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Wurst ohne Vertrauen (Teil 12)

Von Michael Stallkamp

Die WWK-Arena in Augsburg © Michael Stallkamp

Es könnte eines der größten Spiele in der Vereinsgeschichte des FC Augsburg werden. Bei einem Sieg gegen den Favoriten RB Leipzig würde der FCA erst zum zweiten Mal seit seiner Gründung im Jahr 1907 das Halbfinale des nationalen Pokalwettbewerbs erreichen. Statt 2,5 würden sogar 5 Millionen Euro aus dem Prämientopf des DFB fließen. Die Vereinsführung ist fest entschlossen, ein Fußballfest zu feiern. Ich bin gespannt, ob ich eine dem geplanten Großereignis adäquate Stadionwurst vorfinde.

Den Augsburger Vereinsbossen ist klar, dass der krasse Außenseiter FCA für einen Sieg die maximale Unterstützung der eigenen Fans benötigt. Um möglichst viele Anhänger ins Stadion zu locken, sind die Eintrittspreise stark gesenkt worden. Stehplätze kosten in Anlehnung an das Gründungsjahr des Vereins 9,07 Euro, Sitzplätze 19,07 Euro. Die Dauerkarteninhaber sind eingeladen. Damit Fans und Mannschaft sich schon vor dem Spiel gegenseitig aufputschen können, ist ein Zuschauerspalier bei der Einfahrt des Mannschaftsbusses auf das Stadiongelände geplant.

Zudem verwandelt sich die Fankurve unmittelbar vor Spielbeginn in einer gigantischen identitätsstiftenden Choreographie in das Äußere der berühmten Augsburger Puppenkiste.

Auch treten, wie bei jedem Heimspiel, in einem kleinen Film, niedliche Figuren aus ebendieser Puppenkiste auf und tippen das Spielergebnis: 2:1 für Augsburg.

Trotz der vielfältigen Anstrengungen des Vereins, Begeisterung zu organisieren, bleiben viele Plätze im Stadion leer. Nur 25.263 Fußballbegeisterte statt der möglichen 30.660 wollen das Spiel direkt miterleben. Nach mehreren schwachen Heimspielen fehlt wohl das Vertrauen des Publikums in die Fähigkeiten der eigenen Mannschaft. Da schaut man doch lieber der ARD-Live-Übertragung aus dem heimischen Fernsehsessel zu. In der Straßenbahn zum Stadion kreisen viele Gespräche auch um die Anstoßzeit um 20:45 Uhr an einem Dienstag Abend. Glückliche, die am nächsten Tag ausschlafen können, werden beneidet, diejenigen, die um 04:30 Uhr aufstehen müssen, um rechtzeitig zur Arbeit anzutreten, werden bedauert und gleichzeitig ob ihrer Alles-Egal-Haltung ein bisschen bewundert. Übereinstimmend hoffen alle, dass der FCA eine Verlängerung des Spiels erreicht, auch diese übersteht, um dann im Elfmeterschießen Glück zu haben. Zuversicht hört sich anders an. Doch woher soll diese kommen, wenn selbst die jüngsten Aktionen der Vereinsführung schwindendes Vertrauen in Mannschaft und Trainerteam signalisieren.

Zwei den Trainer Manuel Baum kritisierende Spieler mussten den Verein verlassen und dem Chefcoach, der nur Erfahrungen als Amateurspieler aufzuweisen hat, stellte man den Ex-Profi Jens Lehmann als Co-Trainer an die Seite. Er soll mit seinen Erfahrungen aus der internationalen Welt des Fußballs die individuelle Ansprache der Spieler und deren Abwehrverhalten verbessern.

Da überrascht es nicht, dass man auch bei der Stadionwurst wenig Vertrauen in eigene Stärken offenbart. Statt aus Bayerisch Schwaben kommt auch die Wurst aus der großen weiten Welt – aus dem Rheinland. Im improvisierten Biergarten auf der riesigen Asphaltfläche außerhalb des Stadions ist das ganz anders: hier vertraut man auf die Attraktivität heimischer Produkte. Die angebotenen Krautspätzle und der gegrillte Saftschinken erfreuen sich allergrößter Beliebtheit.

Der rheinische Produzent der Augsburger Stadionwurst liefert allerdings eine durchaus hierher passende Wurstvariante. Zwei kurze dünne Schweinswürstel liegen in einer runden  Kaisersemmel. Sie haben eine dünne Haut, sind sehr gut gebraten und bieten äußerst angenehme Röstaromen. Alle Testwürste sind mittelfest im Biss, nicht zu fettig und unaufdringlich, aber hinreichend gewürzt. Weder Senf noch Ketchup werden zur Geschmacksunterstützung benötigt. In Kombination mit der überwiegend krossen Semmel erfreue ich mich für 3,50 Euro an einem sanft knackigen Geschmackserlebnis. Es gibt sehr viele Verkaufsstände mit reichlich Personal, sodass beim Kauf keinerlei Wartezeiten entstehen. Das freundliche jugendliche Verkaufspersonal hat durchaus Zeit für ein Schwätzchen. Das ausschließlich bargeldlose Bezahlsystem ist zwar für den Tagesgast umständlich, funktioniert aber schnell und zuverlässig.

Angemessen verköstigt suche ich meinen Sitzplatz und lasse mich weiter auf das Spiel einstimmen.

In der Vereinshymne Rot, Grün, Weiß“ besingt das Stadion die Historie des FCA:

Wir waren oben / waren unten / haben manche Chance / schon versiebt / haben uns gequält und / uns geschunden / gehofft dass uns der Fußball- / Gott vergibt“ (…)

Wir haben gezittert / und gezaubert / hatten oft kein Glück und / manchmal Pech /
dann kam der Aufstieg / die Erlösung / das große Fußballwunder / hier am Lech“

Das Spiel beginnt. Die Stimmung ist gut, das kann auch die halbleere Haupttribüne nicht verhindern. Die Augsburger Zuschauer sind begeisterungsfähig und bejubeln auch die kleinste gelungene Aktion des FCA. Der erhoffte Spielverlauf tritt zunächst nicht ein. Leipzig schießt in der 74. Minute das 1:0. Resignation scheint sich auf dem Spielfeld und den Rängen breit zu machen. Viele Zuschauer vertrauen nicht mehr auf ein für sie glückliches Ende des Spiels und wandern ab, um in der 4. Minute der Nachspielzeit vom durchdringenden Torschrei der ausharrenden Mehrheit wieder zurück ins Stadion und auf ihre Plätze getrieben zu werden.

Nun gibt es die erhoffte Verlängerung. Und wieder wird es dramatisch: In der allerletzten Minute der Spielzeit unterläuft einem Augsburger ein Handspiel im eigenen Strafraum. Den fälligen Elfmeter verwandeln die Leipziger zum glücklichen Sieg. Sie stehen im Halbfinale des DFB-Pokals. Die Augsburger Fans lassen ihren Frust lautstark am Schiedsrichter aus. Die Funktionäre beider Mannschaften rangeln auf dem Rasen. Doch schon auf dem Rückweg in der Straßenbahn haben sich meine Mitfahrer wieder beruhigt. Die Fernsehbilder werden online geprüft, es war tatsächlich ein Handspiel, der Schiedsrichter hatte zu Recht gepfiffen. Warum sich also weiter über den Schiedsrichter aufregen, man ist zufrieden, dabei gewesen zu sein. Skeptisch und ohne großes Vertrauen in die Zukunft fragen sich die treuen Anhänger, wann es solch ein Großereignis wieder im Augsburger Fußball geben wird.

Dem Hauptsponsor des Vereins und des schmucken modernen Stadions ist zu wünschen , dass ihm als Versicherungsgesellschaft, dessen Wurzeln in einer Witwen- und Waisenkasse (WWK) zu finden sind, mehr Vertrauen entgegengebracht wird.

Die Augsburger Stadionwurst landet im oberen Tabellendrittel der Bratwurstliga auf einem vorläufigen fünften Platz.

Wird fortgesetzt.