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Arme reiche Wurst (Teil 14)

Von Michael Stallkamp

Die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena © wikipädia-RudolfSimon

Der VfB Stuttgart ist gegenwärtig zwar arm an Punkten aber reich an Unterstützung im Abstiegskampf, sowohl von den Fans als auch von den Sponsoren. Soweit, so klar. Unübersichtlich wird es, wenn man die Reaktionen der Vereinsspitze auf die schon seit Beginn der Saison anhaltende sportliche Misere rekapituliert. Nebulös bleibt auch, ob die Gerüchte stimmen, dass der aktuelle Vereinspräsident in Interessenkollisionen verstrickt sei. Und der Hauptsponsor erwehrt sich nur sehr unklar der neuen Vorwürfe, er habe noch mehr Dieselmotoren manipuliert. Da wundert es nicht, dass in diesem Stuttgarter Durcheinander auch das Angebot der Stadionwurst ziemlich unübersichtlich daherkommt.

Doch der Reihe nach. Auf dem Weg in die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena ist nicht zu übersehen, ich bin im Daimler-Land. Die Schriftzüge des Konzerns und seiner Marken grüßen an allen Ecken. Nur eine dem Stadion benachbarte Halle namens Porsche-Arena erinnert daran, dass noch eine weitere Größe der Automobilbranche in Stuttgart beheimatet ist. Das Stadion spiegelt das Image der namengebenden Marke: Beeindruckend und gediegen, nicht zu aufregend und nicht zu protzig. „Das Beste oder nichts“, mit diesem Spruch wurde einige Zeit für Mercedes-Autos geworben, und nach diesem Prinzip wurde offensichtlich das Stadion ausgestattet. Egal, ob es um die kontrastreichen Videoleinwände, die überragenden Lautsprecher oder die bequemen Sitze geht, hier wurde geklotzt und nicht gekleckert. Auffallend ist die Sauberkeit im gesamten Areal. Keine Graffiti, keine Aufkleber, rein gar nichts verunstaltet die adrett gepflegten Beton- und Glaswände. Das ist allerdings kein Wunder, bin ich doch im Land der Kehrwoche und sitze auf der Gegentribüne namens Kärcher.

Bei ungemütlichem, nasskalten Wetter strebe ich zügig zu den Verkaufsständen. Heute sollte die Stadionwurst nicht nur gut schmecken sondern auch ein wenig wärmen. Unter der Überschrift „Ebbes Gscheits“ gibt es am ersten Kiosk ausschließlich Currywurst und andere Snacks. Wo ist die Stadionwurst? Die freundlichen jungen Verkäuferinnen und Verkäufer weisen mir den Weg zum Grill für die XXL-Stadionwurst. Ich wundere mich über den doch hohen Preis von 4,60 Euro, aber diese Bratwurst ist wirklich von außerordentlichem Format. Sehr dick und sehr lang ragt sie an zwei Seiten aus einem nicht eben kleinen länglichen Brötchen heraus. Schon vor dem ersten Biss steigen mir die reichlich vorhandenen Röstaromen in die Nase. Nach dem ersten Probieren schießt mir sofort durch den Kopf, das könnte eine Wurst für die Tabellenspitze der Bratwurstliga sein. Die saftige mittelfeste Füllung besticht durch eine harmonische und kräuterreiche Gewürzmischung mit wenig Salz. Die Außenhaut ist dünn und das ganze Ensemble ist schön kross gebraten. Ich bin beeindruckt. Daran kann auch das total charakterlose pappige Brötchen wenig ändern.

© pixabay.com

Sofort suche ich nach einem anderen Verkaufsstand, um eine weitere Wurst zu testen. Ich lasse viele Getränkequellen, „Ebbes Flüssigs“ genannt, unbeachtet und stehe unvermittelt vor einem riesigen Verkaufsraum mitten im Umlauf des Stadions. Die großzügigen Glastüren öffnen sich automatisch. Am Ende der angenehm beheizten 300 Quadratmeter erspähe ich die Verkaufstheke. Von der Decke hängen viele große Fernsehbildschirme herab und buhlen um Aufmerksamkeit. Hier läuft die Live-Konferenz zur 2. Bundesliga. Ich bin in einem vom Stadion-Caterer betriebenen Fast-Food-Restaurant gelandet, das keine Möbel hat. Nur an den umlaufenden Wänden, die teilweise aus Glas sind, können Speisen und Getränke auf wenigen Ablagen abgestellt werden. Dichtgedrängt nutzen hier viele Verfrorene die Chance, der heutigen Kälte zu entgehen und sich im Warmen zu stärken. Ohne die Verkaufstafeln genauer zu studieren, bestelle ich eine Stadionwurst und soll zu meiner Überraschung jetzt nur 3,30 Euro bezahlen. Von einer XXL-Wurst hat hier noch keiner etwas gehört. Die normale Stadionwurst entpuppt sich als dünne lange Variante, schlampig und sehr zurückhaltend gebraten, mit ziemlich weicher Konsistenz und fettem, salzigem Inhalt ohne feststellbare Geschmacksnuancen. Das mitgelieferte schwäbische Weckle erweist sich als genauso geschmack- und charakterlos wie der größere pappige Bruder des XXL-Exemplars. Ich erkunde weiter den Umlauf der Gegentribüne und entdecke ein zweites Fast-Food-Restaurant ohne Möbel. Auch hier wird die dünne Stadionwurst angepriesen, leider in gleicher minderer Qualität.

Endlich finde ich einen weitere kleine Bezugsquelle mit XXL-Würsten. Das umgehend gekaufte Testobjekt schmeckt wiederum phantastisch. Warum werden vom alleinigen Stuttgarter Stadion-Caterer unter dem Namen Stadionwurst zwei so unterschiedliche Produkte angeboten? Ich finde niemanden, der mir dieses Phänomen erklären kann. Hier wird bewusst Produktdifferenzierung betrieben, spekuliere ich. Zugespitzt formuliert: Eine günstige Wurst für Arme, eine teure Wurst für Reiche. Oder ist in dieser Art der Sortimentsgestaltung eine soziale Komponente zu sehen? Dieser Gedanke erscheint mir dann allerdings doch zu abwegig.

Etwas ratlos nehme ich meinen Platz auf der sauberen Gegentribüne ein. Dort befinde ich mich in Gesellschaft überwiegend älterer Männer, die nach Erscheinungsbild und Auftreten alle gut versorgte Daimler-Rentner sein könnten. Sogar die auffällige Barttracht des scheidenden Daimler Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche ist hier in Varianten zu bewundern. Interessiert höre ich den Gesprächen zu. Aktuell flammen wieder Gerüchte auf, der Vereinspräsident habe nicht nur ein Interesse am Gedeihen des VfB, da er immer noch an einem Finanzinvestor beteiligt sei, der wiederum weiteren Fußballvereinen Kredite gebe. Das scheint für meine Sitznachbarn allerdings relativ uninteressant zu sein. Viel hitziger sind die Diskussionen um das sich rasant drehende Personalkarussell des Vereins. Der branchenübliche Traineraustausch nach den ersten verlorenen Spielen wird als normal angesehen. Die spätere Entlassung des durchaus renommierten Sportdirektors Michael Reschke ist schon umstrittener. Größere Zustimmung findet dagegen die Installation des Ex-National- und VfB-Spielers Thomas Hitzlsperger als mächtigen neuen Sportvorstand. Ihm wird zugetraut, Ruhe und Konstanz in das gefühlte Vereinschaos zu bringen. Nach einhelliger Meinung der Tribüne ist ihm auch sofort ein großer Coup gelungen. Sven Mislintat, zuvor sehr erfolgreicher Chefscout und Kaderplaner bei Borussia Dortmund und Arsenal London, dient ab sofort dem VfB als neuer Sportdirektor. Die Edelfans blicken nun wieder durchaus optimistisch in die Zukunft, wenn, ja wenn es da nicht das kleine Problem geben würde, dass der VfB immer noch gegen den Abstieg kämpft.

Der Titel „Troy“ der aus Stuttgart stammenden Deutschrapper „Die Fantastischen Vier“ entwickelte sich in der eigens kreierten Stadionversion „Furchtlos und Troy“ zur heimlichen Hymne und zum aktuellen Wahlspruch des VfB. Es bleibt allerdings fraglich, ob die Treue des bürgerlichen Publikums einen möglichen erneuten Abstieg in die zweite Liga überdauern wird. Das Spiel gegen Leverkusen endet 0:1. Wieder hat der VfB keine Punkte gesammelt. Aber die engagierte und furchtlose Spielweise der Heimelf findet Anerkennung. Es gibt noch Hoffnung.

In allen Bundesligastadien teste ich die Bratwurst, die als Stadionwurst bezeichnet wird. Hier gibt es zwei, also bilde ich aus den beiden Testergebnissen den Durchschnitt. Damit landet Stuttgart auf einem mittleren Tabellenplatz, knapp vor Mönchengladbach, Sinsheim/Hoffenheim und Gelsenkirchen aber weit vor den bisher letzten Plätzen, auf denen Düsseldorf, Hannover und Dortmund sich wiederfinden.

Wird fortgesetzt.