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Propaganda

Steffen Kopetzky © Enno Kapitza

Rezension von Dietrich Kantel

 

John Glueck ist ein junger US-Leutnant und dient bei Sykewar, der Propaganda-Abteilung der US-Army. Er hat deutsche Vorfahren, spricht fließend Deutsch und bewundert die deutsche Kultur. 1944: Der Zweite Weltkrieg in seiner Endphase an der Westfront. Im Hürtgenwald, südlich von Aachen, ist das letzte voll kampffähige Aufgebot der Wehrmacht aufgestellt. Mit einer letzten Offensive soll die vorrückende US-Army zurückgeschlagen werden. John Glueck ist mittendrin im Gemetzel der Allerseelenschlacht. Und später auch im Vietnamkrieg und wandelt sich zum Whistleblower bei den Pentagon-Papers. Davon, vom Abschlachten, von der Ignoranz von Generälen, von Verlogenheit und Zynismus von Politikern über Systeme und Zeiten hinweg und von Heldentum handelt Steffen Kopetzkys historischer Roman „Propaganda“.

Allerseelenschlacht

Die Allerseelenschlacht vom November 1944 mit 15.000 toten Soldaten in wenigen Tagen, der größten Einzelniederlage in der Geschichte der US-Streitkräfte, erlitten im Hürtgenwald, dem Blutwald, ist weitgehend vergessen. Der Autor ruft sie wieder in Erinnerung mit einer Geschichte, die er spannt vom Zweiten Weltkrieg bis hin zu Vietnam.

Die Geschichte ist sehr dicht, weil bewundernswert präzise recherchiert. Sie ist historisch dicht, was die Schlussphase des Zweiten Weltkrieges angeht. In der der Held der Geschichte, John Glueck, seinen Weg nimmt vom erzwungenen Fallschirmabsprung in der Normandie, über den Einzug in das – tatsächlich von den Amerikanern, pro forma,  jedoch von De Gaulles Kleinkontingent –  befreite Paris hinein in den Hürtgenwald, in den Eisenhower, selber in Paris sitzend,  seine Jungs ohne brauchbares Kartenmaterial oder Geländeaufklärung und so massenhaft in den sicheren Tod schickte. John Glueck entkommt von dort nur durch eine Verkettung spannend-glücklicher Umstände.

Die Brücke an der Kall

Die Geschichte ist vom Autor personell dicht besetzt. Mit seinem John Glueck lässt er neben diversen höheren Militärchargen Bukowski auftreten und Salinger; in Paris den saufenden Hemingway, den hurenden Eisenhower und den politischen, arrogant selbstgefälligen Kriegsprofiteur De Gaulles.

Schließlich noch inmitten des Gemetzels im Hürtgenwald nimmt Kopetzky den deutschen Wehrmachtsarzt Günter Süttgen und dessen bedrückend beeindruckende Tat in den Handlungsstrang des Romans auf: Die verbürgte Heldentat eines Stabsarztes, der, nur seinem Hippokratischen Eid verpflichtet, es an der Steinbrücke über das Eifelflüsschen Kall vermochte, inmitten der Feuergefechte der blutig kämpfenden amerikanischen und deutschen Truppen für knapp drei Tage eine Feuerpause zu erwirken und in dieser Zeit mit US-Sanitätern in einem improvisierten Feldlazarett dann in kaum unterbrochener Tag-und Nachtarbeit hunderte Verwundete beider Kriegsparteien operierte, amputierte oder sonst medizinisch grundversorgte: Die Deutschen stellten den Arzt, die Amerikaner hatten die Betäubungsmittel und die Sanitäter.

Vom Hürtgenwald nach Vietnam

Die Geschichte ist moralisch dicht gewebt: Die Lebensgeschichte eines deutschstämmigen US-Propagandaoffiziers, der der Hölle der Allerseelenschlacht entkam; der den moralischen Anspruch der Amerikaner im WK2 verkörpert, die blutige Tyrannei zu stürzen, Menschlichkeit zurück zu bringen und Freiheit und Demokratie (wieder)herzustellen. Um denselben John Glueck dann im Vietnamkrieg erfahren lassen zu müssen, wie die politische Führung Amerikas dort genau all diese Werte, für die Amerika seither glaubhaft stand, verriet, indem sie selber schrecklichste Kriegsverbrechen begingen ließ, diese rechtfertigte oder vertuschte.  Am Ende findet sich ein gewandelter Glueck als Whistleblower in einem US-Knast, wo er wegen angeblichen Geheimnisverrates in Untersuchungshaft einsitzt und dort „seine“ Geschichte aufzeichnet.

Vor 75 Jahren: Auf Leben und Tod

Und schließlich: Auch sprachlich ist die Geschichte, die Steffen Kopetzky erzählt, sehr dicht. Seine Sprache ist seitenlang purer Genuss, die Einflechtungen des Pennsylvania-Deutsch sind herzig, die dramatischen Schilderungen fesselnd.

Der Rezensent erlaubt sich an dieser Stelle eine sehr persönliche Anmerkung:
Sein 1985 verstorbener Vater war als junger Reserveoffizier und Kompaniechef, nur wenig älter als John Glueck, in der Schlacht im Hürtgenwald eingesetzt. Er entkam lebend und nur minder schwer verwundet. Natürlich auch nur durch viel Glück. Einige Aspekte aus dieser grausamen Schlacht hat er – sehr sparsam – über die Jahre in der Familie später nacherzählt. Steffen Kopetzky hat es vermocht diese Erzählbilder im Kopf des Rezensenten nach Jahrzehnten während der Lektüre wie auch bis hinein in einige Träume plastisch und wie Lebendbilder wiederauferstehen zu lassen. (Vgl. hierzu auch „Vor 75 Jahren – Auf Leben und Tod im Hürtgenwald“  https://www.rantlos.de/politik/vor-75-jahren-au…-im-huertgenwald.html ).

Steffen Kopetzky, „Propaganda“
Verlag Rowohlt 2019, (495 Seiten)
ISBN 978 – 3 – 73710064 9)