebene Landschaft im Süden Nordhessens – zwischen der alten Hansestadt Korbach, dem Kurbad Wildungen, dem Fachwerk-Juwel Fritzlar mit seinem mächtigen Dom, und dem Wassersport-Paradies Edersee gelegen – hat es schlichtweg nicht verdient, mehr oder weniger nur wie eine Art Geheimtipp spezieller Kultur- und Naturbeflissener gehandelt zu werden.

Für die reisefreudigen Niederländer ist die grüne Region mit ihren zwischen sanften Hügeln und ausgedehnten Buchenwäldern eingebetteten idyllischen Dörfern und Städtchen ohnehin schon lange ein „Muss“. Das hat vor allem zu tun mit dem einstigen (später von Preußen vereinnahmten) Minifürstentum Waldeck-Pyrmont und einer jungen Frau im Schloss des heutigen Bad Arolsen. Am Fenster stehend, konnte die damals noch nicht ganz 20 Jahre alte Emma von Waldeck-Pyrmont beobachten, wie unten ein behäbig wirkender Herr einer Kutsche entstieg – der um 41 Jahre ältere holländische König Wilhelm III., der seine künftige Ehefrau in Augenschein nehmen wollte. Es sollte seine zweite sein, denn die erste Gattin und die gemeinsamen drei Kinder waren gestorben, und das Königreich der Niederlande war ohne Thronfolger.

Emma und der alte König

Ob die junge Emma von dem in ihren Augen ganz sicher doch schon alten Herrn besonders angetan war, ist nicht überliefert. Wohl aber ist es der Satz: „Man kann den armen Mann doch nicht mit leeren Händen nach Hause schicken“. Das ist umso bemerkenswerter, als Wilhelm III. ein eher zweifelhafter Ruf begleitete. „König Gorilla“, nannten ihn nicht nur seine Untertanen; so hieß er auch innerhalb des seinerzeitigen europäischen Hochadels. Außerdem war er als praktizierender Exhibitionist bekannt und deshalb auch schon einmal in der Schweiz verhaftet worden. Sei es, wie es sei – Emma von Waldeck heiratete jedenfalls den Hollandkönig im Januar 1879 und brachte im August 1880 die Tochter Wilhelmina zur Welt. Damit hatte „König Gorilla“ seine Schuldigkeit getan und konnte im November 1880 getrost sterben.

So begann in den Niederen Landen die Ära der Frauen-Herrscherinnen. Emma von Waldeck führte (stellvertretend für ihren verstorbenen Mann) zunächst die Staatgeschäfte, bis Tochter Wilhelmina auf den Thron kam. Ihr folgte als Königin Juliana, und dieser wiederum – von 1980 bis 2013 – Beatrix, die Mutter des gegenwärtigen Regenten Willem Alexander. Emma, indessen, muss wohl als Reichsverweserin eine hervorragende Arbeit geleistet haben. Auf jeden Fall genießt sie noch heute hohes Ansehen bei unseren westlichen Nachbarn. Und diese kommen in Scharen auf Spurensuche zur „Wiege ihrer Dynastie“ nach Arolsen.

Der Graf und die zwei Ehefrauen

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Die Grabplatte des zweibeweibten Grafen

Nichts zu tun mit der niederländischen Monarchie und deren Ausstrahlungen ins Hessische hat dagegen eine andere, allerdings auch sehr „menschliche“ Geschichte. Diese ist mit Thüringen verbunden, wird aber dennoch so richtig erst „begreifbar“ beim Betreten eines der Schlafzimmer im Bad Arolsener Schloss. Legende oder wahr – jedenfalls geht es um den Grafen zu Gleichen, dessen Burgen von der A 4 aus zwischen Eisenach und Gotha schön zu sehen sind. Der glücklich verheiratete Graf, berichtet die Mär, zog als Kreuzritter ins Heilige Land, wo er in die Gefangenschaft der Sarazenen geriet und hingerichtet werden sollte. Er wurde jedoch gerettet infolge der flehenden Bitten der schönen Tochter des Sultans. Aus Dank nahm Gleichen die Sarazenin mit heim ins Thüringische und heiratete sie – und zwar mit Einwilligung seiner eigentlichen Ehefrau! Eine wunderbare Liebesgeschichte. Auf einer Grabplatte im Erfurter Dom ist der Graf zu sehen, links und rechts eingerahmt von einer Frau. Und ähnlich ist das Gemälde über dem Bett im Schlafzimmer des Arolsener Schlosses. Die Kirche mochte die, ihrer Meinung nach unmögliche, Geschichte freilich nicht so hinnehmen. Es stimme wohl, hieß es von dort, dass der Graf zwei Frauen gehabt habe. Aber doch nicht nebeneinander, sondern nacheinander, nachdem er zuvor Witwer geworden sei. Aber die andere Version ist schöner, oder?

Philipp der Großmütige

Er war einer der wichtigsten Anführer der Reformation gegen den habsburgischen Kaiser Karl V. und die Kirche. Und er war der mächtigste Beschützer Martin Luthers. Sein Name war Philipp, und man nannte ihn den Großmütigen. 1526 hatte der Landgraf im oberhessischen Homberg am Flüsschen Effze eine Synode einberufen, auf der die Einführung der Reformation in Hessen beschlossen wurde. In der Kirche des einstigen Zisterzienserklosters Haina am Rande des Kellerwaldes ist der „Philippstein“ zu bewundern, ein prächtiges Denkmal von 1542, das den Herrscher in voller Rüstung mit seiner Vorfahrin zeigt, der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Philipp hatte die Abtei aufgelöst und in ein Hospital für arme und kranke Männer umgewandelt. Diesem sozialen Zweck als psychiatrische und psychologische Klinik dienen die mächtigen steinernen Gebäude auch heute noch. Die Überlieferung schildert den Landgrafen freilich nicht nur als Sozialreformer und Gründer der – namensgleichen – Marburger Universität, der weltweit ältesten protestantischen. Er soll vielmehr auch drei Hoden besessen haben, was einerseits seinen offensichtlich außerordentlichen Sexualtrieb (mindestens 19 Kinder) erklären würde, ihm darüber hinaus aber auch die Einwilligung Luthers zur Nebenehe mit seiner Maitresse Margarethe von Saale einbrachte. Dass diese anatomische Abnormität schon seit langem in medizinischen Fachkreisen angezweifelt wird (in Wirklichkeizt habe es sich um eine Zyste gehandelt), tut dem Weiterleben der Geschichte keinen Abbruch.

Haina und das berühmte Goethe-Bild

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Goethe in der Campagna, gemalt 1787 von J.H.W. Tischbein

Die einstige Zisterzienser-Abtei Haina kann freilich noch mit einer anderen Attraktion aufwarten. Angebaut an die alte Klostermauer ist ein kleines Fachwerkhäuschen, das im 18. Jahrhundert dem Hospitalbäcker Johann Heinrich Tischbein gehörte. Zu dessen Nachkommen zählten mehr als zwei Dutzend zum Teil namhafte Malerinnen und Maler. Der berühmteste davon ist ohne Zweifel Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der in Rom in einer Wohngemeinschaft mit Johann Wolfgang Goethe lebte. Dieser Tischbein malte damals das weltbekannte Bild, das Goethe als Reisenden vor antiken Ruinen zeigt. Gegenwärtig wird die Dynastie Tischbein in einer umfangreichen, sehenswerten Präsentation in den alten Klostergemäuern von Haina gewürdigt.

Landgraf Carl und die Franzosen

Einen Steinwurf von dem Städtchen Frankenau entfernt macht ein Ortsschild neugierig. „Louisendorf“ ist darauf zu lesen; nicht bloß mit „u“, sondern mit dem französischen „ou“. Und tatsächlich handelt es sich hier um eine der zahlreichern Ansiedlungen, die Landgraf Karl von Hessen-Kassel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den wegen ihres protestantischen Glaubens in Frankreich verfolgten Hugenotten und Waldensern zuwies. Bad Karlshafen sowie die Dörfer Gewissenruh und Gottstreu an der Oberweser gehören u. a. auch dazu. 118 Männer, Frauen und Kinder waren am 4. Juni 1688 in die karstige Wüstung gekommen, die sie später Louisendorf nannten. 16 Parzellen standen ihnen zu – jede 108 x 22 Meter groß. Es wurde ein bäuerliches Straßendorf, jedes Hofgebäude mit der Frontseite zur einzigen Straße hin ausgerichtet, in deren Mitte sich eine Schule und ein Kirchlein gegenüber standen. Lange hatte sich in Louisendorf der südfranzösische Dialekt erhalten, waren der Ort und seine Bewohner Ziele von Sprachforschern. Denn bis 1910 war dort (das natürlich antiquierte) Französisch Umgangssprache. Erst 1990 starb die letzte Bürgerin, die noch das Idiom ihrer Vorfahren beherrschte.

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Der Dom, über den Dächern von Fritzlar ©Hubert Berberich

Ebenso wie der Süden Niedersachsen ist der Norden Hessens geradezu ein Paradies für jeden, der Fachwerkarchitektur in ihrer mannigfaltigen Ausgestaltung liebt. Ein Musterbeispiel dafür ist die alte Dom- und Kaiserstadt Fritzlar. Es ist ein wunderbares Erlebnis, etwa von einem der zahlreichen Cafés aus den Blick über die schmucken Fassaden auf dem Marktplatz schweifen zu lassen. Wie so viele heutige Kleinstädte, hat auch Fritzlar eine große Vergangenheit. Von hier aus verbreitete sich die Christianisierung Mittel- und Norddeutschlands. Dort, wo seit Jahrhunderten der mächtige Dom steht, soll Bonifatius die „Donareiche“ gefällt und aus ihrem Holz eine Kirche gebaut haben, um den germanischen Chatten die Überlegenheit des Christengottes zu beweisen. Und auf dem Reichstag von Fritzlar 919 wurde Heinrich I. zum deutschen König gewählt. Es lohnt sich, eine kleine Rast einzulegen, statt auf der Autobahn von Frankfurt nach Kassel oder Hannover einfach durch zu brettern…

Frankenberg und der „Stuhl Nr. 14“

Frankenberg
Das Rathaus in Frankenberg

Oder das malerische Frankenberg (Eder) mit seinen zwei Marktplätzen und dem markanten, von zehn Türmen gekrönten Rathaus. Eine ganz besondere Attraktion ist freilich das der gleichnamigen Produktionsstätte angegliederte Thonet-Möbelmuseum. Kenner der Materie schnalzen hier natürlich gleich mit der Zunge und murmeln vernehmbar „Stuhl Nr. 14“. Ja, hier kann der 1859 von dem im mittelrheinischen Boppard geborenen Michael Thonet entwickelte berühmte Wiener Kaffeeehaus-Stuhl „Numero 14“ in allen seinen Variationen bewundert werden. Aber eben nicht nur das. Die Ausstellungshallen in der Frankenberger Unterstadt nahe dem Bahnhof geleiten den Besucher durch zahlreiche Epochen des Möbeldesigns. Sie lassen, nicht zuletzt, jedoch auch teilhaben an der technischen Entwicklung des Holzbiegens und der Verarbeitung der ob ihrer Qualität berühmten Buchen aus dem nahen Kellerwald.

Gisbert Kuhn

Titelfoto: Das Residenzschloss Arolsen ist ein barockes Schloss in Bad Arolsen im Kreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen

Tipps:

Selbst für kurzentschlossene Wochenende-Tourer ist es nicht schwierig, hübsche und auch preiswerte Unterkünfte zu bekommen.

Wer hingegen nach etwas Besonderem sucht, sollte sich kundig machen zum Beispiel

im Schlosshotel Waldeck über dem Edersee,

im Hotel „Sonne“ in Frankenberg oder

im idyllisch gelegenen Landgasthof „Bärenmühle“ in Ellershausen.

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