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Ein Spiegel des eigenen Lebens

 25 Jahre Haus der Geschichte an der Bonner Museumsmeile

Von Gisbert Kuhn

Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei ihrer Rede ©seppspiegl

Zuerst war die Idee da. Dann kam der Beschluss. Der löste, fast erwartungsgemäß in unserer Gesellschaft, einen ordentlichen Streit aus. Schließlich die Realisierung der Idee und am Ende eine phantastische Erfolgsgeschichte. Vor 25 Jahren, einem halben Jahrhundert also, am 14. Juni 1994, eröffnete der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl an der Godesberger Allee in Bonn das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. Jetzt, bei der Geburtstagsfeier sozusagen, konnte Kohls seinerzeitiges Lehrmädchen und nunmehrige Nachfolgerin im Regierungsamt, Angela Merkel, in ihrer Gratulationsrede von dem Museum als einem Glücksfall für unser Land und die Bevölkerung sprechen.

20 Millionen Besucher  

Der “Tränenpaleast” in Berlin ©Petras

Mehr als 650 000 Besucher kommen inzwischen  jährlich in den Bau am Rande des einstigen Regierungsviertels. Rund zwei Millionen sind es sogar insgesamt, wenn man jene noch dazu zählt, die von den mittlerweile entstandenen „Außenstellen“ des Bonner Museums angezogen werden: In Leipzig vom  Zeitgenössischen Forum, das die Volksbewegung der DDR in Richtung Freiheit dokumentiert; in Berlin vom „Tränenpalast“, in dem sich so viele Jahre lang familiäre Trennungstragödien abspielten. Und von der am Prenzlauer Berg gelegenen „Kulturbrauerei“, welche die Darstellung des tägliche Lebens im sozialistischen deutschen Staat zum Inhalt ab. Addiert man die Jahre und Besucher, dann wird die Zahl von 20 Millionen locker erreicht.

Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Eröffnungsrede am 14.06.1994 ©HdG

Keine Frage, das Haus der Geschichte übt einen eigenartigen Reiz aus. Auch der Autor dieses Artikels kann nie daran vorbeigehen, ohne wenigstens einen kurzen Abstecher hinein zu machen. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Das Haus und, vor allen Dingen, die Exponate samt der Art ihrer Präsentation bilden, nicht nur aber vielleicht zuvorderst für die schon älteren Besucher, so etwas wie einen Spiegel des eigenen Lebens. Aber sie liefern zugleich für die Jüngeren den Beweis, dass durchaus auch ein Leben vor Handy, Internet und WLAN möglich war, ohne dass die Menschen Kulturschocks erlebten. Wobei das Besondere eben darin liegt, dass diese Zeit ja noch gar nicht so lang vorbei ist. Mit anderen Worten – im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wird dem aufmerksamen Betrachter, deutlich, dass „Geschichte“ keineswegs bloß „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“, die Römerzeit, das „finstere Mittelalter“ oder Napoleon umfasst, sondern ganz aktuell ist, weil sie entweder von einem selbst oder wenigstens von der Elterngeneration direkt erlebt wurde.

Im  Wandel der Zeiten

v.l.n.r.: Präsident Hermann Schäfer, Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundesbauminister Oskar Schneider und Bonns Oberbürgermeister Hans Daniels © HdG

In diesem Museum herrscht Leben. Das liegt nicht allein an der hohen Zahl von Schulklassen und anderen Besuchergruppen, die sich täglich in den Räumen drängeln. Nein, die eigentliche Ursache dafür ist, dass hier kein hehrer Musen-, Götter- und Jahreszahlentempel steht, sondern ein Projekt in permanenter Unvollendetheit. Schlielich wussten die politischen und wissenschaftlichen „Geburtshelfer“ vor 25 Jahren ja selber nicht, wie und in welche Richtung sich dieses Land und seine Gesellschaft im Wandel der Zeiten entwickeln würden. Oder aber, wie sich unter Umständen äußere Geschehnisse und Einflüsse auf dieses Leben auswirken könnten . Und damit, natürlich, auch auf Inhalt, Didaktik und Gestaltung des Hauses.

Oskar Schneider ist Zeitzeuge. Der heute 92-jährige Franke und CSU-Politiker aus Nürnberg war von 1982 bis 1989 Bundesbauminister und für das Museumsprojekt verantwortlich. Er erinnert sich: „Schon zu unseren Oppositionszeiten sagte der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl, die Bundesrepublik brauche so etwas wie ein Zentrum, in dem die Bürger sich, ihr Leben, ihre Leistung, aber auch Fehler und Versagen wiedererkennen könnten“. Tatsächlich kündigte Kohl den Bau eines solchen Zentrums und die „Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945“ schon in seiner ersten Regierungserklärung am 13. Oktober 1982 an. Freilich dauerte es dann sogar noch sechs Jahre bis zu ersten Spatenstich.

Streit um Geschichtsdeutung

Präsident Hans Walter Hütter, bei seiner Rede 25 Jahre Haus der Geschichte ©seppspiegl

Denn die Deutschen waren überhaupt nicht darauf erpicht, ihre jüngere Geschichte vor sich und aller Welt widergespiegelt zu bekommen. Was heißt hier „die Deutschen“. Es waren vor allem Politiker, Wissenschaftler, Lehrer und Journalisten, die sich lautstark über wirklichen Sinn und möglichen Unsinn, gesellschaftlichen Nutzen oder historischen Schaden, Kleinbürgertum oder Großmäuligkeit erregten. Unglücklicherweise tobte zu jener Zeit auch noch ein erbitterter Streit zwischen Historikern, Politikern und Journalisten über die Frage, in welcher Weise die neuere Geschichte und darin die Gräuel der Nazis ge- und beschrieben sowie die Hintergründe analysiert zu werden hätten. Genauer – ob nicht allein schon durch eine Erwähnung der ebenfalls in die Millionen gehenden stalinistischen Verbrechen die Untaten der Nazis heruntergespielt würden. Die Bonner Geschichtshaus-Planer wurden sogar bezichtigt, das Museum werde vor allem dazu dienen, aktuelle Regierungsarbeit zu beschönigen und die NS-Morde zu relativieren.

Alles Quatsch. Wie so vieles, was im mitunter schwülen erst Bonner und nun seit Jahren Berliner Politklima an Sumpfblüten sprießt, sprosst und zumeist relativ bald wieder platzt. Über eine sorgfältige Auswahl wurden Sachverständige gewonnen, um zunächst einmal eine Grundkonzeption für das Ausstellungshaus zu erstellen, die dann erneut in öffentliche Diskussionen mündete. Wobei von allem Anfang an klar war: Der Bund übernimmt zwar die finanzielle Sicherung, mischt sich jedoch nicht in das programmatische Geschehen ein. Eingebettet in eine Stiftung, stand zunächst der Geschichtsprofessor Hermann Schäfer an der Spitze. Ihm folgte (und ist es bis heute) Hans Walter Hütter, ebenfalls Historiker.

„Alles fließt“ auch im Museum

Der Hippie-Bully in der Ausstellung ©HdG

Wie sehr sich gerade an dieser Einrichtung die Richtigkeit der Heraklit-Weisheit „Alles fließt“ (also ist immer in Bewegung) erweist, zeigt schon ein Ereignis, das im Grunde die ganze deutsche Wirklichkeit durcheinander wirbelte – die Wiedervereinigung. Natürlich musste diese – obwohl höchst aktuell – ihren Stempel auch einer Einrichtung aufdrücken, die doch (ihrem Namen und Wesen nach) den Blick auf die Vergangenheit wirft. Das HdG (Abkürzung von Haus der Geschichte) war, gemäß seiner vollen Bezeichnung, zunächst der Bundesrepublik Deutschland gewidmet – also dem westdeutschen Teilstaat seit 1945. Und nun kommt plötzlich – und völlig unvorhergesehen – noch ein weiterer Teil dazu. Mit einer völlig anderen Prägung, dazu mindestens hinsichtlich seiner Eliten politisch und gesellschaftlich total anders sozialisiert und ausgerichtet, mit Bürgern, die seit Menschengedenken Demokratie und Eigenverantwortlichkeit nur aus Literatur und Fernsehen kennen…

Blick auf die Eisdiele in der Ausstellung ©HdG

Genau hier zeigte und zeigt sich noch immer das Geniale der „elastischen“ Grundkonzeption des Museums. Sicher, da nimmt die Dauerausstellung natürlich den größten Raum in dem Gebäude ein. Aber auch deren Exponate und Gestaltung unterliegen ständigen Veränderungen. Ja, es macht Spaß, plötzlich den kleinen, grünen Philipps-Empfänger zu entdecken, den man vor vielen, vielen Jahren während des Sommers so gern mit ins Schwimmbad genommen hatte. Oder sich in einer Eisdiele aus den Fünfzigern wieder zu finden.

Drei Generationen

Die Originalsessel aus dem alten Bonner Bundestag ©HdG

Aber davon kann ein, der Geschichte im Wandel der Zeiten und damit auch politischen Inhalten verpflichtetes, Museum allein nicht leben. Schließlich sind seit dem Ende des Krieges schon drei neue Generationen herangewachsen. Dabei gibt es wohl Elemente, die wie Brücken für Erinnerungen wirken können. Die Originalsessel aus dem alten Bonner Bundestag mit den schwarzhölzernen Schreibpulten für die Abgeordneten gehören dazu. Sie haben mit ihren grünen Kunststoffbezügen selbst unverändert  Jahrzehnte überdauert. Aber da ist auch der verwirrlich geschriebene Sprechzettel, von dem das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 die sofortige Öffnung von Mauer und Grenze ablas – der Zettel ist im Bonner Museum, und er ist zu besichtigen! Man muss sich vorstellen: Ein Papierfetzen spielte eine entscheidende Rolle, als – wahrscheinlich nicht so gewollt – Weltgeschichte geschrieben wurde!  Geschrieben auch, und vielleicht gerade, für junge Menschen.

Der Sprechzettel, von dem das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ©HdG

Um die Dauerausstellung fundamental zu überarbeiten, braucht es viel Zeit. Aber die Fülle der zeitlich und thematisch begrenzten Sonder- und Spezialausstellungen gibt den Museumsmachern gute Gelegenheit, immer wieder auf aktuelle Ereignisse schnell mit dazu gehörenden Zeugen und Zeugnissen zu reagieren. „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“ – dieser von Helmut Kohl oft und gern zitierte Satz des Arbeiterführers August Bebel könnte dem Haus der Geschichte in Bonn durchaus als Leitmotiv dienen. Zur deutschen Geschichte gehört auch die Gebetskette des türkischen Blumenhändlers in Köln, Enver Simsek, dem ersten Mordopfer der Zwickauer Neu-Nazi-Verbrecher. Die in deutscher Sprache gehaltenen Protokolle vom Jerusalemer Prozess gegen den Massenmord-Hiwi Adolf Eichmann, übergeben von der damaligen Dolmetscherin – deutsche Geschichte allemal. Ein Hippi-VW-Bus aus dem Besitz ehemaliger “Blumenkinder“, der Geschützturm eines T-34-Panzers der Nationalen Volksarmee und noch weit mehr als eine Million andere Objekte – das alles ist das Haus der Geschichte in Bonn.

Es ließe und lässt sich viel erzählen. Doch das wöge nie einen persönlichen Besuch auf. Als die Museums-„Macher“ vor 25 Jahren damit begannen,  dem Plan sozusagen Leben einzuhauchen, konnten sie sich auf kein Vorbild stützen. Nirgendwo. Inzwischen ist Deutschland vereinigt, hat die Regierung Bonn verlassen und ist nach Berlin umgezogen. Auch die Idee von einem Haus der Geschichte ist über die Grenzen der einstigen Bundeshauptstadt hinweg geschritten und hat Nachahmer gefunden. In Stuttgart und München gibt es inzwischen Museen zur Landeshistorie nach dem Bonner Vorbild. Desgleichen in Wien für die Republik Österreich und – noch nicht so lang – sogar in Brüssel eines für die Geschichte des organisierten Europa.

Zuschriften und Kommentare an:

Gisbert.kuhn@rantlos.de