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„Erst durch eine Frau bin ich so bekannt geworden“

Im Interview: Dr. Dilek Gürsoy

Dr. Dilek Gürsoy Foto: Pflueg

Sie ist die erste Frau in Europa, die einem Patienten ein Kunstherz implantierte. Die Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie aus Neuss studierte in Düsseldorf Medizin und schaffte es unter der Regie des renommierten Herzspezialisten Prof. Dr. Reiner Körfer bis zur Oberärztin. Die erfolgreiche Herzchirurgin, die aktuell in Bremen arbeitet und an einem neuen Kunstherz forscht, hatte im Herbst 2017 die Gelegenheit, der Kanzlerin Angela Merkel und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ihre Forschungsarbeit vorzustellen. Im Interview spricht sie über ihren Werdegang und die Ursprünge ihres Selbstbewusstseins.

 

Dilek, als Tochter eines türkischen Gastarbeiter-Paares, das in den 70er Jahren nach Deutschland kam, hattest Du nicht gerade die besten Ausgangsbedingungen. Heute wirst Du als erste Frau in Europa gefeiert, die einem Patienten ein Kunstherz einsetzte. Was ist Dein Erfolgsgeheimnis?

Es war nicht immer einfach und in der Schule war ich nicht die Beste, aber ich war sehr fleißig. Wenn die Noten mal nicht so gut waren, habe ich mich davon nicht unterbuttern lassen. Ich hatte immer das Ziel vor Augen, Ärztin zu werden. Vielleicht bin ich etwas naiv herangegangen– Glück und Zufall haben sicher auch eine Rolle gespielt. Außerdem liegt mein Erfolg wohl an meiner Leidenschaft für die Arbeit. Klar, habe ich auch ein gewisses Talent dafür, aber vor allem liegt das daran, dass ich mag, was ich tue. Außerdem habe ich glücklicherweise Befürworter gehabt, die mein Talent erkannt haben.

Wie bist du mit Rückschlägen umgegangen?

Als Medizinerin musste ich ja zum Beispiel das Physikum machen. Diese Prüfung kommt nach den ersten vier Semestern und entscheidet, ob es dann weitergeht. Die habe ich nicht auf Anhieb bestanden. Weil ich vorher so gut durch die Prüfungen gekommen bin, dachte ich, das Physikum mache ich mit Links. Als dasnicht so funktioniert hat, habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich auch scheitern kann und es kritisch wird. Da habe ich richtig gelernt und dann auch bestanden.
Es gab immer mal wieder Kollegen, die mich schlecht machen wollten. Mit der Zeit weißt Du, die kochen auch nur mit Wasser. Mit der Erfahrung und der Leidenschaft für meinen Job kam auch das Selbstbewusstsein. Ich wusste, ich kann das.
Und wenn das mit der Herzchirurgie nicht funktioniert hätte, hätte ich auch die Fachrichtung gewechselt. Ich bin nicht so verbissen, dass es nur so sein darf, wie ich möchte. Klar arbeite ich vernünftig auf mein Ziel hin, aber nicht mit Krallen und allen Mitteln. Auf keinen Fall. Ich habe immer zu meinem Chef gesagt, als es nicht so gut lief oder man mich nicht gelassen hat, „Na, dann mache ich etwas anderes“. Man muss auch eine gewisse Lockerheit mitbringen. Entweder bleibst Du sonst mitten drin stecken oder bist schon am Ende, wenn Du ein Ziel geschafft hast.

Der Glaube an Alternativen fördert also das Selbstbewusstsein…

Das ist so wichtig in jedem Beruf. Man soll auf etwas hinarbeiten, aber wenn der liebe Gott es nicht möchte, dann eben nicht. Es ist schön, wenn das funktioniert. Wenn nicht, mache hier trotzdem meinen Job weiter.

Neben einem gesunden Selbstbewusstsein zählt wie Du sagst vor allem ein klares Ziel. Woher wusstest du denn, dass du unbedingt Chirurgin werden wolltest? Hattest Du ein Vorbild?

Viele Gastarbeiterkinder träumten davon, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden, auch wenn die Umgebung oder die Situation nicht so optimal war. Wir wussten, wir wollen es besser machen als die Eltern. Meine Mutter ist eine intelligente Frau, aber nicht zur Schule gegangen. Sie hatte einfach nicht die Möglichkeit. Trotzdem hat sie sich durchgebissen. Was sie durchgemacht hat,nachdem mein Vater starb und sie mich und meine Brüder allein durchbringen musste, das hat mich angespornt. Wir haben uns selten gesehen, als ich ein Kind war, weil sie immer arbeiten musste–mal Frühschicht, mal Spätschicht. So gesehen war meine Mutter für mich ein Vorbild. Auch später sind Menschen wie Prof. Körfer für mich ein Ansporn gewesen, aber Vorbild eher nicht. Ich wollte nicht sein wie sie, aber fachlich in eine ähnliche Richtung gehen.

Du hattest das Glück, dass Befürworter Dein Talent erkannten. Welche Rolle spielen Mentoren aus Deiner Sicht für Frauen auf ihrem Berufsweg?

Das ist ganz wichtig. Bei mir sind es zunächst Männer gewesen, am Anfang Herr Bisping, der mich nach einem Brand in unserem Elternhaus in seinem Kindergarten aufgenommen hat. Mein Grundschullehrer hat mich zur Realschule eingestuft, aber Herr Bisping brachte mich ins Gymnasium. Er kannte mich von klein auf. Bei der Hausaufgabenbetreuung, dem Silentium, hat er mehr Zeit mit mir verbracht als mein Lehrer. Er hat mit der Direktion des Gymnasiums geredet und gesagt, „dieses Kind gehört hier hin“. Nur deshalb bin ich dort aufgenommen worden. Das war das erste Glück.
Später war es dann mein erster Chef Prof. Körfer, der mein Talent erkannt und gefördert hat. Er hat mich auf seine Privatstation geholt und ich war immer bei ihm im OP. Das ist nicht selbstverständlich, es passiert schnell, dass Talent übersehen wird.
Aber dass ich nun selbst so bekannt geworden bin, habe ich einer Frau zu verdanken. Ich habe im letzten Jahr den damaligen Bundesgesundheitsminister Gröhe und seine Frau kennen gelernt. Die sind auch aus Neuss. Den Bundesgesundheitsminister kannte ich flüchtig und beim Fußball haben wir uns dann auch persönlich kennen gelernt. Frau Gröhe war dabei und fasziniert von meiner Geschichte. Sie hat mich dann mal für einen Tierversuch nach Belgien begleitet, wo sie gesehen hat, dass ich das wirklich operiere. Ich erzähle ja viel, aber glauben kann man es oft erst, wenn man das sieht. Seit diesem Zeitpunkt wurde die Presse auf mich aufmerksam, weil Heidi Gröhe wie ein Engel mit ihrem Zauberstab einiges bewegt hat. Die Lokalpresse in Neuss, der große Artikel in der Rheinischen Post, die herCAREER und zuletzt ein Interview für myself und die FAZ.

Du hast dich in der vermeintlich reinen Männerwelt der Kunstherztherapie durchgesetzt. Wie haben die Männer in diesem Fachbereich auf Dich reagiert? Haben Sie Dich gleich ernst genommen?

Als junge Ärztin musste ich erst einmal dafür kämpfen, dass ich in ein Krankenhaus komme, das auf Kunstherzen spezialisiert ist. Das war dann das große Zentrum in Bad Oeynhausen. Da konnte ich froh sein, wenn ich einen Patienten überhaupt sehen und anfassen durfte. Kunstherzimplantation ist viel spezieller als Herztransplantation, was auch viele andere Zentren und Unis anbieten. Diese besondere Spezialisierung ist es, um die mich viele Kollegen beneiden. Das können nur eine Handvoll Chirurgen in Europa undich bin aktuell die einzige Frau. Am Anfang traut Dir das niemand zu. Die Operation ist kein Hexenwerk, aber es kommt auf die richtige Nachbehandlung und Therapie an. Das ist der Kasus knacktus, denn sonst sterben viele Patienten nach der OP. Ich habe mir das im Vergleich zu vielen andern, auch zu Männern, zugetraut und hatte gute Ergebnisse. Deshalb bin ich im Vordergrund und auch so selbstbewusst. Ich kann das und labere nicht nur wie viele andere in meinem Fach.

Der Volksmund spricht gern von den „Göttern in Weiß”. Dahinter steckt ja in gewisser Weise auch ein starkes Hierarchiedenken. Ist das in der Praxis wirklich so und wirkt sich das auch auf die Kultur und die Arbeitsatmosphäre in der Medizin und der Chirurgie aus?

Also hier in Bremen ja, in Duisburg hätte ich das alles verneint. Dort habe ich alles selber gemacht und selber entschieden. Hier muss ich meinen Chef oder ältere Kollegen in die Entscheidung einbinden, da sie einer Frau nur schwer zutrauen, die Entscheidung auch selber zu treffen.
Wir tragen in der Chirurgie eine sehr hohe Verantwortung. Es gibt Tage oder Phasen, in denen man denkt, ich bin überfordert oder es ist zu viel für mich. Dann ist es, gerade in der Ausbildung wichtig, sich Hilfe zu holen. Männliche Kollegen haben eher die Tendenz, nicht zu fragen, nach dem Motto, ich kann das schon. Aber das schadet den Patienten.

Was müsste denn aus Deiner Sicht geschehen, damit es mehr Frauen in die Chefetagen der Kliniken schaffen?

Die Jugend fördern und für unser Fach begeistern – das ist das A und O. Nach meinen Erfahrungen habe ich den Nachwuchs später alle in den OP gelassen, bei den schwierigsten Operationen. Man sollte die Leute schnell ausbilden und nicht jahrelang knechten. Gerade die Chirurgie gilt als Männerdomäne. Deshalb müssen mehr Frauen in eine wichtige Position kommen, damit andere das für möglich halten. Für Frauen muss es auch flexible Arbeitszeiten geben, damit sie nicht denken, wenn sie Kinder kriegen, war es das. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist auch in dem Beruf möglich. Hier in Bremen zum Beispiel, einer mittelgroßen Klinik mit bis zu acht OPs am Tag, mache ich selten Überstunden. Natürlich kann das in einer Uniklinik anders aussehen. Es kommt viel darauf an, wie der Chef eine Klinik führt.

Kommen denn aktuell schon mehr Frauen bei Euch in der Klinik nach, an die Du deine Erfahrung weitergeben kannst?

Leider noch nicht. Aber seit einem Jahr bin ich ja erst verstärk in der Presse, dank meinem Treffen mit Angela Merkel, meinem Auftritt auf der herCAREER@Night oder vieler anderer Interviews. Da ist die Geschäftsführung hier in Bremen jetzt wach geworden. Nun habe ich den Auftrag, verstärkt Nachwuchs zu akquirieren, zum Beispiel bei der Veranstaltung „Operation Karriere“ an der Uni Eppendorf in Hamburg Ende des Jahres. Dort sind angehende junge Ärzte oder solche, die schon seit Kurzem im Beruf sind. Ich mache das gerne, weil ich mit meiner Art, meiner Geschichte und meinen Erfahrungen als Frau in dem Beruf Leute erreichen kann. Ich merke, dass die Jugend mir folgt, weil ich diese Leidenschaft versprühe.

Du hast wirklich sehr viel erreicht. Was treibt Dich heute noch an, Dich zu verändern?

Ich möchte unbedingt das neue Kunstherz herausbringen, woran wir aktuell forschen. Es darf im Moment nur ein einziges System implantiert werden. Das ist auch das, was ich operiert hatte, als Frau Merkel dabei war. Bei unserem neuen Kunstherz führen keine Kabel aus der Bauchdecke. Das würde die Lebensqualität der Patienten erhöhen. Und mein Herz schlägt dafür, noch mehr Menschen zu helfen. Außerdem möchte ich noch mehr Frauen erreichen. Vielen fehlt es an Selbstbewusstsein, obwohl sie das Können haben. Sie werden eingeschüchtert oder finden ihre Arbeit nicht gut genug. Man muss ihnen die Angst nehmen. Das ist ein langer Weg, aber wir schaffen das.

Interview: Stefanie Hornung