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Eine Reise in das Herz der Revolution

Alanus-Theaterschüler führen Revolutionsstück von Peter Weiss auf

Die Probebühne ist die Tenne einer ehemaligen Scheune. An den Längsseiten, links und rechts jeweils ansteigend, Stuhlreihen. Einige spärliche Requisiten rings umher. Alles ist auf die Mitte konzentriert. Aber auch dort herrscht eigentlich Minimalismus vor – ein einfaches hölzernes Quadrat von vielleicht zwei mal zwei Meter Ausmaß, wie ein Sandkasten. Gleichwohl vollzieht sich hier szenische wie sprachliche Dramatik. Teilweise in grotesker Pose agierende Figuren mit seltsamen, weißen Kitteln räkeln sich, deklamieren lange Texte, drücken körperliches und seelisches Leiden aus, simulieren Verzweiflung und Triumph.

Ja, hier wird geübt, wird Theater gespielt. Es sind (um es genau zu sagen) Angehörige des „3. Jahrgangs des Diplomstudiengangs Schauspiel“ der in Alfter vor den Toren Bonns gelegenen privaten Alanus Hochschule. Und das Stück, um das es geht, ist jener Klassiker mit dem komplizierten Titel, der dem Schriftsteller Peter Weiss vor allem in den 1960-er und 1970-er Jahren national und grenzübergreifend großes Aufsehen verschaffte: „Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats, dargestellt von der Hospizgruppe zu Charenton unter der Leitung des Marquis de Sade“.

Bezug zur Gegenwart

Regisseur MIchael Barfuß

Die Stimme, die von außen Anweisungen gibt, gehört Michael Barfuß (60).  Was hat den Regisseur (und natürlich auch Ideengeber) an dem Werk gereizt, mit dessen Uraufführung 1964 in Berlin der deutsch/schwedische Autor Weiss international den Durchbruch schaffte? Was war für ihn so interessant an einem literarischen Produkt, das – teils fiktiv, teils historisch belegt – hauptsächlich in der Frühzeit der französischen Revolution spielt? „Ganz einfach“, sagt Barfuß, „das Thema ist hochaktuell“. Gemeint sind damit Entwicklungen und Geschehnisse, die seit Jahren schon (aber auch gegenwärtig) die Menschen rund um den Globus fast täglich in Angst und Schrecken versetzen: Terrorismus, kriegerische Gewalt, zunehmendes Negieren von staatlicher Autorität und staatlichem Gewaltmonopol. „Und das oft auch noch angeblich im Namen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit…“

Genau dieses Problem ist, in der Tat, der Kern von „Marat/Sade“, wie die allgemein gebräuchliche Abkürzung zur Vermeidung des ellenlangen offiziellen Titels später lautete. Auch die Revolution in Frankreich entstand schließlich aus der Auflehnung der geknechteten, rechtlosen und entsprechend ausgebeuteten Massen gegenüber ihren Schindern – und endete in ungehemmten Blutbädern und neuem Terror. Diese Gefahr des Missbrauchs oder auch nur der Entgleisung von zunächst vielleicht tatsächlichen guten Absichten möchte Barfuß über das Theater ins Bewusstsein der Besucher pflanzen – zumindest jedoch Nachdenklichkeit auslösen.

Zwei Weltanschauungen

Im Mittelpunkt des Dramas stehen die beiden zentralen Charaktere Jean Paul Marat und Donatien Alphonse Marquis de Sade und deren gegensätzliche Weltanschauungen und Vorstellungen von einem anzustrebenden Staat und dessen Gesellschaftsordnung. Kurz: Es geht um die Suche nach Gerechtigkeit. Während der Sozialist Marat der Gesellschaft (wie er glaubt, „das Volk“ vertretend und daher vermeintlich zum Wohle Aller) Moral und Tugend aufzwingen will und die längst ins Blutige entartete Revolution rechtfertigt, verlacht der Nihilist de Sade diese Idee. Seiner Überzeugung nach taugt die Natur der Menschen nicht für hehre Ziele.

Peter Weiss hat in seinem Zweiakter die historische Handlung bewusst verfremdet und mit grotesken, absurden Elementen versehen. Deshalb vollzieht sich dieser Streit, diese Suche nach der idealen Welt auch in einer Art Absurdistan. Ort des Geschehens ist ein Irrenhaus – denn das „Hospiz zu Charenton“ ist ein solches, und die Mitglieder der „Schauspielgruppe“ gehören zu dessen Insassen. Fiktion und Wahrheit: Tatsächlich war der Marquis de Sade, nach einer Reihe von Zuchthausaufenthalten, bis zu seinem Tod in das Hospiz von Charenton (heute Saint Maurice) eingewiesen worden.

Nachdenklichkeit durch Unterhaltung    

Michael Barfuß hat sich bei der Auswahl des Stücks ohne Zweifel an der Erkenntnis von Bert Brecht ausgerichtet, wonach Denken am besten zugleich auch Unterhaltung sein sollte. Aus diesem Grund wird das Publikum durch direkte Ansprache mit in die Aufführung einbezogen – mit anderen Worten: von (eventuell) Mitleidenden zu Mitdenkenden gemacht. Nach der Premiere am 14. September in der Beueler „Brotfabrik“ sind zunächst sieben weitere Auftritte geplant, darunter drei Ende Oktober im Großen Saal der Alanus Hochschule.

Wobei in diesem Zusammenhang die Betonung auf „zunächst“ liegt. Denn Michael Barfuß hat mittlerweile Erfahrung mit der Anzahl der Vorstellungen. Zumeist waren es am Ende deutlich mehr als ursprünglich angesetzt. Das galt, nicht zuletzt, für die von ihm inszenierte, hinreißende „Rock´n Rollator-Show“, in der „Betagte“ mit ihrer alterslosen Vitalität zeigen, wie biegsam scheinbar nutzloses „altes Eisen“ noch immer sein kann. „Wenn das Stück acht Mal läuft“, hatte man sich anfangs gedacht, „dann läuft es gut“. Am Ende waren es mehr als 60 Aufführungen in nahezu sämtlichen großen Städten Westdeutschlands.

Ein Beispiel für Vielseitigkeit

Der 1957 in Oldenburg geborene Barfuß ist ein Beispiel für künstlerische Vielseitigkeit. Studium der Germanistik und Musikwissenschaft, musikalischer Leiter des Jungen Theaters Göttingen, langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur und einstigen Intendanten der Bonner Oper, Klaus Weise, sowohl in Oberhausen als auch in Bonn, Komponist, Arrangeur und musikalischer Leiter am Wiener Burgtheater, Engagements am Schauspielhaus Zürich, am Grillo-Theater Essen, an den Hessischen Staatstheatern Kassel und Darmstadt. Seit 2011 unterrichtet er nun Schauspiel an der Alanus Hochschule in Alfter, aber auch noch an der Leipziger Schauspielschule. Auf einen kurzen Nenner gebracht – ein Multitalent.

Gisbert Kuhn  

 

    

 

 

Inszenierung und musikalische Leitung Michael Barfuß
Bühne Elise Richter
Kostüme Luana Andreotti
Musik
A. Theobald (Orgel) // J. Pfingsten (Schlagzeug) //
J. Erdmann (Trompete) // L. Metzinger (Gitarren)
Es spielen
A. Berlin // K. Gauler // E. Jäger // F. Lichottka //
G .Maybaum // J. Mayerhöfer // C. Pölzer //
S. Soydan // I. Wiederspohn // L. Bendig (3. Jahrgang
Schauspiel an der Alanus Hochschule) sowie U. Abt //
A. Bohnsack, // J.Bohnsack // M.Huch // U. Schäfer // W. Schriefer

Termine
Di. 29. // Mi. 30. Mai // 20.00 Uhr //
Fr. 01. // Sa. 02. Juni // 20.00 Uhr // Brotfabrik Bühne Bonn
Kreuzstraße 16 // 53225 Bonn-Beul

 


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