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Wurst beim Geißbock (Teil 6)

Von Michael Stallkamp

Rhein-Enefgie-Stadion-Köln ©wikipedia-Sascha Brück

Geplant war die Bratwurstliga als Wettbewerb der Erstligastadien. Doch nun bin ich in Köln. Der 1. FC Köln, zumeist liebevoll nur kurz FC genannt, ist in diesem Jahr innerhalb von zwanzig Jahren zum sechsten mal in die zweite Liga abgestiegen. In den Augen seiner Fans bleibt er aber trotzdem immer erstklassig. Dieses Gefühl empfinde ich bei allen Gesprächen zum FC überdeutlich. Und über den FC wird in Köln viel gesprochen. Der Verein ist – wiederum ein Gefühl – in der Stadt allgegenwärtig. Kein Wunder, dass behauptet wird, der FC selbst sei „e Jeföhl, dat verbingk“ und zudem „spürbar anders“. Heute fühlt es sich in Köln berechtigterweise ein wenig erstklassig an, denn es geht im DFB-Pokal gegen einen gestandenen Erstligisten, den FC Schalke 04. Ich gebe also der Stadionwurst eine Chance, ihre Erstligatauglichkeit zu beweisen.

Die Autoanreise mit meinem Freund Ernst passt zum in Köln wohlbekanntem Gefühl, dass schon Nieselregen ausreicht, um den Verkehr zusammenbrechen zu lassen. Heute regnet es leicht, der Feierabendverkehr trifft auf den Zuschauerverkehr zum Abendspiel, eine Kreuzung in Stadionnähe ist wegen eines Wasserrohrbruchs gesperrt und 5000 Schalke-Anhänger sind in der Stadt. Das führt zu einem, auch nach Kölner Maßstäben, außerordentlichen Verkehrschaos. Werden wir rechtzeitig zum Anpfiff da sein, und wird die Zeit zum Bratwursttest reichen? Wir parken das Auto weit vor dem Stadion; als Fußgänger sind wir heute weitaus schneller. Das RHEIN-ENERGIE-STADION erstrahlt in üppiger rot-weißer Beleuchtung. Es scheint von Vorteil zu sein, einen Energieversorger als Namensgeber und Sponsor zu haben.

Wo gibt es eine Bratwurst? Kurz kommt der Verdacht auf, in Köln gebe es nur Döner, Hotdog und Kölsch. Spürbar anders eben. Dann haben wir einen Bratwurststand entdeckt. In der kurzen Schlange bleibt kaum Zeit, mit den anderen Wartenden die überraschende Aufstellung des FC zu diskutieren. Zügig werden unsere Wünsche gegen 3,00 Euro Bargeld pro Bratwurst erfüllt. Zur großen Überraschung bekommt mein Freund eine lange und dünne Wurst in einem Brötchen überreicht, mein Exemplar besteht hingegen aus zwei dünnen Hälften, die sich komplett im überwiegend krossen Brötchen verstecken. Geschmacklich unterscheiden sich die beiden Varianten nicht. Bei mittelstarker Würzung bieten die hellen Würste einen relativ festen und saftigen Biss. Mag eine einzelne Knorpelstelle in drei Testwürsten noch verzeihlich sein, so wird das Geschmackserlebnis allerdings von der äußerst harten und teilweise bereits erkalteten Brathaut ruiniert. Die Würste mussten vorgebraten eindeutig zu lange auf uns warten. Eine dicke Schicht Senf muss die Geschmacksnerven gnädig stimmen. Schmecken die Würste hier immer so oder hatten wir nur Pech mit unseren „Lagerwürsten“? Ich stelle mich nochmals an, um auch den unterschiedlichen Darreichungsformen auf den Grund zu gehen. Nun gibt mir die überaus nette junge weibliche Bedienung eine ganze Wurst, die auf beiden Seiten aus dem wiederum überwiegend knackigem Brötchen herausragt. Auskunftsfreudig erklärt sie mir, dass beim unachtsamen Grillen manchmal die Bratwürste auseinanderbrechen, ein sogenannter Grillbruch. Dann würden sie die beiden Einzelteile zusammen in einem Brötchen verkaufen. Mein scherzhafter Einwand, dann handele es sich um ein Mängelexemplar, das billiger sein müsse, wird nur mit einem mitleidigem Lächeln quittiert. Auch meine neue Wurst ist nicht frisch gebraten und bestätigt die bisherigen Testergebnisse; zudem weist sie viele schwarze verbrannte Stellen auf.

Schnell nehmen wir unsere Plätze ein. Gerade rechtzeitig, um das etwas andere Vereinsmaskottchen zu erleben. Der FC leistet sich ein lebendes Maskottchen, einen Geißbock namens Hennes. Der Auftritt von Hennes dem Achten gerät zur großen Show. Er wird zu aufrüttelnder Musik durch ein Spalier der Cheerleader ins Stadion geführt. Während des Spiels interessiert ihn sein Futtertrog an der Außenlinie deutlich mehr als seine Umgebung. Der Stadionsprecher begrüßt uns nun wie immer „in der schönsten Stadt Deutschlands“. An Selbstbewusstsein hat es den Kölnern und dem FC noch nie gemangelt. Sprecher und Südtribüne, die in Köln nach dem berühmtesten FC-Spieler, Hans Schäfer, benannt ist, geben im Wechselspiel die Mannschaftsaufstellung bekannt und dann kommt sie endlich, die Hymne. Von der Kölner Kultband Höhner kreiert, wird in ihr sehr gefühlsduselig Zusammengehörigkeit und Vereinstreue beschworen. Alles kulminiert in einem „Mer stonn zo Dir, FC Kölle“. Bis auf die Schalker singen alle im Stadion voller Inbrunst mit. Dazu werden zuerst die FC-Schals gen Himmel gereckt, dann wird mit ihnen im Takt gewedelt. Das erzeugt eine große emotionale Verbindung unter den Zuschauern. Jetzt und ebenso später in der Halbzeitpause, wenn eine Mundartgruppe unter großer Anteilnahme eines ihrer Lieder auf dem Rasen zelebriert, bekommen auch Nichtrheinländer eine Vorstellung von kölscher Fußballmentalität. Vom Vorspiel verstehen die Kölner einiges. Für viele Zuschauer ist das Geschehen vor dem Anpfiff angeblich das Schönste beim FC. Heute ist allerdings auch das Fußballspiel von aufregender Qualität. Erstmals erlebe ich Verlängerung und Elfmeterschießen live im Stadion. Schalke gewinnt ganz, ganz glücklich.

Fazit: Vieles ist in Köln erstklassig und spürbar anders. Aber die Stadionwurst ist eindeutig nicht erste Liga. Sie bewegt sich auf Düsseldorfer Niveau und das ist für Kölner immer schon demütigend gewesen.

Wird fortgesetzt.