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Der “Totentanz” im Westerwald

Kaum bekannt und trotzdem einmalig im Rheinland. Motiv: Am Ende sind wir alle gleich

Von Gisbert Kuhn

Kirche St. Johannes Baptist

Der Bekanntschaftsgrad von Bruchhausen dürfte wahrscheinlich nicht sonderlich groß sein. Zumindest nicht außerhalb seiner näheren Umgebung. Das Dorf am westlichen Rand des Naturparks Rhein-Westerwald im rheinland-pfälzischen Landkreis Neuwied hat knapp 900 Einwohner und ist seit 1968 Ortsteil der Verbandsgemeinde Unkel am nördlichen Mittelrhein. Für Naturfreunde und Wanderer bietet sich hier oben willkommene Gelegenheit für eine Rast und ein schöner Ausblick über das Rheintal bis hinüber zu den Höhen der Eifel – um freilich dann zumeist wieder den Rucksack zu schultern und weiter den Weg (zum Beispiel den Rheinsteig) unter die Füße zu nehmen. Das ist schade. Denn in Bruchhausen erfreuen nicht nur zahlreiche, prächtig renovierte Fachwerkhäuser das Auge. Vielmehr birgt die um 1300 als romanische Basilika errichtete und zu Beginn des 16. Jahrhunderts im gotischen Stil umgebaute Kirche St. Johannes Baptist seltene, ja für das gesamte Rheinland und darüber hinaus einzigartige Exemplare sakraler Kunst und Gläubigkeit.

Die „weinende Madonna“

Marienstatue in der Kirche St. Johannes Baptist

Bruchhausen ist ein Marien-Wallfahrtsort und die Kirche St. Johannes Baptist Wallfahrtskirche. Verehrt wird von den Pilgern seit mehr als 250 Jahren die Gottesmutter symbolhaft in einer, stets kunstvoll gekleideten, aus der Zeit um 1340 stammenden Holzskulptur. Zwei Mädchen aus dem Dorf, Katharina Krupp und Gudula Züllichhofen, war (so geht die Geschichte) am 21. September 1745 zwischen 16 und 16 Uhr die Aufgabe übertragen worden, der wegen des Festes Mariä Himmelfahrt zuvor in kostbare Gewänder gehüllten Figur die Kleider wieder abzunehmen und ihr stattdessen wieder die alltägliche Garderobe anzulegen. Dabei hätten sie – sagt die Legende – in den Augen der Statue Tränen gesehen. Der daraufhin herbeigerufene, äußerst skeptische, Küster habe die Wassertropfen zunächst weggewischt. Doch am nächsten Tag sei (unter Zeugen) das „unerhörte Geschehen“ erneut aufgetreten. Die Kunde von der „weinenden Madonna“ verbreitete sich schnell und zog seither viele Gläubige zu St. Johannes Baptist nach Bruchhausen. Bis heute.

Votivtafeln in der Kirche geben Zeugnis von der Überzeugung und Dankbarkeit zahlreicher Pilger, dass Maria ihre Bitten erhört und ihnen geholfen hat. Freilich, so bedeutsam die Madonnenstatue für das Gotteshaus und die Pilger auch ist – das wahre Kleinod von Bruchhausen befindet sich buchstäblich im Schatten. Man muss die Kirche St. Johannes Baptist schon durch die linke Ausgangstür verlassen, um bei dem dort herrschenden düsteren Licht das (quasi in einer Nische versteckte) Bild wahrzunehmen. Worum es sich handelt, offenbart sich erst nach Betätigung eines (gleichsam fast versteckten) Zeitlicht-Schalters: Es ist ein so genannter „Totentanz“. Ein Ölgemälde auf Leinen, vermutlich von Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts, etwa 2,5 Meter breit und 1 Meter hoch. Seine Aussage ist klar: Egal, wer und was Ihr auf Erden seid, mächtig oder geknechtet, arm oder reich – am Ende Eures Lebens, im Tod, seid Ihr alle gleich!

Bibel der Armen oder Comics des Mittelalters

Votivtafeln in der Kirche

Die Einmaligkeit dieses (vermutlich aus einer Kölner Schule stammenden) Werks liegt darin, dass es das einzige dieser Art auf jeden Fall im Rheinland, vermutlich aber auch im gesamten nördlichen Bereich Deutschlands ist. Im Süden und in Österreich hingegen ist der „Totentanz“ häufiger zu finden. Ähnlich wie die Wandmalereien in Domen und Kirchen dienten vor allem im Mittelalter so genannte Vorsatzbilder mit religiösen Motiven dazu, dem zumeist ja des Lesens unkundigen Volk die Verkündung des Glaubens nahezubringen. In der Sprache des Klerus hieß das „biblia pauperum“ – übersetzt „Bibel der Armen“. Spötter sprechen in diesem Zusammenhang nicht zu Unrecht von „mittelalterlichen Comics“. Thema des Bildes in der Kirche von Bruchhausen ist die Auferstehung der Toten, das Jüngste Gericht, die Erlösung der Menschen durch Jesus Christus. Dessen Darstellung rechts oben in dem Gemälde ist allerdings auch der einzige lichte Punkt unter den ansonsten eher düsteren Figuren. Logisch, geht  – oder besser: tanzt – doch der Erlöser mit der rechten Hand einladend winkend den Toten in das „Reich des Vaters“ voraus.

Sympathie mit dem armen Bettler

Der Bruchhausener Totentanz

Eine Beschreibung des Bruchhausener „Totentanzes“  datiert die Entstehung dieser Art Bilderbögen in Deutschland etwa in den Beginn des 14, Jahrhunderts und verortet sie im mittelfränkischen Raum um Würzburg. Beim vorliegenden Exemplar geht man, angesichts der Kleidung der dargestellten „Stände“ und der Haarmoden, eher vom 17./18. Jahrhundert aus. Das Bild besteht aus zwei Ebenen mit jeweils elf Einzelbildern und entsprechenden Texten darunter  – oben die Darstellung der Geistlichkeit in abnehmender Hierarchie. Beginnend also links mit dem Papst, gefolgt vom  Kardinal, über Bischof, Priester usw. bis zur Nonne und Ordensfrau. Entsprechend stehen auf der unteren – also irdischen – Ebene an erster Stelle der Kaiser und ganz rechts hinten der armselige Bettler.

Und damit bekommt das Bild auch seinen Namen. Denn – gleichgültig ob Kirchenmann oder weltlicher Herrscher, ob prächtig gekleidet oder in Lumpen gehüllt – neben jeder einzelnen Figur steht, in gekünzelt-tänzerischer Pose, ein Gerippe, der Tod. Und jeder dieser Knochenmänner deutet durch eine bestimmte Geste an, welche Gefühle, Sympathie oder Abneigung er gegenüber „seinem“ Klienten empfindet. So muss sich zum Beispiel der in vornehmem Purpur gewandete Papst von seinem grausigen Begleiter anhören: „Ein Statthalter Christi warst du auf Erden, aber jetzt musst du zu Staub und Asche werden“. Hingegen lässt das Gerippe deutlich Zuneigung gegenüber dem armseligen Bettler erkennen, der sich seinerseits geradezu dankbar dafür zeigt, endlich von seiner Armseligkeit erlöst zu werden: „In Armut und Schmerzen hab ich meine Tage zugebracht, gleichwohl hat der Tod jetzt meiner gedacht“.

Das Thema ändert sich nicht  

Blick auf die Kirche St. Johannes Baptist

Gewiss, mit solchen Bildern und Darstellungen – einem großen Welttheater, sozusagen – sollte über viele Jahrhunderte hin vor allem der christlichen Glaubensgemeinschaft der rechte Lebensweg mit dem unabänderlichen irdischen Tod aufgezeigt werden. Aber auch mit dem Glück im Jenseits. Möglicherweise würde ein Maler heute andere Motive aussuchen. Aber würde sich auch das Thema ändern? Was bedeutet am Ende Macht? Ändert Reichtum etwa die Naturgesetzlichkeit des Sterbens? Was kommt wirklich „danach“? Dann, wenn der Tod einem Jeden voran „tanzt“?

Anmerkungen und Kommentare bitte direkt an gisbert.kuhn@rantlos.de