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Prüde Zensoren im Vormarsch?

von Dieter Buchholtz

Im Vorhof von Kunst- und Gesinnungsdiktatur?

Hier wird ein Kunstgemälde mitten in der Ausstellung abgehängt. Dort verschwinden als anstößig empfundene Akte aus einer Präsentation. Dann wieder werden antike Statuen wegen ihrer Nacktheit verhängt. Oder ein Gedicht an einer Hochschulwand wird offiziell übermalt. Ist eine als Corectness firmierende Gesinnungsdiktatur im Vormarsch? Hat sie eine diktatorische Prüderie im Schlepptau? Schwindet unsere Kunst, Kunst zu ertragen? Ein Diskurs durch zensorische Vorfälle.

Dürfen/müssen blanke Brüste gelöscht werden?

Ein anstößiges Bild? Gemälde von Paolo di Giovanni Fei, “die Milch der Madonna”, 1380-1385

Manchmal hilft ja der Blick von außen, um Unregelmäßigkeiten im eigenen Land deutlicher dingfest zu machen. So fragte sich kürzlich die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) in einem Kommentar: Ist Deutschland auf dem Weg zu einer Zensur-Republik? Wie bitte? Zensur? Das verbietet doch unser Grundgesetz! Als verantwortlich könnte die Angst benannt werden, dass Gefahr für unser Demokratiewunder besteht. Die Schweizer NZZ glaubt erklärend, dass auch noch nach 70 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland das Trauma des Nationalsozialismus virulent ist. 

Irgendwie, so mutmaßt das eidgenössische Blatt, ist es wohl gut von Deutschland gemeint, dass mehr Ordnung im Cyberspace installiert werden müsse. Aber, so der Kommentar, es bestehe dabei auch die Gefahr eines Overblockings. Als Beispiele dafür werden Angst-Aktionen von Twitter, Facebook oder Youtube gesetzt. Das Löschen blanker Brüste ist bekanntlich bereits gängige Praxis – egal in welchem – auch zu vertretenden – Zusammenhang. Fazit des NZZ-Kommentators Stefan Betschon: “Die Meinungsfreiheit leidet, aus besten Absichten.“

Und genau hier lauert der Gefahrenpunkt. Alle Formen von Gutmenschen meinen es sicherlich gut – zuweilen eben aber auch zu gut. Sie rennen immer heftiger gegen das von ihnen als falsch Erkannte. Sie verrennen sich in blinder Verbesserungswut. Sie wollen unsere Demokratie irgendwie auf die Spitze treiben – und verlieren vielleicht in der Maßlosigkeit das Maß für unsere mühsam erworbenen Freiheiten. Weltweit ist so die globale Kunstszene immer wieder ein Indikator für Schnittstellen zwischen Macht und Ohnmacht von Gesellschaften. 

Stell dir vor, es ist Bildersturm – und wir machen mit

Mitten hinein in die Zensur-Ereignisse – insbesondere im Kunstbereich – im In- und Ausland und auch vor dem Hintergrund der inzwischen weit greifenden MeToo-Aktionen hält der Direktor des Städel-Museums in Frankfurt, Philipp Demandt, in der Frankfurter Rundschau richtig und ganz grundsätzlich fest: “Jeder Mensch hat das Recht, ein Kunstwerk zu mögen oder aber abzulehnen. Aber über all dem steht das Recht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das kann der Betrachter nicht, wenn man ihm ein Kunstwerk vorenthält.“ Demandt wird dann aber auch sehr deutlich: „Erst hängen wir die Bilder ab, dann die Freiheit an den Nagel.“ 

Sehr konkret kann man diese herauf schwappende Zensur-Welle in etlichen Provinzpossen besichtigen oder eben nicht mehr sehen. Selbst ernannte Zensoren kämpfen teilweise für das Verschwinden von Kunst. Man gibt sich vor oder wegen mancher Darstellungen schlicht ganz schlimm verletzt. Dass allein reicht, um Löcher in Kunstpräsentationen zu erzeugen. In wohlmeinendem und blitzartig vorauseilendem Gehorsam schreiten Verantwortliche zur Tat – und lassen Anstößiges schnell verschwinden. Denn: Wer will schon Ärger? Oder noch schlimmer: kritische Presse?

Sexistischer Tatort im Rathaus Heikendorf

Foto-Realismus-Künstler Kai Piepgras muss seine Bilder während Rathaussitzungen verhüllen

Ein Musterbeispiel ereignet sich gerade im hohen Norden Deutschlands. Tatort ist das Rathaus Heikendorf. Eine Gemeinderätin dieses 8000-Seelen-Ortes fühlt sich sexistisch belästigt. Denn im Ratssaal und in den Fluren sind Bilder der Ausstellung „Inkognito“ mit dem Foto-Realismus-Künstler Kai Piepgras (55) zu sehen. Der durchaus seit Jahren erfolgreiche Künstler zeigt 13 gemalte Rückenansichten von Frauen – teilweise mit nackter Haut. 

Die durch diese Kunstwerke sich belästigt fühlende SPD-Gemeinderätin Karla Schmerfeld verriet den „Kieler Nachrichten“: „Als Frau stoßen diese Bilder mich ab“. Schmerfeld und wohl auch einer weitere Gemeindevertreterin gefallen die Motivlage der Bilder nicht. Damit meint die Parteifrau und frisch gekürte Kunstkritikerin: Die dargestellten Frauen seien nur portionsweise abgebildet.

Schmunzeln über Bettlaken für die Sitzungen

Skurriles Ergebnis des Heikendorfer weiblichen Unmuts: Die Bilder werden für die Dauer der Sitzungen mit Bettlaken verhüllt. Piepgras erinnert das an „Kunstzensur.“ Und Bürgermeister Alexander Orth versucht es mit Humor: „Ich kann mich ehrlich gesagt eines Schmunzelns nicht enthalten.“ 

Eine 76-jährige Ausstellungsbesucherin in dem Ostseeort wird doch konkreter: „Dann müsste man auch alle Werke von Rubens verbergen. Die Metoo-Debatte ist sicher richtig, aber doch nicht für solche Bilder. Das finde ich kleinbürgerlich.“ 

Noch weiter mit der Gegenkritik holt Anders Petersen, Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstler in Schleswig-Holstein, aus. Grenzüberschreitend macht er deutlich: „In einer Zeit, in der Europa-Skeptiker und Rechtspopulisten sich in unserer Gesellschaft breit machen und Grenzen setzen wollen, brauchen wir die bildende Kunst notwendiger denn je.“ 

Man könnte den Künstlerfunktionär Petersen auch erweiternd interpretieren, dass die Freiheit der Kunst nicht nur in Europa, sondern vielleicht (besser: sicher) auf der ganzen Welt immer wieder durch zensorisches Denken behindert oder sogar erstickt wird. Nehmen wir ein sehr einfaches Beispiel:

Valentinstag ist plötzlich westlich dekadent

Es ist doch herrlich, wenn wir in Deutschland zu den unterschiedlichsten Anlässen Blumen schenken. Und es tut unendlich gut, wenn aus diesem Anlass auch pure Romantik knistert. Ganz besonders dann, wenn Paare füreinander und miteinander feiern. Völlig anders sieht das in Indonesien aus. Hier veranstaltete die Polizei Razzien gegen mutmaßliche Valentinstagfeiern. Paare wurden kurzzeitig – besonders in Hotels – festgenommen. Begründung: Schutz von Anstand und Sittlichkeit. Logisch, denn konservative islamische Geistliche bezeichneten das Valentinsfest als eine westlich-dekadente Sitte. Fertig!

Eine derart humor- und romantiklose Gesinnungspolizei ist – ein Glück – beruhigende 11 000 Kilometer von uns in Deutschland entfernt. Also alles im Lot!? Wohl kaum. Denn in brutalster Form ist der IS (also der so genannte Islamische Staat) ein mörderisches Beispiel dafür, wie religiöse Gesinnungstäter wieder einmal verbrannte Erde und auch zerstörte Kunstwerke hinterlassen. Die Entfernung zwischen der IS-Kernregion und uns beträgt dann etwa nur noch 3.600 Kilometer. Aber selbst bei dieser schon deutlich näheren Distanz rümpfen wir schlicht nur die moralische Nase. 

Natürlich verurteilen wir stets und ebenso wortreich betroffen, wenn irgendwo auf der Welt ein Bildersturm stattfindet, wenn Kulturgüter gesprengt und solche Taten auch noch ideologisch oder religiös untermauert werden, wenn davon abgeleitet eine wie auch immer geartete Gesinnungspolizei darüber wacht, was Kunst ist, was gezeigt werden kann oder nicht. 

Beleidigen nackte Statuen eine andere Kultur?

Vor dem Hauptportal (Loewentor) des Palazzo Vecchio (Rathaus) in Florenz, erbaut 1299-1314, steht als Torwächter eine Kopie von Michelangelos DAVID

Unsere Wut steigt aktuell langsam, aber mächtig an, wenn wir sehen, was in der Türkei – auch nach der Entlassung des Journalisten Deniz Yücel – an Gesinnungsverhaftungen geschehen ist und weiter passiert. Auch Presse und Kunst sind massiv betroffen. Zensur ist Alltag in der Türkei. Immerhin sind die türkischen Gefahren (Erdogan spricht schon von der Osmanischen Ohrfeige) für Freiheit und Demokratie in diesem Fall nur noch circa 2.600 Kilometer von uns entfernt. 

Nun ist es noch nicht so lange her, dass sich in Rom indirekt zwei Religionen in einem Clash of culture begegneten. Angesagt war im Januar 2016 der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Hassan Rohani (Moslem) in Rom. Die römischen Behörden (Christen) reagierten in sicherlich gut gemeinter Höflichkeit mit vorauseilendem Gesinnungsgehorsam in einem delikaten Bereich. Sie verhüllten in den Kapitolinischen Museen mehrere nackte Statuen. Hat uns das wirklich aufgeregt? Haben wir das als Auftakt einer neuen politischen Prüderie in unserem kollektiven Kulturgedächtnis verankert? Meines Erachtens waren das ganz sicher bereits Vorboten von indirekter Bilderstürmerei und Gesinnungszensur. 

Provinzpossen in globalem Raum

Immerhin: Dieses Verhüllungs-Ereignis war nur noch schlappe 1500 Kilometer von uns entfernt. Viel internationale Kritik grüßte Italien aus der ganzen Welt. Land-, Wasser- und Luftwege spielen bei solchen Auseinandersetzungen zunehmend keine Rolle mehr. Denn in Echtzeit werden im Global Village derartige Provinzpossen zur eigenen Bewertungsbrust genommen. Gut so. Denn von solchen Diskursen lebt doch eigentlich die Demokratie – auch weltweit. Oder?

In den genannten Fällen addiert sich das Problem. Denn im Zusammenhang mit der Türkei befinden wir uns ja schon innerhalb der NATO, der sogenannten westlichen Werte- und Verteidigungsgemeinschaft. Und bei Italien müssen wir bei Eingriffen in Grundwerte (Meinungsfreiheit) mit einbeziehen, dass wir von einem Kernland der EU sprechen. Die Dinge können also nicht mehr locker nur im nationalen Zuständigkeitsbereich abgelegt werden. Was in verbündeten Ländern – auch kulturell – passiert, geht eben auch uns an!

Kuratorin zensiert in der Disziplin „Öffentliche Erregung“

„Hylas und die Nymphen“ von 1896. Gemalt hatte es der Engländer John William Waterhouse

Greifen wir weiter hinein in das neue fröhliche Zensurleben. Die Medien verbreiten gerade einen weiteren Fall von vermutlicher Kunstzensur. Der Ort des Geschehens ist im Noch-EU-Land England zu finden. In der Manchester Art Gallery hing ein als erotisch bezeichnetes Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von 1896 (!). Gemalt hatte es der Engländer John William Waterhouse. Die Kuratorin Clare Gannaway hat es kürzlich einfach abgehängt. Sie will nach eigenen Aussagen in der Disziplin „öffentliche Erregung“ eine eigene Performance kreieren. Sie sei angeregt worden durch die Sexismusdebatte, die derzeit unter dem Label „MeToo“ läuft. 

 

Früher normal – Heute skandalös?

„Etwas, was im 19. Jahrhundert ganz normal erschien, kommt uns heute befremdlich oder sogar skandalös vor. Genau darum geht es, wenn wir über Kunst oder Museen reden: dass über dieses kollektive Bildgedächtnis, das da versammelt ist, dieser Vergleich möglich ist und wir nicht alles auf die Ebene des Hier und Jetzt heben.“

Stephan Berg, Direktor des Kunstmuseums Bonn zu den Aufregungen um das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von William Waterhouse

 

Das willkürlich kreierte Kunstloch in der Galerie wurde kurzerhand in eine Pinnwand umgewandelt. Die erfolgten Wand-Kommentare sind mehrheitlich kritisch. Ein Besucher schreibt: „Ich habe Angst, dass wir nur noch das zeigen, was akzeptabel ist.“ Das empfinde ich als selbst ernannter Spurensammler von Zensur-Fällen ganz genau so. Denn zwischen Berlin und Manchester sind es ebenfalls 1500 Kilometer. Also sollte mich das konsequenterweise nur so wie der Vorfall in Rom berühren!? Diese gefährliche Entfernungslogik wird für mich nun zum unüberwindbaren Stolperstein. 

Bigotte Welterklärer und nackte Haut in den USA

Denn was machen denn die sich häufenden Zensurfälle in den USA hier in Deutschland mit mir? Es erstaunt mich bei mir selbst, dass plötzlich große Entfernungen zwischen 6300 bis 9300 Kilometer keine Rolle mehr in meiner Kritikbereitschaft spielen. Es beunruhigt mich zunehmend, dass sich in den USA solche Zensurübergriffe – insbesondere an den Universitäten – häufen. Denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und damit aber auch der Heimat von Geschmacksbrutalitäten, bigotter Welterklärer und Faktenverdreher (Fake news) entbehrt es leider nicht einer gewissen Logik, wenn immer häufiger auch Zensur geübt wird. 

In den USA wurde zeitweise die Meerjungfrau von Kopenhagen aus Facebook entfernt

Offensichtlich gibt es in den USA eine Tradition für die Beurteilung dessen, was weg muss. Besonders kritisch wird dort nackte Haut gesehen. Immerhin wurde zeitweise die Meerjungfrau von Kopenhagen aus Facebook entfernt. Es ist ja nicht neu, dass in den Vereinigten Staaten eine zunehmende -fast schon offizielle – Prüderie zu verzeichnen ist. Ist also der Bazillus „Angst vor der Nacktheit“ inzwischen auch bei uns vor der Haustür gelandet – oder sogar schon in unserem Wohnzimmer? 

In der Hölle der Besser-Wissenden?

Ganz offensichtlich gewinnt die Diskussion – insbesondere in Bereichen der Prüderie – an Schwung. Ganz offen wird über Zensur von unten diskutiert. Also winkt von gar nicht mehr so weit her die Volksmeinung als alleiniger Maßstab? Moralischer Rigorismus stellt sich gegen verfasste Liberalität von Demokratien. So werden bereits – auch berühmte – Maler bezüglich einer geforderten selbstgerechten Correctness hinterfragt. In Gemälden werden neue sexistische Hintergründe herausrecherchiert und als verhindernde Handlungsmaxime instrumentalisiert. Und wo dieser Weg vorgezeichnet ist, werden immer häufiger Sündenfälle entdeckt. Auf sie wartet die Hölle der Verdammnis durch die vermeintlich Besser-Wissenden oder auch Besser-Fühlenden.

Droht eine Kunst-Inquisition?

Nun befürchten schon Museumsleute, dass demnächst Hunderte oder sogar Tausende Kunstwerke in Archiven verschwinden sollen/müssen. Werke der Künstler wie Michelangelo, Carravagio, Modigliani, Degas und Picasso sowie viele andere müssten einer solchen Untersuchung (Kunst-Inquisition) unterzogen werden. Mir graut vor einer solchen Bilderstürmerei. Sicherlich belasten meinen Blick auch die fürchterlich eindrücklichen Bilder über Bücherverbrennungen und deklarierte entartete Kunst als Gesinnungssäuberung der Nazis.

Nichts liegt mir natürlich ferner, als geschmäcklerisches Geplänkel in unserem freiheitlich-demokratischen Gesellschaftssystem mit den menschenverachtenden Niederungen des Dritten Reiches nur annähernd zu vergleichen. Aber es gehen bei mir immer dann Warnmarken auf, wenn Gesinnungsschnüffelei und Rigorismus näher an uns herankommen. 

Aktivistinnen und ihr Maß an Betroffenheit

Ein weiteres Beispiel für eine überzogene Sexismus-Agitation ist das kürzlich erfolgte Abhängen der Kunstausstellung „Geschmackssache“ in der Mensa der Universität Göttingen. Wie es heißt, haben wir diesen Zensur-Akt lauten Sexismus-Vorwürfen zu verdanken. Interessant und beklemmend sind Aussagen von Aktivistinnen in diesem Streit, dass nicht mehr Argumente darüber entscheiden sollen, was sexistisch ist, sondern die Gefühle von sich betroffen Fühlenden. 

Das Bild von Marion Vina wurde in der Göttinger Ausstellung „Geschmackssache“ abgehängt

Der Geschäftsführer des örtlichen Studentenwerks, Jörg Magull, sagte dem Göttinger Tageblatt: “Es ist schade, wenn das Studentenwerk in einem universitären Umfeld, das sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, satirische Kunstausstellungen, die auch provozieren können, nicht zeigen kann. Ich hoffe, dass dies nicht der Beginn einer Entwicklung ist, die Kunst über guten und schlechten Geschmack definiert.“ 

Glücklicherweise kam auch Unterstützung vom „Deutschen Kulturrat“: „Debattieren ja. Zensieren nein.“ Ach übrigens: Göttingen ist von meinem Wohnort Bonn nur etwa schlappe 300 Kilometer entfernt. Da gehen bei mir entfernungsbedingt nun schon größere rote Laternen an. Denn auch an der Berliner Alice-Salomon Hochschule wurde ein unliebsames (angeblich sexistisches) Gedicht in spanischer Sprache auf einer Fassade übermalt. Es handelte sich um das Gedicht „avenidas“ des Lyrikers Eugen Gomringer.

Asyl für “sexistisches Gedicht” in der bayerischen Provinz

Sogar im als weltoffen verschrieenen Berlin malern also bereits selbst ernannte Kunstzensoren Dichtkunst einfach aus dem öffentlichen Bewusstsein. Diese Aktion „Weg damit“ erinnert mich an kleine Kinder, die ihre Hände vor die Augen halten. Ihre Wahrnehmung: Jetzt sind sie nicht mehr da. Eine solche Infantilität ist schlicht zum Haare raufen. 

Umso toller finde ich den Gegenzug von Bürgermeister Michael Abraham (CSU) zusammen mit der Mehrheit des Stadtrates. Er setzte  ein klares Zeichen gegen Berlin und stellt die Fassade des städtischen Museums in Gomringers nordbayerischem Heimatort Rehau für das Gedicht zur Verfügung. In diesem Fall wünsche ich mir – um nochmals mit Kilometern zu spielen – eine messbare Entfernung zwischen mir und Rehau von etwa einem Meter. Dieser Abstand gilt wohl weltweit als zu berücksichtigende Intimsphäre. Anders ausgedrückt: Ich fühle mich dem Städtchen Rehau sehr nahe.

Das Gedicht “Avenidas” an der Fassade der Alice Salomon Hochschule: “Alleen, Alleen und Blumen, Blumen, Blumen und Frauen, Alleen, Alleen und Frauen, Alleen und Blumen und Frauen und, ein Bewunderer”

Und es meldet sich weiterer Widerstand gegen die Fassadenzensur. Seit dem 22. Februar 2018 hängt bis Anfang April an einer Wand des Max-Liebermann-Hauses unweit des Berliner Brandenburger Tores ein Banner – und mitten drauf das umstrittene Gedicht von Gomringer. Auch aus einem politischen Bereich der Bundeshauptstadt kommt eine scharfe Rüge. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisiert: “Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei.” Und es machen sich wohl auch in anderen Städten Fassaden frei für das Gedicht. Genannt werden u.a. Bielefeld und Schaffhausen in der Schweiz. Glückwunsch an die Orte der Freiheit für die Kunst.

Egon-Schiele-Plakate in Wien mit Zensurstreifen

Und es geht weiter im Zensur-Karussel. Diesmal in Österreich (knapp 700 Kilometer von Berlin entfernt): Kühn wollte die Stadt Wien das 100. Todesjahr von Egon Schiele feiern und mit vier Nacktmotiven seiner Werke auf Plakaten werben. Gegenwind kam aus Großbritannien und Deutschland (!). Nun gibt es zensierte Plakate. Basta! Und alles ist wieder im eingeknickten Lot!?

Hysterie und Prüderie scheinen wieder einmal und erneut weltweit teilweise fragwürdige Hochzeiten zu feiern. Es tagen vermehrt still und lange unerkannt Laiengerichte. Sie wachen über die Tugendhaftigkeit von Künstlern und ihrer Kunst. Ihr einziger Maßstab ist dann offensichtlich der moralische Furor als Vorhof möglicher Bilderstürmerei. Dem Rigorismus sei Dank.

Hält der Damm des Grundgesetzes?

Auf der anderen Seite steht in unserem Land als hoffentlich feste Mauer gegen ideologisches Aufheizen unser Grundgesetz. Im Artikel 5 heißt es klar und eindeutig: „Eine Zensur findet nicht statt“, denn Demokratie schließt Zensur aus.” Ich hoffe inständig, dass dies auch so bleibt. Dennoch bleiben Fragezeichen.

Fröhlich stimmt mich, dass die Lovis Corinth-Ausstellung im Landesmuseum Hannover 2017 unter der Überschrift „Nackt und bloß“ ganz offensichtlich beschwerdefrei gelaufen ist. Soweit ich es übersehen kann, gab es auch keinerlei zensorische Eingriffe. Ebenso sieht es wohl im Frankfurter Städel aus. Dort läuft die Ausstellung „Rubens – Die Kraft der Verwandlung“ mit viel nackter und barocker Haut. Gewagt? Möglich! Denn zieht man eine weitere Berliner Provinzposse heran, dann wird ersichtlich, wie hartnäckig Kunstzensoren agieren. 

Akt-Köpenickade mit Kunstflüchtlingen

In Köpenick läuft schon seit 2010 ein verräterisches Ritual ab. Jedes Jahr stellt die Gesellschaft für Fotografie im Köpenicker Rathaus Hunderte von Bildern aus. Immer wieder geben Aktfotos den Anstoß für eine fast viktorianische Zensur. Bestimmte Bilder werden einfach abgehängt, Lücken im mehrfachen Sinne bleiben. So passierte es erneut im vergangenen Jahr. Vorsichtig geworden, schaute sich die Kulturstadträtin Cornelia Flader (CDU) die Präsentation nun schon vor der Eröffnung an. Sie wurde fündig. Vier Aktaufnahmen fielen ihrem Veröffentlichungsverbot zum Opfer. Die seit 20 Jahren stattfindende Wechselausstellung musste erstmalig ausfallen. 

G. Gysi: “Wenn man ein Amt ausübt, darf man seine Prüderie aber nicht zum Maßstab für die Öffentlichkeit machen”

Aber glücklicherweise fanden 40 Aufnahmen aus der Ausstellung Asyl im nahen Schöneweide. Hier hat Gregor Gysi sein Wahlkreisbüro. Der Linken-Politiker schlug bei der Eröffnung eine Bresche für die Freiheit der Kunst: „Ich weiß, dass es mehr oder weniger prüde Menschen gibt. Wenn man ein Amt ausübt, darf man seine Prüderie aber nicht zum Maßstab für die Öffentlichkeit machen. Ich möchte, dass wenigstens ein Teil der Bilder im Bezirk gezeigt werden kann“, sagte Gysi zu seinen persönlichen Motiven. 

In diesem Fall kann ich als aufgeschreckter Beobachter nur erneut sagen: Gut, dass es noch genügend Kämpfer für die Freiheit der Kunst gibt. Genau diese Menschen stehen nämlich fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes. Und Berlin gehört – ob es nun will oder nicht – auch zum Einflussbereich unseres Grundgesetzes – und das auch noch im Global Village.

Im Nachgang zu dieser Köpenickade ist festzuhalten, dass einige Bezirksverordnete nicht erklären können, was an den Aktfotos zu bemängeln sei. Die Linken-Politikerin Anja Stantien:Die Fotos sind „weder pornographisch noch stellen sie eine Herabwürdigung von wem auch immer dar.“

Vorboten einer Implosion von Freiheiten

Sind die geschilderten Ereignisse bemerkenswerte Eingriffe im Vorfeld eines neuen Denkens? In meiner Wahrnehmung liegen die genannten Vorfälle knapp neben unseren  grundgesetzlich verbrieften Freiheiten und Verpflichtungen. Sind hier bereits die Vorboten dafür zu erkennen, dass unsere liberale und damit freiheitliche Demokratie im Bermuda-Dreieck von ideologischer Verblendung, Zensurbessenheit, geschmäcklerischem Extremismus, radikaler Rückwärtsgewandtheit oder bigotter Correctness baden gehen? 

Betroffenheit und Entfernungen sind – so betrachtet – ganz sicher nicht mehr in Kilometern zu messen. Alleiniger Maßstab sind die jeweiligen Denk-Horizonte. Und hier klaffen nach wie vor Welten, teilweise eben auch sehr gefährliche Welten auseinander. Manchmal liegen sie auch dicht nebeneinander, obwohl wiederum ihre inneren Distanzen unendlich weit voneinander entfernt sind. Dazwischen wächst die Spannung. Der Aufenthalt in Komfortzonen glatt gebügelter Meinungen bekommt zunehmende Explosivkraft. Eine dadurch geopferte Freiheit ist auch nicht gerade sexy. Meinungsdiktaturen pflastern uns – zuweilen durchaus verführerisch – den Weg dahin. Eine Falle!?

Bevor wir nun in Angst-Trauer um die durch Zensur bedrohte Kunst verfallen, ein versöhnlicher Abschluss mit Augenzwinkern. Zum Ende also meiner nicht zensierten Spurensuche nach grundrechtsverletzenden Verblendungen wende ich mich mit Humor einem weiteren nackten Akt zu: Es geht um die Venus von Willendorf. Für sie wurde wieder einmal ungewollt die Werbetrommel gerührt. 

Venus ist “gefährlich pornographisch”

Venus von Willendorf

Denn Facebook zensierte den Post mit der berühmten Dame als „gefährlich pornographisch“. Wer ist nun diese Lady mit den schweren nackten Brüsten? Die Kunstkontroverse um das Erregungsobjekt begann im Dezember des vergangenen Jahres. Es war die italienische Kunstaktivistin Laura Ghianda. Sie teilte die berühmte Nackte auf ihrer Facebook-Seite. 

Weil sie in ihrem Facebook-Account der extremistisch prüden amerikanischen Zensur zum Opfer fiel, kritisierte sie das Vorgehen als „Krieg gegen die menschliche Kultur.“ Nachzutragen ist, dass die nur elf Zentimeter hohe Statuette etwa 30.000 Jahre alt ist und Anfang des 20. Jahrhunderts im österreichischen Ort Willendorf entdeckt wurde. 

Toll, dass die üppige und sehr nackte Frau noch heute die Sexismus-Debatte bewegen kann. Facebook hat sich übrigens für den zensorischen Missgriff bei Ghianda entschuldigt und ihren Account wieder freigeschaltet.

Das ist – so meine ich – nett von Facebook. Aber es ist eben auch an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Letztendlich sind dies auch Entartungen einer blinden Geschmacksdiktatur. Hilfreich bei der Bewertung einer weltanschaulich auf uns zurollenden moralischen Gängelung ist die Definition von Prüderie in wikipedia: Sie bezeichnet eine „sehr empfindliche Einstellung und Engherzigkeit gegenüber Sitte und Moral.“ Eine solche Art von Rolle rückwärts brauchen wir nicht – wieder nicht.

 

Bonner Zensur

Abgeordneten-Randale im Club

Sie reißen im Clubhaus der Parlamentarischen Gesellschaft Schaustücke einer Ausstellung von den Wänden. Es sind keine fleischbetonten Akte. Es geschieht nicht aus körperbetonter Prüderie. Nein, es ist eine Art politischer Prüderie. Opfer sind politisch-satirische Werke. Es ist auch nicht ein politischer Skandal aus 2018. Es ist mit diesen Zeilen eine Rückerinnerung an eine oft titulierte und vermeintlich so gute alte Zeit. 

Gleich vorweg: Heute freuen wir uns, dass der damals durch die Bonner Politiker-Entgleisung betroffene Künstler, Klaus Staeck, kürzlich seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Und er erhielt für sein Kunstschaffen viele Auszeichnungen, zuletzt (2017) den Verdienstorden des Landes Berlin. Und ungebrochen liefert er glücklicherweise weiter „Sand fürs Getriebe“, so der Titel einer momentanen Ausstellung im Museum Folkwang in Essen. 

Volksvertreter zertrampeln Kunst

Damals aber, am 30. März 1976, widerfuhr ihm eine Gewaltorgie an seinen Bildern. CDU/CSU-Abgeordnete setzten sich auf ihre Art und Weise zensorisch mit Werken des Karikaturisten auseinander. Sie sparten sich kurzerhand eine kunstkritische Diskussion. Und rissen wutentbrannt von der Wand (Chile-Plakate), was ihnen nicht gefiel. Und dann zerfetzten sie die Exponate auch noch und trampelten darauf herum. Nach 90 Minuten wurde die Ausstellung geschlossen.

Der damaligen Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Forschung und Technologie, Volker Hauff, kommentierte in aller Deutlichkeit: „Politiker haben versucht, Klaus Staeck zu behindern, seine Arbeiten zu unterdrücken. Und damit sind jene Grenzen erreicht, die zum Handeln zwingen… Es kann nicht ausbleiben, dass Klaus Staeck als Ärgernis empfunden wird. Ob diese Gesellschaft es freilich aushält, von Klaus Staeck vermessen zu werden, ist ein wichtiger Gradmesser ihrer Liberalität und Freiheit.“ 

Eigenwillige Sicht zum Eigentum

Um dieser Bewertung eines von Volksvertretern inszenierten Skandals noch die Hass-Krone aufzusetzen, ging die unsägliche Kunst-Hatz dann noch weiter. Der SPD Abgeordnete Lutz kaufte sich an einem Stand spontan ein Staeck-Plakat, um dies für ein heruntergerissenes an der Wand zu platzieren. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, der CDU-Abgeordnete Lenz, riss ihm das neue Plakat aus der Hand und zerriss es. Der Einwand des spontanen Plakatkunden, dass dies sein Eigentum sei, schmetterte der Plakat-Vandale mit den Worten ab: „Auf Eigentum kommt es hier nicht an.“