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Schnee in Amsterdam

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Der irische Architekt Gerry und Stella, die ihren Studienabschluss ganz traditionell der Familie geopfert hat, sind Senioren und seit Jahrzehnten verheiratet. Stella hat ein verlängertes Wochenende in Amsterdam gebucht. Dabei reizt sie zwar auch das Erkunden der Stadt, stärker treibt sie ein Hintergedanke an. Sie will ihrem verbleibenden Leben mehr Sinn verleihen. Als praktizierende Katholikin faszinieren sie die Beginen schon länger. Sie fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass man mit mehr als fünfundsechzig Jahren nicht mehr aufgenommen wird. Erst nach und nach wird erklärlich, warum sie dahin gedriftet ist.

Manche Leser werden mit den Dialogen des Paares über Alltägliches und wenig Originelles vielleicht ein Déjà-vu erleben, hätten aber wenig Literarisches darin vermutet. Die Passagen erfordern im Leben wie im Buch Durchhaltevermögen, denn es entwickelt sich nichts. Gerrys Alkoholismus duldet Stella seit langem, so sehr er ihn auch zu verheimlichen sucht. Die Protagonisten begeistern sich für nichts mehr, beobachten sich selbst, lauern auf Ausfälle und Rückschritte, sind aber selbst für Hass zu lethargisch und bleiben in der gegenseitigen Abrechnung stecken. Seit Gerry nicht mehr berufstätig ist, beschäftigt er sich buchstäblich mit nichts, während Stellas „Beruf“ (Versorgung des Haushalts) erst mit ihrem Tod enden wird und kein noch so kleines Erfolgserlebnis birgt. Ihre Geduld ist am Ende. In den vier Tagen schärft sich der Blick fürs Unerträgliche, der immer wieder wahllos assoziativ in die Vergangenheit springt.

Bernard MacLaverty hat für seinen Roman einen sehr gemächlichen Sprachstil gewählt, der sowohl das Alter der Handelnden, das spannungsfreie Geschehen und die Monotonie dieser Ehe betont. Diese lähmende Beziehung hinterlässt die Personen müde, ausgelaugt, depressiv. Die Jahreszeit nach Weihnachten ist darüber hinaus eine Metapher für die Eiszeit, die zwischen ihnen herrscht. In diesem abschreckenden Urlaub passiert nichts wirklich Entscheidendes. Erst als am Flughafen alle Flüge wegen Schneefalls gecancelt werden und zur Langeweile gezwungen, überschwemmen Stella Einzelheiten und Gefühle, die während der Hochzeiten der IRA Ursache ihrer jetzigen Sinnsuche waren. Insofern ist der Roman bis zum Ende stimmig.

 

Verlag C.H.Beck oHG

22,00 €

Hardcover

ISBN: 978-3-406-72700-9