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Wir Herrenmenschen

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

 

Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte

Bartholomäus Grill © Dominik Rößler

Dass es mit unserer Weltoffenheit, Toleranz und Vorurteilsfreiheit nicht weit her ist, wie der Autor zeigen will, demonstriert brandaktuell der Fall Clemens Tönnies. Tief sitzen anscheinend dieselben rassistischen Bilder und Ängste, die fast automatisch bei unbedarften Zeitgenossen hochpoppen, wenn Emotionen das Urteilsvermögen ausschalten. Die Wurzeln liegen auf der Hand.

Grill folgt den Spuren der Kolonialgeschichte Deutschlands in übersichtlichen, regional strukturierten Kapiteln und spart die beteiligten Kirchen/Missionsgesellschaften ebenso wenig aus wie von den „Herrenmenschen“ instrumentalisierte einheimische Kollaborateure. Er beleuchtet Fehleinschätzungen vom guten Deutschen oder treuen Askari (aus Afrikanern rekrutierte Schutztruppe, die gegen Landsleute eingesetzt wurden) und diskutiert den Begriff Völkermord am Beispiel der in die Wüste getriebenen Herero in Namibia. Der Auslandskorrespondent namhafter Zeitungen und Magazine bewertet schriftliche Quellen, befragte Zeitzeugen und deren Nachkommen, besichtigt vor Ort bauliche Relikte und schildert seine Suche in deutschen Museumsmagazinen nach geraubten Schädeln.

Wer die deutsche Kolonialgeschichte bagatellisiert, wird jedoch eines Besseren belehrt. Bismarck, der zunächst gegen Kolonien war, wurde von hanseatischen Unternehmern geschickt zu militärischem Schutz ihrer Profitgier gedrängt, indem sie Kolonien als Prestigegewinn deklarierten. Dabei war es Eingeweihten längst klar, dass es damals außer Baumwolle, Palmöl oder Kokosfleisch nichts gab, was die Ausfuhr lohnte. Die Bevölkerung der potentiellen Absatzgebiete von deutschem Ramsch musste erst zu Konsumenten „umerzogen“ werden. Als Rechtfertigung für die Öffentlichkeit daheim wurde die Sklaverei bekämpft, aber eigentlich nur durch Zwangsarbeit in Plantagen oder für den Wege- und Eisenbahnbau ersetzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Kaiserreich die Kolonien an die anderen Kolonialmächte, die in Weißbüchern deutsche Brutalität genüsslich an den Pranger gestellt hatten aber sie dann fortsetzten. Das ist einer der Gründe, warum in den Augen einiger Nachfahren die Deutschen glimpflicher wegkommen im Urteil als ihre Nachfolger. Das Buch ist ein gelungener erster Einstieg in das Thema, will aber keine wissenschaftliche Aufarbeitung ersetzen. Entsprechend ist die reduzierte Literaturauswahl zu verstehen.


Bartholomäus Grill

Bartholomäus Grill, 1954 in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Ab 1993 berichtete er als Korrespondent der ZEIT aus Afrika, seit Anfang 2013 ist er Afrika-Korrespondent des SPIEGEL, wo er zuletzt über den Tod Nelson Mandelas schrieb. Bei Siedler ist sein Bestseller Ach, Afrika (2003) erschienen. 2006 wurde er für eine Reportage über den Tod seines Bruders mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet.

Verlagsgruppe Random House GmbH

Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 25 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-8275-0110-3
Hardcover
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