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Spektakelwurst (Teil 18)

Von Michael Stalllkamp

Werder Bremens Fußballspiele im heimischen Weserstadion sind häufig ein Spektakel, so auch an diesem Nachmittag. Zu meiner großen Überraschung kann Werders Stadionwurst da locker mithalten, sie hat es spektakulär in sich.

Endlich darf ich mit den fast ausnahmslos grün-weiß gekleideten Werder-Fans zum innenstadtnahen, direkt an der Weser gelegenen Stadion pilgern. Denn in Bremen kann man Fußballkarten nicht einfach kaufen, man bewirbt sich um solche. Erst meine fünfte Bewerbung hatte Erfolg. Erstligafußball in Bremen scheint ein Selbstläufer zu sein. Da sind die 42.000 Plätze schnell verkauft.

Werder steht heute sportlich unter Druck, die letzten Spiele wurden verloren, jetzt müssen unbedingt drei Punkte her. Die Gäste aus Augsburg, offiziell kurz „Besuch“ genannt, stellen keine Übermannschaft dar, folglich höre ich auf meinem Weg zur Spielstätte viele optimistische Tipps. Schon lange vor Spielbeginn ergießt sich der grün-weiße Zuschauerstrom über den idyllischen Osterdeich zur Werder-Kultstätte. Der Weg wird auf einer Seite von bürgerlichen alten Wohnhäusern und auf der anderen Seite von den gepflegten Weser-Auen gesäumt. Schmucke Restaurants und Gaststätten sowie die Terrassen eines Segelclubs und eines Tennisvereins werden rege zur alkoholischen Einstimmung genutzt. Das ist hanseatisch gediegen, ohne elitär zu wirken. Mit jedem Meter steigen Stimmung und Lautstärke der Gesänge.

Weserstadion BremenDas Weserstadion überrascht mit Photovoltaikzellen auf seiner gläsernen Außenhaut. Hier ist offensichtlich nicht nur eine Vereinsfarbe grün. Im Stadion werde ich mit „Moin“ regionaltypisch begrüßt. Bevor ich nun eine Bratwurst kaufen kann, muss ich erst die Werder-Bezahlkarte erwerben und aufladen. Die äußerst charmant vorgetragenen Vorteile dieses Bezahlsystems trösten mich ein wenig über diese Umständlichkeit hinweg.

Auf meinem Weg zu den Verkaufstheken im Stadionumlauf, die hier „Hunger und Durst“ heißen, werde ich durch eine großformatige Wandbeschriftung an eine der fußballerischen Bremer Heldentaten erinnert: „Das 4. Wunder von der Weser. UEFA-Pokal 1999/2000. Hinspiel: Olympique Lyon-Werder Bremen 3:0, Rückspiel: Werder-Bremen-Olympique Lyon 4:0, Torschützen Bode, Herzog, Baumann, Pizarro“. An anderer Stelle werden flotte Spielersprüche zitiert, z. B. Dieter Eilts „Das interessiert mich wie eine geplatzte Currywurst im Wattenmeer.“ Dass ich direkt über einem Verkaufsstand für Lutscher und Gummibärchen lese “Lutscher! Neuzugang Thorsten Frings zu Spielmacher Andy Herzog“, zeugt von besonderem Humor.

Für 3,50 Euro kaufe ich eine Stadionwurst, beiße herzhaft hinein und zucke erschrocken zusammen: Wie aus einer Fontäne spritzt fettige Flüssigkeit herum und verteilt sich auf Jacke und Hemd. Mit vielen trocknenden Servietten versuche ich, den Schaden zu begrenzen. Dann wage ich mich an den zweiten Biss und – treffe Knorpel. Nachdem dieser entsorgt ist, konzentriere ich mich mühsam auf die Konsistenz und den Geschmack. Die Wurstmasse ist kompakt und fest im Biss, dabei kräftig gewürzt. Außer sehr viel Salz, ist kein anderes spezielles Gewürz zu identifizieren. Auch die zweite Testwurst ist mitteldick und kurz. Sie steckt ebenfalls in einem kleinen sehr pappigen und weitestgehend geschmacklosen Brötchen. Im Bundesligastadionvergleich backt Werder bei der Portionsgröße auffallend kleine Brötchen. Diesmal beiße ich vorsichtiger zu. Nichts spritz heraus. Erleichtert folgt mein zweiter Biss und – wieder treffe ich Knorpel. Heute ist eindeutig nicht mein Glückstag. Mit größter Konzentration esse ich den Rest des Testobjektes. Ich kann keine Unterschiede zur ersten Wurst feststellen. Nun brauche ich erst mal eine Pause.

Vom Stadionumlauf genieße ich den Blick auf die Weser und den Sprungturm des direkt angrenzenden Stadionbades. Jetzt schlägt die große Stunde der harten Jungs vom Dreimeterbrett. Nur bei Fußballspielen haben sie so viel Publikum. Sie laufen zur Hochform auf. Zögerlich kaufe ich eine weitere Testwurst. In Erwartung eines Knorpel-Tripels beiße ich ganz vorsichtig zu – nichts Aufregendes passiert. Allerdings gibt es auch keine Verbesserungen in Größe, Konsistenz und Geschmack.

Zur Einstimmung auf das Spiel bedient die Stadionregie die unterschiedlichsten musikalischen Vorlieben. Vom aufputschenden Rockklassiker von Status Quo über zum Mitsingen einladende Fußballschlager bis zum immer nölig klingenden Hamburger (!) Jan Delay reicht die Spannweite. Das Publikum ist spürbar bereit, sich zu begeistern. Schon der gegrölte Countdown zum ersten Aufwärmen der Werderaner ist von beeindruckender Intensität. Kurz vor Spielbeginn wird fahnen- und schalschwenkend die Vereinshymne zelebriert. Mitten in diesem Schauspiel bringt ein sehr kleiner Junge den Spielball aufs Feld. Parallel zum Gesang brandet sofort tosender Applaus auf und schafft einen zusätzlichen rührenden Moment in der ohnehin sympathisch entspannten Stadionatmosphäre.

Auch in Bremen werden die elf Spielernamen der Startaufstellung der Heimmannschaft vom ganzen Stadion lauthals verkündet. Aber hier antwortet zusätzlich die Masse auf die Vorlage des Stadionsprechers: „Und mit der Nummer 12:“ „Das sind wir!“

Weserstadion BremenMit spürbarem Siegeswillen und sehr ansehnlichem Fußball gelingt Werder eine schnelle Führung. Zum ersten Mal ertönt das Nebelhorn, mit dem hier Werder-Tore gefeiert werden. Doch Augsburg gleicht aus. Erneut legt Werder mit einem wunderschönen Tor vor. Nach 21 Minuten haben wir schon 3 Tore erlebt. Als ein Augsburger nach 35 Minuten vom Platz gestellt wird, macht sich Entspannung auf den Rängen breit. Das müsste es doch gewesen sein. Erst mal ist Pause.

Wo andere Bundesligavereine mit mehr oder weniger langweiligen Geschicklichkeitsspielen ausgelosten Fans Gewinnmöglichkeiten eröffnen, gibt sich Werder intellektuell. Der Fanquiz „Fischkoppalarm“ mit Fragen zur Historie Werder Bremens reizt alle Fans, die nicht gerade für eine Bratwurst und Bier anstehen, den im Anstoßkreis rätselnden Protagonisten vorzusagen.

Weiter gehts. Schon nach wenigen Sekunden gleicht Augsburg trotz Unterzahl erneut aus. Das Spiel wogt hin und her. Zehn Minuten vor dem Abpfiff betritt eine Vereinsikone die Bühne des Spielfeldes. Claudio Pizarro, 40 Jahre alter internationaler Star, seit mehr als 20 Jahren Fußballprofi, nun zum dritten Mal bei Werder spielend und in seiner wahrscheinlich allerletzten Saison. Das Stadion sehnt ihn als Erlöser im immer noch nicht entschiedenen Spiel herbei. Die Zuschauer erheben sich bereits unter frenetischem Beifall von ihren Sitzen als „Pizza“ vom Trainer das Signal erhält, sich für die Einwechslung bereit zu machen.Von einem Jubelsturm begleitet, darf er endlich auf den Platz. Auch seine Mitspieler scheinen erleichtert zu sein, lassen in ihrer Konzentration nach und erlauben dem FC Augsburg direkt einen sehenswerten Angriff, der mit einem Pfostenschuss knapp unvollendet bleibt. Das Stadion stöhnt auf, noch sind weitere acht Minuten zu spielen. Schon vor Ablauf der regulären Spielzeit fordern alle Grün-Weißen den Schlusspfiff ein. Endlich pfeift der Schiedsrichter ab. Das Spektakel nimmt ein gutes Ende. Die Punkte bleiben in Bremen.

Der Besuch bei Werder war in vielerlei Hinsicht ein aufregendes Stadionerlebnis, zu der die Stadionwurst unfreiwillig spektakulär beigetragen hat. In der Tabelle der Bratwurstliga erreicht sie wegen ihrer durchaus mutigen Würzung und trotz aller Qualitätsmängel einen vorläufigen 13. Platz, noch vor den qualitativ abgeschlagenen Produkten aus Hannover, Wolfsburg, Dortmund und Berlin.

Wird fortgesetzt.