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Politik und Pommes

Gegen das „Man müsste noch…“

Das malerische Siebengebirge mit dem Drachenfels am Rhein

Es passt wieder mal alles. Nach einem Kurz-Kur-Aufenthalt in Bad Kissingen sind meine Frau und ich auf Kurpark-Entschleunigung trainiert. Wir landen gerade höchst achtsam im heimischen Alltag mit einer gehörigen Resturlaub-Ressource. Unsere Gestaltungsvorsätze mit dem selbst verordneten Airbag gegen das immer wieder ins Gewissen krauchende „Man müsste noch…“ sind unumstößlich. Wir wollen in unserer Heimat die Augen mit dem gleichen rosaroten Schleier verhängen, wie wir es gerade in der herrlichen Rhön gemacht haben. 

Seit Jahren fahren wir für unsere Kurz-Ausflüge im Großraum Bonn immer wieder an den geliebten Rhein – das aber regelmäßig in Richtung Süden, also stromaufwärts – und dabei möglichst das so malerische Siebengebirge vor Augen. Auf dieser Postkarten-Strecke (oder besser: supergeile Panorama-Foto-Klicks für ein Wow-Post in Facebook) kennen wir alle Ausflugslokale, die schönsten Ausblicke, ….

„…ja wenn wir schon hier sind…“

Wie war das gleich noch vor wenigen Tagen in unserem Wellness-Hotel? Wir wollten bewusst nicht jeden Tag woanders hinfahren, einfach mal im Ort unserer Wahl verbleiben, nur den Mikrokosmos dieser geschichtsträchtigen Bäderkultur an der Südrhön genießen. Wir haben es mit einem kleinen Ausflugsausrutscher nach Wildflecken und einem Klosterbesuch auch geschafft. War schwer genug. Denn die Eroberungshummeln „Wenn wir schon hier sind, dann…“ versuchten uns immer wieder aus der erholsamen Begrenztheit des einfachen Daseins zu locken. 

Heute ist super Wetter – und das auch noch am Wochenende – und zu Hause. Ein Halleluja für freizeiteingeschränkte Arbeitnehmer und kinderbereicherte Familien auf Papa-Guck-mal-Schwäne-Tour. Und uns als Rentner fällt nichts Besseres ein, als sich in die erhohlungssuchende Karawane einzufädeln. Es ist herrlich zu beobachten, wie insbesondere Kinder mit fröhlicher Lust Schwäne und Enten füttern. Die paddelnden Schwimmtiere danken es ihnen mit hungriger Aufmerksamkeit. Und genau an dieser Erlebnisschwelle zwischen steinigem und naturbelassenen Ufer und dem klarer gewordenen Rhein zückt kaum einer der jungen Leute das wischerhörige Smartphone. Es wird einfach nicht gedaddelt.

Raus aus den Routine-Ausflügen

Ach ja, ich vergaß zu erwähnen: Wir sind im Kurz-Trip-Neuland gelandet. Meine Frau hatte – beschwingt von den mikrokosmischen Erlebnissen in Kissingen – vorgeschlagen, einfach mal ein Stück nach Norden zu fahren, um sich rheinabwärts an der Siegmündung umzusehen. Und wir sind schon mitten drin, es spannend zu finden, kleine Dinge erstmalig oder neu zu entdecken. Es ist durchaus erfrischend, die jahrelang gegangenen Pfade Richtung Rhein-Süden zu verlassen. Also raus aus den Routine-Ausflügen.

Und nun stehen wir auf der bunt bemalten Autofähre. Vier alte Mini-Cooper – also die wirklich kleinen der 60er Jahre – sind trotz ihrer knalligen Farben kaum zwischen unzähligen Fahrradfahrern und Fußgängern auszumachen. Egal ob Rennrad-Freaks, Tourenrad-Pragmatiker, Familien-Lasten-Bike-Lenker mit Holland-Flair, Smartphone-Wanderkarten-durchsuchende Familienväter, Kinder einhegende junge Mütter oder trotz Hitze Kopftuch tragende und teilweise in langen Gewändern malerisch wirkende Migrantinnen – sie alle schauen mehr oder minder gebannt auf die andere Uferseite des Flusses. Irgendwo da muss die Verheißung eines gelungenen Erholungstages verborgen sein. 

Neue spannende Sicht

Siegfähre bei Troisdorf ©Stadt Troisdorf

Da wir weder eine Wanderkarte noch eine entsprechende App auf unserem Smartphone haben, folgen wir etwas strukturfaul – wie Touri-Lemminge eben – dem Mainstream der auch teilweise mit Grillutensilien bepackten Wanderer in die sonntägliche Unbeschwertheit. Wir lassen uns also treiben, wollen nicht ein bestimmtes Ziel erreichen, wollen keine Zeit einhalten, wollen das eigene Tempo finden, wollen diese Harmonisierung als Paar erleben. Es gelingt in der schon warmen Mai-Sonne und den im Schatten noch nistenden kalten April-Tagen.

Wir laufen regelrecht in einen Yachthafen ein. Unter unseren Füßen der feste und sehr gepflegte Weg um den Hafen herum. Rechts von uns grünlich wirkendes Wasser, große und kleine Yachten. Wir sind überrascht, so nahe von unserem Bonner Wohnstadtteil entfernt einen solch idyllischen, malerisch ruhenden Wassersport zu finden. Immer wieder tuen sich in Durchblicken zwischen den Bäumen und Büschen Motive auf, die eine Freude für das Foto-App auf dem Smartphone sein können. Und es überschlagen sich Erinnerungen an Häfen in Holland, am Mittelmeer, in Skandinavien, also an die wunderbaren Eindrücke, die über viele Jahre mit vielen aufwändigen Reisen in uns gespeichert sind. Das Damals war spannend und beglückend. Jetzt ist es beglückend, weil die neue Sicht spannend ist. 

Weit weg vom nahen Zuhause

Wir schlendern an einem liebevoll überdachten Grillplatz vorbei – hier wird hauptsächlich arabisch telefoniert, gesprochen und gerufen. Migrantenfamilien genießen das Angebot, in Freiheit und inmitten sicherer Natur ein Stück Großfamilie zu leben. Wir lächeln uns gegenseitig zu – die Kinder können sich richtig austoben. Ein Mann nimmt kurz sein Handy vom Ohr und wünscht uns in gebrochenen Deutsch einen schönen Tag.

Genauso sind wir gestimmt und haben nun auch den Blick für ein herrliches Motiv: Ein wunderbar restaurierter Aalkutter dümpelt träge auf den kleinen Wellen des Hafens. Er hebt sich pittoresk von dem hellgrün-frischen Maigrün der Bäume ab. Hinter dem Heck sprudelt eine Fünffach-Fontäne. Sie ähnelt in ihrer Fächerstruktur sehr stark dem Kurpark-Brunnen in Bad Kissingen. Wir genießen diese fließenden Folgen von Erinnerungsketten. So gelingt es, das Urlaubsgefühl zu Hause weiter wirken zu lassen. Wir sind völlig abgetaucht in unser seelisches Wellness-Feeling und haben das Bewusstsein dafür verloren, dass unser Zuhause wirklich nur wenige Kilometer entfernt ist.

Hier aber schlendern wir gemächlich, alles Schöne in uns aufsaugend, einfach so weiter. Genuss pur. Und in unterbewusster Orientierung landen wir in Höhe Fähre an einer Eisbude. Lieber hätten wir eine Pommes-Bude gefunden – so wie wir es rituell immer in Holland erfolgreich zelebrieren. Ein paar Meter weiter: Bravo, es gibt sie doch – die Pommes-Bude. Wir beschleunigen unseren Schritt, denn offensichtlich haben auch andere diese Idee. 

Ende in männlichem Rudellachen

Rheinisches Lieblingsgericht: Curry-Wurst rot-weiß

Herrlich verlockend, dieser nagelneue und blitzsaubere Pommes- und Würstchen-Anhänger. Kaum stehen wir in Armlänge von der Theke entfernt, empfängt uns in vermutlich polnisch eingefärbten Wenig-Worten-Sätzen die Chefin des mobilen Verkostungswagens. Wir gehören ungefragt zu den Gästen, die freundlich, schnell und aufmerksam bedient werden. Zwischendurch wendet sie sich aber spontan und mit polnischer Wortbegleitung dem kleineren seitlichen Teil ihrer Frittenwelt zu. Hier stehen Männer – bei sprachunkundiger Betrachtung Landsmänner aus Polen. Sie unterhalten sich wortlaut mit der vor den Fritteusen wuselnden Frau. Einem haut sie beherzt auf die Finger, weil der wohl zu schnell einige Pommes von der Nachbarbestellung fischt. Die Sache hört sich ernst, fast aggressiv an – und löst sich aber sogleich in männlichem Rudellachen wieder auf. Sie lacht laut und mit rauchiger Stimme mit. 

Ich jongliere die große Portion Pommes frites – natürlich mit Majonäse – aus der von der Chefin gedrückten, großen und fest installierten Plastikflasche – an den Biertisch. Meine Frau hat schon den Platz gefunden, der für uns zwei ein herrliches Spaziergang-Finale verspricht. Neben ihr ein Ehepaar. Die beiden essen mit Vergnügen auch die Spezialität des mobilen Hauses: Currywurst mit Majo und Pommes. 

Lob für das Gast- und Heimatland

Wir kommen ganz langsam in ein immer wieder stockendes Gespräch. Auch das Paar hat so eine Art polnisch harter Deutsch-Aussprache. Schnell ist aber auch die Vorurteils-Korrektur ausgetauscht. Sie stammt aus der ehemaligen UdSSR, genauer – aus Sibirien. Er war in Aserbaidschan zu Hause. Vor 25 Jahren lebten beide noch Tausende Kilometer voneinander entfernt. Von ihrer jeweiligen Heimat aus hatten sie ein Ziel: Sie wanderten nach Deutschland aus. Heute haben sie drei Kinder, die inzwischen studieren oder im Beruf tätig sind. Stolz erzählen sie auch, dass sie ein Haus und in der Familie mehrere Autos, haben.

Jetzt aber ist das fröhliche Migrantenpärchen mit dem eigenen Motorrad unterwegs. Sie genießen ganz bewusst und dankbar das freie und reiche Deutschland. All das ist ihnen nun nicht gerade in den Schoß gefallen. Denn sie haben sofort nach der Ankunft in Deutschland die deutsche Sprache intensiv gepaukt. Ihnen ist und war es wichtig, sich schnellstens in das Gastland zu integrieren. Sie singen – zwischen den Pommes – ein Loblied auf ihr Gastland, in dem sie sich inzwischen wie in einem Heimatland fühlen. 

Wir könnten auch stolz auf unser Land sein

Unsere herrlich offene Zufallsbekanntschaft findet es toll, dass sie mit Geld, Einrichtungen, Lehrgängen und Hilfe bei der Berufsausbildung so umfangreich unterstützt worden sind. Sie finden es unmöglich, dass sie heute beobachten müssen, wie Erwartungshaltungen von Migranten immer weiter ansteigen, wie ein Teil von ihnen weitere und damit überbordende Forderungen stellt. 

Unsere Tischnachbarn dagegen loben unser Land über den Klee; sie finden es hervorragend, wie sie hier beispielsweise durch die Krankenversicherung versorgt sind, wie ihre Kinder ausgebildet werden, wie ihr Fleiß im Beruf von ihren Arbeitgebern honoriert wird. Sie waren noch nie arbeitslos. 

Wir versuchen zwischendurch zu bremsen: Hier ist doch nun wirklich nicht alles Gold, was glänzt…Wohlwollend blockieren die beiden „Altmigranten“ diese pessimistisch nationale  Nabelschau: Sie finden es völlig falsch, dass wir am laufenden Band auf sehr hohem Niveau jammern, Leistungen im Ja-aber-Relativismus verkümmern lassen. Sie machen uns Mut, dass wir doch auch einfach mal stolz auf unser Land sein können. 

Auch mal schön: Keine Probleme

Wie im Urlaub: eine Bootstour auf dem Rhein

Wir fühlen uns beschämt. Erst recht, als uns das Migrantenpaar hinterherruft, dass wir doch das schöne Wetter in diesem herrlichen Land genießen sollten. Wir arbeiten, mit dem Rücken zu unserer flüchtigen Bekanntschaft, sofort daran, ein dankbares Lächeln in unsere pflichtschuldige Leid-Mine zu zaubern. 

Auf der Fähre machen wir sogleich den praktischen Versuch: Wir sprechen ein Radfahrer-Paar an und fragen einfach mal so, ob der Fährpreis denn nicht viel zu teuer ist, ob nicht eigentlich viel zu viel Verkehr sei. Der Mann bremst uns mit der Frage, ob wir ein Problem hätten. Sie jedenfalls hätten keins. War einfach schön zu hören.

Wir gehen von der Fähre – nach der Fahrt zum anderen Ufer – in dem Bewusstsein, dass wir so manche Bilder in und über diese Gesellschaft korrigieren – zumindest aber mit anderen Wahrheiten ergänzen müssen. 

Im eigenen Land neu verorten

Auf der Suche nach Selbsttrost zu den kleinen Befindlichkeitsirritationen besuchen wir ein angesagtes Café. Die junge und freundliche Bedienung spricht unüberhörbar ein französisch klingendes Deutsch. Nach der Kuchenbestellung erbitten wir den kleinen Bon, der sicherstellt, dass später von der Theke weg das richtige Stück Kuchen an unserem Tisch serviert wird. Die Bedienung erklärt uns, wir könnten sicher sein, dass sie das Stück Kuchen auch ohne Bon richtig zuordnen könne. 

Wir sind skeptisch. Ihre Antwort: Ihr Deutschen müsst einfach auch mehr vertrauen. Und wieder sind wir in unserem eigenen Land beschämt. „Unserem eigenen Land“? Quatsch, es ist ein Land für alle Bürger. Wir sollten das gesellige und fruchtbare Zusammensein mit Menschen der unterschiedlichsten Kulturen als Bereicherung für unser Land schätzen lernen. 

So ein Schönwetter-Sonntag kann eben auch manchmal dabei helfen, sich im eigenen Land neu zu verorten. Auf jeden Fall werden wir am nächsten Sonntag wieder mit der Fähre in das „andere Deutschland“ fahren, das eigentlich unser oder unser aller Deutschland ist – auch rechtsrheinisch eben. Wir werden unsere Klappräder nutzen auf der vermutlich wieder erfolgreichen Suche nach Deutschen, Migranten oder Flüchtlingen, die sich in Deutschland wohl fühlen und sogar dankbar dafür sind. 

Dieter Buchholtz

Titelfoto: Blick vom Drachefels auf die Insel Nonnenwerth