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Wenn die Sexologin erzählt

Rezension von Dieter Buchholtz

Einfühlsame Wege der Spurensuche

Ann-Marlene Henning

Die Hamburger Sexologin Ann-Marlene Henning ist in den letzten Jahren durch Buchveröffentlichungen und TV-Dokumentationen zum Thema Sexualaufklärung bekannt geworden. Ihr Markenzeichen: Sie geht Problemfelder in der Sexualität offen, immer aber mit sehr viel natürlicher Sensibilität an.
Wenn wir uns einfach mal anschauen, was, repräsentativ betrachtet, in deutschen Betten los ist, dann sind immerhin rund 75 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrem Sexualleben. Also alles im grünen Bereich!? Blickt man dagegen auf einige Zusatzfragen, die u.a. Yougov kürzlich zum Thema gestellt hat, dann zeigt sich, dass es in Praxis und Erwartung durchaus nennenswerte Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. So ist 43 Prozent der Männer Sex sehr wichtig, Frauen dagegen nur 22 Prozent. Knapp 50 Prozent der Männer denkt täglich an Sex, aber nur 16 Prozent der Frauen tun das. Nehmen wir als ein weiteres Beispiel die Singles. Nur 44 Prozent von ihnen bezeichnen ihr Sexualleben als zufriedenstellend.

Wechselwirkung zwischen Beziehung und Sexualität

Und genau an den Schnittstellen dieser Spannungsbögen setzen die Analysen und Beratungen von Henning in ihrer Hamburger Praxis und in ihren Publikationen an. Aus ihrer jahrelangen Erfahrung erzählt sie im vorliegenden Buch in 16 Kapiteln Einzelaspekte und Einzelfälle. Diese Erfahrungen und Erinnerungen hatte sie ihrem Sohn erzählt, der die Stories dann transkribiert hat. Herausgekommen ist ein Buch, das den Leser hineinzieht in unterschiedliche Problemfelder des Sexuallebens von Mann und Frau. Henning kommt in „Liebespraxis – Eine Sexologin erzählt“ nie belehrend oder marginalisierend rüber. Durchgängig spüren Leserinnen und Leser, dass die Sexologin sehr einfühlsam mit den Betroffenen auf Spurensuche nach Ursachen für Sexualprobleme geht. Und zumeist gibt es schlussendlich immer Lösungen.
Henning weiß, dass der Einstieg für den Schritt in ihre Praxis und dann auch noch das Reden schon mächtig nervös machen können. Deshalb geht sie diese oft sehr tabubeladene Kommunikation nie mit festen Regeln und starren Mustern an. Denn hinter den vielfachen Problemen steht immer die eigentlich nahe liegende Erkenntnis: „Wenn irgend etwas in der Beziehung nicht stimmt, hat das Auswirkung auf die Sexualität und umgekehrt.“

Wenn das Prickeln im Alter nachlässt

Konkret von sexueller Unlust sind beispielsweise Paare betroffen, die schon lange zusammenleben oder eben durch ihr Alter bedingt nicht mehr das Prickeln verspüren. Es kommt dann zum Beispiel ein Paar in die Praxis und hat Fragen zur Verführung im Alter. Sie suchen nach konkreten Hilfen. Und in solchen Zusammenhängen stellt sich dann überraschend beispielsweise heraus, dass Reizwäsche für den Mann vielleicht mehr bewirkt als der mühsam antrainierte Sixpack-Body. Und mit einem Seitenblick auf Sexdoping weist Henning darauf hin, dass die rosa Pille für die Frau dauerhaft eingenommen werden muss und zu viele Nebenwirkungen hat. Oder eben die blaue Pille (Viagra) für den Mann muss immer kurz vor dem Sex geschluckt werden. Henning vermittelt aus ihrer Praxis heraus auch den Tipp, mal gemeinsam erotische Literatur zu lesen. Das kann – so die Sexologin – Wunder bewirken.
Ann-Marlene Henning erklärt den fragenden und suchenden Patienten, dass „sexuelle Lust sich wie die Neugierde verhält.“ Sie rät, auch in der Sexualität einfach neugierig zu bleiben – auf den Partner und auf das Leben. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass es vielleicht auch hilft, im Schlafzimmer langsamer zu werden.

Geschichten von Paaren zwischen 20 und 100

Ann-Marlene Henning © Juliane Werner

Konkret vermittelt sich das Buch auf 285 Seiten über die Geschichten von Paaren zwischen 20 und 100 als Lesebuch für eine Vielzahl von tabuverursachten Stolpersteinen im Sexualleben. Eine Vielzahl von O-Tönen zieht authentisch in die Sprechstunden hinein. Man wird Zeuge oder sogar Teilnehmer einer Therapie. Man kann eine Menge für das eigene Paar- und Sexualverhalten mitnehmen. Hier wird nicht theoretisiert, sondern lust- und liebevoll praktiziert.
Auch wenn Henning seit Jahren mit ihrer Aufklärungsarbeit sehr erfolgreich ist, so legt sich dieser Glanz auch über eine Biographie, die nicht immer leicht gelebt werden konnte. Die im dänischen Viborg geborene 53-jährige Sexologin studierte zunächst in Hamburg ab 1990 Neuropsychologie und in Dänemark Sexologie. Dann folgte in der Schweiz die Ausbildung nach dem Sexocorporel-Konzept (Zusammenspiel von Komponenten der Sexualität). Seit 2007 ist sie niedergelassene Psychotherapeutin für Paar- und Sexualtherapie. Dazwischen lagen ihre persönlichen Stolpersteine. Ihre Eltern wollten, dass sie – entgegen ihrer Vorstellung – Jura studiert. Daraus wurde dann nichts. Als sie Mitte 20 war, verschwand ihr Vater ohne Ankündigung aus ihrem Leben.

Zwischen Kritik und schwerer OP

Als sexuelle Spätzünderin machte sie ab 1985 eine verzehrende symbiotische Liebe durch. 1998 wurden bei ihr im Gehirn drei große Aneurysmen entdeckt und operiert. Eine Abtreibung wurde unumgänglich. Es folgte wegen der OP eine Angststörung und danach die notwendige Therapie.
Noch heute kritisiert Henning , dass sie keine sexuelle Aufklärung in der Schule bekommen hat. Ihre Bemühungen auf diesem Feld und ihre publizistischen Aktivitäten blieben auch  nicht ohne Kritik. Mehrfach wurde sie heftig und öffentlich angegriffen. Ein Vorwurf war, dass sie durch ihre Aufklärungsarbeit Kinder frühsexualisieren würde. Ihre Kritiker halten und hielten dies für gefährlich. Henning setzt dagegen, dass auch Kinder schon sexuelle Wesen seien, die sich bereits ab dem 8. Monat anfassen. Zweifelsfrei öffnet sich hier wiederum ein großes Gebiet tabuisierter Sexualität.

Ann-Marlene Henning © Nele Martensen

Eins ist aber wohl gewiss – wie der Klappentext des Buches verrät: „Alle scheinen alles über Sex zu wissen. Dennoch hat nicht jeder den Sex, der ihn glücklich macht. In unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft sind die wahren Tabus das Schweigen, die Unsicherheiten und die Wissenslücken in unseren privaten Beziehungen.“

Liebe sind die kurzen Momente des Glücks

Henning wird häufig gefragt: „Was ist denn für Sie Liebe?“. Ihre prompte Antwort: „Es sind die kleinen kurzen Momente des Glücks.“
Faktisch hilfreich in dem Buch sind zahlreiche Internetadressen, Literaturhinweise und Links. Wer nun Lust verspürt, sich mit den Klippen der Sexualität auseinanderzusetzen, dem sei die Lektüre des leichten Lesestoffs „Liebespraxis“ durchaus empfohlen. Die Hinzunahme von „Make more Love – Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene“ von 2014 ist eine nützliche, ausführliche, faktenreiche und eher lexikale Ergänzung.
Und noch ein Hinweis: Seit 2013 läuft von Henning die Fernsehdokumentation „Make Love – Liebe machen kann man lernen“. MDR, SWR und ZDF haben die einzelnen Staffeln gesendet. Die offizielle Webseite der Sendung wurde für den Grimme-Online-Award nominiert.

Anne-Marlene Henning
„Liebespraxis – Eine Sexologin erzählt.“
228 Seiten
rowohlt-polaris
ISBN 978-3-499-63318-8.