Wie aus Bundeswehr und NVA eine ganz neue Armee wurde

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Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags am 12. September 1990 in Moskau:: (V.r.) die Außenminister Hans-Dietrich Genscher (Bundesrepublik Deutschland), DDR-Ministerprsident Lothar de Maizire, Roland Dumas (Frankreich), Eduard Schewardnadse (UdSSR), Douglas Hurd (Grobritannien) und James Baker (USA) Foto: Bundesregierung B 145 Bild 00329937/Reineke, Engelbert

Ist das wirklich  s c h o n   wieder 26 Jahre her? Oder sind tatsächlich  e r s t   26 Jahre seitdem vergangen? Am 3. Oktober 1990 durfte sich das zuvor mehr als 40 Jahre lang geteilte Deutschland wieder vereinigen. Zwar waren weite Gebiete im Osten verloren, und Millionen Menschen hatten ihre Heimat verlassen müssen. Es war der Preis für einen in maßloser Selbstüberschätzung geplanten Krieg mit unmenschlichen Verbrechen in dessen Gefolge. Doch mit einem Mal, völlig unerwartet und unvorhersehbar, zehn Jahre vor der Zeitenwende ins 21. Jahrhundert, brachte der Ruf von Millionen die zweite deutsche Diktatur zum Einsturz: „Wir sind das Volk!“ Heute, etwas mehr als ein Vierteljahrhundert danach, scheinen die dramatischen Ereignisse von damals im öffentlichen Bewusstsein freilich kaum noch eine Rolle zu spielen.

Ein Vorgang ohne Beispiel

Das Bonner „Haus der Geschichte“ hat sich in Form einer Sonderausstellung jetzt wieder einmal eines speziellen Aspekts der deutschen Wiedervereinigung angenommen – des Verschmelzens zweier bis an die Zähne gerüsteter Armeen, deren Angehörige allesamt zwar dieselbe Sprache sprachen, jedoch als jeweilige militärische Spitzen von ideologisch und politisch total verschiedenen Machtblöcken namens NATO und Warschauer Pakt ihre in Zahl und Wirkung furchterregenden Waffensysteme auf die eigenen Landsleute gerichtet hatten. Und nun war plötzlich Schluss damit. Noch ein Jahr vorher hatte niemand auch nur im Traum daran gedacht, dass innerhalb weniger Monaten das kommunistische System einfach zerrieseln würde – wirtschaftlich marode, ideologisch unglaubwürdig, aber immer noch militärisch unendlich gefährlich.

Kinderpanzer
Der Kinderpanzer aus den 1970er Jahren der “Station junge Techniker und Naturforscher, Weißwasser” kommt bei Paraden zum Einsatz. Historisches Foto: Werner Porth

Am 2. Oktober 1990 erließ der letzte (aber erste demokratisch bestimmte) Verteidigungsminister der DDR, Rainer Eppelmann, einen Tagesbefehl an die Nationale Volksarmee. Ausgerechnet Eppelmann als Verteidigungsminister! Ausgerechnet er, der zuvor lange wegen seiner Unterstützung von DDR-Oppositionsgruppen von der Stasi bespitzelte und kujonierte evangelische Pfarrer an der Ost-Berliner Samariterkirchengemeinde! Er, der Verweigerer von Wehrdienst in der NVA und Fahneneid! Und jetzt teilte er den Soldaten und Zivilangestellten eben dieser Armee auch noch als deren Oberbefehlshaber mit, dass sie ab 0 Uhr Soldaten bzw. Zivilangestellte beim bisherigen Klassenfeind sein würden. „Ab morgen Kameraden! Armee der Einheit“. So heißt die Ausstellung, die bis zum 12. Februar 2017 im Bonner Haus der Geschichte zu sehen ist. Sie zeigt und beschreibt einen Vorgang, für den die Geschichte bislang kein Beispiel kennt. Aus zwei bis dahin verfeindeten Armeen soll eine neue, gemeinsame Streitmacht erwachsen. Aus ehemaligen Gegnern sollen über Nacht Kameraden werden.

Nicht groß, aber spannend

Soldat
Am 2. Oktober 1990 wird die NVA aufgelöst, ihre Angehörigen werden vom Eid entbunden. Das Ministerium für Abrüstung und Verteidigung veranstaltet in Strausberg einen letzten Appell und lässt anschließend die Fahne einholen. Foto: Ekkehard Richter

Die neue Schau gehört gewiss nicht zu den umfangreichsten Sonderausstellungen des Bonner Museums. Aber sie zählt, ohne Frage, zu den spannendsten.  Zeitzeugen von damals berichten über die großen, mitunter sogar chaotischen Schwierigkeiten jener Epoche, in der nicht nur technische Anweisungen und politische Verpflichtungen innerhalb unglaublich kurzer Spannen bewältigt werden mussten. Mit am stärksten nehmen die Erinnerungen von Offizieren beider Seiten gefangen. Vor allem die Aussagen der einstigen NVA-Angehörigen geben tiefe Einblicke, wie stark eine ständige, einseitige Ideologisierung Feindbilder in den Köpfen von Menschen zu verankern mag. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind die Sätze des NVA-Panzermajors Hartmut von Skrbensky, der – aufgrund seines bisherigen Lebens und seiner Militärkarriere – sich nicht für die „neue“ Bundeswehr bewerben mochte, sondern von sich aus den Dienst quittierte. Selbstverständlich, räumt er ein, hätte auch er im Konfliktfall Befehl gegeben, auf den „Klassenfeind“ drüben zu schießen. Dass auf westdeutscher Seite die Vorbehalte nicht geringer waren, schildert der seinerzeit mit der „Abwicklung“ im Osten zentral befasste Generalmajor Werner von Scheven. Zahlreiche Bundeswehr-Offiziere hätten gekündigt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, unter Umständen künftig Befehle von Männern entgegen nehmen zu müssen, die zuvor noch mit Überzeugung eine Diktatur unterstützt hatten…

Die Ausstellung führt den interessierten Besucher wie in einem verdichteten Seminar durch die zum Teil ja dramatisch verlaufenen Jahre nach dem 2. Weltkrieg, als sich die Welt praktisch in zwei Blöcke spaltete. Rund 500 Ausstellungsobjekte beleuchten die Epochen von den lautstarken Auseinandersetzungen über eine deutsche Wiederbewaffnung bis hin zum Ende des Ost/West-Gegensatzes. Auf Schüler und (vor allem jüngere) Lehrer müsste eigentlich jener Teil am nachdrücklichsten wirken, der die Militarisierung der DDR-Gesellschaft schon von frühester Kindheit an zeigt. Dazu gehört, nicht zuletzt, das Original eines 700 Kilo schweren Minipanzers auf „Trabi-Basis“, mit dem bereits Schulkinder für einen späteren Dienst in der NVA begeistert werden sollten.

Distanziert und neutral

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Das Wappen des Bundeswehrkommandos Ost versinnbildlicht die Herausforderung, aus zwei verfeindeten Armeen eine deutsche Streitmacht zu schaffen. Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/ Axel Thünker

Trotzdem haben sich die Gestalter der Ausstellung erkennbar um Distanz und weitgehende Neutralität bemüht. Es ging ja auch nicht zuvorderst um eine Bewertung der politischen und gesellschaftlichen Systeme, sondern um den einmaligen Vorgang der Verschmelzung zweier vorher einander feindlich entgegen stehender Armeen. Dennoch bleibt dem aufmerksamen Betrachter nicht verborgen, dass sich über all die Jahrzehnte auf westlicher Seite nahezu sämtlichen Protestaktionen und Demos gegen die eigene Regierung und das westliche Lager richteten. Dass ähnliches jenseits von Mauer und Stacheldraht praktisch unmöglich war, ist klar. Trotzdem war (und ist noch immer) bemerkenswert, dass die Mechanismen der Unterdrückungsmechanismen  und der Rundum-Militarisierung in der DDR von der Wiege bis zur Bahre im Westen praktisch unbeachtet blieben. Fast wie eine Bestätigung dafür wirkt in der Ausstellung das T-Shirt, das der damalige Außenminister Joschka Fischer trug, als er wegen seines Eintretens zugunsten eines aktiven Eingreifens im Kosovo auf dem Parteitag der Grünen 1999 von Friedens-Freunden” aus dem eigenen Lager mit einem Farbbeutel „bestraft“ wurde.

Wer die damaligen, sich mitunter überstürzenden, Vorgänge selbst hautnah erlebt hat, hätte natürlich gern noch mehr gesehen. So fanden sich – zur Überraschung, ja sogar zum Entsetzen nicht weniger westlicher Militärs – in Straußberg bei Berlin detaillierte Pläne für einen Durchmarsch binnen einer Woche bis an den Rhein. In Dresden lagen tausende Exemplare eines „Blücher-Ordens“ samt dazu gehörender (Blanko-)Verleihungsurkunden für jene Soldaten, die als erste den Strom im Westen erreichen würden. Rund 11000 Soldaten und Offiziere übernahm die Bundeswehr seinerzeit von der Nationalen Volksarmee. Man erkannte sie lange Zeit nicht nur an ihren landsmannschaftlichen Idiomen, sondern besonders an den noch nicht verwaschenen, tief grünen Arbeitsuniformen samt Knickfalten. Kein Wunder, dass die „Neuen“ sich kräftig bemühten, auch äußerlich den Kameraden von der „Original-Bundeswehr“ (O-Ton Ost) möglichst rasch nahe zu kommen.

Trotz mancher Pannen: Werk gelungen

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Geschredderte Teile eines Funkgeräts der Nationalen Volksarmee: In Folge des Zwei-plus-Vier-Vertrags vernichtet die Bundeswehr immense Bestände an Waffen und Material. Foto: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/ Axel Thünker

Und es lief natürlich manches schief. Als beispielsweise der damalige Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg 1991 deutsche Minensucher im Persischen Golf besuchte, begegnete er auch einem Marinesoldaten aus Rostock. Als Spezialist für sowjetische Seeminen war er mit an Bord der Minenjäger. Der Minister fiel fast vom Hocker, als er hörte, dass auf dem Konto des Ex-NVA-Manns seit mehreren Monaten schon kein Gehalt eingegangen sei. Im nordthüringischen Bad Frankenhausen war schon frühzeitig der erzkonservative Soldatenverein „Kyffhäuserbund“ einmarschiert. „Wir sind doch alle Kameraden“ – mit dieser Losung versuchte man neue Mitglieder zu gewinnen. Und zwar gleichgültig, ob die kurz zuvor noch einer Parteiarmee angehört hatten. Doch im Vergleich zu den wirklichen Herausforderungen wirkten solche Beispiele nebensächlich. Und sie waren es auch.

Verantwortlich für die Auflösung der NVA und deren Eingliederung in die neue Armee war General Jörg Schönbohm (später einmal Innenminister in Brandenburg) als Oberbefehlshaber Ost. Er hatte bei der Amtsübernahme gesagt: „Wir kommen nicht als Sieger zu besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen“. Die Skepsis war damals auf beiden Seiten gewaltig. Es ist deshalb nicht nur erstaunlich, sondern geradezu sensationell, dass das Werk gelungen ist. Und das sogar in einer unfassbar kurzen Zeit.

Gisbert Kuhn

Ab morgen Kameraden! Armee der Einheit”

Haus der Gschichte der Bundesrepublik Deutschland

Willy-Brandt-Allee 14

Tel.: 0228 9165109

6. Juli 2016 – 12. Februar 2017

Di – Fr. 9 – 19 Uhr, Sa 10 – 18 Uhr

Eintritt frei

 

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