--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Wurst ohne Euphorie (Teil 15)

Von Michael Stallkamp

Die Commerzbank-Arena in Frankfurt ©wikimedia-bruns

Eintracht Frankfurt ist total angesagt, wahre Zuschauermassen wollen an den aktuellen Erfolgen teilhaben. Schon drei Monate vor Ende der Saison waren alle Spiele ausverkauft. In der Bundesliga spielt die Eintracht um die ersten Plätze, die zur Teilnahme an der nächsten Champions League berechtigen. Und in der aktuellen Europa League winkt ihr das Halbfinale. Ich hoffe, die Stadionwurst ist genauso hip.

Durch glückliche Umstände habe ich noch eine Karte für das Bundesligaspiel gegen Augsburg ergattert. Die großartigenAuftritte der Eintracht in der Bundesliga und vor allem ihre Siegesserie in der Europa League wurden durch das stimmungsvolle Zusammenspiel zwischen Publikum und Mannschaft zu besonderen Ereignissen. 15.000 Frankfurter haben ihre Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Mailand begleitet. Über 5.000 waren zur stimmgewaltigen Unterstützung in Lissabon. Euphorisch haben die Fans die überzeugende Rückkehr des Vereins auf die internationale Bühne gefeiert. „Eintracht Frankfurt – Zuhause in Europa!“, wirbt der Verein. Aber heute ist Bundesliga.

Wird es der Mannschaft gelingen, sich auf das Allerweltsspiel gegen die krisengeschüttelten Augsburger zu konzentrieren? Drei Tage nach dem verlorenen Spiel in Lissabon und vier Tage vor dem Rückspiel, das über den Einzug ins Halbfinale der Europa League entscheiden wird? An den überaus zahlreichen Getränkeständen, die meinen Fußweg ins Stadion säumen, schnappe ich dazu viele skeptische Stimmen auf. Die fanatischen Fans sind allerdings wild entschlossen, ihre Idole auch heute in der Bundesliga bedingungslos zum Sieg zu tragen. Energisch trinken sie sich dazu an diesem frühen Sonntagabend in die passende Stimmung. Immer häufiger begegne ich bedrohlich wirkenden Männergruppen in schwarzen Fankutten, die offensichtlich schon intensiv „vorgeglüht“ haben.

Endlich ist die Commerzbank-Arena erreicht. Imposant erhebt sie sich plötzlich aus dem umliegenden Wald. 80 Minuten vor Spielbeginn gibt es an den vielen Verkaufsständen im Stadion noch kein Gedränge. Das freundliche junge Verkaufspersonal hat Zeit, mir das Wurstangebot zu erläutern. Für jeweils 3,60 Euro gibt es Bratwurst, Rindswurst und die scharfe Variante „Feuergriller“. Am häufigsten verkauft wird die Bratwurst mit Schweinefleisch, die ich zur Testwurst bestimme, um sie mit den bereits bewerteten Schweinswürsten aus den anderen Stadien vergleichen zu können. Sie ist von mittlerer Dicke und Länge und liegt in einem länglichen Brötchen. Da die Wurst hinreichend stark sowie frisch gebraten wurde, sieht sie sehr appetitlich aus. Mit Vorfreude auf einen Wurstgenuss suche ich mir ein ruhiges Plätzchen zur ungestörten Verkostung. Auf meinen neugierigen ersten Biss folgt dann sogleich die Ernüchterung. Enttäuscht muss ich feststellen, dass ich keinerlei eindeutige Aromen wahrnehmen kann. Die von einer dünnen Haut umgebene Bratmasse schmeckt nicht unangenehm, auch drängen sich weder Fett noch Salz unangemessen in den Vordergrund. Aber der Gesamteindruck bleibt völlig belanglos. Das Brötchen, weder kross noch pappig, ist so weit von jeglicher Delikatesse entfernt, dass es nahezu harmonisch das charakterlos beliebige Ensemble vollendet. Dieses Produkt fällt nicht auf. Ich probiere weitere Exemplare. Sie schmecken genauso durchschnittlich. Diese Stadionwurst erfüllt den Zweck der Sättigung und kann auch für den nicht zu anspruchsvollen rituellen Verzehr vor jedem Spiel herhalten, bleibt aber keinesfalls in nachhaltiger Erinnerung.Hoffentlich werden Spiel und Stimmung besser.

Von meinem Platz im oberen Bereich der Gegentribüne habe ich einen sehr guten Blick in das 55.000 Zuschauer fassende Oval mit dem markanten, vollständig zu schließendem Zeltdach und dem riesigen Videowürfel in der Mitte. Die Ränge sind sehr steil, alle Zuschauer sitzen dadurch besonders nah am Geschehen. Dem österreichischen Trainer der Eintracht ist es gelungen, Spieler aus 17 Nationen zu einem schlagkräftigen Team zusammenzuschweißen. Ihr Markenzeichen ist die offensive, temperamentvolle Spielweise. Das Publikum im Stadion gibt sich genauso international und temperamentvoll. Ein Großteil der Zuschauer trägt die Frankfurter Vereinsfarben Schwarz, Weiß und Rot. Fast alle, auch die Besucher der Haupttribüne, schwenken bei der Traditionshymne und anderen einstimmenden Gesängen ihre Vereinsschals. Eindrucksvolle Bilder entstehen. Immer wieder werden Wechselgesänge zwischen den einzelnen Tribünen angestimmt, und die große Mehrheit der Zuschauer singt mit. Das Publikum berauscht sich zunehmend an sich selbst. Mit ausgesprochen kreativen Liedern wird die Heimelf nach vorn gepeitscht. Zunächst mit Erfolg, die Eintracht schießt ein Tor. Aber schon zum Ende der ersten Spielhälfte führt der krasse Außenseiter aus Augsburg. Erste Pfiffe und aggressive Zurufe gegen die eigene Mannschaft häufen sich. 30 Minuten vor Spielende führt der Gast mit zwei Toren Vorsprung. Die Eintracht spielt kraftlos und lethargisch. Jetzt kippt die Stimmung endgültig ins Negative, und die Tribünen verstummen weitestgehend. Euphorie ist auch in Frankfurt von Leistung und Erfolg abhängig und nicht beliebig wiederholbar. Weitere internationale Ausrufungszeichen der Kicker werden aber sicherlich zur kurzfristigen Versöhnung mit den Fans führen.

Die Frankfurter Stadionwurst muss sich mit dem vorläufigen Platz 11 im Mittelfeld der Bratwurstliga-Tabelle zufrieden geben.

Wird fortgesetzt.