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Heintje, Nena, Udo und die Eingeborenen von Trizonesien

„Hits & Hymnen – Klang der Zeitgeschichte“. Eine neue Ausstellung in Bonner „Haus der Geschichte“

Von Gisbert Kuhn

Eingang zur Ausstellung ©seppspiegl

Stuttgart am 2. November 1950, Neckarstadion. 102 000 Zuschauer sind gekommen, um Zeugen des ersten Länderspiels der deutschen Fußballnationalmannschaft nach dem Krieg zu sein. Für nicht Wenige im zerstörten Land war das Match gegen die Schweiz sozusagen ein Signal dafür, dass sich für Deutschland und die Deutschen wieder ein bisschen die Tür für eine Rückkehr in die Völkergemeinschaft geöffnet hat. Die Elf um Fritz Walter und Toni Turek siegte 1:0 durch ein Elfmetertor des Schalkers Herbert Burdenski (dessen Sohn Dieter einige Jahrzehnte später als Torwart ebenfalls Auswahl-Spieler werden sollte) in der 49. Minute.

Freilich – nicht nur das Ereignis selbst war bemerkenswert, sondern auch der eine oder andere Begleitumstand. So intonierte das Stuttgarter Polizeiorchester zwar die (damalige) eidgenössische Nationalhymne „Rufst du, mein Vaterland…“ beautiful fonts for free. Das war es dann aber auch. Bei Deutschland blieben die Bläser stumm. Denn es gab, noch Jahre nach Ende des Völkergemetzels und der deutschen Kapitulation, zwar die nationalen Fahnen in den Farben schwarz-rot-gold, aber keine offizielle Hymne. Stattdessen standen alle 22 Spieler mit gesenkten Köpfen auf dem Rasen und gedachten eine Minute lang der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Hitziger Disput Adenauer – Heuss

Diese Begebenheit selbst findet zwar keine Erwähnung in der soeben eröffneten, neuesten Sonderausstellung des Bonner Hauses der Geschichte. Wohl aber der Umstand, dass das Fehlen nationalen Musikglanzes in der Frühzeit der Bundesrepublik durchaus skurrile Begleiterscheinungen mit sich brachte. Einschließlich eines zu besichtigenden, teilweise hitzigen Briefwechsels zwischen dem seinerzeitigen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss, den der Alte von Rhöndorf kurzerhand damit beendete, dass er eigenmächtig die dritte Strophe von Heinrich Hoffmanns von Fallersleben im August 1841 im Exil auf Helgoland geschriebenen Gedichts („Einigkeit und Recht und Freiheit…“) zur Melodie von Joseph Haydns „Kaiserhymne“ zum musikalischen Staatssymbol erklärte. Heuss hatte sich lange dagegen gewehrt. Er favorisierte das von Rudolf Alexander Schröder gedichtete, schwülstige „Lied an die Deutschen“.

In den 1960er Jahren etabliert sich in Deutschland eine Liedermacherszene, die Protest gegen das Establishment artikuliert ©seppspiegl

Das war 1952 fonts for indesign. Adenauer (obwohl selbst Kölner) war peinlich berührt, als ihm zugetragen wurde, dass bei einem anderen Länderspiel, im September 1954 in Köln gegen Belgien, nach Abspielen der „Brabanconnne“ – dem „Lied von Brabant“ – der vor allem in Rheinland seit Ende der 40-er Jahre begeistert und schon beinahe nationalhymnisch gesungene Gassenhauer „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien…“ erklang. Und ebenso wenig lustig fand er es, bei seinem ersten Staatsbesuch in den USA in Chicago mit den fröhlichen Klängen von „Heidewitzka Herr Kapitän…“ begrüßt zu werden. Man sieht, Musik kann, je nach Geschmack, nicht nur Ohren und Geist erfreuen oder beleidigen – Musik vermag nicht selten auch in die Politik einzudringen und sogar oft den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

500 Exponate

Blick in die Ausstellung ©seppspiegl

Das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat sich, erklärtermaßen, zur Aufgabe gemacht, Dinge, Exponate, Gegenstände, Zeugen bestimmter Vorgänge, Symbole und dergleichen nicht bloß als Betrachtungsobjekte zu sammeln und zu präsentieren, sondern diese dem Besucher möglichst im Kontext mit dem damit verbundenen „Zeitgeist“ verständlich zu machen. So ist es natürlich auch mit „Hits & Hymnen“. Mithilfe von ungefähr 500 ganz unterschiedlichen Sammelstücken ist es den Ausstellungsmachern gelungen, die Besucher durch vier Kapitel zu führen und auf unterschiedlichste Weise heimatmelodisch und hardrockig, bildlich und phonetisch, filmisch und gegenständlich durch 70 Jahre nicht nur deutscher Geschichte zu lotsen fernsehen kostenlos herunterladen. Höchst erstaunliche Überraschungen eingeschlossen.

Die genannten Kapitel tragen die Titel „Musik und Protest“, „Musik macht Staat“, “Musik überwindet Grenzen“ und „Soundtrack der Zeitgeschichte“. Und genau Letzterer empfängt die Besucher sozusagen in den Gründungszeiten der Nachkriegsordnung in Deutschland. Wer schon ein paar Jahrzehnte auf seinem Buckel mit sich schleppt, wird sich in seine Kindheit zurückversetzt fühlen. Das Plakat des ersten deutschen Farbfilms seit 1945 – „Grün ist die Heide“ mit Rudolf Prack und Sonja Ziemann. Sogar Kinder durften damals mit ins Kino. Kein Wunder, dass sich Melodie und Text sofort wieder im Kopf festsetzen: „…aber rot sind die Rosen, wenn sie erblüh´n“. Aber wirklich berührend ist ein anderes Werk. Es ist ein vielleicht drei mal drei Meter großes Mosaik-Porträt einer gewissen Hilde Brauße. Linda Schumann hat es gestaltet, eine Künstlerin und gleichzeitig die Enkelin von Hilde Brauße download raft for free.

Zigarettenkippen als Währungseinheit

Das Mosaik aus zahllosen Zigarettenstummeln zeigt die Oma der Kuenstlerin, Hilde Brauße ©seppspiegl

Ein als Bild gestaltetes Mosaik, na und? Ganz einfach – und gleichzeitig tief aufwühlend. Denn die Mosaik-Teilchen sind tausende von Zigarettenkippen. Tausende Male gebückt, tausende Male zugegriffen und aufgehoben. Achselzucken bei den Jüngeren? Logisch. Denn wer von den in Zeiten des Überflusses groß gewordenen Nachgewachsenen mag sich noch vorstellen, dass in den Mangeljahren der Nachkriegszeit geradezu Jagd gemacht wurde auf die von amerikanischen, britischen oder französischen Soldaten achtlos weggeworfenen Enden ihrer Zigaretten, um sie sorgsam zu öffnen und das bisschen verbliebenen Tabak zu retten. Zigaretten und Tabak erbrachten hohe Gewinne auf den Schwarzmärkten.

Und die Musik? „Hits & Hymnen“ kann hier sogar mit einem wahren Kleinod aufwarten – dem „Kippenboogie“. Auch (und gerade) Notzeiten setzen eben eigene Talente frei. Dazu, nicht zuletzt, auch Überlebensstrategien. Die gewiss nicht unwichtigste davon heißt „Spaß“, heißt „Humor“, heißt „Lachen“ apple music herunterladen geht nicht. Die „Eingeborenen von Trizonesien“ – wer waren jene, die es mit ihrem Gassenhauer im Grunde sogar zur inoffiziellen deutschen Nationalhymne gebracht haben? Nun, das waren die Menschen in den drei westlichen Besatzungszonen, den Keimzellen der späteren Bundesrepublik. Es waren Menschen, die vom Wohlstand vielleicht träumen konnten – mehr aber auch nicht. Also mussten sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstachtung aus immateriellen Werten ziehen.

Stolz auf unser Land

So wie eben in ihrem Trizonesien-Song, wo es in der zweiten Strophe heißt:

Der Trizonese hat Humor / er hat Kultur, er hat auch Geist,

darin macht keiner ihm was vor. / Selbst Goethe stammt aus Trizonesien,

Beethovens Wiege ist bekannt. / Nein, sowas gibt´s nicht in Chinesien.

Drum sind wir stolz auf unser Land.

Auf diesem Harmonium spielt Wolf Biermann am 13.November 1976 in Koeln ©seppspiegl

Musik und Protest herunterladen. „Musik handelt immer von Gefühlen“. Das hat, bei der Vorbereitung der Bonner Ausstellung Wolfgang Niedecken gesagt, Gründer und Chef der Kölner Rockband BAP. „Gefühle – das ist das Allerwichtigste“. Deswegen dürften sie auch nicht missbraucht werden. Niedecken und BAP sind – wie viele andere Gruppen auch – „Kinder“ der Studenten- und Jugend-Revolte von 1968 und danach. Aber sie waren nicht deren Erfinder. Der Film „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz und Karin Baal hatte schon Jahre davor magisch die Jungen ins Kino gezogen. Bill Haley and his Comets brachten mit Rock around the clock Säle zum Kochen, und am Ende war alles kurz und klein zerschlagen. Doch wichtiger als das – Protest und Musik machten nicht an Stacheldraht, Mauer und Ideologien halt. Es lohnt sich, längere Zeit im so genannten Konzertsaal der Ausstellung zu verharren. Denn natürlich musste auch der Liedermacher Wolf Biermann präsent sein handy herunterladen nicht möglich. Wenigstens mit einem Mitschnitt von dem folgenschweren Konzert in Köln, an dessen Ende die (allerdings schon lange davor geplante) Ausbürgerung aus der DDR stand. Die von Biermann damals auf der Bühne genutzte Zimmerorgel gehört zu den Exponaten. Überraschung übrigens im Zusammenhang mit den Studenten- und anderen -unruhen: Welches Lied erzielte im „deutschen Revolutionsjahr“ 1968 die mit Abstand höchsten Verkaufserfolge? Es war Heintje mit „Maaama…“

200 000 bei Springsteen-Konzert

Die Ibanez-Gitarre von Udo Lindenberg mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“, die der Musiker SED-Chef Erich Honecker schenkte ©seppspiegl

Musik überwindet Grenzen. Wer wüsste das besser als die Zeitzeugen der Entwicklung, die – eigentlich unvorhersehbar für jedermann – mit der deutschen Vereinigung und dem Zusammenbruch von Kommunismus und Warschauer Pakt 1989/90 endete. Der Auftritt des US-Amerikaners Bruce Springsteen vor 200 000 Menschen in Ost-Berlin oder der Massenandrang bei Bob Dylan – wer das damals verfolgt hat, dem läuft noch heute die Gänsehaut über den Rücken, wenn er im Museum die Bilder wiedersieht euro truck simulator 2 free download full version. Oder die Szene 1987 vor dem Geburtshaus von Friedrich Engels in Wuppertal, als Udo Lindenberg an den damals noch DDR-Gewaltigen, Erich Honecker, seine Gitarre verschenkte mit der Aufschrift „Gitarre statt Knarre“ – in der Hoffnung, vielleicht doch noch die Chance zu bekommen, als Sänger mit dem Sonderzug nach Pankow zu einem Konzert zu dürfen. Jetzt steht die E-Klampfe im Haus der Geschichte – beinahe zum Anfassen.

Soundtrack der Geschichte, der dritte Abschnitt. Geschichte, das sind nicht nur Schlachten und Jahreszahlen. Auch kleine Begebenheiten können große Geschichte sein. Zum Beispiel die „Eingeborenen von Trizonesien“, die – mit dem Ohrwurm im Kopf und der Melodie auf den Lippen – den Aufbau des zerstörten Landes in Angriff nahmen und ihn bewältigten. Nicht zu vergessen das „Bravo“-Covergirl Nena aus Hagen, das mit seinem Friedenssong von den 99 Luftballonen eine ganze Generation rund um den Globus hinter sich und ihrer Botschaft vereinigte. Oder auch das Gewinnerlied der mit 17 Jahren damals noch blutjungen Saarländerin Nicole beim Europäischen Songcontest 1982 „Ein bisschen Frieden“, das ebenfalls weit über die deutschen Grenzen hinaus populär war Christmas carols for free. Das war Musik, aber auch immer Geschichte.

Hickhack in Ost und West

Mit Schellenbaum und Trommel im Dienst der NVA: Militärmusik ist auch in der DDR ein Staatssymbol ©seppspiegl

Womit wir beim vierten und letzten Kapitel angekommen wären: Musik macht Staat. Echter, ernstzunehmender Streit, aber auch groteske Argumentationswindungen haben (was Wunder?) die Westdeutschen und deren Gewöhnung an ihre Nationalhymne begleitet. Das war jenseits von Stacheldraht und Mauer nicht viel anders. Die DDR setze der dritten Strophe des „Deutschlandliedes“ ein eigenes Werk entgegen – „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, nach einem Text des Dichters Johannes R. Becher und einer Komposition von Hanns Eisler.

Seit Mitte der 50-er Jahre aber durfte der Text nicht mehr gesungen werden. Denn eine Zeile lautete: „Deutschland, einig Vaterland“. Interessanterweise hatte Becher den Sprachrhythmus seines Liedes so gefasst, dass er auch auf die Haydn-Hymne des „Deutschlandliedes“ gepasst hätte how can I from youtube music for free. Helmut Kohl, seinerzeit Bundeskanzler, und Bundespräsident Richard von Weizsäcker beendeten das Nationalhymnen-Hickhack schließlich kurzerhand, indem sie 1991 in einem Briefwechsel die im Westen ohnehin bereits lange gültige dritte Strophe mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auch für die Zukunft festlegten.

Im Grunde weckt jede Ecke und nahezu jedes Stück dieser Ausstellung Neugier und Appetit auf mehr. Umso größer ist denn auch die Hoffnung, dass dieses Mal das Corona-Virus und der Anstieg der Ansteckungszahlen nicht erneut eine Schließung erzwingen. Denn die jetzige Eröffnung war bereits der dritte Anlauf.  

Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte

17 März – 10. Oktober  

Neue Öffnungszeiten: Di – Fr. 10 – 18 h.

Eintritt Freitag

Allerdings: Für Besucher gilt bis auf Weiteres, der Besuch ist nur nach vorheriger Anmeldung in bestimmten Zeitzonen möglich. Tel: Anmeldung: 0228 9165 353.

Haus der Geschichte

Museumsmeile

Willy-Brandt-Allee 14