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400 Meter für den Kanzler der Einheit

Bonn ehrt Helmut Kohl mit einem B-9-Abschnitt zwischen Genscher und Schmidt

 Von Gisbert Kuhn

Foto: v.l.n.r.: Johannes Ludewig, Bodo Löttgen, Oberbürgermeister Ashok Sridharan, CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, Bezirksbürgermeister Wolfgang Maiwald, Ex-Ministerin Dorothee Wilms, Ex-Innenminister Heinz Schwarz (Rheinland-Pfalz) und Friedrich Bohl (einst Chef des Bundeskanzleramtes)

Im direkten Anschluss an Willy Brandt, zwischen Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt sowie abknickend zu Franz-Josef Strauß, liegen 400 Meter. Diesen Raum füllt jetzt Helmut Kohl aus. Nach langem Palaver, verbissenem Streit und lautstarker Hilflosigkeit hat es die Stadt Bonn am Ende doch geschafft, dem 6. Kanzler der Bundesrepublik ein Stück Straße zu widmen. Konkret: Seit Neuestem trägt ein Abschnitt der die „Bundesstadt“ durchquerenden Bundesstraße 9 den Namen von Helmut Kohl. Allerdings nicht irgendein Teilstück, sondern der genau vor den wichtigsten Bauten der so genannten Museumsmeile liegende Sektor.

Das ist natürlich kein Zufall, sondern ein Akt von Dank der einstigen Hauptstadt des Bundes an den Mann aus der Pfalz. Denn es war im Wesentlichen ihm zu verdanken, dass die Stadt für den Wegzug von Regierung und großen Teilen der Politik nach Berlin ordentlich entschädigt wurde. Nämlich mit einer regelrechten Kette höchstkarätiger Kunsttempel. Das beginnt mit dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und führt über das Kunstmuseum weiter zur nationalen Kunst- und Ausstellungshalle und endet einige Kilometer weiter südlich in Rheinland-Pfalz mit dem – nicht zuletzt architektonisch herausstechenden – Bauwerk des Arp-Museums in Rolandseck. Sie sind längst, jedes für sich, aber auch gemeinsam, international bekannt und zu wahren Besucher-Magneten geworden.

„Heilende Salbe“ Strukturhilfe

Nach dem Umzugsbeschluss des Deutschen Bundestages vom 21. Juni 1991 zugunsten von Berlin und dessen Vollzug 1999 wurde die der Stadt Bonn damit zugefügte „Wunde“ ordentlich mit der heilenden Salbe öffentlicher finanzieller Zuschüsse versorgt. Diese Strukturhilfen gingen deutlich in Milliardenhöhen, und davon flossen einige hundert Millionen (damals noch) D-Mark in die Bonner Museumsmeile. Wer sich also die Mühe machte, diese Summen in Relation zu den 400 Metern der Helmut-Kohl-Straße umzurechnen, käme zu einem gewiss interessanten Ergebnis. Dabei war dieser B-9-Abschnitt gar nicht erste Wahl der Bonner Stadtväter (und natürlich auch –mütter). Die für den Festakt eigens angereiste CDU-Vorsitzende (und Bundesverteidigungsministerin) Annegret Kramp-Karrenbauer (gern auch AKK abgekürzt) umschrieb das vorangegangene kommunalpolitische Gewürge um die Namensgebung feinsinnig mit der „gewissen Zeit“, die es gedauert habe, „um die richtige Stelle zu finden“.

Foto: In Anwesenheit der CDU-Bundesvorsitzenden und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, wurde die Helmut-Kohl-Allee eingeweiht

In Wirklichkeit streifte mancher Vorschlag durchaus die Grenze zur Peinlichkeit. Etwa jener, eine S-Bahn-Station weit außerhalb der Stadt etwa auf halber Strecke nach Bad Godesberg nach Helmut Kohl zu benennen. Auch ein ziemlich gesichtsloses, vor allem mit Lavendel bewachsenes Rondell an einer Autobahnzufahrt fand sich unter den Empfehlungen. Dass man sich schließlich auf den Bundesstraßen-Abschnitt zwischen der Hans-Dietrich-Genscher-Allee und dem viel umfahrenen Helmut-Schmidt-Platz einigte, dürfte daher eher dem Zufall zuzuordnen sein als einer historisch und politisch wohl durchdachten Aktion – die es dann aber tatsächlich war. Denn Genscher und Schmidt gehörten schließlich wirklich  zum innersten Kreis der auch Kohl zuzurechnenden Generation bedeutender Politiker in Deutschland.

Kanzlerwahlverein und Volkspartei

In Deutschland? Nein, in Bonn! Denn von hier aus hat Konrad Adenauer mit seiner Politik der Westbindung die Deutschen wieder in den Kreis der demokratischen Völker geführt. Hier entstand die von Willy Brandt eingeleitete und von Schmidt fortgesetzte Ostpolitik, auf der am Ende die wiederum in Bonn entwickelte Einigungs- und Europapolitik Kohls aufbauen konnte. Und von Bonn aus (erinnerte zu Recht die heutige CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer)  schaffte es seinerzeit der junge Parteivorsitzende Kohl, aus dem damaligen, müden christdemokratischen Kanzlerwahlverein in einer noch heute unglaublich kurzen Zeit eine moderne, schlagkräftige Organisation zu machen. AKKs Hinweis klang denn auch nicht nur wie eine Mahnung an die heutige Politikerkaste, er war so gemeint: „Heute, wo wir darum kämpfen müssen, ´Volkspartei´ zu bleiben…“.

Die CDU-Bundesvorsitzenden und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei Ihrer Rede

An Tagen wie diesem tauchen immer lang nicht mehr gesehene Gesichter auf. Rita Süßmuth zum Beispiel, unter Kohl Bundesfamilienministerin und dann Bundestagspräsidentin. Später betrieb sie mit anderen vergeblich den Sturz des Kanzlers. Oder Heinz Schwarz, unter dem Pfälzer Riesen Innenminister in Mainz. Dazu Bodo Löttgen, heute CDU-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag. Er diente während der „Ära Kohl“ zweieinhalb Jahre lang als Personenschützer in Bonn. Gekommen waren ferner alte Kämpen aus dem früheren Kanzleramt und der seinerzeitigen Parteizentrale. Sie alle lebten förmlich auf, als der einstige Staatssekretär Johannes Ludewig Episoden aus seiner Zeit mit Helmut Kohl im Kanzleramt erzählte.

Ludewig war „vom Dicken“ im Rang eines Oberregierungsrats als ökonomischer  Berater aus dem Wirtschaftsministerium in die Regierungszentrale geholt worden. Und musste nun (den eigenen Worten zufolge) lernen, dass für die Zuarbeit für diesen Chef bei internen Diskussionen und Entscheidungsvorbereitungen (ganz anders als bisher gelernt) keine Hierarchien, Dienstgrade oder Leitungsfunktionen, Organigramme und Kästchen wichtig waren, sondern allein die Stichhaltigkeit von Argumenten. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt der gebürtige Hamburger heute noch. „Aber mein Gefühl war: Jetzt kannst du mal zeigen, was du kannst. Und das habe ich dann auch gemacht“. Da nickten sie heftig – die damals ebenfalls zum inneren Kreis der Macht gehörten und nun schon seit vielen Jahren im Ruhestand sind. Keiner von ihnen versäumte  es, seine Genugtuung darüber auszudrücken, dass ihr damaliger Boss nun endlich auch in Bonn die ihm zustehende Ehrung erfahren hat. Mit der Helmut-Kohl-Straße zwischen Genscher-Allee und Helmut-Schmidt-Platz.

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