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Raoul Wallenberg: Die Biografie

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

 

Ingrid Carlberg: Raoul Wallenberg – Die Biografie

Ingrid Carlberg © Sara Moritz Photography

Die Journalistin Carlberg hat 2012 eine umfassende, jetzt übersetzte, Dokumentation vorgelegt, zu der sie sich durch Tonnen von Papier gegraben hat. Private Archive, in- und ausländische Staatsarchive mussten gesichtet werden. Interviews mit Familienmitgliedern verdeutlichen das Drama.

Das Tauwetter der Ära Gorbatschow ermöglichte es dieser Autorin erstmals, russisches Archivmaterial aufzustöbern und auszuwerten. Haarsträubend, wie auf diplomatischem Parkett taktiert, gelogen, verzögert und Informationen vernichtet wurden. Auf der einen Seite stand der um Neutralität zwischen den Machtblöcken bemühte schwedische Staat, der förmlich auf Zehenspitzen von einem politisch wackeligen Trittsteinchen zum nächsten springt und den Eltern jahrzehntelang vorgaukelt, er unternähme etwas zur Aufklärung des Schicksals eines Staatsbürgers. Die Botschafter agierten jedoch bestenfalls halbherzig. Auf der anderen Seite die paranoiden Sowjets, die im eigenen Land und erst recht im Ausland überall Verrat und Hinterhalt wittern. Gesunder Menschenverstand versagt bei einer Erklärung.

Die einmal in der Nachkriegszeit eingeschlagene Richtung der Leugnung wurde auch nach Stalins Tod, vermutlich wegen befürchteten Gesichtsverlust, beibehalten. Was zählt aber auch die Verzweiflung einer einzelnen kapitalistischen Mutter, wenn man mehr als eine Million Menschen während der selbstgemachten Terrorwelle hingerichtet hat? Bis heute verweist Russland auf einen Totenschein von 1947, obwohl zahlreiche ehemalige Kriegsgefangene Wallenberg noch viel später gesehen haben wollen bzw. Zellennachbarn waren. Russland hatte damals eine ausgeklügelte Bürokratie, jede Kleinigkeit bezüglich der Gefangenen wurde akribisch verzeichnet, und sei es nur die Verlegung von einer Zelle in eine andere. Da stellt sich die Frage, warum gerade Wallenbergs Name in manchen Dokumenten ausgestrichen wurde, in anderen sich hinter einer Nummer zu verbergen scheint oder ausgerechnet seine Dokumente verschwunden sind. Selbst pensionierte Beamte, die ihn nachweislich verhört hatten, stritten alles ab und nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab. Im internen sowjetischen Schriftverkehr zwischen Geheimdienst und Ministerien wurde es lange als „nicht nützlich“ bezeichnet, zuzugeben, dass er überhaupt in einem sowjetischen Gefängnis saß. Was bezweckten die Sowjets mit der Verschleierung? Er wurde nicht gegen russische Agenten, die im Ausland enttarnt worden waren, zum Tausch angeboten, vielleicht weil er tatsächlich „versehentlich“ gestorben war? Einzelne Russen, die sich dazu unbedacht äußerten, wurden mundtot gemacht. Der Leser möchte am liebsten auf die Barrikaden gehen, auch weil es Gewissheit nicht geben wird.

Exemplarisch zeichnet Carlberg hier das Bild eines tragischen Helden, dem es als jungem Unternehmer und Organisationstalent in Budapest (auf eigene Initiative aber mit heimlicher Unterstützung des schwedischen Staates) gelang, tausenden von Juden das Leben zu retten. Gleichzeitig erfahren wir, wie man in die Mühlen der Sowjets geraten und dort während des Kalten Krieges zwischenstaatlich zermahlen werden konnte. Am Ende bleibt der Leser beklommen und sprachlos zurück.

 

Ingrid Carlberg

Ingrid Carlberg, Jahrgang 1961, ist Autorin und Journalistin. Sie schrieb von 1990 bis 2010 für die große schwedische Tageszeitung »Dagens Nyheter« und erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch die Ehrendoktorwürde der Universität Uppsala, sowie 2013 den Axel-Hirsch-Preis der Schwedischen Akademie. Ihre Biografie über Raoul Wallenberg wurde 2012 mit dem August-Preis für das beste Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.