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Als Hoeness fast zur Hertha kam

Heinz Warneke – Vereins-Retter, Veranstaltungskünstler und Hans Dampf in allen Gassen 

Von Gisbert Kuhn

Heinz Warneke mit seinem geliebten Hertha-Schal, vor einem Bild von Rolf Knie (Kunstmaler und Circusveranstalter)

Ein ziemlich weiter Blick zurück. Wir schreiben den September 1971. In Deutschland (West) tobt ein Skandal. Wieder einmal. Aber diesmal trifft es keine Politiker, keine Industriebosse, und es läuft auch keine Spionage-Affäre im ja noch immer heiß geführten Kalten Krieg. Nein, in jenem Herbst vor 48 Jahren wird das Land umgetrieben von der angeblich schönsten Nebensache der Welt – vom Fußball. Es geht tatsächlich um ein wahrhaft mafiöses Treiben. Mit einer dramaturgisch grandiosen Inszenierung im Rahmen einer Grillparty zu seinem 50. Geburtstag am 6. Juni mit Granden aus dem Deutschen Fußball Bund (DFB) um den seinerzeitigen Bundestrainer Helmut Schön, mit Chefs anderer Bundesligavereine und etlichen Sportjournalisten hat der Präsident der soeben wieder einmal aus der „Königsklasse“ Bundesliga abgestiegenen Offenbacher Kickers, Horst Gregorio Canellas, anhand zahlreicher Tonbandaufzeichnungen nachgewiesen, dass – vor allem in der Schlussphase der Saison 1970/71 – Spieler durch hohe Geldzahlungen „gekauft“ und Spielergebnisse schamlos manipuliert worden waren.

Der Fußball, die Bundesliga, die Vereine , ja eigentlich die ganze Republik – alles ist bis in die Grundfesten erschüttert. Was der deutsch-spanische Südfrüchte-Großhändler und Fußball-Millionär vom Main da losgetreten hat, weitet sich immer mehr aus. Auch die im benachbarten Frankfurt residierenden, zögerlichen Oberen vom DFB werden von den Ereignissen überrollt. An den Schiebereien waren Clubs beteiligt wie Arminia Bielefeld, Rotweiß Oberhausen, Eintracht Braunschweig, MSV Duisburg, VfB Stuttgart, aber auch Hertha BSC Berlin und FC Schalke 04, das – nach etlichen sogar unter Eid abgegebenen Falschaussagen prominenter Balltreter – als FC „Meineid“ 04 Schlagzeilen macht. Ein Elfmeter – je nachdem: getroffen oder verschossen – konnte schon mal einen Tausender einbringen. Gegen 53 Profi-Spieler erlässt der DFB „Blitz-Urteile in Form von Sperren, Geldstrafen und Lizenz-Entzügen. Auch gegen Nationalkicker wie Klaus Fischer, Manfred Manglitz, Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann. Insgesamt soll über eine halbe Million Mark geflossen sein. Das war in der damaligen Zeit eine Menge Geld. Und dies auch noch ein Jahr vor den Olympischen Sommerspielen in München und drei Jahre vor der Fußball-WM in Deutschland! Was sollte denn bloß das Ausland denken?!

Gesucht: Tüchtige Strippenzieher  

In all dem Tohuwabohu taucht mit einem Male ein junger Mann auf und beginnt, (tat)kräftig an den Strippen mitzuziehen, die hinter den Kulissen aufgeregt bewegt werden, um das Gröbste in den Schlamassel zu verhindern – Heinz Warneke. Der 40-Jährige ist nicht unbekannt in deutschen Managerkreisen. Schließlich hatte ihn ein Jahr zuvor der Berliner Innensenator Kurt Neubauer als Chef der Deutschlandhalle in die geteilte Stadt geholt. Nun jedoch drängten ihn nicht nur Neubauer, sondern auch der damals „Regierende“, Klaus Schütz, und der einflussreiche Hamburger Verleger u. a. von „Welt“, „Bild“, Axel Springer, sich zum Präsidenten von Hertha BSC wählen zu lassen. Denn nur Warneke, davon waren die Strippenzieher überzeugt, entsprach dem „Anforderungsprofil“: Ein Mann mit Kenntnissen von Wirtschaft, vernetzt auch mit der Politik und ausgestattet mit Fußballverstand. Der politisch konservative Springer und der Sozialdemokrat Schütz Hand in Hand – eine abenteuerliche Koalition, die mit Sicherheit auch nicht zustande gekommen wäre, hätten die Umstände es nicht erfordert. Tatsächlich ging es in jenen Tagen – wieder einmal – um Berlin. Aber gleichzeitig auch um Fußball und den Bestechungsskandal.

Heinz Warneke und der Verleger Axel Springer

Die Sowjetunion hatte gerade mal wieder eine Offensive mit dem Ziel gestartet, den Status von West-Berlin als selbständiger politischer Einheit festzuschreiben – also die Halbstadt vollständig von der Bundesrepublik abzukappen. Allein beim Fußball schien Moskau weiterbestehende Bindungen zu akzeptieren. Und exakt in diesen spannungsgeladenen Monaten versinkt der einzige Berliner Bundesligaverein im Korruptionssumpf! Und muss, nach einer Serie von Niederlagen, auch noch fürchten, abzusteigen. „Casca il mondo“ hatte der päpstliche Nuntius in Wien entsetzt ausgerufen, als am 3. Juli 1866 im so genannten Deutschen Krieg das österreichische Heer vor den Toren der böhmischen Stadt Königsgrätz von der preußischen Armee geschlagen wurde – „Die Welt bricht zusammen!“. Genau das empfanden im Herbst 1971 die  Politiker im Schöneberger Rathaus und Verantwortlichen bei Hertha BSC, aber wohl auch zahlreiche Clubmanager und Bundesligaprofis an der Spree und im Bundesgebiet.

„Deals“ hinter verschlossenen Türen

Wenn man den mittlerweile 88-jährigen Heinz Warneke in seiner Bad Honnefer Wohnung von den damaligen Geschehnissen erzählen hört, scheint es, als ob sich die Zeit zurückdrehe. Und zwar keineswegs nur für Zeitgenossen, die selbst noch Erinnerungen besitzen an jene, in vielerlei Hinsicht, spannenden Zeiten. Auch wer aufgrund seiner Jugend vielleicht manche Geschichten eher im ausgehenden Mittelalter als in der Neuzeit verortet,  könnte sich vermutlich nur schwer dem Eindruck entziehen, dass hier jemand ein packendes Stück deutscher Geschichte nicht bloß schildert, sondern in seiner Person und seinem Leben gleichsam verkörpert. Natürlich wurde in den zwei Jahren seiner Präsidentschaft die Hertha gerettet. Auf zum Teil abenteuerliche Weise.

 Damals hätte kaum jemand etwas anzufangen gewusst mit dem von US-Präsident Trump in die internationale Politik eingeführten Begriff „deal“. Das bedeutet „Abmachung“ oder „Geschäft“ und kann – je nachdem – positiv oder negativ ausgelegt werden. Jedenfalls schloss Heinz Warneke zum Wohle seines Vereins in jenen Tagen mehr als nur einen „deal“. Da waren zum Beispiel Treffen mit Hermann Neuberger, damals mächtiger DfB-Präsident und auch darüber hinaus multifunktional unterwegs. Zum Beispiel als Aufsichtsratsvorsitzender der Saarlandhalle. Man kannte sich also. Und darum fiel es Warneke nicht schwer, dem Saarländer die politische Brisanz der ganzen Sache nahezubringen. Neuberger verwies den Kollegen aus Berlin an Hans Kindermann in Stuttgart. Dieser war Jurist, eigentlich Vorsitzender Richter am dortigen Landgericht, aber zugleich auch Chef des DFB-Kontrollausschusses. Im Gedächtnis der Menschen aber blieb Kindermann als „Chefankläger des DFB“ haften. Und zwar besonders in der Bundesliga-Schmiergeldaffäre.

„Noch nicht genügend Beweise“

Heinz Warneke als Präsident von Hertha BSC

 Tatsächlich war der, an sich wegen seiner Unbeugsamkeit und Strenge gefürchtete, Ermittler in diesem Falle bereit, zwar das Recht nicht zu biegen, aber doch ein wenig zu strecken. Mit der Begründung, es gebe noch nicht genügend Beweise, um den Berliner Club zu sperren, durfte die Hertha zunächst weiter antreten und tatsächlich den Klassenerhalt schaffen. Sofort danach wurde der Verein allerdings gesperrt. Aber Heinz Warneke hatte die notwendige Luft bekommen, um – wiederum auf abenteuerliche Weise – die 6,5 Millionen Mark Schulden des Vereins abzutragen und eine total neue, saubere und schlagkräftige Mannschaft aufzubauen.

 Um ein Haar wäre dabei sogar ein Super-deal zustande gekommen, der wahrscheinlich ganz Fußball-Deutschland in Schnappatmung versetzt hätte. Von dem mit ihm befreundeten, damaligen, Trainer von Bayern München, Udo Lattek, erhielt Warneke die Mitteilung, er sowie die Spieler Paul Breitner und Uli Hoeness seien bereit, nach Berlin zu wechseln. Allerdings sei eine Ablösesumme von 4 Millionen Mark an die Bayern zu bezahlen. An dieser Summe platzte der deal. An 4 Millionen! Schwer vorstellbar in einer Zeit, in der einzelne Kicker auf dem internationalen Markt für eine halbe Milliarde und mehr gehandelt werden.

Noch für den „Endsieg“ verheizt

Heinz Warneke – wie kann man einen solchen Mann beschreiben? Als Typ? Als Hans Dampf in allen Gassen? In diesem Leben scheint es überhaupt keine Zeit gegeben zu haben für Muße oder gar Langeweile. Geboren 1931, gehört er zu der Generation, die noch als Schüler eingezogen und zu vielen Tausenden für den „Endsieg“ verheizt wurde. Er hatte Glück, überlebte – und konnte schon damals sein besonderes Talent erproben: Organisieren und Managen. In den letzten Kriegstagen war der 14-Jährige mit gleichaltrigen Kindersoldaten auf eine verlassene Stellung der Wehrmacht gestoßen. Auf der Suche nach Wertgegenständen fand er einen Stempel dieser Einheit, deren Angehörige (es war ein Bewährungsbataillon) sich nach der deutschen Kapitulation in der Gaststätte von Warnkes Großvater in der Nähe von Bremen aufhielten. Was dann geschah, böte Stoff für einen Roman. Der Junge, im Besitz von grünem Papier und einer Schreibmaschine, tippte „Entlassungsurkunden“ für die Landser und „beglaubigte“ sie mit mit der Unterschrift „Warneke, Hauptmann und Bataillonskommandeur“ sowie dem gefundenen Stempel. Und, kaum zu glauben, die Briten sahen das Papier als echt an.

Irgendwie fand sich in der Folge immer jemand, der die Gaben des jungen Mannes erkannte. Heinz Warneke machte Karriere beim Haushaltgeräte-Hersteller „Bauknecht“ und anschließend beim Unternehmen „Braun“ („Sixtant“). Doch so richtig zu entfalten vermochte er sich als Chef der Berliner Deutschlandhalle. In diesem Job war alles gefragt: Fantasie, Verbindungen zur Wirtschaft und in die Politik, keine Angst vor „Ostkontakten“, Kontaktfreudigkeit und so manches andere mehr. Berlin war- infolge seiner Abgeschnittenheit – für viele Große auf den Bühnen der Welt nicht sonderlich attraktiv. Zwar traten in den 70-er Jahren auch mal Popgrößen wie Jimmi Hendricks, Frank Zappa oder Jethro Tull auf, und das jugendliche Publikum zertrümmerte dann auch erwartungsgemäß Stühle und Fensterscheiben. Aber im Großen und Ganzen fehlten die „Kicks“.

Hallenfußball trotz DFB-Zögern

Heinz Warneke mit Ehefrau Adi

Warnecke  „erfand“ – gegen den Widerstand des DFB – den Hallenfußball. „Menschen, Tiere, Sensationen“ gehörte zu den Lieblingsveranstaltungen der ganzen Deutschlandhallen-Truppe. Ein besonderer Traum vom Chef war lange Zeit, Johnny Cash einmal in die Halle zu holen. Er bekam ihn. Nicht nur einmal – Cash kam mehrmals, und es entwickelte sich eine richtige Freundschaft zwischen den Beiden. Trotzdem machten immer noch viele der amerikanischen Stars bei ihren Deutschland-Tourneen einen Umweg um die geteilte Stadt. Also reiste Warneke in die USA, nach New York und Las Vegas, kämpfte sich durch bis in die Garderoben und schilderte den Künstlern die Wirkung, die ein Auftritt auf die eingeschlossenen Berliner haben würde. Und wirklich, es kamen Sammy Davis Jr., Liza Minelli, Leonhard Bernstein, Ike und Tina Turner und noch andere in die Deutschlandhalle.

Heinz Warneke ist längst Pensionär. Von seinem Schreibtisch in Bad Honnef aus geht der Blick direkt auf den Drachenfels im Siebengebirge. Aber Ruhestand kommt für den 88-Jährigen nicht infrage. Vor allem eine Liebe ist nie erloschen – die zu „seinem“ Verein Hertha BSC. Wenn in Berlin Heimspiele anstehen, packt seine Frau regelmäßig schon Mittwochs den Koffer. Denn der Flug am Samstag nach Berlin ist Pflicht. Und auf der Ehrentribüne im Olympiastadion ist stets ein Platz reserviert.