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70/71 – Preußens Triumph über Frankreich und seine Folgen

Klaus-Jürgen Bremm

Sedan, 1./2. September 1870. Ein kaum für möglich gehaltener Triumph für Preußen: Die französischen Truppen kapitulieren, Kaiser Napoleon III gefangen genommen. Die vereinigten deutschen Truppen marschieren auf Paris zu und bombardieren die französische Hauptstadt. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I in Versailles zum Kaiser des zweiten deutschen Kaiserreichs gekrönt. Zum 150. Jahrestag hat der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm die Ereignisse in Erinnerung gerufen und deren Auswirkungen auf die weitere Geschichte Europas analysiert.

Im allgemeinen Bewußtsein ist der Deutsch-Französische Krieg hinter die alle Dimensionen sprengenden Geschehnisse der beiden Weltkriege zurückgetreten. Doch war gerade dieser – als erster „moderne“ geltende – Krieg die Wegscheide für die weitere Entwicklung in Europa.

Klaus-Jürgen Bremm ist Historiker mit dem Spezialgebiet Militärgeschichte und Publizist. Er veröffentlichte zahlreiche militärhistorische Sachbücher. Mit „70//71“ hat er jetzt die erste umfassende Gesamtdarstellung des Deutsch-Französischen Krieges seit langem vorgelegt. Er beschreibt die komplexe politische Lage in Europa nach dem Wiener Kongress; schildert detailliert den Waffengang in den einzelnen Schlachten, die Strategien und die Waffentechnik. Und er macht nüchtern verständlich, wie dieser Krieg vor der herrschenden Mentalität des wachsenden Nationalstolzes in Europa verstanden werden muss.

In Bezug auf Deutschland, das vielfach als „verspätete Nation“ bezeichnet wird, lehnt der Autor sich in seinen Erklärungen nicht zuletzt auch an Golo Mann und dessen Analyse in seiner „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ an und zitiert entsprechend:
„Mit dem deutschen (Nationalstaat) ist es aber doch etwas anderes. Seine Verwirklichung … brachte Probleme mit sich, die nie gut gelöst wurden bis zum heutigen Tag. Deswegen aber auf das verzichten, was im 19.Jahrhundert machtpolitisch, wirtschaftlich und geistig so sehr natürlich schien und was gleichzeitig in Italien, in Skandinavien, in Amerika geschah, das wäre mehr selbstverleugnende Weisheit gewesen, als man einer Nation von der Dichte und dem Tätigkeitsdrang wie der deutschen zumuten durfte.“

Eine deutsche Revolution – Ein europäischer Glücksfall

Zum Beispiel dafür, für wie bedeutend das Ergebnis von 1870/71 seinerzeit von außen erachtet wurde, zitiert Bremm Benjamin Disraeli, den damaligen konservativen Oppositionsführer und mehrfachen britischen Premierminister:
„Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution des vergangenen Jahrhunderts. Nicht ein einziger Grundsatz unserer Außenpolitik, der noch vor sechs Monaten als Leitfaden anerkannt wurde, ist weiterhin gültig. Es gibt keine einzige diplomatische Tradition, die nicht hinweggefegt worden ist.“

Die weitere Wirkung der Ereignisse und die Auswirkung der (erneuten) Reichsgründung – über allem schwebend Staats- und Reichskanzler Bismarck, der Spin-Doctor, Strippenzieher und Dirigent – bezeichnet der Autor gar als europäischen Glücksfall. Denn der „Große Krieg“, also der 1. Weltkrieg hätte nach Einschätzung von Bremm angesichts der komplexen Lage in Europa und des einhergehenden wachsenden Nationalstolzes allerorten nicht erst 1914, sondern schon viel früher, vielleicht schon 1848 ausbrechen können. Bismarck habe 1871 keinesfalls die Büchse der Pandora geöffnet, so Bremm. Es gebe keinesfalls eine direkte Bruchlinie zwischen 1871 und 1914. Vielmehr sei der Kanzler „erstaunlich erfolgreich“ gewesen darin, ebendiese Büchse für seine Epoche und damit für mindestens 43 Jahre (noch) verschlossen zu halten. Damit sei Bismarcks Reichsgründung als ein bemerkenswerter, wenngleich nicht ungetrübter Glücksfall für Europa zu würdigen.

Dietrich Kantel

70/71 – Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ (335 Seiten)
Klaus-Jürgen Bremm, Verlag wgbTheiss 2019
ISBN 978-3-8062-4019-1