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Spektakulärer Start

Kultur zwischen Millionen und Milliarden

Von Dieter Buchholtz

In Deutschland gibt es knapp 6400 Museen mit jährlich rund 112 Millionen Besuchern. Frankreich bietet etwa 1300 vergleichbare Häuser in knapp 900 Orten. Mit einem erweiterten Blick auf die EU kommen noch 26 Länder mit ihren musealen Potenzialen dazu. Dagegen hat die Hauptstadt der Vereinigten Emirate, Abu Dhabi, „nur“ 17 Museen – arbeitet aber daran, eine kulturelle Drehscheibe mit Weltniveau zu werden. Insgesamt also öffnet sich hier ein schier unvorstellbares Kulturvolumen. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der unüberschaubaren Kulturwelt unseres Planeten.

Dennoch: Von musealer Sättigung in den konkret genannten Ländern keine Spur. In 2017 brillieren sie beispielsweise mit drei spektakulären Museumseröffnungen. Und bei allen ist die große Geste inklusive.

Historial Hartmannsweilerkopf

„Der Nationalismus ist ein Menschenfresser“

Deutsch-Französisches Historial zum Ersten Weltkrieg am Hartmannswillerkopf

So haben es sich am 10. November die Staatsoberhäupter der EU-Kernländer Frankreich und Deutschland nicht nehmen lassen, auf dem elsässischen Berg Hartmannsweilerkopf (südwestlich von Freiburg im Breisgau) die deutsch-französische Museums- und Gedenkstätte zum Ersten Weltkrieg einzuweihen. 

Staatspräsident Emmanuel Macron hob hervor, dass es um eine „gemeinsame Lesart unserer Geschichte“ gehe. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rückte vor dem Hintergrund des von den Soldaten vor 100 Jahren geprägten Schreckensnamens des Berges („Menschenfresser“) gerade: „Nicht dieser Berg ist ein Menschenfresser – der Nationalismus ist ein Menschenfresser.“ Das Besondere an diesem Historial ist, dass es das einzige gemeinsame Museum beider Länder zum Ersten Weltkrieg ist. Die schreckliche Bilanz damals: Hier starben in blutigen Schlachten etwa 30.000 deutsche und französische Soldaten. Der Grundstein für die Erinnerungsstätte wurde 2014 gelegt. Die Kosten von 4,7 Millionen Euro teilen sich Frankreich, Deutschland und die EU. 

Haus der Europäischen Geschichte

Mit Tablets Geschichte fühlen

Haus der Europäischen Geschichte

Um die gemeinsame Lesart unserer Geschichte geht es auch bei dem bereits am 6. Mai 2017 eröffneten „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel. Die Investition von 55,4 Millionen Euro scheint sich gelohnt zu haben. Denn in kurzer Zeit hat sich diese eurohistorische Schau dank einer besucherfreundlichen Konzeption zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Vorbld war, übrigens das Bonner “Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland”, dessen Chef, Prof. Hütter”, mit seinem Team auch wesentlich mitgearbeitet haben.

Hier im Leopoldpark im Europaviertel nahe dem Europäischen Parlament sind auch im Museum gründliche Sicherheitskontrollen obligatorisch. Sozusagen ungewollt geben sie bereits beim Besuchsstart einen fühlbaren Eindruck davon, wie aktuelle Europapolitik an der Schnittstelle zur Weltpolitik auch im Alltagsprocedere betroffen sein kann.

Das Fühlbare zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Ausstellungsstockwerke im Eastman-Gebäude. Alle Themenkomplexe kommen sehr eindrücklich für den Betrachter rüber. Hilfreich hierbei sind die kostenlose zur Verfügung gestellten Tablets. Mit ihnen kann man sich in jeweils einen Teil-Themen-Komplex mit häufig dreidimensionalen Exponaten einloggen und viel Zusatzinformation erhalten. 

Im Mittelpunkt die europäische Einigungsgeschichte

Die Art des interaktiven Umgangs mit europäischer Geschichte wird insbesondere von jungen Besuchern gern angenommen. Es ist mitreißend, mit welchem Eifer sich Jugendliche durch die Ausstellung hindurch arbeiten. 24 Sprachen stehen auf diesen Weg zur Verfügung. Und im Vorbeigehen erlebt der Besucher einen regelrechten Schmelztiegel europäischer, aber auch außereuropäischer Sprachen. Ein Stück gelebte Supranationalität.

Es war nicht leicht, eine gesamteuropäische Konzeption so zu entwickeln, dass alle beteiligten Länder mit dieser Darstellung in einem europäischen Museum leben können. So scheiterte denn auch der erste Anlauf Mitte der 1990er Jahre. Proteste, Uneinigkeiten, Geldmangel und fehlender politischer Wille waren Gründe. Und erst recht konnten sich die Länder nicht auf einen geeigneten Standort einigen. 

Der zweite Anlauf in 2008 war dann erfolgreich. Im Kern einigten sich die Beteiligten darauf, dass man sich auf das 20. Jahrhundert und in Verbindung damit auf die moderne europäische Einigungsgeschichte konzentrieren will.

Kritische Fragen inklusive

Wie man sich bettet, so liegt man: Ein „schläfriges“ Ausstellungsstück im „Haus der Europäischen Geschichte“.

Die Dauerausstellung im „Haus der Europäischen Geschichte“ ist chronologisch in drei Abschnitte unterteilt. Dazu kommt noch ein vierter Teil mit Fragen, Überlegungen und Anmerkungen sowie Ausblicken auf die Zukunft Europas. Es werden kritische Fragen aufgeworfen, warum die EU keine wirkliche Begeisterung unter den Mitgliedstaaten hervorrufen kann, wann die Erweiterung abgeschlossen sein wird und ob sich die EU zur Föderation, einem Staatenbund oder einem Bundesstaat entwickelt. 

Bei den Gewichtungen der jeweiligen Abschnitte steht daher der dritte Teil für die Zeit 1945 bis 2007 im Mittelpunkt und ist damit auch der umfangreichste. Es geht um die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration seit 1945 und die Überwindung von Krieg und Erbfeindschaften. Die Zeiträume 1850 bis 1914 und 1914 bis 1945 haben eher hinführenden Charakter auf die moderne Einigungsgeschichte.

Mutige Reduktion auf das Wesentliche

Im Sinne der zuvor genannten offenen Fragen zur EU ist hier auch beispielhaft eine kritische Medien-Stimme zu zitieren. So bemängelt faz.net, dass entscheidende Fragen zum Erbe, zur Identität Europas, zum Stolz, zu Werteprägungen nicht umfassend beantwortet werden. „Stattdessen bekommt er (der Besucher) ein neomarxistisches Narrativ vorgesetzt, das die komplexe Geschichte unseres Kontinents und die Vielfalt seines Erbes nicht widerspiegelt.“ An dieser Stelle sei es dem Leser überlassen – im Sinne auch der Museumskonzeption -, sich selbst ein Bild davon zu machen, ob er dieser Einschätzung folgen möchte (hilfreich ist hierzu vielleicht auch der Einblick bei Wikipedia).

350.000 Europäer werden jährlich von den EU-Abgeordneten nach Brüssel eingeladen. Das Museum für Europäische Geschichte gehört damit unabdingbar ins Programm dieser Bürger, die sich solide und genauer über Europa informieren wollen. Denn das „Haus der Europäischen Geschichte“ ist mit 200 Leihgebern ein politisches Projekt, das wissenschaftlichen Standards genügt. 

Die drastische Reduktion der immerhin noch über 1500 Exponate auf das Wesentliche ist im europäischen Kontext als mutig zu bezeichnen. Denn hier liegt der Nukleus für ein gemeinsames Gedächtnis Europas. Vielleicht ist mit diesem Haus, mit dieser Initiative des Europäischen Parlaments, auch ein Stück eines Prototypen geschaffen worden, der andeuten kann, wie Europa noch stärker zusammenwächst. Eine damit große Geste für einen wichtigen Pfeiler in der angestrebten europäischen Identität.

Louvre Abu Dhabi

Brücke zwischen europäischer und arabischer Kultur

Louvre Abu Dhabi

Ein architektonisches Weltwunder zu schaffen, das war der Auftrag an den Architekten. Eine Brücke zwischen europäischer und arabischer Kultur zu schlagen, das ist ein Wunsch der Auftraggeber. Nicht kleckern sondern klotzen könnte man über die Investition von immerhin 1,5 Milliarden Euro für das gesamte Projekt in Abu Dhabi schreiben. Allein schlappe 400 Millionen Euro werden für ein Namensrecht an Frankreich bezahlt. 30 Jahre kann der Name Louvre Abu Dhabi für den Preis von 400 Millionen Euro verwendet werden.

Wenn wir nur die Zahlen der beiden zuvor genannten Museen gegen dieses Abu Dhabi-Projekt abgleichen, dann könnte man für die europäischen Projekte die Karte „provinziell“ ziehen. Das hieße aber auch Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Und der Rheinländer mag wohl geschmunzelt haben, als dieses 64.000 Quadratmeter große Bauwerk ausgerechnet am 11.11.17 eröffnet wurde.

Schattenspiel unter heißer Wüstensonne

Für die große Eröffnungsgeste sorgten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zusammen mit Frau Brigitte und Kronprinz Mohammed bin Sajed-Nahjan. Architekt Jean Nouvel legte mit seiner spektakulären Kuppel von 180 Metern Durchmesser eine Sensation hin. Feinfühlig wurden hier Traditionen und Stimmungen aufgegriffen, wie sie in Souks herrschen. herauszuheben ist das für den Besucher so angenehme Schattenspiel unter heißer Wüstensonne. 

“Fountain of Light” von Ai Weiwei

Zu sehen bekommt der Betrachter einen Ableger des weltberühmten Louvre. Werke aus unterschiedlichen Kulturkreisen werden gemischt. Sie werden chronologischen Aspekten zugeordnet. Zu nennen sind hierbei Zivilisation, Handel und Religion. Und es verbindet sich auch ein Ansatz mit dem vorgenannten Haus der Europäischen Geschichte: Es sollen Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Teilen der Welt gezeigt werden.

Großzügig präsentieren sich auf 8600 Quadratmetern mehr als 600 Exponate. Nach mehrjährigen Bauverzögerungen steht nun im Wüstensand ein touristischer Magnet. Auch dieses exorbitant teure Prunkstück gehört in die Konzeption der Emirate, parallel zum versiegenden Ölboom mit großen Gesten eine Region von besonderer touristischer Anziehungskraft zu werden.

Zu den oben genannten Museen

Historial Hartmannsweilerkopf

Haus der Europäischen Geschichte

Louvre Abu Dhabi